„Wenn die Ukraine überleben und gedeihen soll“, sagte der frühere US-Aussenminister Henry Kissinger im Jahre 2014, „darf sie nicht der Vorpfosten der einen gegenüber der anderen Seite sein – sie sollte eine Brücke zwischen beiden Seiten sein.“ Man mag von Kissinger halten, was man will, aber in diesem Punkt hatte er wohl Recht. Dass nun ausgerechnet das, was den russischen Angriff auf die Ukraine überhaupt erst provoziert hat, nämlich die Ausdehnung der NATO bis an die Grenzen Russlands, vom Westen eifrigst vorangetrieben wird, widerspricht jeglicher politischer Weitsicht. Man stelle sich einmal das Umgekehrte vor: Kanada und Mexiko würden einem Militärbündnis mit Russland beitreten – undenkbar, dass die USA dies stillschweigend akzeptieren würden. Man führe sich auch vor Augen, dass die USA weltweit über 1000 Militärbasen verfügt, rund 50 Mal mehr als Russland. Da fragt sich dann schon, wer nun eigentlich wen bedroht. Was für eine Chance wäre eine neutrale, blockfreie Ukraine, ein Schmelztiegel, eine Brücke zwischen Ost und West, ein Land, wo die Menschen gelernt haben, Krieg in Frieden zu verwandeln, ein Ort für internationale Konferenzen zur Völkerverständigung, ein Musterbeispiel von Demokratie. Vielleicht müsste man nur die Kinder fragen, wie es weitergehen könnte. Meine Enkelkinder, dreieinhalb Jahre alt, wollten unbedingt Schach spielen. Da haben sie kurzerhand die Spielregeln abgeändert: Wenn zwei gegnerische Figuren aufeinander trafen, haben sie sich nun nicht mehr gegenseitig gefressen, sondern sich ineinander verliebt und das Spielfeld paarweise verlassen…