Ein Sportkletterer auf dem Weg zur Sonne: Die Wahrheit erfuhr er erst, als es schon zu spät war…

Du warst noch nicht einmal vier Jahre alt, als du zum ersten Mal mit deiner Mutter und deinem älteren Cousin in der Kletterhalle standst. Was der grosse Cousin kann, wolltest du auch können, das war immer schon so, seit du auf der Welt warst. Da kann die Mutter noch lange sagen, du wärest dafür noch viel zu klein, das muss man dir nur einmal sagen und du wirst alles daran setzen, ihr das Gegenteil zu beweisen. Nur schon die unendlich scheinende Höhe der Kletterhalle forderte dich auf erobert zu werden. Du wirst noch in der folgenden Nacht von ihr träumen und dich zur nächsten Wolke hinaufhangeln, bis in den Himmel, bis zum Mond, bis zur Sonne…

Zehn Jahre später gehörst du zum Kader der Sportkletterer deiner Nation, auf halbem Weg zwischen jenem ersten Tag in der Kletterhalle und der Sonne. Sechs Stunden pro Tag umfasst das Training mittlerweile, weniger wäre nicht genug, um aus deinen Fingern jene übermenschlichen Kräfte herauszupressen, die es braucht, um der Sonne Tag um Tag ein bisschen näher zu kommen.

Wieder zwei Jahre später bist du der beste Kletterer deiner Nation, gewinnst einen World Cup nach dem anderen und qualifizierst dich sogar für Olympia. Du hast schon Hunderttausende von Followern auf Instagram und Facebook und es werden täglich mehr. Die Sonne kommt immer näher und ist doch noch unendlich weit entfernt. Doch immer öfters, ob du willst oder nicht, gibt es Tage, an denen wärst du am liebsten wieder jenes Kind am ersten Tag in der Kletterhalle. Und manchmal fragst du dich, ob es wohl wirklich eine gute Idee gewesen war, alles daran zu setzen, auf den Spuren deines Cousins in den Himmel hinaufsteigen zu wollen. Aber der Gedanke tut so weh, dass du ihn gleich wieder verscheuchst wie eine lästige Fliege. Denn das würde ja bedeuten, dass alles Leiden vergebens gewesen wäre und bloss verlorene Zeit. Und so kletterst du weiter, Griff um Griff, auch wenn die Abstände zwischen ihnen immer grösser werden und es einer immer gewaltigeren Anstrengung bedarf, um der Sonne auch nur ein paar weitere Millimeter näher zu kommen. Ob du es in deinem Leben jemals schaffen wirst? Oder ob das Leben vielleicht plötzlich zu Ende sein wird, bevor du etwas anderes davon gehabt hast als diese fast unerträglichen Schmerzen in den Fingern, die dich jetzt immer öfters schon quälen durch den ganzen Körper hindurch bis hinunter in die äussersten Enden deiner Zehen?

Denn da sind ja auch noch zahllose andere, die genau das Gleiche wollen wie du. Die links und rechts neben dir wie du der Sonne entgegen streben, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, erbarmungslos anderen und sich selber gegenüber. Gnadenlos. Sie würden dir sogar mit ihrem vollen Gewicht auf deine Hand treten und es nicht einmal bemerken, so sehr hat sie der gegenseitige Konkurrenzkampf unempfindlich gemacht gegenüber den Schmerzen anderer. Es ist verrückt. Vor und nach den Wettkämpfen scherzt und plaudert ihr zusammen und seid die besten Freunde. Während des Wettkampfs aber verwandelt ihr euch gegenseitig in die ärgsten Feinde, so dass du sie manchmal vor lauter Schmerzen, die sie dir, ohne es zu wollen, zufügen, richtiggehend zu hassen beginnst – die zwangsläufigen Folgen des Konkurrenzprinzips, um das sich alles dreht, sozusagen das Heilige, nicht in Frage zu Stellende, widerspruchlos zu Akzeptierende, das jeglichem Spitzensport erst seinen scheinbaren Sinn zu verleihen verspricht, nicht nur beim Sportklettern, auch beim Kunstturnen, beim Skirennsport, beim Rudern, im Tennis, überall. Ein unaufhörlicher Kampf aller gegen alle.

Doch der zerstörerische Konkurrenzkampf tobt nicht nur zwischen den einzelnen Kletterern, sondern gleichzeitig auch auf allen anderen Stufen der profitsüchtigen Ausbeutung junger Menschen ohne jegliche Grenzen. Auch die Sponsoren, die Medien, die Sportexperten, die Trainer, die Veranstalter der Wettkämpfe sind Teile davon. Besonders erbittert auch wird der Kampf geführt zwischen denen, welche die Parcours stecken. Ist es zufällig der Trainer eines besonders grossgewachsenen Kletterers mit überdurchschnittlicher Armlänge, welcher den betreffenden Parcours vorbereitet, wird er alles daran setzen, die Abstände zwischen den Haltegriffen innerhalb der vorgegebenen Normen so gross als möglich zu machen, sodass ein Kletterer mit kürzerer Armlänge kaum eine Chance hat, den jeweils nächsten Griff auch nur zu erlangen. Bis an die Grenzen des gesundheitlich gerade noch knapp Zumutbaren schrauben auch Ärzte, Gesundheitsberaterinnen, Physiotherapeuten und Psychologen an den Körpern der Sportler herum, als wären es Maschinen. Jedes Gramm des Körpergewichts wird auf die Waage gelegt, wenige Gramme zu viel oder wenige Gramme zu wenig werden in akribische und permanent peinlichst genau überwachte und kontrollierte Essenspläne umgemünzt.

Doch immer noch, denn es ist jetzt gerade dein einzig möglicher, unausweichlicher Weg, hievst du dich von der einen Wolke auf die nächste, immer weiter der Sonne entgegen, stärker und stärker vor Schmerzen brennend wie sie selber. Auf der nächsten Wolke sitzt ein dicker Mann mit Brille, der nur auf dich gewartet zu haben scheint. Er verkauft Sportartikel. Du kommst ihm wie gelegen. Er möchte deine Geschichte, deinen Kampf, deine Erfolge für seine nächste Werbekampagne, fuchtelt mit einem Bündel Hunderterscheine vor deinen Augen herum. Du sagst nicht nein, möchtest du doch unbedingt das Geld, das du dir von Bekannten und Verwandten im Laufe der letzten Jahre ausgeliehen hast, irgendwann wieder zurückzahlen.

Auf der nächsten Wolke sitzt schon eine ganze Gruppe von Menschen, die ebenfalls schon lange gierig auf dich gewartet zu haben scheinen: ein Versicherungsvertreter, ein TV-Reporter, eine Produzentin von Vitaminpräparaten, ein Immobilienhändler. Alle wollen etwas von dir bekommen und mit möglichst grossem Gewinn weiterverkaufen, als wollten sie dich bei lebendigem Leib zerreissen und jeder für sich alleine ein möglichst grosses Stück von dir in Besitz zu nehmen. Manchmal weisst du nicht mehr, wo dir die Sinne stehen. Und in alledem bist du so unendlich allein. Musst Entscheidungen treffen, ohne je auch nur im Entferntesten abwägen zu können, wohin dies alles führen mag.

Ohne dir dessen so ganz bewusst zu sein, bist du immer mehr zum gewaltsam angeeigneten Besitz anderer Menschen geworden. Immer weniger ist dein Leben wirklich noch dein eigenes, immer tiefer greifen andere in die täglichen Entscheidungen und in die zusehend winziger werdenden noch verbliebenen Freiräume deines Alltags ein. An welchen Wettkämpfen du teilzunehmen hast und an welchen nicht, dazu hast du schon längst nichts mehr zu sagen, du kennst nicht einmal mehr die Namen derer, die an irgendeinem weit entfernten Sitzungstisch irgendeines dir gänzlich unbekannten Sportverbands darüber entscheiden. Du musst grösste Distanzen zu den einzelnen Anlässen in Kauf nehmen, ohne je gefragt zu werden, ob du das überhaupt möchtest. Von anderen Wettkämpfen wirst du ausgeschlossen, obwohl du dir eine Teilnahme so sehnlichst gewünscht hättest – die Gründe dafür erfährst du nie, kommst dir vor wie eine Schachfigur, die von unsichtbaren Spielern über das Feld hin- und hergezogen wird. Du schläfst in fremden Hotelzimmern, hast niemanden zur Seite, verbringst Stunden voller Langeweile in irgendwelchen Wartesälen. Du wirst um vier Uhr morgens für eine Dopingkontrolle geweckt und wehe, du bist nicht an dem Ort aufzufinden, den du für genau diesen Zeitpunkt angegeben hast – du würdest auf der Stelle deine Lizenz verlieren und auch sämtliche Sponsorengelder, du würdest von all den Wolken, auf die du dich über so viele Jahre hinweg mit allen dir zur Verfügung stehenden Kräften hochgehangelt hast, augenblicklich wieder bis ganz nach unten zurückfallen und alles wäre für nichts gewesen.

Um das Training zu intensivieren und der Sonne vielleicht doch noch ein wenig näher zu kommen, werden dir jetzt, während sich deine Fingerspitzen an die Haltegriffe klammern, immer schwerere Gewichte an den Körper gehängt. Bis du die Schmerzen nicht mehr aushältst und dein Arzt dir rät, eine längere Pause einzuschalten, denn sonst könnten die Wachstumsfugen zwischen den Fingern nicht mehr zusammenwachsen und es könnte zu lebenslang bleibenden Schäden kommen. Du stehst am Rande eines Abgrunds und hast nur zwei Wege vor dir, von denen beide in diesen Abgrund führen und keiner hinaus. Entweder brichst du jetzt die Reise zur Sonne ab und wirst kaum je wieder die Chance bekommen, an der gleichen Stelle später weiterzumachen, zu gross wird der Abstand zu deinen Konkurrenten in der Zwischenzeit geworden sein, zu unaufholbar der Trainingsrückstand. Oder du nimmst es bewusst in Kauf, deinen Körper für immer zu zerstören.

In den Fabrikgesetzen des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde Kinderarbeit verboten, vor allem bis zu einem Alter von sieben Jahren, Arbeitszeiten von über zehn Stunden waren nicht erlaubt, ebenso wenig wie Arbeit an Sonn- und Feiertagen. Heute trainieren schon vierjährige zukünftige Kletterinnen und Kletterer bis zu zwanzig Stunden an sieben Tagen pro Woche, ab sechs Jahren kommt dann noch ein volles Schulpensum dazu, mit bis zu zwei Stunden Hausaufgaben pro Tag. Siebenjährige müssen schon morgens um fünf, drei Stunden vor Schulbeginn, zum Schwimmtraining antreten und Länge um Länge absolvieren bis zur Erschöpfung, lautstark angetrieben von ihren Trainerinnen und Trainern, die mit ihren Stoppuhr in der Hand dem Schwimmbecken entlang gehen. Neunjährige zukünftige Kunstturnerinnen und Kunstturner werden von ihren Trainern als Weichlinge beschimpft, wenn sie sich weigern, mit einem gebrochenen Knöchel weiter zu trainieren. Arbeitszeiten, welche die Arbeitszeiten der meisten Erwachsenen um bis zum Doppelten übersteigen. Kinderarbeit. Sonntagsarbeit. Und Nachtarbeit, wenn dann zu alledem noch für die Englisch- oder Mathematikprüfung des folgenden Tages so lange gebüffelt werden muss, bis das Kind vor Erschöpfung buchstäblich vom Stuhl fällt, zugleich noch begleitet von der Angst, sich durch ungenügende Schulleistungen möglicherweise eine Zukunft jenseits des Spitzensports, in fünf oder zehn Jahren, für immer zu vermasseln. Doch damit immer noch nicht genug. In jedem anderen gesellschaftlichen oder privaten Umfeld würde man, wenn Kindern und Jugendlichen das angetan würde, was man minderjährigen zukünftigen Spitzensportlern und Spitzensportlerinnen in Form von falschen Hoffnungen und Versprechen, Demütigungen, Übergriffen, Fremdbestimmung, Eingriffen in ihre körperliche und seelische Entwicklung und Vermarktung ihrer Körper und ihres Aussehens antut, von „Kindsmissbrauch“ sprechen, die hierfür Verantwortlichen mit entsprechenden Strafen zur Rechenschaft ziehen und auch vor all den Vätern und Müttern nicht Halt machen, die sich bloss über die sportlichen Erfolge ihrer Kinder zu definieren trachten und tatenlos zuschauen, wie diese schon im Alter von fünf oder sieben Jahren bis aufs Blut gequält werden. Nur die ungeschriebenen Gesetze des Spitzensports erlauben einen geradezu unerklärlichen Rückfall um Jahrhunderte, als handle es sich um eine Art von Religion, die jegliche Vernunft und Menschenliebe ausschaltet. Wir sind zwar entsetzt darüber, dass die südamerikanischen Inkas vor 3000 Jahren ihre eigenen Kinder dem Gott der Sonne opferten. Aber 3000 Jahre später opfern wir unsere eigenen Kinder noch immer dem gleichen Gott und schicken sie auf Reisen zur Sonne, auf denen viel zu viele von ihnen scheitern, zerbrechen und gezwungen sind, ihre Kindheitsträume von einem fröhlichen, unbeschwerten, lustvollen Leben für immer zu begraben.

Als du in einem Interview sagst, dass es deiner Seele nicht gut gehe, wirst du von den Verbandsverantwortlichen aufs heftigste zurückgepfiffen und mit gröbsten Vorwürfen eingedeckt. Mit einer solchen Offenheit würdest du dir bloss das Grab schaufeln, heisst es. Und: „Leute, die immer wieder Tiefs haben, können wir nicht brauchen.“ Dein Cousin meint, nun sei es endgültig Zeit zum Aufhören.

Jetzt bist du nicht mehr ein Teil davon. Burnout nennt man es. Und verbindet damit meistens die Vorstellung, dass der betreffende Mensch überfordert war und die an ihn gestellten Anforderungen nicht zu bewältigen vermochte. Nur selten wird gesagt, dass diese Anforderungen von Anfang an so vermessen waren, dass sie gar nicht, auch nicht mit grenzenloser, übermenschlicher Anstrengung, bewältigt werden konnten. Als du zuoberst auf dem Podest standst, erschien dein Bild in allen Zeitungen und jeden Tag wuchs die Zahl deiner Follower. Jetzt, wo du alleine tief in deinem Bett liegst, alles nur noch grau und schwarz ist, alle Jalousien auch tagsüber tief heruntergezogen sind und ohrenbetäubende Musik all deine Sinne zudröhnt, spricht kein Mensch mehr von dir.

Ob du damals als Dreijähriger auch deinem Cousin gefolgt wärest, wenn man dir die Wahrheit gesagt hätte und du gewusst hättest, wo deine Reise zur Sonne enden würde?

Chantal, 15, aus Angola: Die Sonne Afrikas im Appenzellerland

Chantal war vier und ihr Bruder Léo zwei Jahre alt, als die Polizei ihre Mutter zum ersten Mal ins Gefängnis holte. Das war in Luanda, der Hauptstadt Angolas, im Herbst 2013. Die Mutter war fünf Jahre zuvor aus dem Kongo, wo seit über 30 Jahren ein unvorstellbar grausamer Krieg wütet und wo sie nicht nur ihre Eltern, sondern auch die ganze übrige Verwandtschaft verloren hatte, nach Angola geflüchtet. Dort kamen Chantal und Léo zur Welt. Der Grund dafür, dass die Mutter in Luanda in der Folge insgesamt fünf Mal über kürzere oder längere Zeit im Gefängnis sass, war nicht, dass sie etwas Unrechtes getan hätte. Der Grund war einzig und allein, dass sie eine Kongolesin ist. Und dass viele Menschen in Angola Menschen aus dem Kongo hassen. Und dass Nachbarn nur genug lange und genug oft über andere Menschen Schlechtes reden müssen, und dass das dann schon genügt, dass eines Nachts die Polizei in dein Haus einbricht und du die nächsten Tagen und Wochen hinter Gittern verbringst.

Die Kinder waren, während die Mutter im Gefängnis sass, gänzlich auf sich alleine gestellt. Manchmal halfen ihnen Leute, manchmal nicht. Manchmal fanden sie in einem Haus Unterschlupf, manchmal lebten sie einfach auf der Strasse, bettelten um Essen. Ausser einem Kehrichtsack besassen sie nichts, um sich in der Nacht gegen die Kälte zu schützen. In einem Land, wo Gewalt gegen Frauen und Kinder nicht die Ausnahme ist, sondern die ganz „normale“, alltägliche Regel.

Chantal war fünf Jahre alt, als sie das Schlimmste erlebte, was ein Kind in diesem Alter erleben kann. Es war so schlimm, dass sie es bis heute, zehn Jahre später, noch nie jemandem erzählt hat, nicht einmal ihrer eigenen Mutter. Und es war so schlimm, dass sie noch heute immer wieder mitten in der Nacht aufwacht und zitternd und schweissgebadet im Bett liegt und sich genau so fühlt, wie sie sich damals gefühlt hatte.

In dieser Zeit war der Vater von Chantal und Léo schon längst bei einer anderen Frau. Mit dieser hatte er vier weitere Kinder und dann mit zwei weiteren Frauen noch einmal sieben weitere Kinder.

Als Chantal sieben und Léo fünf Jahre alt waren, beschloss die Mutter, mit ihren Kindern Angola zu verlassen und in Europa Schutz zu suchen. Der Landweg kam nicht in Frage, es sind bis zum Mittelmeer über 6000 Kilometer, durch Länder, wo in zahlreichen Regionen Krieg herrscht und insbesondere Flüchtlinge alltäglicher Gewalt schutzlos ausgeliefert sind. Fast ein halbes Jahr verkaufte die Mutter von früh bis spät auf dem Markt Gemüse und Früchte, bis sie das nötige Geld für einen Flug in die Schweiz beisammen hatte. Doch es war nicht genug, um beide Kinder mitzunehmen. Sie musste sich entscheiden, welches der beiden Kinder sie mitnehmen und welches sie seinem Schicksal überlassen wollte. Da für elternlose Mädchen die Gefahr, früher oder später in die Gewalt von Menschenhändlern zu geraten und sexueller Ausbeutung ausgeliefert zu sein, ungleich viel grösser ist als für Knaben, entschloss sie sich, die siebenjährige Chantal mitzunehmen und den fünfjährigen Léo einer Nachbarin zur Obhut zu überlassen.

Das Asylverfahren in der Schweiz zog sich über mehrere Jahre hinweg. Während dieser Zeit schwebten Chantal und ihre Mutter beständig zwischen der Hoffnung, in der Schweiz bleiben zu können, und der Angst, nach Angola zurückgeschafft zu werden, hin und her. Dazu kam die quälende Ungewissheit, wie es Léo ging und ob er überhaupt noch lebte.

Es kam, wie Chantal und ihre Mutter trotz aller zeitweiliger Hoffnungen es insgeheim befürchtet hatten: Ihr Asylgesuch wurde abgelehnt. Sie wurden in ein Flüchtlingsheim eingewiesen, wo ausschliesslich Asylsuchende untergebracht sind, die bereits einen negativen Entscheid bekommen haben, aber aus unterschiedlichen Gründen noch nicht in ihr früheres Heimatland ausgeschafft werden können, sei es, weil es die dortigen Zustände nicht zulassen, oder weil das betreffende Land nicht bereit ist, sie zurückzunehmen. Über 80 Männer, Frauen und Kinder leben dort auf engstem Raum, oft über Jahre hinweg, und jeden Abend, wenn sie sich zur Ruhe legen, wissen sie nicht, ob nicht schon in der gleichen Nacht Polizisten auftauchen, sie aus ihren Betten reissen und zu einem Flugzeug bringen werden, mit dem sie das Land ihrer letzten Hoffnung für immer verlassen müssen.

Und genau das geschah in dieser Nacht, vor etwa drei Jahren, Chantal war jetzt zwölf Jahre alt. Drei Polizisten kamen und rissen die Mutter und das Kind morgens um vier aus ihren Betten und führten sie in Handschellen ab, als wären sie Schwerverbrecher. Man sieht die Narben, welche die Handschellen an den Armen des Mädchens hinterlassen haben, noch heute.

Doch die drei Polizisten hatten nicht mit der Kraft einer 37jährigen Kongolesin gerechnet, die nichts mehr zu verlieren hat. Als die Polizisten sie und Chantal ins Flugzeug zu schieben versuchten, bäumte sie sich auf wie ein tödlich verwundetes Tier, es gelang den Polizisten trotz Aufbietung aller ihrer Kräfte nicht, die Mutter und das Kind in ihre Gewalt zu bringen. Als die Mutter bereits am ganzen Körper blutete, gaben die Polizisten auf. Das ist die sogenannte „Stufe 1“. Es gibt eine gesetzlich festgeschriebene Linie, welche die Polizisten in dieser Phase einer versuchten Ausschaffung von Gesetzes wegen nicht überschreiten dürfen.

Was Chantal und ihre Mutter nicht wussten: Zur gleichen Zeit, als dies geschah, befand sich Léo auf dem Weg in die Schweiz. Ein Familienvater in Angola hatte sich des verlorenen Kindes angenommen und ihm ein Flugbillett in die Schweiz bezahlt. Drei Wochen später hatte er seine Mutter und seine Schwester gefunden. Es sei, sagte Chantal, der glücklichste Tag ihres Lebens gewesen.

Seither geht das bange Warten weiter, die schlaflosen Nächte, die Erinnerungen an Dinge, an denen fünf- oder siebenjährige Kinder eigentlich zerbrechen müssten, wenn da nicht irgendeine unerklärliche Kraft wäre, die ihnen hilft, das alles zu überleben. Die Panikattacken, die Chantal noch vor einem Jahr fast täglich hatte, überfallen sie jetzt nur noch alle zwei oder drei Wochen. Geholfen hat ihr wohl auch sehr, dass sie alle Kinder und Jugendlichen im Heim so lieben. Sie ist die gute Seele für alle. Keine, auch nicht die professionellen Flüchtlingsbetreuerinnen im Heim, spürt so schnell, wenn es anderen nicht gut geht, und keine ist so schnell mit Aufmerksamkeit, Trost und Liebe zur Stelle.

Glücklicherweise hat sich ein engagierter Anwalt ihres Verfahrens angenommen, das jetzt in Form eines Wiedererwägungsgesuchs auf Asyl beim Bundesverwaltungsgericht liegt. Niemand weiss, wie lange es geht, bis der definitive Entscheid vorliegt, gegen den es dann endgültig keine Rekursmöglichkeit mehr gibt.

Letzten Dienstag war Chantal zum vierten Mal bei mir in der Deutschstunde. Da sie nun schon seit acht Jahren in der Schweiz ist und im Flüchtlingsheim täglich an einer Lerngruppe teilnimmt, sind ihre Deutschkenntnisse, was das Mündliche betrifft, hervorragend, zudem versteht sie Schweizerdeutsch problemlos. Einzig beim Lesen und Schreiben hapert es noch, da scheinen noch Blockierungen vorzuliegen, die möglicherweise mit ihren traumatischen Kindheitserlebnissen zusammenhängen. Aber sie macht Fortschritte, ihr Selbstvertrauen ist im Wachsen begriffen. Und ja, ich habe ihr auch gesagt, was für ein Genie sie ist, was für eine Sprachkünstlerin, und wie ich das bewundere und sie mich, obwohl ich ein ausgebildeter Sprachlehrer bin, bei Weitem übertreffe . Die 15Jährige beherrscht fünf Sprachen, drei davon nahezu perfekt. Lingali, eine afrikanische Ursprache. Portugiesisch, weil sie in Angola aufgewachsen ist. Französisch, die Sprache ihrer Mutter aus dem Kongo. Englisch, das sie im Internet selber gelernt hat. Deutsch, weil sie den grössten Teil ihres Lebens in der Schweiz verbracht hat. Und dann hat sie mir sogar noch gesagt, dass sie, wenn jemand Italienisch oder Spanisch spreche, fast alles verstehe.

Gestern war sie wieder bei mir, hat ein selber gemaltes Bild mitgebracht und mir geschenkt: Ein Landschaftsbild, im Vordergrund schwarze Erde, schwarze Blumen, schwarze Bäume, darüber schwarze Wolken. Im Hintergrund: Ein leuchtender gelboranger Himmel, eine riesige gelbe Sonne. Jedes Wort, die Bedeutung des Bildes zu erklären, wäre eines zu viel.

Anschliessend haben wir in ihrem speziell für anderssprachige Kinder konzipierten Deutschbuch weitergearbeitet. In einer der Übungen musste sie Fragen zu ihrer Person beantworten, Name, Alter und so weiter. Dann die Frage: „Wo bist du geboren?“ Und auf die Linie, wo andere Kinder vielleicht den Namen einer albanischen Stadt oder eines afghanischen Dorfes schreiben, hat sie geschrieben: „Auf der Strasse.“

Heute Morgen sitzen wir im Zug Richtung St. Gallen, um dann von dort nach Stein im Kanton Appenzell weiterzufahren, wo auf zehn Uhr ein Vorstellungsgespräch abgemacht ist, nachdem Chantal letzte Woche ihre Bewerbungsunterlagen für eine zweijährige Lehre als Angestellte für Gesundheit und Soziales (AGS) an das dortige Altersheim geschickt hat. Es ist das vierte Vorstellungsgespräch innerhalb der letzten zwei Wochen. Auch konnte sie schon an mehreren Stellen schnuppern. Eine Zusage aber hat sie zurzeit noch nicht. So reifeln wir mittlerweile alle paar Tage quer durch die Kantone St. Gallen und Appenzell, ich begleite sie immer und auf den Wegen und in den Zeiten zwischendurch erzählt sie mir ihr ganzes Leben. Wir sind schon ein richtig gut eingespieltes Team.

Noch bevor wir in St. Gallen ankommen, erhält Chantal auf ihrem Smartphone eine Nachricht: Lehrstelle in Stein abgesagt. Ein weiterer Hoffnungsschimmer ist zerschlagen. In St. Gallen also einfach umsteigen und wieder nachhause statt nach Stein fahren? Ich rufe im Altersheim Stein an. Ob es möglicherweise ein Missverständnis sei? Chantal hätte ja heute einen Termin für ein Vorstellungsgespräch. Es tue ihm leid, so der Mann am Apparat, aber die Heimleitung hätte heute Morgen angesichts der so zahlreichen Bewerbungen eine Vorauswahl treffen müssen. Aber wenn wir ja jetzt schon auf dem Weg seien, würde er nochmals fragen und mir so schnell wie möglich Bescheid geben. Und tatsächlich, fünf Minuten später: Es sollte ja nicht sein, dass wir vergeblich die Fahrt auf uns genommen haben. Wir sollen kommen. Was für eine Erleichterung.

Als wir das Altersheim betreten, ruft Chantal, wie überall bei unseren bisherigen Besuchen, den in ihren Rollstühlen sitzenden oder an Stöcken gehenden Menschen ihr so unbeschreiblich warmes und fröhliches „Hallo“ zu, so dass die Leute gar nicht anders können, als ihr eben noch fest verschlossenes Gesicht zu öffnen und der jungen Afrikanerin ebenso warm und fröhlich entgegenzulachen. Da kommt sie, niemand kennt sie, und wie eine Zauberfee verwandelt sie tiefe Trübseligkeit innerhalb weniger Augenblick in hellste Freude.

Am Tisch sitzen drei für die Lehrlingsausbildung zuständige Pflegefachfrauen und begutachten Chantal zunächst etwas skeptisch. Wir erfahren den Grund für die Absage heute Morgen: Sie sei vorgenommen worden aufgrund der eingereichten Schulzeugnisse. Und da in Chantals Zeugnis bei den einzelnen Fächern keine Noten stehen, sondern nur das Wort „besucht“, hätte man angenommen, ihre schulischen Leistungen seien so schlecht, dass man ihr gar keine Noten hätte geben können. Ich erkläre den drei Frauen, dass es in der Heimschule keine eigentlichen Klassen gäbe, sondern nur eine Lerngruppe mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlichsten Alters und daher auch keine vergleichenden Prüfungen und Noten. Dass aber Chantal über hervorragende Deutschkenntnisse verfüge und weitere vier Sprachen nahezu perfekt beherrsche, zudem sehr ehrgeizig, lernfreudig und neugierig sei und beim Lernen rasch Fortschritte mache und im Flüchtlingsheim wegen ihrem fröhlichen Wesen und ihrer Fürsorglichkeit bei sämtlichen Bewohnerinnen und Bewohnern überaus beliebt sei. Die Gesichter der drei Frauen hellen sich unverkennbar nach und nach auf.

Auf die Frage, weshalb sich Chantal ausgerechnet für diesen Beruf interessiere, sagt sie, sie hätte in ihrem Leben schon so viel Schlimmes erlebt, dass sie einfach alles daran setzen möchte, andere Menschen so glücklich zu machen wie nur irgend möglich. Und wieder, wie so oft in den letzten Tagen, frage ich mich, woher diese Kraft und diese Überfülle an Liebe aus einer 15jährigen Jugendlichen kommen mag, die in ihrem Leben bisher schon so viel unvorstellbar Schlimmes erleiden musste, dass sie nicht einmal ihrer eigenen Mutter alles davon zu erzählen vermochte. Und wieder finde ich auf diese Frage keine Antwort.

Und dann sagt sie etwas, was ich ganz gewiss nie mehr in meinem ganzen Leben vergessen werde: „Ich möchte einfach diesen Menschen, bevor sie sterben, ein Lächeln mitgeben, das sie dann mitnehmen können in ihr nächstes Leben, um dieses möglichst gut zu beginnen.“ Die erste der drei Pflegefachfrauen macht sich, sichtlich gerührt, Notizen, die zweite wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und die dritte sagt: „Du kannst nächste Woche zwei Tage zu uns schnuppern kommen, wir nehmen dich in unsere engste Auswahl.“ Für einmal ist die Menschlichkeit stärker gewesen als alles andere.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle verströmt Chantal weiterhin ihre Heiterkeit. Selbst einer Gruppe von Bauarbeitern unweit der Strasse ruft sie ihr unwiderstehliches „Hallo“ zu. Und, so etwas habe ich noch nie erlebt: Der eine von ihnen, der sich in diesem Moment wegen einer Schaufel, die er in die Hand nahm, von unseren Blicken abgewendet hat, dreht sich um, ruft „Hallo“ zurück und entschuldigt sich sogar, dass er sich gerade abgewendet und nicht sofort zurückgerufen habe.

Und so geht es weiter. Auch ein paar Kinder am Strassenrand lächeln Chantal zurück, auch ein jüngerer Mann, der stechenden Schrittes mit einer Aktenmappe unter dem Arm die Strasse überquert. Am liebsten würde ich jetzt, wenn ich genug Zeit hätte, ein ganzes Buch schreiben. Den Titel wüsste ich schon: „Die Sonne Afrikas im Appenzellerland“.

Auf dem weiteren Weg plaudert Chantal wie ein nie versiegender Bergbach weiter. Nichts hasse sie so wie den Krieg. Und nichts liebe sie so wie Menschen, die einfach so seien, wie sie am liebsten sein möchten: Homosexuelle Männer liebe sie besonders, die würden sich so elegant bewegen, aber auch alle anderen, die sich nicht von anderen unterkriegen lassen, denn niemand solle anderen vorschreiben oder dazu zwingen, wie sie zu leben hätten, das müsste jeder Mensch ganz alleine für sich selber entscheiden. Und so weiter und so vieles mehr, ein Füllhorn von 15 Jahren Lebenserfahrung, die wohl die allermeisten Menschen hierzulande nicht einmal im Alter von 90 oder 100 Jahren je auch nur annähernd erreicht haben werden und von der wir so unermesslich privilegierten Menschen so unglaublich viel lernen könnten.

Wir haben in den nächsten Tagen weitere Vorstellungsgespräche und Schnuppertermine vor uns. An fünf Orten ist Chantal mittlerweile in der engsten Auswahl. Meine anfängliche Angst hat zunehmend einem stärker werdenden Optimismus Platz gemacht. Wenn Chantal auf diesen Sommer einen Lehrvertrag hat, ist die Chance gross, dass sie, ihre Mutter und ihr Bruder dauerhaft in der Schweiz bleiben können.

Wenn nicht, könnte ein definitiv negativer Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts dazu führen, dass „Stufe 2“ in Kraft tritt. „Stufe 2“ bedeutet: Es kommen nicht nur drei Polizisten, sondern mindestens zehn. Und Chantal, Léo und ihre Mutter werden nicht in Handschellen abgeführt, sondern am ganzen Körper so gefesselt, dass selbst der stärkste Mann der Welt nicht die geringste Chance hätte, sich daraus zu befreien.

Im Jahre 2024 wurden aus der Schweiz 7205 Asylsuchende in ihre Heimatländer zurückgeschafft, ein Drittel freiwillig, zwei Drittel mit Gewalt, das waren etwa zwölf an jedem einzelnen Tag dieses Jahres. SP-Bundesrat und Justizminister Beat Jans, zuständig für die schweizerische Asylpolitik, sagte am 23. Januar 2025: „Wir sind in verschiedenen Bereichen den europäischen Ländern deutlich voraus. Wir haben in diesem Jahr 25 Prozent aller Pendenzen abbauen können. Auch die Rückkehrzahlen steigen, mit einer Rückführungsquote von annährend 60 Prozent steht die Schweiz in Europa an der Spitze. Das Staatssekretariat für Migration SEM macht eine hervorragende Arbeit. Wir sind auf dem richtigen Weg. Doch wir sind noch nicht zufrieden. Der immer noch zu grosse Pendenzenberg muss rascher abgebaut werden.“

Fragst du Leute auf der Strasse, wie viele definitiv in der Schweiz aufgenommene Flüchtlinge auf 100 Personen der einheimischen Bevölkerung kommen, nennen die meisten von ihnen Zahlen zwischen 20 und 50. Einer sagte sogar, es gäbe in der Schweiz mehr Flüchtlinge als Einheimische und das Boot sei schon längst „übervoll“. Das ist das Resultat jahrelanger systematischer fremdenfeindlicher Politpropaganda. Tatsächlich kommt in der Schweiz auf 100 Einheimische nicht einmal ein einziger anerkannter Flüchtling mit Bleiberecht. Und allen Ernstes soll das reichste Land der Welt nicht einmal das verkraften können?

Während kein Mensch davon spricht, dass in einem Land wie dem Libanon tatsächlich auf 100 Einheimische 100 Flüchtlinge kommen, Bangladesch trotz bitterer Armut im eigenen Land allein im Jahre 2024 gleichzeitig mit einem der schlimmsten Zyklone aller Zeiten, verheerenden Überschwemmungen – über fünf Millionen Menschen mussten ihre Häuser verlassen -, einem Regierungsumsturz, politischen Unruhen und mit einem Zustrom von über einer Million Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg im benachbarten Myanmar fertig werden musste und im Sudan in Folge des seit zwei Jahren wütenden Bürgerkriegs über zehn Millionen Menschen innerhalb der eigenen Landesgrenzen auf der Flucht sind…

Als die Faschisten in der Ukraine an die Macht kamen: Eine Rede von Gregor Gysi 2014 im deutschen Bundestag…

Folgender Ausschnitt aus einer Rede von Gregor Gysi im deutschen Bundestag nach der Machtergreifung der neuen ukrainischen Regierung nach dem Maidan im Frühjahr 2014 bedarf wohl kaum eines weiteren Kommentars…

Die neue ukrainische Regierung wurde sofort von US-Präsident Obama, von der EU und der Bundesregierung anerkannt. Frau Merkel: Der Vizepremierminister, der Verteidigungsminister, der Landwirtschaftsminister, der Umweltminister, der Generalstaatsanwalt sind Faschisten. Der Chef des Nationalen Sicherheitsrates war Führungsmitglied der faschistischen Swoboda-Partei. Faschisten haben wichtige Posten und dominieren beispielsweise den Sicherheitssektor. Und noch nie sind Faschisten von der Macht freiwillig wieder ausgetreten, wenn sie einmal einen Teil davon erobert hatten, und zumindest die Bundesregierung hätte hier eine Grenze ziehen müssen, schon aufgrund unserer Geschichte. Als Haiders FPÖ in die österreichische Regierung kam, gab es Kontaktsperren. Und bei den Faschisten in der Ukraine machen wir nichts. Swoboda hat engste Kontakte zur NPD und zu anderen Naziparteien in Europa. Und der Vorsitzende, Oleg Tjahnybok, hat Folgendes wörtlich erklärt: „Schnappt euch die Gewehre, bekämpft die Russensäue, die Deutschen, die Judenschweine und andere Unarten.“ Es gibt jetzt schon Übergriffe gegen Jüdinnen und Juden und gegen Linke und gegen all das sagen Sie nichts. Mit diesen Swoboda-Leuten reden Sie! Ich finde das einen Skandal!

Frank Urbaniok und die Frage, woher das Böse in der Welt kommt: Individualgewalt und Systemgewalt…

In der Welt der Wissenschaften treffen wir immer wieder auf einzelne herausragende Repräsentantinnen oder Repräsentanten ihres Fachgebiets, die oft ein so grosses öffentliches Ansehen geniessen, dass die von ihnen verkündeten Sichtweisen oder Lehren kaum noch jemals kritisch hinterfragt werden. Einer dieser Koryphäen ist Frank Urbaniok, Professor für forensische Psychiatrie mit Schwerpunkt Sexual- und Gewaltstraftaten, der während mehr als 20 Jahren den Psychiatrisch-Psychologischen Dienst des damaligen Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich leitete. Heute ist er als Gutachter, Berater, Supervisor und Buchautor tätig. Gemäss SRF vom 12. September 2019 ist Urbaniok „der bekannteste und einflussreichste forensische Psychiater der Schweiz“, der, „welcher uns die Seelen von Verbrechern erklärt.“

Als ich kürzlich einen öffentlichen Vortrag von Urbaniok besuchte, war förmlich zu spüren, wie die Zuhörerinnen und Zuhörer seine Worte nahezu andächtig in sich aufsaugten, als spräche da ein Wesen aus einer höheren Welt zu ihnen – quer durch die Reihen war breiteste Zustimmung zu spüren, allenthalben Kopfnicken und manchmal sogar begeisternder Zwischenapplaus. Gleichzeitig verspürte ich zunehmend ein mulmiges Gefühl in mir aufkommen, das ich mir zunächst nicht erklären konnte, das dann aber im Verlaufe des Vortrags dennoch immer stärker wurde, sodass ich dann zuhause, in Ruhe und aus einem gewissen Abstand heraus, darüber nachzudenken begann, woher und weshalb sich dieses ungute Gefühl wohl eingestellt hatte…

Vor mir habe ich den „Tagesanzeiger“ vom 28. Februar 2024 mit einem ganzseitigen Interview mit Urbaniok. Es geht um die Frage, ob man junge Erwachsene , die als Minderjährige einen Mord begangen haben, zukünftig verwahren können sollte. Urbaniok befürwortet das und weist darauf hin, dass es Fälle gäbe, bei denen sich die „erste Auffälligkeit“ schon „früh in der Kindheit“ zeige und sich das dann „im Jugendalter bis hin zu schweren Gewaltdelikten kontinuierlich steigern“ könne. In der „Luzerner Zeitung“ vom 26. Juli 2016 sagt Urbaniok, dass „ausgeprägte Risiko-Eigenschaften“ im Verhalten eines Menschen „früher oder später durchdrücken“ würden. Und im „Tagesanzeiger“ vom 14. Februar 2023 beantwortet er die Frage nach seinem Menschenbild wie folgt: „Ich würde es als skeptisch beschreiben. Ich mache mir keine Illusionen, es steckt zwar viel positives Potenzial im Menschen, aber leider auch sehr viel Negatives. Wenn man bedenkt, wie sich manche Menschen in Politik und Wirtschaft oder gegenüber der Umwelt verhalten, wie sie andere Menschen foltern, Kriege führen – das Repertoire an schädlichen Verhaltensweisen ist erschreckend gross.“

Langsam komme ich meinem Unbehagen auf die Spur…

Ist es nicht viel zu kurz gegriffen, von Missständen in Politik und Wirtschaft, von Respektlosigkeit gegenüber der Natur und von Krieg und Folter auf das Böse im Menschen zu schliessen und dabei gleichzeitig alles in den gleichen Topf zu werfen? Müsste ein seriöser Wissenschaftlicher hier nicht ganz klar und deutlich unterscheiden: Auf der einen Seite die ursprünglichen, natürlichen, abgeborenen Anlagen des Menschen, auf der anderen Seite all jene Verfehlungen, welche von Erwachsenen begangen werden, die sich bereits in einem ganz bestimmten Machtsystem bewegen und dort ganz bestimmte Rollen einnehmen und Verhaltensweisen ausüben, die sich auf ihre Mitmenschen schädlich oder gar zerstörerisch auswirken können? Denn Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Kind bereits als potenzieller Mörder oder Vergewaltiger geboren wird, ich kann mir aber sehr wohl vorstellen, dass ein Mensch im Verlaufe seines Heranwachsens mit so vielen schädlichen Einflüssen, mit so vielen Enttäuschungen und so viel Gewalt konfrontiert wird, dass sich negative und zerstörerische Einstellungen und Verhaltensweisen nach und nach heranbilden können. Es besteht doch ab dem Moment, da ein Mensch auf die Welt kommt, eine permanente Wechselwirkung zwischen seinem eigenen Verhalten und der Umgebung, in welcher er aufwächst. Es ist doch auch längst schon erwiesen, dass erlittene Gewalt häufig wiederum späteres gewalttätiges Verhalten der Opfer zur Folge haben kann. Auch besteht erwiesenermassen ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität, zwischen erlittenen Demütigungen und späterem übertriebenem Machtgebaren, zwischen den Wertvorstellungen der Gesellschaft – wie etwa Materialismus und Egoismus – und der Art und Weise, wie die Heranwachsenden mit diesen Wertvorstellungen zurecht kommen, sich ihnen anpassen, sich dagegen auflehnen oder daran zerbrechen.

Offensichtlich hat Urbaniok, anders kann ich mir das nicht erklären, im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit schon mit so vielen „bösen“ Menschen zu tun gehabt, dass er früher oder später unweigerlich zum Schluss gekommen ist, das Böse müsse wohl in der Natur des Menschen liegen, etwas, was sich dann im Laufe des Lebens „kontinuierlich steigern“ und im Verhalten der betreffenden Menschen „früher oder später durchdrücken“ könne. Wer sich erst einmal auf eine solche Sichtweise festgelegt hat, kommt offensichtlich gar nicht mehr auf die Idee, das „Böse“ könnte auch ausserhalb des Individuums liegen, in den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnissen. Man erinnert sich bei einer solchen Sichtweise unweigerlich an religiöse Glaubenssätze früherer Zeiten, wie etwa jenem von der „Erbsünde“, wonach jeder Mensch als grundsätzlich „sündiges“ Wesen geboren werde und nur durch die Unterwerfung unter ein bestimmtes Glaubensbekenntnis von diesen Sünden „erlöst“ werden könne. Von einer solchen Sichtweise zu der Auffassung, dass „böse“ Menschen eher bestraft und von der Gesellschaft weggesperrt als „therapiert“ werden müssen, ist es dann freilich nur noch ein kleiner Schritt.

Urbaniok hat diesen so einseitigen Blick auf das Wesen des „Bösen“ sogar dermassen akribisch systematisiert, dass daraus ein eigens von ihm entwickeltes und in der Fachwelt höchst umstrittenes Diagnosesystem unter der Bezeichnung FOTRES (Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System) mit einem dazugehörigen 654-seitigen Handbuch entstanden ist, bei dem aufgrund ausschliesslich individueller Persönlichkeitsmerkmale mithilfe eines Algorithmus, von dem niemand weiss, wie er tatsächlich funktioniert und wie viel Gewicht jedes einzelne der insgesamt 80 Kriterien hat, ermittelt werden kann, wie „gefährlich“ ein Mensch ist – Hinweise darauf, dass auch Faktoren in der Umgebung, in der ein Mensch aufwächst, für seine Entwicklung „gefährlich“ sein könnten, sucht man vergebens.

Dabei gäbe es genug andere Sichtweisen auf das Wesen des „Bösen“, die genau zu einem gegenteiligen Schluss kommen und dieses „Böse“ nicht vor allem in der Seele des Individuums orten, sondern vielmehr in den äusseren Verhältnissen, unter denen ein Mensch aufwächst. Schon der begnadete Pädagoge und Menschenfreund Johann Heinrich Pestalozzi sagte vor über 250 Jahren: „Der Mensch ist gut und will das Gute. Und wenn er böse ist, so hat man ihm den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.“ Auch Rutger Bregman kommt in seinem Buch „Im Grunde gut“ zum Schluss: „Dass Menschen von Natur aus egoistisch und aggressiv sind, ist ein hartnäckiger Mythos. Ein positives Menschenbild ist durchaus realistisch und lässt sich mit unzähligen Beispielen aus der Geschichte der Menschheit belegen, über die aber in den Geschichtsbüchern und den Medien leider viel zu wenig zu lesen ist.“

Ein Grossvater, auch darüber ist im Buch von Bregman zu lesen, sagte einst zu seinem Enkel: „In mir findet ein Kampf statt, ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Einer ist schlecht, böse, habgierig, eifersüchtig, arrogant und feige. Der andere ist gut – er ist ruhig, liebevoll, bescheiden, grosszügig, ehrlich und vertrauenswürdig. Diese beiden Wölfe kämpfen auch in dir und in jeder anderen Person.“ Der Junge dachte einen Moment nach und fragte dann: „Welcher Wolf wird gewinnen?“ Der alte Mann lächelte und sagte: „Der Wolf, den du fütterst.“ Dazu Bregman: „Wenn wir glauben, dass die meisten Menschen im Grund nicht gut sind, werden wir uns gegenseitig auch dementsprechend behandeln. Dann fördern wir das Schlechteste in uns zutage. Jeder Mensch hat eine gute und eine schlechte Seite, die Frage ist, welche Seite wir stärken wollen.“ Auch Mooji, ein spiritueller Lehrer, der aus Jamaika stammt und heute in Portugal lebt, hat einmal gesagt: „Man sieht die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie man selber ist.“ Mit anderen Worten: Die Kategorien von „Gut“ und „Böse“ sind nicht in Stein gemeisselt. Sie sind fliessend und veränderbar. Es kommt darauf an, wie wir Menschen damit umgehen, wie wir sie sehen, formen und gestalten. Liebe kann sich in Hass verwandeln, aber ebenso kann sich auch Hass wieder in Liebe verwandeln.

Ich kenne ein 15jähriges Mädchen aus Angola, das wegen des dortigen Bürgerkriegs vor acht Jahren mit ihrer Mutter fliehen musste, heute in einem schweizerischen Flüchtlingsheim lebt und jederzeit damit rechnen muss, aufgrund eines negativen Asylentscheids in ihre Heimat zurückgeschafft zu werden. Sie erzählt, dass ihre Mutter in Angola fünf Mal im Gefängnis war, nicht, weil sie etwas verbrochen hatte, sondern einzig und allein aufgrund ihrer Nationalität als Kongolesin, leiden doch Menschen aus dem Kongo in Angola unter extremster Diskriminierung und kaum vorstellbarem Fremdenhass. Das Mädchen war damals sieben Jahre alt und musste, während die Mutter im Gefängnis war, jeweils im Freien übernachten, auch bei bitterer Kälte. Um sich ein klein wenig gegen die Kälte zu schützen, hätte sie nichts anderes zur Verfügung gehabt als einen Kehrichtsack. Auch hätte sie nie genug zu essen gehabt und sei häufig von Männern grundlos verprügelt worden. Doch auch der Schutz und die vermeintliche Sicherheit, die ihr und ihrer Mutter gewährt sind, seit sie als Asylsuchende in der Schweiz leben, hängen an einem hauchdünnen Faden. Vor zwei Jahren wurde ihr Asylgesuch bereits ein erstes Mal abgelehnt und es wäre beinahe zu einer zwangsweise Ausschaffung gekommen: Eines Morgens stürmten Polizisten ihr Zimmer und führten sie und ihre Mutter in Handschellen ab. Hätte nicht ihre Mutter in dem Augenblick, da man sie ins Flugzeug zu schieben versuchte, übermenschliche Kräfte entwickelt und es den drei Polizisten verunmöglicht, sie durch den Eingang ins Flugzeug hindurchzuzwängen, wären sie heute nicht mehr in der Schweiz. Seit der erfolglosen Abschiebung liegt der Fall nun beim Bundesverwaltungsgericht. Sollte das Gericht den negativen Asylentscheid bestätigen, droht erneut die zwangsweise Rückschaffung, dann aber auf der sogenannten Stufe zwei, was bedeutet, dass nicht nur drei, sondern etwa zehn Polizisten aufmarschieren werden und die Mutter und das Kind am ganzen Körper so eng gefesselt werden, dass Widerstand nicht mehr möglich ist. Hat das Mädchen aus Angola nicht schon dermassen viel Schlimmes erlebt, dass man eigentlich erwarten müsste, nun einen völlig aggressiven, gewaltbereiten Menschen vor sich zu haben? Doch genau das Gegenteil ist der Fall! Die 15Jährige hat trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben, mit ihrer Mutter dauerhaft in der Schweiz bleiben zu können. Sie möchte einen Beruf erlernen, mit dem sie andere Menschen glücklich machen könne. Wenn sie andere Menschen fröhlich machen und sie zum Lachen bringen könne, das sei für sie das Schönste, mehr brauche sie nicht, um glücklich zu sein. Woher nur kann bei so viel erlittenem Hass und so viel erlittener Gewalt so viel Liebe kommen? Gibt es vielleicht so etwas wie eine unbegreifliche innere Kraft des Guten im Menschen, die sich auch unter widrigsten Umständen dennoch im Verlaufe des Lebens nach und nach durchzudrücken vermag?

Ich selber habe, im Gegensatz zu Urbaniok, zwar keine wissenschaftlichen Studien vorzuweisen. Aber immerhin Berufserfahrung von 38 Jahren als Oberstufenlehrer von insgesamt über all die Jahre wohl an die tausend ganz unterschiedlichen Jugendlichen. Mein Befund ist zu 100 Prozent: Ich hatte bei keinem einzigen dieser jungen Menschen je den Eindruck, es versuchte von „unten“ etwas Schlechtes, sich im Laufe der Zeit mehr und mehr „durchzudrücken“. Nein, wenn etwas Schlechtes sich durchzudrücken versuchte, kam es nie von „unten“, sondern stets von „aussen“ oder von „oben“, in Form überrissener Strafen oder anderer Disziplinarmassnahmen durch Lehrpersonen, übertriebener, nicht erfüllbarer Erwartungen seitens der Eltern, Verlust an Selbstvertrauen durch das permanente Verglichenwerden mit den Mitschülerinnen und Mitschülern in Form von Prüfungen, Noten, Zeugnissen oder Diskriminierung und Stigmatisierung infolge von in diesem Alter ganz natürlichen, aber gesellschaftlichen nicht akzeptierten Verhaltensweisen. Die Schlussfolgerung ist eigentlich ganz banal: Wenn ich in den Menschen vor allem das Gute sehe, dann wird das Gute immer stärker, ebenso wie das „Schlechte“ immer stärker wird, wenn ich in den Menschen in erster Linie das Schlechte sehe.

Immer klarer wird mir, woher mein Unbehagen während des Vortrags von Frank Urbaniok gekommen war: Genau von daher, dass er keinen Unterschied macht zwischen Individualgewalt, die von einzelnen „Übeltätern“ oder „Bösewichten“ verübt wird, und der weitgehend unsichtbaren Systemgewalt, die doch das eigentliche Grundübel ist und den Menschen daran hindert, so zu werden, wie er eigentlich von Natur aus „gedacht“ war.

Im Gratisblatt „20minuten“ vom 21. Februar 2025 lese ich ein Interview mit Frank Urbaniok zur Frage, wie mit gewalttätigen Asylsuchenden umzugehen sei. Nur schon der Titel des Interviews ist mehr als tendenziös: „Endlich über Schattenseiten sprechen“ – als würden die meisten Menschen nicht sowieso schon am meisten und am liebsten über „Negatives“ sprechen und sich darüber aufregen, statt über möglichst viel „Positives“ zu sprechen und sich darüber zu freuen. Urbaniok behauptet, es sei „kein Zufall“, dass bei Delikten häufig Asylsuchende die Täter seien. Er erwähnt, dass zum Beispiel Afghanen bei „schweren Gewaltdelikten“ mit „554 Prozent überrepräsentiert“ seien. Tönt, als würden Afghanen 554 Prozent aller schweren Straftaten begehen, was allein schon aus mathematischen Gründen ziemlich schwierig sein dürfte, aber halt schon ziemlich krass tönt. Tatsächlich meint er, dass auf 100’000 Schweizer 100 ein Gewaltdelikt begehen, auf 100’000 Afghanen aber 554. Woher Urbaniok diese Zahlen hat, bleibt schleierhaft, es wird keine Quelle genannt. Ich bin auf eine andere Zahl gekommen: Schaut man sich die Homepage der SVP an, wo täglich akribisch sämtliche auch noch so geringfügige, von Asylsuchenden begangene Delikte aufgelistet werden, findet man, in Bezug auf Afghanen, beispielsweise im ersten Halbjahr 2023 gerade mal zwei schwere Delikte und zehn zumeist ziemlich harmlose wie zum Beispiel Telefonbetrügereien, und dies bei einer Gesamtzahl von zurzeit etwa 35’000 in der Schweiz lebenden Afghaninnen und Afghanen. Urbaniok lässt sich hier auf das Niveau all jener herab, die lieber von zwei Afghanen sprechen, die im Laufe eines halben Jahres eine schwere Straftat begangen haben, als von den 34’988, die sich während des gleichen Zeitraums nicht eines einzigen Delikts schuldig gemacht haben. Mindestens müsste er als einigermassen seriöser Wissenschaftler zumindest darauf hinweisen, dass Menschen, die in ihrem bisherigen Leben so viel Leid erfahren haben, deren ganzes Land durch einen Krieg zerstört wurde, die zahllose engste Verwandte, oft ihre Eltern oder selbst ihre eigenen Kinder verloren haben und auch auf der Flucht, bis zu 7500 Kilometer zu Fuss, unsäglichen Gefahren, Entbehrungen und Todesängsten ausgeliefert waren, verständlicherweise eher zu einer verzweifelten Gewalttat neigen als Menschen, die ihr gesamtes bisheriges Leben lang gänzlich wohlbehütet und in einer sicheren Umgebung aufwachsen konnten. Doch kein Wort von alledem. Urbaniok nimmt auch unbesehen den unsäglichen Begriff der „Ausländerkriminalität“ in den Mund, der zwei Begriffe miteinander verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben, aber unbewusst den Eindruck erweckt, jeder Ausländer sei ein potentieller Krimineller, während es keinem Menschen je in den Sinn käme, im Zusammenhang mit Delikten wie Steuerhinterziehung, Mietzinswucher oder irgendwelchen dubiosen Finanzgeschäften, die eher typisch sind für Einheimische, von „Inländerkriminalität“ zu sprechen.

Besonders aufschlussreich ist ein beinahe zweiseitiges Interview mit Urbaniok, das in der „Sonntagszeitung“ vom 23. Februar 2025 erschienen ist und in dem er den Zustand Deutschlands zur Zeit der zurzeit stattfindenden Bundestagswahlen unter die Lupe nimmt. Darin wirft er unter anderem der deutschen Justiz vor, stets den Opfern recht zu geben, nie den Opfern. Es gehe, so Urbaniok, nicht mehr um die „individuelle Schuld“, sondern nur noch um „Ideologie“. Mit „Ideologie“ meint er wohl nichts anderes als die mittlerweile in der Fachwelt weitherum anerkannte Praxis, bei jedem Verbrechen auch die Einflüsse des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfelds zu berücksichtigen, eine Erkenntnis, die ihm, der stets die Schuldhaftigkeit des einzelnen „Bösewichts“ in den Vordergrund stellt, freilich nicht gefällt. „Die Idee, man müsse nur die Waffen abschaffen, dann hätten wir Frieden, ist vollkommen naiv“, sagt er weiter, „genauso die Idee, man müsse nur besonders lieb sein miteinander, verhandeln und reden, dann komme es schon gut.“ Einerseits zieht er mit solchen Worten auch Methoden der Friedensförderung durch Dialog offensichtlich ganz bewusst ins Lächerliche, anderseits bleibt er die Erklärung schuldig, was denn aus seiner Sicht eine bessere Alternative zum „Verhandeln“ und „Reden“ wäre. Etwa der kompromisslos weitergeführte Krieg? Das getraut er sich dann aber wohl doch nicht zu sagen und so schweigt er lieber darüber. Im Folgenden ist zu lesen: „Es ist zwar eine sympathische Idee, dieses romantische Multikulti, dass sich alle lieb haben, vertragen, gleich sind und am selben Strick ziehen, doch es ist höchst einseitig und darum sehr unrealistisch.“ Wieder zieht er etwas, was ihm nicht gefällt, ins Lächerliche, und wieder äussert er sich mit keinem einzigen Wort darüber, was denn die Alternative zur Idee eines für alle Seiten möglichst fruchtbaren interkulturellen Zusammenlebens sein könnte. „Eine intelligente Migration“, so nachfolgend, „fördert das riesige Potenzial von Einwanderung, bekämpft aber gleichzeitig Schäden und Risiken.“ Im Klartext: Solange uns Migrantinnen und Migranten wirtschaftlich etwas bringen und für wenig Lohn die Drecksarbeit verrichten, die von den besser gebildeten Einheimischen schon längst gemieden wird, sind sie uns willkommen. Wenn sie aber mit „Schäden“, Verletzungen und Traumatisierungen zu uns kommen – an denen gerade im Fall von Afghanistan Deutschland durch seine Kriegsbeteiligung an der Seite der USA grösste Mitschuld trägt -, dann sollen sich gefälligst andere darum kümmern. Schliesslich geht Urbaniok sogar so weit, zu fordern, man dürfe vor härteren Massnahmen gegen missliebige Menschen auch dann nicht zurückschrecken, „wenn man dafür heute geltende Regeln ganz abschaffen oder ändern muss.“ Besonders interessant ist folgende Aussage: „Weil man die sogenannte kognitive Dissonanz vermeiden will, hat man ein bestimmtes Weltbild, und alles, was nicht reinpasst, wird ignoriert, weil es sonst unbequem wird.“ Besser als mit dieser Definition könnte Urbaniok wohl sich selber nicht beschreiben. In der Fachsprache der Psychologie nennt man so etwas eine klassische „Projektion“. Aber das müsste Urbaniok als einer der berühmtesten Psychiater Europas selber eigentlich am besten wissen…

Dass in der Öffentlichkeit die sichtbare, gut beschreibbare und durch die Medien stets emotional bestens aufbauschbare Individualgewalt im Vordergrund steht und die dahinter liegenden, weitgehend unsichtbaren und dennoch omnipräsenten Formen von Systemgewalt kaum je ernsthaft thematisiert und offen gelegt werden, wissen wir zur Genüge. Umso mehr wäre es die Aufgabe von Wissenschaftlern, genau diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Denn wohin uns das Ausblenden und das Ablenken von der Systemgewalt auf die Individualgewalt geführt haben, müssten wir eigentlich nach Jahrhunderten von Kreuzzügen gegen Andersgläubige, Hexenprozessen, Judenverfolgung und zahlloser weiterer Verbrechen im Zuge von Rassismus, Fremdenhass und Diskriminierung ethnischer Minderheiten schon längst gelernt haben.

Zugegeben: Die Diskussion darüber, wie stark Gewalt in Form des herrschenden Gesellschaftssystems möglicherweise die eigentliche Ursache fast aller bei einzelnen Individuen auftretenden Formen von Gewalt bildet, ist viel aufwendiger, komplizierter und braucht weitaus mehr Zeit und Geduld, als mit dem moralischen Zeigefinger auf einzelne „Bösewichte“ und „Übeltäter“ wie renitente Jugendliche, ausrastende Sozialhilfebezüger, militante Klimaaktivisten oder potentiell kriminelle Flüchtlinge zu zeigen. Es braucht auch die Bereitschaft, bestehende Denkmuster radikal zu hinterfragen. Dann freilich könnte man wohl schon sehr bald einmal zum Schluss gelangen, dass etwa die Art und Weise, wie sich die Schweiz über Jahrhunderte dank Ausbeutung von Rohstoffen aus Ländern des Südens masslos bereichert hat und dies dies bis heute tut, oder die Tatsache, dass in einzelnen Unternehmen die am besten Verdienenden einen 300 Mal höheren Lohn haben als die am schlechtesten Verdienenden, oder die Verweigerung von Mindestlöhnen durch Arbeitgeberverbände, existenzbedrohende plötzliche Entlassungen infolge von unternehmerischer „Gesundschrumpfung“, entwürdigende Behandlung durch Vorgesetzte, massiver und stetig weiter zunehmender Leistungsdruck in den Schulen und die wie riesige Damoklesschwerter über allen hängenden Bedrohungen durch einen möglichen dritten Weltkrieg und die Zerstörung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen – dass all dies eben auch Formen von Gewalt sind, die man zwar nicht so deutlich als solche erkennen kann wie etwa eine Messerstecherei oder einen Bombenanschlag oder eine Schlägerei zwischen Jugendlichen, die aber in ihrer Gesamtheit unvergleichlich viel verheerendere und länger andauernde Auswirkungen haben.

Es wird durch seine eigene Biografie erklärbare und nachvollziehbare Gründe dafür geben, dass Urbaniok zu einem eher negativen oder zumindest „skeptischen“ Menschenbild gekommen ist und daher das „Böse“ vor allem im einzelnen Individuum sieht und nicht in herrschenden Machtsystemen . Man kann das verstehen und es soll ja auch niemandem verwehrt sein, sich im Laufe seines Lebens jenes Menschen- und Weltbild aufzubauen, das seinen eigenen Lebenserfahrungen am ehesten entspricht. Gefährlich wird es aber dann, wenn man einseitige Menschen- und Weltbilder so sehr verabsolutiert, dass sie am Schluss sozusagen als einzige mögliche „Wahrheit“ im Raum stehen. Denn wenn im Umfeld dominanter und meinungsbeherrschender „Koryphäen“ wie Urbaniok so etwas wie ein Vakuum entsteht, in dem keine Kontroversen und kein kritisches Denken mehr stattzufinden vermag, dann hört die Wissenschaft auf, wissenschaftlich zu sein, und droht selber zu einem Teil der Systemgewalt zu werden.

Der deutsche Wahlkampf: Seltsame Figuren, die irgendwann nur noch Karikaturen sein werden in den Geschichtsbüchern der Zukunft…

Seit Wochen tobt in Deutschland der Wahlkampf um die zukünftige Sitzverteilung im Bundestag. Wobei Kampf genau das richtige Wort ist. Vielleicht fällt es mir als Schweizer, der das alles als Zuschauer mit einer gewissen Distanz von aussen mitverfolgt, noch stärker auf als denen, die selber mittendrin sind. Was ich vor allem wahrnehme: Viel Hass, viel Aggressivität, gegenseitige Schuldzuweisungen aller Art, sture Rechthaberei, wenig Bereitschaft, anderen zuzuhören, Phrasen und Schlagwörter, mit denen man den politischen Gegner klein zu machen versucht. Nur selten Humor, fast nie ein verzeihendes Lächeln, kaum je die Bereitschaft, gegensätzliche Meinungen ernst zu nehmen, etwas daraus zu lernen oder gar eigene Fehler einzugestehen.

Es kommt mir vor wie Mäuse in einem zu engen Käfig. Man kennt das von Experimenten: Ist zu wenig Platz vorhanden, nimmt die Aggressivität zwischen den einzelnen Tieren immer mehr zu, und jede Zunahme von Aggressivität erzeugt wiederum ein noch höheres Mass an Aggressivität. Wobei es in diesem Wahlkampf nicht, wie im Fall der Mäuseexperimente, um die Anzahl der Quadratmeter oder Quadratzentimeter geht, welche dem Einzelnen zur Verfügung stehen, sondern um den geistigen Raum, in dem man sich bewegt.

Dieser geistige Raum, in dem sich die deutschen Bundestagswahlen zurzeit gerade bewegen, scheint ziemlich eng zu sein. Und so nimmt die Aggressivität der darin Agierenden ebenso laufend zu wie die Aggressivität der sich in einem zu engen Käfig befindlichen Mäuse. Dieser beschränkte geistige Raum nämlich ist letztlich nichts anderes als das kapitalistische Wirtschafts- und Denksystem. Ob es sich um den wachsenden Zeitdruck, Stress und Konkurrenzkampf am Arbeitsplatz handelt, die permanente Zunahme psychischer Erkrankungen, die soziale Ausgrenzung eines wachsenden Teils der Bevölkerung, die immer tiefer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, die Ängste vor „Überfremdung“ und Bedrohung eigener kultureller Werte, den Klimawandel oder die sich insbesondere bei jungen Menschen immer weiter ausbreitende Resignation und Ohnmacht in Bezug nicht nur auf die individuelle, sondern auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit, noch zusätzlich verstärkt durch die Angst vor einem drohenden dritten Weltkrieg – alle diese und beliebig viele weitere Missstände und Fehlentwicklungen , unter denen viel zu viele und immer mehr Menschen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit leiden, lassen sich, ohne dass es hierfür irgendwelcher aufwendiger Analysen oder Studien bedürfte, unmittelbar auf das herrschende Machtsystem eines globalisierten Kapitalismus zurückführen, das beinahe ausschliesslich auf unbeschränkte Profitmaximierung und nicht enden wollende Bereicherung und Privilegierung einzelner Bevölkerungsgruppen auf Kosten anderer ausgerichtet ist. Kein Wunder, äussern sich in Umfragen, in Deutschland ebenso wie in anderen Ländern, regelmässig eine Mehrheit der Befragten dahingehend, dass der Kapitalismus insgesamt mehr Schaden als Nutzen anrichte.

Doch statt dass sich Politikerinnen und Politiker über alle Grenzen hinweg zusammensetzen und endlich darüber nachzudenken beginnen, wie denn eine Alternative zum Kapitalismus aussehen könnte und wie sich eine solche verwirklichen liesse, klammern sie sich unerbittlich am eingeschlagenen Irrweg fest. Radikal antikapitalistisches Denken findet höchstens noch in ein paar winzigen Nischen „Ewiggestriger“ statt und wird von den Mächtigen in aller Regel schon nach zaghaftestem kurzen Aufblitzen unmittelbar ins Reich des Bösen und der ewigen Finsternis verbannt. Als hätte das Denken in Alternativen zu jenem Zeitpunkt endgültig aufgehört, als der amerikanische Politologe Francis Fukuyama im Jahre 1989, berauscht vom scheinbar endgültigen Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus, verkündete, nun sei die Menschheit am „Ende ihrer Geschichte“ angelangt. Und nicht einmal in Deutschland wurde diese Behauptung Fukuyamas in den vergangenen 35 Jahren jemals ernsthaft in Frage gestellt, als hätte es in diesem Land nie einen Georg Friedrich Hegel gegeben, der schon vor über 200 Jahren in seiner wegweisenden Lehre der Dialektik genau das Gegenteil postulierte, nämlich, dass die Geschichte nie am Ende sei, sondern sich, ausgehend von Thesen und ihnen widersprechenden Antithesen, zu stets wieder neuen Synthesen weiterentwickeln kann. Es wäre im Jahre 1989 wohl um vieles zukunftsträchtiger gewesen, nicht auf Fukuyama zu hören, sondern auf eben diesen Georg Friedrich Hegel, um das kapitalistische Primat individueller Selbstverwirklichung und das sozialistische Primat sozialer Gerechtigkeit nicht gegeneinander auszuspielen und den Sieg des Ersteren gegen das Zweite zu feiern, sondern aus diesen beiden Ansätzen im Sinne einer Synthese etwas Neues, Drittes, Besseres zu schaffen.

Nun gibt es aber nebst dem Stillstand alternativen Denkens und der Absage an die Dialektik wohl auch noch einen weit handfesteren Grund dafür, dass sich die bestehenden politischen Parteien nicht aus dem kapitalistischen Denksystem zu lösen vermögen bzw. dies auch gar nicht wirklich wollen. Denn sie selber gehören ja in der kapitalistischen Klassengesellschaft zu 99 Prozent zu den Privilegierten, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, und haben deshalb auch kein echtes Interesse an einer grundsätzlichen Überwindung eines Machtsystems, das ihnen selber so viele Vorteile verschafft. Und so verlaufen die tatsächlich entscheidenden Konfliktlinien eben nicht zwischen den einzelnen politischen Parteien, sondern vielmehr zwischen den einzelnen Schichten der kapitalistischen Klassengesellschaft von ganz oben im Paradies der Reichsten bis ganz unten in der Hölle der Ärmsten und am meisten Ausgebeuteten. Tiefgreifende politische Veränderungen können daher nur von aussen oder von unten kommen, nicht aus dem Inneren des bestehenden Politsystems.

Einmal mehr ist auch der gegenwärtige, von Hass und Schuldzuweisungen geprägte deutsche Wahlkampf ein Paradebeispiel dafür, wie von den tatsächlich lebensbedrohenden Problemen, welche der Kapitalismus Tag für Tag verursacht, abgelenkt wird, indem man sich am untersten Rand dieses Machtsystems gezielt einzelne individuelle Sündenböcke aussucht, auf denen dann alle, gegenseitig sich anstachelnd und miteinander wetteifernd, bis zum Gehtnichtmehr herumhacken können. Da das „Böse“ ja nicht in den Grundprinzipien der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung liegen darf, muss es demzufolge im Wesen oder in der Herkunft von ganz besonders „bösen“ Individuen liegen, die, wie man ihnen unterstellt, nichts anderes im Schilde führen, als den angeblich so ehrlich erschaffenen Wohlstand ihres „Gastlandes“ zu missbrauchen, zu gefährden oder gar zu zerstören: Die typische Ablenkung von der Systemgewalt auf die Individualgewalt, um die Existenz des herrschenden Machtsystems nicht zu gefährden, wie das auch schon zur Zeit der Hexenverfolgungen oder anderer Progrome so hervorragend funktionierte. Denn, wie schon Karl Marx sagte: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“

Ein einzelner Afghane oder Syrier, der eine Mordtat begeht, wird über Tage und Wochen zum fast einzigen Thema sämtlicher Zeitungsartikel, TV-Nachrichten, Talkshows und öffentlichen Debatten emporstilisiert, während allein in Deutschland gleichzeitig durchschnittlich jeden Tag eine Frau von ihrem eigenen Mann umgebracht wird, jeden Tag rund 50 unschuldige palästinensische Kinder von den Machthabern eines Staats getötet werden, mit dem man eng befreundet ist und dem man sogar in grossem Stil Waffen zum Töten dieser Kinder liefert, und jeden Tag weltweit rund 15’000 Kinder unter fünf Jahren sterben, weil sie nicht genug zu essen haben, und zwar nicht etwa deshalb, weil insgesamt zu wenig Nahrungsmittel vorhanden wären, sondern aus dem einzigen und alleinigen Grund, dass im globalisierten Kapitalismus – der angeblich einzig möglichen und besten Wirtschaftsweise aller Zeiten – die Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo die multinationalen Nahrungsmittelkonzerne damit am meisten Geld verdienen können. Doch Meldungen und Nachrichten dieser Art sucht man in den allermeisten Medien vergebens, und erst recht nicht in den Verlautbarungen all jener Politikerinnen und Politiker, die jetzt gerade im Wahlkampf stehen. Wie man auch nie etwas davon hört, dass auf jeden Flüchtling, der eine Straftat begeht, etwa zehntausend andere kommen, die sich noch nie auch nur des geringsten Vergehens schuldig gemacht haben. Und man auch nie etwas davon hört, dass die vielbeklagte Migration aus dem Süden in den Norden nichts anderes ist als die zwangsläufige Folge von 500 Jahren kolonialer Ausbeutung, welche die Voraussetzung dafür war, dass die Länder des Nordens trotz weitgehenden Mangels an Rohstoffen und Bodenschätzen überhaupt so reich werden konnten, wie sie heute sind, Reichtum also, der letztlich nur entstehen konnte aus der Ausbeutung, Beraubung, Plünderung, Fremdbestimmung und Verelendung des Südens. Was nichts anderes bedeutet, als dass Menschen, die aus dem Süden in den Norden fliehen, nichts anderes versuchen, als sich einen winzigen Teil dessen, was ihnen und ihren Vorfahren über Jahrhunderte gestohlen wurde, wieder zurückzuholen.

Diese systematische Täter-Opfer-Umkehr, das geradezu hysterische Herumhacken auf den Schwächsten, hat mittlerweile schon fast dermassen pseudoreligiöse, wahnhafte Dimensionen angenommen, dass selbst eine durchaus intelligente und kritische Politikerin wie Sahra Wagenknecht das „Migrationsproblem“ an die oberste Stelle ihrer politischen Agenda gesetzt hat, weil sie genau weiss, dass sie sonst im gegenseitigen Macht- und Konkurrenzkampf mit den anderen Parteien kläglich untergehen würde. Erfolgreich ist heute offensichtlich nur noch, wer die dicksten Muskeln zeigt, gnadenlos auf den Allerschwächsten herumhackt und die eigentlichen Ursachen aller wirklich grossen Probleme systematisch verschweigt und von ihnen ablenkt. Hass als politisches Programm.

Luisa Neubauer spricht in Bezug auf den Klimawandel von „Kipppunkten“, kürzesten Zeitfenstern, in denen Dinge geschehen können, die sich definitiv nie mehr rückgängig machen lassen werden. Auch die Schwelle zu einem dritten, alles vernichtenden Weltkrieg als letzte, perverseste Konsequenz kapitalistisch-patriarchaler Weltherrschaft könnte ein solcher Kipppunkt sein.

Aber könnte es nicht auch Kipppunkte in die umgekehrte Richtung geben? Ist nicht denkbar, dass der Hass, den so viele sich heute an der Macht Befindliche um sich herum verbreiten, doch noch eines Tages ins Gegenteil kippen könnte? So etwas wie Menschenliebe scheint aus der heutigen Politik nahezu gänzlich ausgelöscht worden zu sein. Aber das heisst doch nicht, dass sie sich deshalb in nichts aufgelöst hat. Irgendwo anders staut sie sich doch gewiss wieder auf, wie Wasser im See hinter einer Staumauer, wie Blumen, die aus den Ruinen zerstörter Städte wieder neu herauswachsen, wie ein jedes Kind, das voller Hoffnung und Sehnsucht nach einer Welt voller Frieden, Gerechtigkeit und einem Leben voller Glück und voller Lachen neu geboren wird. Irgendwann werden doch diese seltsamen Figuren, die heute noch das Weltgeschehen dominieren, für immer der Vergangenheit angehören müssen und nur noch Karikaturen sein in den Geschichtsbüchern der Zukunft, die in den Händen neuer Generationen, die das alles fast nicht mehr glauben können werden, die Runde machen werden. Ja, so utopisch es klingen mag, aber die Liebe ist der einzige Schlüssel, der die althergebrachten Denkmuster, die schon viel zu viel Schaden angerichtet haben, aufzubrechen und den Blick in eine neue, von Grund auf andere Zukunft zu öffnen vermag. Nicht die am meisten von Hass, Arroganz und Rechthaberei Besessenen werden in dieser neuen Zeit die verantwortungsvollsten Posten in der Gesellschaft einnehmen, sondern die Liebevollsten, Zärtlichsten, Dünnhäutigsten, Empfindsamsten. Die, welche sich selber so stark lieben, dass sie auch jeden anderen Menschen voll und ganz lieben, in allem zuallererst das Gute sehen, auch noch das „Fremdeste“ in ihr Herz hereinlassen, auch noch mit den „Verrücktesten“ das Gespräch suchen und die auch selber erst dann wirklich ruhig schlafen können, wenn auch alle anderen Menschen auf dieser Welt frei von Hunger, Armut, Ausbeutung, Verfolgung und Kriegen ebenso ruhig schlafen können…

Von Benjamin Netanyahu über Donald Trump und Leon de Winter bis zur Sonntagszeitung vom 9. Februar 2025: Man muss es mindestens zwei Mal lesen, um es zu glauben…

Man muss es zwei Mal lesen, um es zu glauben: Ein israelischer Ministerpräsident lässt Zehntausende Kinder, Frauen und Männer töten und ihre Heimat in Schutt und Asche legen. Ein soeben gewählter US-Präsident hat die glorreiche Idee, alle, welches dieses Massaker überlebt haben, in andere Länder fortzuschaffen und auf den Ruinen der zerstörten Häuser eine Riviera mit Badestränden für Reiche aus aller Welt zu bauen. Ein niederländischer Erfolgsautor findet das eine „tolle Idee“. Und die Sonntagszeitung stellt diesem Autor zwei ganze Seiten zur Verfügung, um seine Begeisterung kundzutun.

Für diesen Autor namens Leo de Winter ist Donald Trump ein „Dichter“, der sogar „neue Wörter kreiert“, in dessen „ganz grossen Träumen“ es „keine Grenzen“ gibt, der „höchst intelligent“ ist und der „mit seinem Rhythmus die meisten seiner Kritiker einfach überfordert“. Auf den Ruinen der zerstörten palästinensischen Wohnhäuser die „besten, schönsten und grössten Hotels, die es je auf der Welt gegeben hat“, zu bauen, findet de Winter einen „schönen Gedanken“. Und dem Vorschlag Trumps, die verbliebenen Palästinenserinnen und Palästinenser nach Indonesien zu verfrachten, wo es noch „Tausende sehr schöne,  unbewohnte Inseln“ gäbe, würde er sich ebenfalls anschliessen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solcher Artikel vor fünf Jahren hätte geschrieben werden können, zu gross wäre die Empörung der Leserschaft gewesen. Inzwischen scheint der Wahnsinn offensichtlich zur Normalität geworden zu sein.

300 Reichste um 38,5 Milliarden Franken reicher geworden und immer mehr Obdachlose im gleichen Land: Kein Zufall…

Immer mehr Menschen in der Schweiz sind von Obdachlosigkeit betroffen. Gleichzeitig sind die 300 Reichsten innerhalb eines Jahrs um 38,5 Milliarden Franken reicher geworden. Auf den ersten Blick hat das nichts miteinander zu tun. Tatsächlich aber findet unsichtbar eine permanente Umverteilung statt, von denen, die viel zu viel haben, zu denen, für die immer weniger übrig bleibt. So sind Tiefstlöhne und sich überpurzelnde Konzerngewinne die beiden unauflöslich miteinander verbundenen Kehrseiten der gleichen kapitalistischen Münze. Das Gleiche gilt auch bei der „Gesundschrumpfung“ von Betrieben: Bedeutet das für die einen Erwerbslosigkeit und Armut, so bedeutet es für die anderen höhere Profite, da sie nun mit geringeren Lohnkosten eine höhere Rendite erreichen. Solche Zusammenhänge werden kaum je diskutiert. Obwohl es evident ist: Geld fällt nicht vom Himmel, es wächst auch nicht auf Bäumen. Wenn es sich am einen Ort so gewaltig auftürmt, fehlt es an anderen Orten umso schmerzlicher. „Wärst du nicht reich“, sagt der arme zum reichen Mann in einer bekannten Parabel von Bertolt Brecht, „dann wäre ich nicht arm.“ Deshalb lässt sich dieses Problem nicht durch mehr Sozialprogramme oder Notschlafstellen lösen, sondern nur durch eine radikale Umgestaltung des Wirtschaftssystems. Es braucht nicht Almosen, sondern Gerechtigkeit. Man muss nicht die Armut bekämpfen, sondern den Reichtum. Wenn der übermässige Reichtum verschwindet, dann verschwindet die Armut ganz von selber.

Mehr Geld für den Krieg auf Kosten der ärmsten Länder der Welt: In was für einer verrückten Zeit leben wir eigentlich?

Weltweit eskalierende Rüstungsausgaben werden von jedem einzelnen Land stets damit begründet, dass es alle anderen Länder auch machen – eine jeglichem gesundem Menschenverstand zutiefst widersprechende Logik, die im schlimmsten Fall zu nichts anderem führen könnte als zu einer Selbstvernichtung der gesamten Menschheit. Viel logischer wäre das Gegenteil: Dass ein Land damit beginnt, seine Rüstungsausgaben zu reduzieren, um auf diese Weise die anderen Länder zu ermutigen, es ihm gleichzutun, bis es am Ende keine Waffen, keine Armeen und keine Kriege mehr gäbe. Wenn es ein Land gibt, das, aufgrund seiner jahrhundertelangen humanitären Tradition, diesen ersten Schritt wagen könnte, dann wäre es wohl zweifellos die Schweiz.

Stattdessen beteiligen wir uns, wie alle anderen, blindlings am Wahnsinn der globalen uferlosen Rüstungsspirale: Die Ausgaben für die Schweizer Armee sollen 2025 und 2026 um je 3 Prozent und 2027 sogar um 5,1 Prozent gesteigert werden. Und wo wird das benötigte Geld eingespart? Ausgerechnet bei der Entwicklungshilfe! Konkret soll zum Beispiel die finanzielle Unterstützung für zwei der ärmsten Länder, Sambia und Bangladesch, zur Gänze gestrichen und für eine Reihe weiterer Länder teilweise massiv gekürzt werden, ebenso die Beiträge für die internationale Aids-Hilfe, weitere UNO-Entwicklungsprogramme und die Unicef, wovon beinahe ausschliesslich notleidende Kinder betroffen sein werden. Dabei war bereits die bis anhin von der Schweiz geleistete Entwicklungshilfe alles andere als grosszügig und betrug laut der Entwicklungsorganisation Oxfam bloss einen Fünfzigstel dessen, was unser Land gleichzeitig im Handel mit Entwicklungsländern an Profiten erwirtschaftet.

Aber es kommt noch besser: Die Reduktion der Entwicklungshilfe wird sogar noch mit den Aufwendungen von rund 4 Milliarden Franken für die 13. AHV-Rente begründet. Am Ende sollen also noch die Rentnerinnen und Rentner, die sich endlich einen einigermassen finanziell gesicherten Lebensabend erkämpft haben, daran Schuld sein, wenn zukünftig Aids-Kranke in aller Welt, notleidende Menschen in von Kriegen zerstörten Ländern und Zehntausende von Kindern, die nicht genug zu essen haben, von der Schweiz keine Unterstützung mehr bekommen. Gleichzeitig werden in der Schweiz jedes Jahr Erbschaften in der Höhe von fast 90 Milliarden an „überschüssigem“ Geld von einer Generation zur nächsten weitergeschoben und die 300 Reichsten des Landes sind im letzten Jahr wiederum, ohne dafür einen Finger krümmen zu müssen, um insgesamt 38,5 Milliarden Franken, mehr denn je zuvor, reicher geworden. In was für einer verrückten Zeit leben wir eigentlich?

Leiser werdende Proteste gegen das WEF: Alles andere als ein Grund zu Euphorie…

„Die Ära der grossen Anti-WEF-Proteste ist vorbei“, schreibt die „Sonntagszeitung“ am 19. Januar 2025, „was gewiss damit zusammenhängt, dass sich der globale Handel entgegen früherer Befürchtungen insgesamt als Erfolgsrezept und als regelrechtes Wirtschaftswunder erwiesen und einigen Ländern einen spektakulären Aufstieg ermöglicht hat.“

Was für eine unglaubliche Schönfärberei. Dass der globalisierte Kapitalismus ein Erfolgsrezept sein soll, gilt doch, wenn überhaupt, bloss für eine winzig kleine Seite der Medaille. Die andere, ungleich viel grössere, ist, dass in einer Welt, an deren einem Ende sich eine nie dagewesene Fülle an Luxus auftürmt, nach wie vor am anderen Ende jeden Tag rund 15’000 Kinder unter fünf Jahren sterben, weil sie nicht genug zu essen haben, nicht weil weltweit insgesamt zu wenig Nahrung zur Verfügung stünde, sondern schlicht und einfach deshalb, weil im globalisierten Kapitalismus die Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sich mit ihnen am meisten Geld verdienen lässt. Zudem wüten an diesem anderen, viel grösseren Ende der Welt zurzeit rund 60 fürchterliche Kriege, mehr denn je seit 1945, und in den meisten von ihnen ist es immer auch ein Kampf um stets knapper werdende Rohstoffe, welche vom Wachstumswahn der kapitalistischen Wirtschaftsideologie in immer grösserem Ausmass verschlungen werden. An diesem anderen Ende der Welt sind zurzeit auch rund 100 Millionen Menschen auf der Flucht, ebenfalls mehr denn je, viele von ihnen werden vom tunesischen Militär in die libysche Wüste gejagt, wo sie elendiglich verdursten, andere versinken namenlos im Mittelmeer oder im Ärmelkanal, wieder andere liegen bei Minustemperaturen mit gebrochenen Armen und Beinen in Wäldern und Sümpfen im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet, und auch dies alles nur deshalb, weil das Gefälle zwischen armen und reichen Ländern im Zuge der kapitalistischen Globalisierung immer grösser wird und infolge der ebenfalls durch kapitalistisches Profitstreben verursachten Klimaerwärmung in zahlreichen Ländern des Südens die Landwirtschaftserträge mehr und mehr zurückgehen und nur schon das nackte Überleben immer mehr in Frage gestellt ist. In dieser angeblich von kapitalistischem Erfolgsrezept geprägten Welt, in der gerade wieder innerhalb von nur einem Jahr das Vermögen sämtlicher weltweiter Milliardäre drei Mal stärker gewachsen ist als im Jahr zuvor, die zehn reichsten Milliardäre pro Tag um 100 Millionen US-Dollar reicher geworden sind und den Menschen immer noch die Lüge eingetrichtert wird, Reichtum können geschaffen werden, ohne gleichzeitig auch Armut zu schaffen.

Dass die Proteste gegen das WEF leiser geworden sein sollen, weil sich der globalisierte Kapitalismus als Erfolgsmodell erwiesen hätte, ist reines Wunschdenken jener, die immer noch auf der kleineren, schönen Seite der Medaille sitzen. Der tatsächliche Grund ist indessen genau das Gegenteil: Dass es gerade an allen Ecken und Enden brennt und die, welche mit ihrer ganzen Leidenschaft für eine friedlichere und gerechtere Zukunft kämpfen, halt schlicht und einfach nicht überall gleichzeitig sein können. Dass der globalisierte Kapitalismus insgesamt ein nie dagewesenes Erfolgsmodell sein soll, können wirklich nur all jene behaupten, welche die Welt ausschliesslich von oben sehen und offensichtlich immer noch nicht mitbekommen haben, dass das, was von oben wie der Himmel aussieht, von unten gesehen nichts anderes ist als die Hölle.

Die zunehmende Attraktivität rechtsnationaler Kräfte und das Fehlen einer glaubwürdigen Alternative auf der linken Seite

„Es gibt eine weltweite Tendenz, wonach die nationale Politik zunehmend von Gerichten und internationalen Abkommen bestimmt wird“, so der Historiker Oliver Zimmer in der „Sonntagszeitung“ vom 12. Januar 2025, „die gewählten Politikerinnen und Politiker haben immer weniger Handlungsspielraum. So wird die Demokratie untergraben und die Menschen haben das Gefühl, dass es eigentlich gar keine Rolle mehr spielt, wen sie wählen, denn die Bandbreite, worüber die gewählten Politikerinnen und Politiker noch bestimmen können, ist sehr schmal geworden.“

Dass in den Demokratien die Handlungsspielräume für die Politik immer kleiner werden, mag gewiss ein Grund dafür sein, dass sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger von den etablierten Parteien abwenden und rechtsnationale Kräfte vermehrt Zulauf erhalten. Es gibt aber noch einen weiteren, vermutlich viel wesentlicheren Grund. Er lässt sich mit einem Wort auf den Punkt bringen: Kapitalismus. Denn wir leben nicht nur in mehr oder weniger schlecht funktionierenden Demokratien. Wir leben gleichzeitig auch in einem kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und fast alle Probleme, mit denen wir uns heute immer hilfloser herumschlagen, sind unmittelbare Folgen dieses Systems, das auf den Prinzipien grösstmöglicher Profitmaximierung und unaufhörlichen Wachstums beruht: Stetige Umlagerung des Reichtums von der Arbeit zum Kapital, zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, immer weniger Geld für öffentliche Aufgaben, maximale Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und natürlicher Ressourcen, zunehmender Druck am Arbeitsplatz, psychische Belastungen durch Überforderung auf der einen und wachsender Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite, Verkehrsprobleme, Umweltzerstörung und Klimakrise, negative Folgen von Migration. Kurz: Ein System, das, wie immer mehr Menschen bewusst wird, aufgrund seiner inneren Widersprüche früher oder später kollabieren muss.

Leider, und das ist das Verhängnisvolle, existiert auf der linken Seite kaum mehr die glaubwürdige Vision einer Alternative zum Kapitalismus. Umso höher auf der anderen Seite des politischen Spektrums die Gunst der Stunde, von der laufend wachsenden Unzufriedenheit der Menschen zu profitieren. Diese Entwicklung lässt sich nicht aufhalten, indem man die Parteien am rechten Rand zu bekämpfen versucht, sie werden dadurch höchstens noch stärker. Was es dringendst braucht, ist eine glaubwürdige Alternative auf der linken Seite. Wahrscheinlich wird man schon bald erkennen, dass die Grundidee des Sozialismus doch nicht ganz so schlecht war. Man müsste sie wahrscheinlich nur noch einmal von Grund auf sorgfältig durchdenken und mit dem Ideal von Freiheit und Selbstbestimmung in Einklang bringen. Das dürfte nicht einmal so schwierig sein, denn Freiheit im Kapitalismus ist schon längst keine echte Freiheit mehr, es sind je länger je mehr nur noch Privilegien der einen auf Kosten der anderen.