Die 82jährige Esther Schönmann kümmert sich, wie der „Tagesanzeiger“ am 22. Dezember 2024 berichtet, seit ihrer Pensionierung vor 20 Jahren um Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. In der ganzen Region sammelt die vitale Frau übrig gebliebene Lebensmittel ein und verteilt sie an Armutsbetroffene. 2015 wurde sie für ihren aussergewöhnlichen Einsatz sogar von der Radio-SRF-Hörerschaft zur „Heldin des Alltags“ gewählt und Kurt Aeschbacher nannte sie in seiner Talkshow die „Mutter Theresa von Langenthal“.
Schön, gibt es noch Menschen, die sich um andere kümmern, denen es weniger gut geht, und die übrig gebliebene Lebensmittel sammeln, um diese an Armutsbetroffene zu verteilen, damit diese an Weihnachten nicht vor einem leeren Teller sitzen müssen.
Aber so ehrenwert solches karitatives Engagement auch ist, so sehr lenkt es auch ab von der eigentlichen Grundfrage, weshalb denn überhaupt so viele Menschen in diesem Land so arm sind. Während die 300 Reichsten des gleichen Landes innerhalb von nur einem Jahr wieder einmal um insgesamt 38,5 Milliarden Franken reicher geworden sind, ohne dass sie dafür auch nur den kleinen Finger hätten krümmen müssen.
Aber das ist schon die Antwort auf die Frage. Denn Armut ist kein dummer Zufall und schon gar nicht, obwohl das immer wieder hartnäckig behauptet wird, selbstverschuldet. Armut ist die ganz logische Folge eines Wirtschaftssystems, in dem man durch den Besitz von Aktien, durch Erbschaften, den Besitz von Immobilien oder durch eine möglichst hohe Position auf der Karriereleiter viel leichter und schneller reich werden kann als allein durch harte Arbeit. Das Geld, das in den Taschen der Armen fehlt, liegt in den Taschen der Reichen. „Wärst du nicht reich“, sagt der arme Mann zum reichen in einer Parabel von Bertolt Brecht, „wäre ich nicht arm.“ Eigentlich müssten sich nicht die Armen ihrer Armut schämen, sondern die Reichen ihres Reichtums.
Wäre es nicht an der Zeit, gerade an Weihnachten, dem Fest der „Nächstenliebe“, auch mal über solche Fragen nachzudenken? Damit Armut schon gar nicht erst entstehen müsste. Und die 82jährige Esther Schönmann endlich auch ihre Pensionierung in Ruhe geniessen könnte, statt Tag und Nacht bei eisigen Temperaturen übrig gebliebene Nahrungsmittel zusammensammeln müsste.
Das Rezept ist einfach: Nicht die Armut muss man bekämpfen, sondern den Reichtum. Wenn man den Reichtum bekämpft, dann verschwindet die Armut ganz von selber.