
Du warst noch nicht einmal vier Jahre alt, als du zum ersten Mal mit deiner Mutter und deinem älteren Cousin in der Kletterhalle standst. Was der grosse Cousin kann, wolltest du auch können, das war immer schon so, seit du auf der Welt warst. Da kann die Mutter noch lange sagen, du wärest dafür noch viel zu klein, das muss man dir nur einmal sagen und du wirst alles daran setzen, ihr das Gegenteil zu beweisen. Nur schon die unendlich scheinende Höhe der Kletterhalle forderte dich auf erobert zu werden. Du wirst noch in der folgenden Nacht von ihr träumen und dich zur nächsten Wolke hinaufhangeln, bis in den Himmel, bis zum Mond, bis zur Sonne…
Zehn Jahre später gehörst du zum Kader der Sportkletterer deiner Nation, auf halbem Weg zwischen jenem ersten Tag in der Kletterhalle und der Sonne. Sechs Stunden pro Tag umfasst das Training mittlerweile, weniger wäre nicht genug, um aus deinen Fingern jene übermenschlichen Kräfte herauszupressen, die es braucht, um der Sonne Tag um Tag ein bisschen näher zu kommen.
Wieder zwei Jahre später bist du der beste Kletterer deiner Nation, gewinnst einen World Cup nach dem anderen und qualifizierst dich sogar für Olympia. Du hast schon Hunderttausende von Followern auf Instagram und Facebook und es werden täglich mehr. Die Sonne kommt immer näher und ist doch noch unendlich weit entfernt. Doch immer öfters, ob du willst oder nicht, gibt es Tage, an denen wärst du am liebsten wieder jenes Kind am ersten Tag in der Kletterhalle. Und manchmal fragst du dich, ob es wohl wirklich eine gute Idee gewesen war, alles daran zu setzen, auf den Spuren deines Cousins in den Himmel hinaufsteigen zu wollen. Aber der Gedanke tut so weh, dass du ihn gleich wieder verscheuchst wie eine lästige Fliege. Denn das würde ja bedeuten, dass alles Leiden vergebens gewesen wäre und bloss verlorene Zeit. Und so kletterst du weiter, Griff um Griff, auch wenn die Abstände zwischen ihnen immer grösser werden und es einer immer gewaltigeren Anstrengung bedarf, um der Sonne auch nur ein paar weitere Millimeter näher zu kommen. Ob du es in deinem Leben jemals schaffen wirst? Oder ob das Leben vielleicht plötzlich zu Ende sein wird, bevor du etwas anderes davon gehabt hast als diese fast unerträglichen Schmerzen in den Fingern, die dich jetzt immer öfters schon quälen durch den ganzen Körper hindurch bis hinunter in die äussersten Enden deiner Zehen?
Denn da sind ja auch noch zahllose andere, die genau das Gleiche wollen wie du. Die links und rechts neben dir wie du der Sonne entgegen streben, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, erbarmungslos anderen und sich selber gegenüber. Gnadenlos. Sie würden dir sogar mit ihrem vollen Gewicht auf deine Hand treten und es nicht einmal bemerken, so sehr hat sie der gegenseitige Konkurrenzkampf unempfindlich gemacht gegenüber den Schmerzen anderer. Es ist verrückt. Vor und nach den Wettkämpfen scherzt und plaudert ihr zusammen und seid die besten Freunde. Während des Wettkampfs aber verwandelt ihr euch gegenseitig in die ärgsten Feinde, so dass du sie manchmal vor lauter Schmerzen, die sie dir, ohne es zu wollen, zufügen, richtiggehend zu hassen beginnst – die zwangsläufigen Folgen des Konkurrenzprinzips, um das sich alles dreht, sozusagen das Heilige, nicht in Frage zu Stellende, widerspruchlos zu Akzeptierende, das jeglichem Spitzensport erst seinen scheinbaren Sinn zu verleihen verspricht, nicht nur beim Sportklettern, auch beim Kunstturnen, beim Skirennsport, beim Rudern, im Tennis, überall. Ein unaufhörlicher Kampf aller gegen alle.
Doch der zerstörerische Konkurrenzkampf tobt nicht nur zwischen den einzelnen Kletterern, sondern gleichzeitig auch auf allen anderen Stufen der profitsüchtigen Ausbeutung junger Menschen ohne jegliche Grenzen. Auch die Sponsoren, die Medien, die Sportexperten, die Trainer, die Veranstalter der Wettkämpfe sind Teile davon. Besonders erbittert auch wird der Kampf geführt zwischen denen, welche die Parcours stecken. Ist es zufällig der Trainer eines besonders grossgewachsenen Kletterers mit überdurchschnittlicher Armlänge, welcher den betreffenden Parcours vorbereitet, wird er alles daran setzen, die Abstände zwischen den Haltegriffen innerhalb der vorgegebenen Normen so gross als möglich zu machen, sodass ein Kletterer mit kürzerer Armlänge kaum eine Chance hat, den jeweils nächsten Griff auch nur zu erlangen. Bis an die Grenzen des gesundheitlich gerade noch knapp Zumutbaren schrauben auch Ärzte, Gesundheitsberaterinnen, Physiotherapeuten und Psychologen an den Körpern der Sportler herum, als wären es Maschinen. Jedes Gramm des Körpergewichts wird auf die Waage gelegt, wenige Gramme zu viel oder wenige Gramme zu wenig werden in akribische und permanent peinlichst genau überwachte und kontrollierte Essenspläne umgemünzt.
Doch immer noch, denn es ist jetzt gerade dein einzig möglicher, unausweichlicher Weg, hievst du dich von der einen Wolke auf die nächste, immer weiter der Sonne entgegen, stärker und stärker vor Schmerzen brennend wie sie selber. Auf der nächsten Wolke sitzt ein dicker Mann mit Brille, der nur auf dich gewartet zu haben scheint. Er verkauft Sportartikel. Du kommst ihm wie gelegen. Er möchte deine Geschichte, deinen Kampf, deine Erfolge für seine nächste Werbekampagne, fuchtelt mit einem Bündel Hunderterscheine vor deinen Augen herum. Du sagst nicht nein, möchtest du doch unbedingt das Geld, das du dir von Bekannten und Verwandten im Laufe der letzten Jahre ausgeliehen hast, irgendwann wieder zurückzahlen.
Auf der nächsten Wolke sitzt schon eine ganze Gruppe von Menschen, die ebenfalls schon lange gierig auf dich gewartet zu haben scheinen: ein Versicherungsvertreter, ein TV-Reporter, eine Produzentin von Vitaminpräparaten, ein Immobilienhändler. Alle wollen etwas von dir bekommen und mit möglichst grossem Gewinn weiterverkaufen, als wollten sie dich bei lebendigem Leib zerreissen und jeder für sich alleine ein möglichst grosses Stück von dir in Besitz zu nehmen. Manchmal weisst du nicht mehr, wo dir die Sinne stehen. Und in alledem bist du so unendlich allein. Musst Entscheidungen treffen, ohne je auch nur im Entferntesten abwägen zu können, wohin dies alles führen mag.
Ohne dir dessen so ganz bewusst zu sein, bist du immer mehr zum gewaltsam angeeigneten Besitz anderer Menschen geworden. Immer weniger ist dein Leben wirklich noch dein eigenes, immer tiefer greifen andere in die täglichen Entscheidungen und in die zusehend winziger werdenden noch verbliebenen Freiräume deines Alltags ein. An welchen Wettkämpfen du teilzunehmen hast und an welchen nicht, dazu hast du schon längst nichts mehr zu sagen, du kennst nicht einmal mehr die Namen derer, die an irgendeinem weit entfernten Sitzungstisch irgendeines dir gänzlich unbekannten Sportverbands darüber entscheiden. Du musst grösste Distanzen zu den einzelnen Anlässen in Kauf nehmen, ohne je gefragt zu werden, ob du das überhaupt möchtest. Von anderen Wettkämpfen wirst du ausgeschlossen, obwohl du dir eine Teilnahme so sehnlichst gewünscht hättest – die Gründe dafür erfährst du nie, kommst dir vor wie eine Schachfigur, die von unsichtbaren Spielern über das Feld hin- und hergezogen wird. Du schläfst in fremden Hotelzimmern, hast niemanden zur Seite, verbringst Stunden voller Langeweile in irgendwelchen Wartesälen. Du wirst um vier Uhr morgens für eine Dopingkontrolle geweckt und wehe, du bist nicht an dem Ort aufzufinden, den du für genau diesen Zeitpunkt angegeben hast – du würdest auf der Stelle deine Lizenz verlieren und auch sämtliche Sponsorengelder, du würdest von all den Wolken, auf die du dich über so viele Jahre hinweg mit allen dir zur Verfügung stehenden Kräften hochgehangelt hast, augenblicklich wieder bis ganz nach unten zurückfallen und alles wäre für nichts gewesen.
Um das Training zu intensivieren und der Sonne vielleicht doch noch ein wenig näher zu kommen, werden dir jetzt, während sich deine Fingerspitzen an die Haltegriffe klammern, immer schwerere Gewichte an den Körper gehängt. Bis du die Schmerzen nicht mehr aushältst und dein Arzt dir rät, eine längere Pause einzuschalten, denn sonst könnten die Wachstumsfugen zwischen den Fingern nicht mehr zusammenwachsen und es könnte zu lebenslang bleibenden Schäden kommen. Du stehst am Rande eines Abgrunds und hast nur zwei Wege vor dir, von denen beide in diesen Abgrund führen und keiner hinaus. Entweder brichst du jetzt die Reise zur Sonne ab und wirst kaum je wieder die Chance bekommen, an der gleichen Stelle später weiterzumachen, zu gross wird der Abstand zu deinen Konkurrenten in der Zwischenzeit geworden sein, zu unaufholbar der Trainingsrückstand. Oder du nimmst es bewusst in Kauf, deinen Körper für immer zu zerstören.
In den Fabrikgesetzen des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde Kinderarbeit verboten, vor allem bis zu einem Alter von sieben Jahren, Arbeitszeiten von über zehn Stunden waren nicht erlaubt, ebenso wenig wie Arbeit an Sonn- und Feiertagen. Heute trainieren schon vierjährige zukünftige Kletterinnen und Kletterer bis zu zwanzig Stunden an sieben Tagen pro Woche, ab sechs Jahren kommt dann noch ein volles Schulpensum dazu, mit bis zu zwei Stunden Hausaufgaben pro Tag. Siebenjährige müssen schon morgens um fünf, drei Stunden vor Schulbeginn, zum Schwimmtraining antreten und Länge um Länge absolvieren bis zur Erschöpfung, lautstark angetrieben von ihren Trainerinnen und Trainern, die mit ihren Stoppuhr in der Hand dem Schwimmbecken entlang gehen. Neunjährige zukünftige Kunstturnerinnen und Kunstturner werden von ihren Trainern als Weichlinge beschimpft, wenn sie sich weigern, mit einem gebrochenen Knöchel weiter zu trainieren. Arbeitszeiten, welche die Arbeitszeiten der meisten Erwachsenen um bis zum Doppelten übersteigen. Kinderarbeit. Sonntagsarbeit. Und Nachtarbeit, wenn dann zu alledem noch für die Englisch- oder Mathematikprüfung des folgenden Tages so lange gebüffelt werden muss, bis das Kind vor Erschöpfung buchstäblich vom Stuhl fällt, zugleich noch begleitet von der Angst, sich durch ungenügende Schulleistungen möglicherweise eine Zukunft jenseits des Spitzensports, in fünf oder zehn Jahren, für immer zu vermasseln. Doch damit immer noch nicht genug. In jedem anderen gesellschaftlichen oder privaten Umfeld würde man, wenn Kindern und Jugendlichen das angetan würde, was man minderjährigen zukünftigen Spitzensportlern und Spitzensportlerinnen in Form von falschen Hoffnungen und Versprechen, Demütigungen, Übergriffen, Fremdbestimmung, Eingriffen in ihre körperliche und seelische Entwicklung und Vermarktung ihrer Körper und ihres Aussehens antut, von „Kindsmissbrauch“ sprechen, die hierfür Verantwortlichen mit entsprechenden Strafen zur Rechenschaft ziehen und auch vor all den Vätern und Müttern nicht Halt machen, die sich bloss über die sportlichen Erfolge ihrer Kinder zu definieren trachten und tatenlos zuschauen, wie diese schon im Alter von fünf oder sieben Jahren bis aufs Blut gequält werden. Nur die ungeschriebenen Gesetze des Spitzensports erlauben einen geradezu unerklärlichen Rückfall um Jahrhunderte, als handle es sich um eine Art von Religion, die jegliche Vernunft und Menschenliebe ausschaltet. Wir sind zwar entsetzt darüber, dass die südamerikanischen Inkas vor 3000 Jahren ihre eigenen Kinder dem Gott der Sonne opferten. Aber 3000 Jahre später opfern wir unsere eigenen Kinder noch immer dem gleichen Gott und schicken sie auf Reisen zur Sonne, auf denen viel zu viele von ihnen scheitern, zerbrechen und gezwungen sind, ihre Kindheitsträume von einem fröhlichen, unbeschwerten, lustvollen Leben für immer zu begraben.
Als du in einem Interview sagst, dass es deiner Seele nicht gut gehe, wirst du von den Verbandsverantwortlichen aufs heftigste zurückgepfiffen und mit gröbsten Vorwürfen eingedeckt. Mit einer solchen Offenheit würdest du dir bloss das Grab schaufeln, heisst es. Und: „Leute, die immer wieder Tiefs haben, können wir nicht brauchen.“ Dein Cousin meint, nun sei es endgültig Zeit zum Aufhören.
Jetzt bist du nicht mehr ein Teil davon. Burnout nennt man es. Und verbindet damit meistens die Vorstellung, dass der betreffende Mensch überfordert war und die an ihn gestellten Anforderungen nicht zu bewältigen vermochte. Nur selten wird gesagt, dass diese Anforderungen von Anfang an so vermessen waren, dass sie gar nicht, auch nicht mit grenzenloser, übermenschlicher Anstrengung, bewältigt werden konnten. Als du zuoberst auf dem Podest standst, erschien dein Bild in allen Zeitungen und jeden Tag wuchs die Zahl deiner Follower. Jetzt, wo du alleine tief in deinem Bett liegst, alles nur noch grau und schwarz ist, alle Jalousien auch tagsüber tief heruntergezogen sind und ohrenbetäubende Musik all deine Sinne zudröhnt, spricht kein Mensch mehr von dir.
Ob du damals als Dreijähriger auch deinem Cousin gefolgt wärest, wenn man dir die Wahrheit gesagt hätte und du gewusst hättest, wo deine Reise zur Sonne enden würde?