Von Solingen bis New Orleans: Auf den Mücken herumtrampeln, damit die Elefanten möglichst lange unsichtbar bleiben…

„In New Orleans“, so ist in den Mittagsnachrichten des Schweizer Radios SRF1 am 1. Januar 2025 zu hören, „ist ein Autofahrer mit seinem Fahrzeug in eine Menschenmenge gerast, mitten auf der beliebten Ausgehmeile Burban Street. Die Behörden melden zehn Tote und 30 Verletzte. Der Mann sei wild entschlossen gewesen, so viel Schaden wie möglich anzurichten, sagt die Polizeichefin. Er habe nach seiner Fahrt aus dem Auto heraus auf die Polizei geschossen. Präsident Joe Biden hat den Verletzten und den Hinterbliebenen sein Mitgefühl ausgedrückt. Es gäbe, so Biden, keine Rechtfertigung für jegliche Art von Gewalt. Und weiter: Die Bundespolizei stufe das Ereignis als terroristischen Akt ein und werde die nötigen Untersuchungen einleiten.“

Gleichentags hat ein Amokläufer im montenegrinischen Cetinje sechs Menschen erschossen, darunter zwei Kinder. Und es ist erst zwölf Tage her, da raste an einem Weihnachtsmarkt in der Magdeburger Innenstadt ein Autofahrer in eine Menschenmenge, fünf Menschen – vier Frauen und ein neunjähriges Kind – starben, weitere 200 wurden verletzt, 41 von ihnen schwer. Der Täter, ein 50jähriger Saudi-Arabier, der 2006 nach Deutschland kam und im Jahre 2016 als politisch Verfolgter das Asylrecht erhielt, habe, so Bundesinnenministerin Nancy Faser, „unfassbar grausam und brutal gehandelt“. Der Anschlag löste in Deutschland eine immense politische Debatte mit dermassen massiven gegenseitigen Schuldzuweisungen aus, dass ein paar Tage später nicht nur die AfD, sondern auch die CDU massive Verschärfungen des geltenden Asylrechts forderte, so etwa den Entzug des Aufenthaltsstatus für straffällige Flüchtlinge. Auch solle das Sicherheitspaket, das bereits nach dem Anschlag in Solingen vom 23. August 2024, bei dem ein syrischer Asylbewerber auf einem Volksfest drei Menschen niedergestochen hatte, verabschiedet worden war und unter anderem eine biometrische Gesichtserkennung und die Speicherung von IP-Adressen vorsieht, nun endlich rigoros umgesetzt werden. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder forderte sogar eine „Zeitenwende für die innere Sicherheit“.

Doch während sich halb Europa über drei Attentate mit insgesamt 21 Toten und 230 Verletzten ereifert, beläuft sich die Zahl der Todesopfer im Gazastreifen durch die israelischen Bombardierungen seit dem 7. Oktober 2023 sowie der dadurch verursachten Zerstörungen mittlerweile auf bald Hunderttausend, weitere über Hunderttausend leiden unter zum Teil schweren Verletzungen, ohne auch nur annähernd ausreichende ärztliche Versorgung zu bekommen. Mit der von der israelischen Armeeführung verfügten Schliessung des Kamal-Adwan-Spitals am 29. Dezember 2024 ist nun auch noch das letzte Spital in Nordgaza ausser Betrieb. Rund eine Million palästinensische Männer, Frauen und Kinder harren in notdürftig zusammengebauten Zelten aus, Tausende werden, abgeschnitten von Hilfslieferungen und medizinischer Versorgung, voraussichtlich den Winter nicht überleben. Bereits sind, in den letzten Tagen des abgelaufenen Jahrs, sechs Kleinkinder an Unterkühlung gestorben.

Im Sudan tobt weiterhin, nahezu unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, der derzeit weltweit wohl grausamste und verheerendste Krieg, ausgelöst durch den Machtkampf zweier Generäle, von denen jeder das ganze Land unter seine Gewalt bringen will und nicht zum kleinsten Kompromiss bereit ist. Opfer des Kriegs sind, wie immer, vor allem Frauen und Kinder. „Ein Junge“, so der „Tagesanzeiger“ am 20. November 2024, „hat soeben eine Heuschrecke gefangen. Er hält sie fest wie einen Schatz. Er wird sie sogleich essen. Doch es ist zu wenig, um lange durchzuhalten. Viel zu wenig. Ein paar hundert Meter entfernt kauert eine junge Mutter vor ihrem selbst gebauten Unterschlupf aus Ästen, Zweigen und Stroh. Der Blechtopf zu ihren Füssen ist leer. Im Moment hat sie nicht einmal eine Heuschrecke, die sie ihren Kindern anbieten kann… US-Schätzungen zufolge hat der Krieg im Sudan innerhalb von nunmehr 19 Monaten bis zu 150’000 Todesopfer gefordert. Mehr als elf Millionen Menschen sind auf der Flucht. Es droht eine Katastrophe, wie die Welt sie seit der grossen Hungersnot in Äthiopien 1985 nicht mehr gesehen hat: 25 Millionen Menschen haben zu wenig zu essen, 755’000 sind akut vom Hungertod bedroht. Und ein Ende der Gefechte ist nicht in Sicht… Was macht das mit der jungen Frau, wenn sie nichts tun kann, ausser zuzusehen, wie sich die kleinen Körper, Schritt um Schritt, selbst aufzehren?… Halma, eine Frau Mitte zwanzig, erinnert sich nicht genau, was sie und ihre vier Kinder in den vergangenen Wochen noch zu sich genommen haben. Eine volle Mahlzeit bekamen sie seit ihrer Flucht Ende April jedenfalls nie mehr… Als die Kämpfe ausgebrochen seien, sei Hakima, eine andere junge Mutter, mit ihren Kindern einfach losgerannt. Zehn Tage waren sie unterwegs. Zu Fuss, ohne Essen, ohne Hilfe. Die Mutter erinnert sich noch an ihre erste Begegnung mit Kämpfern der Miliz. Sie packten die Kinder und begannen sie zu verhören. Die Kinder sagten: Unsere Väter haben keine Waffen. Es hagelte Schläge, weil ihnen die Milizen keinen Glauben schenkten. Sie erzählt, wie die Milizen die Männer zu ihren Frauen schleppten und sie dann, vor deren Augen, erschossen. Eine andere Frau sagt: „Sie schlugen mich, bis ich nicht mehr stehen konnte.“ Und: „Sie machen mit dir, was sie wollen. Sie vergewaltigen die Frauen und die Mädchen.“… Bald bricht die Nacht herein. Hakima könnte noch losziehen. Geld hat sie keines, aber vielleicht findet sie jemanden, der mit ihr einen Becher Hirse teilt. Falls nicht, muss sie heute wohl noch auf einen Lalob-Baum klettern. Wenn die Menschen nichts mehr haben, pflücken sie die Blätter dieses Baumes, um sie zu zerkauen… Nach wie vor wird rund um die Nuba-Berge herum erbittert gekämpft, beide Generäle, Hemeti und Burhan, setzen auf Sieg, obwohl alle Experten sagen, dass sich die beiden längst in ein militärisches Patt manövriert haben und es weder für den einen noch für den anderen einen Sieg geben wird.“

Nicht nur im Sudan. Weltweit leidet jedes vierte Kind unter fünf Jahren unter schwerer Ernährungsarmut und jeden Tag sterben rund 10’000 Kinder unter fünf Jahren, weil sie nicht genug zu essen haben. Und wie die Kinder, so gehören auch die Frauen zu den Hauptleidtragenden von Machtkämpfen und Gewalt, nicht nur in jenen rund 60 Ländern, wo zurzeit Kriege wüten, sondern auch in den „friedlichsten“ und „demokratischsten“ Ländern der Welt: Alle zehn Minuten wird, gemäss einem Bericht der UNDOC und der UN-Women, eine Frau oder ein Mädchen getötet, weit mehr als die Hälfte von ihnen durch die Hand ihres Ehemanns oder eines nahen Angehörigen. Vollkommen unschätzbar und von keiner Statistik erfasst dagegen ist die Zahl jener der weltweit insgesamt 49 Millionen Flüchtlinge – die höchste Zahl aller Zeiten -, die auf der Fahrt mit einem der winzigen, schiffbrüchigen, von Schleppern für teures Geld erstandenen Fischerboote das Mittelmeer oder den Ärmelkanal zu überwinden versuchen und dabei den Tod finden, oder aber mit verbundenen Augen von tunesischen Soldaten mit Jeeps in die libysche Wüste transportiert, dort ausgeladen werden und innert weniger Tage elendiglich verdursten.

Der Unterschied ist: Während westliche Medien jedes Mal laut aufheulen und in aller Ausführlichkeit darüber berichten, wenn Amokläufer oder andere Fanatiker in Schulen, auf Weihnachtsmärkten oder in Einkaufsmeilen drei oder zwanzig Menschen töten, und dann wochenlang in der breiten politischen Öffentlichkeit über ganz und gar nichts anderes mehr debattiert wird, bleibt das tägliche Leiden und der tägliche Tod von Millionen Menschen fast gänzlich unsichtbar, als hätte man sich bereits so sehr daran gewöhnt, dass es gar keiner Schlagzeile mehr wert ist. Man kommt wohl kaum umhin, nicht nur das dermassen einseitige und willkürliche Medieninteresse als überaus zynisch und menschenverachtend zu bezeichnen, sondern auch die gesamte damit verbundene Rhetorik. Der gleiche Joe Biden, der gegenüber den Verletzten und Überlebenden des Attentats in New Orleans beteuert, es gäbe „keine Rechtfertigung für irgendeine Form von Gewalt“, hat nicht die Grösse, die gleichen Worte gegenüber dem Präsidenten eines befreundeten Staates aufzubringen, der mittlerweile rund hunderttausend Tote und eine noch höhere Zahl an Verletzten auf dem Gewissen hat. Worte wie jene der deutschen Innenministerin, wonach der Autofahrer, der in Magdeburg fünf Menschen tödlich verletzte, „unfassbar grausam und brutal gehandelt“ hätte, habe ich in dieser Deutlichkeit bisher noch von keinem europäischen Politiker gehört, wenn es darum ging, die Kriegspolitik Netanyahus zu beschreiben. Und der Begriff „Terrorist“ scheint nur einzelnen Amokläufern und durchgebrannten Autorasern vorbehalten zu sein, während man tunlichst vermeidet, diesen Begriff ebenso auf Staatsmänner anzuwenden, die, wie Ronald Reagan, George W. Bush oder Benjamin Netanyahu, insgesamt Millionen von Menschen auf dem Gewissen haben, oder etwa auf Männer, die ihre eigenen Frauen über Jahre hinweg quälen, prügeln, würgen und zu Tode foltern.

Als wäre es ein gewaltiges, global inszeniertes Ablenkungsmanöver. Denn so lange die „bösen“ Autoraser, Messerstecher und Amokläufer im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen und die Aufmerksamkeit eines von Sensation zu Sensation hastenden Weltpublikums von in Sekundenschnelle sich gegenseitig jagenden Schreckensbildern Tag und Nacht absorbiert wird, kommt schon gar niemand dazu, sich darüber Gedanken zu machen, wer und weshalb überhaupt ein Interesse daran haben könnte, dass auf diesem Planeten, wo das Leben so schön sein könnte, immer noch über 60 Kriege wüten, mehr denn je seit über 70 Jahren. Niemand kommt dazu, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie weit 500 Jahre koloniale Ausbeutung des Südens und damit verbundene künstliche Grenzziehungen wesentliche Ursachen sind für heutige Kriege wie jene im Sudan und in anderen Ländern des globalen Südens. Niemand kommt dazu, ernsthaft darüber nachzudenken, wie und weshalb und im Interesse wessen die UNO im Laufe von Jahrzehnten dermassen geschwächt wurde, dass sie bei allen diesen Konflikten, zu deren friedlicher Lösung sie doch einst geschaffen wurde, nur noch hilf- und machtlos zuschauen kann. Keine tiefschürfende Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems wird in Angriff genommen, um endlich jenen Wahnsinn zu entlarven, dass in einer Welt, wo insgesamt für die Ernährung der gesamten Menschheit mehr als genügend Nahrungsmittel zur Verfügung stehen würden, dennoch eine Milliarde Menschen hungern und 49 Millionen Menschen – mehr denn je zuvor – ihre Heimat verlassen mussten und unter permanenter Lebensgefahr eine neue Heimat suchen, weil die Lebensbedingungen zwischen den Ländern, wo sich Reichtum in immer grösserem Umfang anhäuft, und den Ländern, die als Quelle dieses Reichtums missbraucht und bis aufs Letzte ausgeblutet wurden, immer weiter auseinanderklafft. Auch die tägliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen wird nur in Form einzelner Schreckensmeldungen wahrgenommen und nicht als Spitze eines gewaltigen Eisbergs in Form einer patriarchalen Weltherrschaft, die sich durch jede noch so kleine Facette des täglichen Lebens gnadenlos hindurchzieht. Und nicht einmal die Klimakrise findet jene Beachtung, die sie doch eigentlich haben müsste, wenn man bedenkt, dass es dabei doch früher oder später um nichts anderes geht als um das Überleben der gesamten Menschheit. Auf geradezu absurde Weise geniessen die in ihrer Auswirkung geringsten Ereignisse den grössten Platz in der medialen Berichterstattung, in nichts damit vergleichbare Katastrophen wie der Krieg im Sudan kommen nur ganz am Rande vor und die existenziell weitaus gefährlichsten Bedrohungen wie der Klimawandel sind fast gänzlich aus dem Scheinwerferlicht der Medien verschwunden.

Individualgewalt und Systemgewalt. Mücken und Elefanten. Man muss nur genug beharrlich auf den Taten einzelner individueller „Bösewichte“ herumhacken und die Illusion am Leben erhalten, dass die ganze Welt gut und friedlich wäre, hätte man diese Übeltäter endlich unschädlich gemacht – um so den Blick zu versperren auf die wahren Übeltäter und Bösewichte in Form der herrschenden kapitalistischen und patriarchalen Machtsysteme, die man in ihrem ganzen historischen Ausmass von der Auslöschung der amerikanischen Urbevölkerung über den Sklavenhandel und alle im Namen von Kolonialismus und Imperialismus begangenen Verbrechen bis hin zur systematischen Zerstörung sämtlicher Lebensgrundlagen ehrlicherweise als das tatsächlich verheerendste und zerstörerischste terroristische Netzwerk aller Zeiten bezeichnen müsste, das in seiner Profitgier und dem verrückten Glauben an ein immerwährendes Wirtschaftswachstum auf Kosten der natürlichen Ressourcen nicht einmal davor zurückschreckt, selbst das Leben jener Generationen auszulöschen, die noch nicht einmal geboren wurden.

Damit diese systematischen täglichen Ablenkungsmanöver weiterhin wirkungsvoll bleiben, hoffen zweifellos all jene, die kein Interesse an der Aufdeckung der wahren Machtverhältnisse und einem daraus folgenden Verlust ihrer Privilegien haben, wohl stets sehnlichst darauf, dass möglichst bald wieder irgendein Verrückter austickt und alle mit dem Finger auf ihn zeigen können. Damit man weiterhin auf den Mücken herumtrampeln kann und die Elefanten möglichst lange unsichtbar bleiben…

Eine Weihnachtsgeschichte im Jahre 2024 aus einem der reichsten Länder der Welt…

Eigentlich war es die Idee von Jalil. Jalil ist der neunjährige Sohn von Esma und Malek, die vor zehn Jahren wegen des Bürgerkriegs aus Syrien fliehen mussten und seither in der Schweiz leben. Meistens etwa anfangs Dezember, wenn die Tage immer kürzer werden und der erste Schnee fällt, erzählen Esma und Malek ihrem Sohn, dass damals, bevor der Krieg ausbrach, sowohl die islamischen, wie auch die jüdischen und christlichen Feste immer gemeinsam gefeiert wurden, zusammen mit allen Nachbarn im Quartier, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Sprache, unterschiedlicher Kultur und unterschiedlicher Religionen Seite an Seite friedlich zusammenlebten.

Das wäre doch etwas, sagte Jalil eines Morgens, als er zum ersten Mal in diesem Winter, so Ende November, an einem der Nachbarhäuser die erste Lichterkette sah. Könnten wir nicht auch hier, in der Schweiz, miteinander Weihnachten feiern, Christen und Moslems und vielleicht auch andere Religionen und vielleicht auch solche, die an überhaupt keinen Gott glauben? Esma und Malek waren zwar zunächst etwas skeptisch, denn bisher hatten sie hier in der Schweiz die meisten ihrer Nachbarn als ziemlich verschlossen erlebt, nur selten begegnete ihnen ein freundliches Lächeln, selten ein Gruss, viel öfter abwehrende Blicke, vor allem wegen des Kopftuchs von Esma, das die meisten sehr zu stören schien.

Doch Esma und Malek wollten ihrem Sohn nicht gleich zum Vornherein die ganze Freude verderben. Und ja, Jalil hatte auch schon ziemlich genaue Vorstellungen, wie man die Idee umsetzen könnte. Es lebten nämlich in dem Mehrfamilienhaus, wo sie wohnten, fünf Menschen ganz alleine in ihren Wohnungen, und weitere drei im Nachbarshaus. Man könnte doch, so stellte er sich das vor, diese acht Menschen einladen und mit ihnen gemeinsam Weihnachten feiern. Alle anderen hatten ja ihre Familien und ihre Verwandten, aber diese acht müssten dann an diesem Abend nicht, während andere fröhlich zusammen sein könnten, alleine und traurig in ihren Wohnungen sitzen. Nach und nach fanden auch Esma und Malek immer mehr Gefallen an der Idee. Es könnte ja auch, so dachten sie, eine Chance sein, sich besser kennenzulernen, mindestens diese acht einsamen Menschen, und nächstes Jahr vielleicht sogar alle anderen auch und in zwei oder drei Jahren vielleicht das ganze Dorf, wie damals in ihrer Heimatstadt.

Und dann ging es los. Jalil zeichnete schöne, bunte Einladungskarten mit Sternchen und dem Jesuskind, mit Kamelen, einer Moschee und dem arabischen Halbmond, alles zusammen im gleichen Bild. Esma schrieb den Text für die Einladung. Und Malek warf die Karten zwei Wochen vor Weihnachten in die acht Briefkästen in ihrem und dem Nachbarhaus. Ein kleiner Weihnachtsbaum aus Plastik wurde gekauft, mehr lag nicht drin, doch Jalil faltete aus verschiedenfarbigem Papier so viele bunte Vögel und hängte diese an den Baum, dass man ihn selber vor lauter Papiervögeln am Ende fast nicht mehr sehen konnte. Fürs Essen aber wurde an nichts gespart. Ihre eigenen Mahlzeiten hatten Esma und Malek eine Woche lang auf das absolute Minimum beschränkt, am Weihnachtsabend aber durfte es an nichts fehlen, die Gäste sollten mit einem wahren Festmahl beglückt werden wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Jetzt ist es sieben Uhr. Der Zeitpunkt, den Esma auf die Einladungskarten geschrieben hatte. Alles ist bereit. Das Essen füllt den Tisch bis an den Rand. Ein paar brennende Kerzen verleihen dem winzigen Essraum, in den sich bald schon elf Leute hineinquetschen werden, eine feierliche Atmosphäre. Alle warten gespannt…

Sieben Uhr dreissig. Ausser mir ist noch niemand gekommen. Malek und Esma haben das Essen noch einmal in den Ofen geschoben, damit es nicht kalt wird. Ihre Gesichter und das von Jalil werden länger und länger. Als um acht Uhr immer noch keiner der anderen sieben Eingeladenen da ist, ruft Esma ihre beste Freundin an, ebenfalls eine Flüchtlingsfrau aus Syrien, die mit ihrem Mann und zwei Töchtern am anderen Ende des Dorfes wohnt. Und während eine Viertelstunde später die vier Erwachsenen aus Syrien, ihre drei Kinder und ich rund um den Tisch sitzen, auf dem jetzt alle Köstlichen wieder bereit stehen, fehlt von allen anderen Eingeladenen immer noch jede Spur…

In diesem Augenblick fährt vor dem Haus auf der gegenüberliegenden Seite der Strasse ein grosses weisses Auto vor, lachende Menschen steigen aus, tragen stapelweise aufeinander geschichtete Geschenkpakete, riesige Schüsseln mit Salaten und Schokoladencrème die Treppe hoch und verschwinden nach und nach in dem mittlerweile hell erleuchteten Haus, von dem man munkelt, dass hier die reichste Familie des Dorfes wohnt.

Den dort mit der schwarzen Kappe, platzt es in diesem Augenblick aus Malek heraus, den kenne ich doch, das ist doch der, welcher…

Und jetzt brechen alle diese Geschichten, wie wenn ein Damm geborsten wäre, aus Esma, Malek und ihren Freunden heraus, Geschichten, die sie entweder selber erlebt haben oder die ihnen von anderen syrischen Flüchtlingen erzählt worden sind, die inzwischen schon längst in eine andere Gemeinde umgezogen sind, weil sie den ständigen Druck, die allumfassenden Kontrollen, permanente Bevormundung, Fremdbestimmung und das Gefühl, als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden, einfach nicht mehr ausgehalten hatten. Weggezogen in irgendeine andere Gemeinde, wo es vielleicht ein bisschen weniger schlimm ist. So hatten sie zum zweiten Mal die Flucht ergriffen. Dieses Mal nicht vor Panzern und Raketen, sondern vor Gemeindebeamten, Lehrerinnen, Gemeinderäten, Schulbehörden und den ganz gewöhnlichen Einwohnerinnen und Einwohnern einer ganz normalen, durchschnittlichen Gemeinde in einem der reichsten Länder der Welt. Sprachlos höre ich zu. Und spüre immer mehr, wie wichtig es ihnen ist, diese Geschichten einem Schweizer erzählen zu können, der ihnen einfach aufmerksam zuhört, ohne schon gleich mit Abwehr und Misstrauen zu reagieren.

Alle diese Geschichten. Die Geschichte eines syrischen Vaters, der wegen eines Streits seines Sohnes mit einem gleichaltrigen Kind auf dem Pausenplatz den Vater dieses Kindes aufsuchte, um eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden, aber gar nicht erst zu Wort kam, sondern von diesem Vater sogleich beschimpft und ihm gedroht wurde, er würde sogleich die Polizei rufen, wenn sich der Syrier noch länger auf seinem Grundstück aufhalten würde. Die Geschichte einer syrischen Frau, die ihre in Finnland lebende Schwester, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, und deren Familie für eine Woche zu sich einladen wollte, was ihr aber vom Sozialamt nicht erlaubt wurde, weil dieses befand, in der kleinen Wohnung wäre nicht genug Platz für neun Menschen, auch wenn es bloss für eine Woche wäre. Die Geschichte einer anderen syrischen Frau, die zu ihrem bisher einzigen Festtagskleid ein zweites hinzukaufen wollte, was ihr aber von der zuständigen Sozialbeamtin verweigert wurde mit der Begründung, eines müsste doch genügen – wo doch diese Festlichkeiten im kargen Leben einer Flüchtlingsfamilie die seltenen, wirklich ganz überragenden Gelegenheiten für Fröhlichkeit und Lebensfreude sind und sich doch auch keine einzige Schweizerin dabei stets nur in einem einzigen, immer gleichen Kleid präsentieren möchte. Die Geschichte einer weiteren Frau aus Syrien, die mehreren Kindern in ihrer Wohnung privaten Arabischunterricht erteilte, was bei einer Lehrerin der Volksschule so heftige Anschuldigungen auslöste, dass sie das Unterfangen schliesslich wieder aufgeben musste – die Lehrerin hatte ihr Vorgehen damit begründet, dass diese Kinder dadurch nicht mehr richtig Deutsch lernen würden, obwohl allgemein bekannt ist, dass eine Fremdsprache viel besser erlernt werden kann, wenn man seine eigene Muttersprache möglichst gut beherrscht. Die Geschichte von zwei Schülern einer sechsten Klasse, der eine ein Schweizer, der andere ein Syrier: Obwohl der Syrier in seinem Schlusszeugnis bessere Noten hatte als der Schweizer, wurde er der Realschule zugewiesen, der Schweizer aber der Sekundarschule, dies, weil sich seine Eltern erfolgreich gegen die Empfehlung des Klassenlehrers gewehrt hatten, während sich Flüchtlinge nicht nur in diesem, sondern auch in allen anderen Fällen, wo sie sich ungerecht behandelt fühlen, kaum je zu wehren oder aufzumucken wagen, weil sie stets zusätzliche Repressalien befürchten und die Gefahr, dass ihnen dies bei einem möglichen späteren Einbürgerungsverfahren zur Last gelegt werden könnte. Und schliesslich die Geschichte eines weiteren syrischen Oberstufenschülers, der wegen geringfügigen „Fehlverhaltens“ wie unerledigter Hausaufgaben oder zu lauten Sprechens während des Unterrichts aus der Schule geworfen wurde und drei Monate lang zu Hause bleiben musste, worauf dessen Eltern eines Tages wie ein Blitz aus heiterem Himmel von der Schulbehörde vorgeladen und ihnen mitgeteilt wurde, man hätte beschlossen, ihren Sohn in eine psychiatrische Klinik einzuweisen – ohne dass, was in solchen Fällen unerlässlich ist, ein medizinisches Gutachten vorlag und ohne dass, was ebenfalls unabdingbar ist, den Eltern das rechtliche Gehör gewährt wurde und sie den Entscheid nicht einmal in schriftlicher Form erhielten, was ebenfalls rechtlich zwingend wäre, damit ein Rekurs gegen den Entscheid ergriffen werden könnte. Nur weil der Vater eines ehemaligen Mitschülers des betroffenen Jugendlichen, ein Schweizer, von der Sache Wind bekam, sich einmischte und das missbräuchliche Vorgehen der Behörden auffliegen liess, konnte die Einweisung in eine Klinik rechtzeitig abgewendet und der Jugendliche wieder einer regelmässigen normalen Beschulung zugewiesen werden.

Ich bin tief betroffen. Einen solchen Weihnachtsabend habe ich noch nie erlebt. Ich werde das alles mitnehmen, sage ich, und noch heute in der Nacht eine Geschichte schreiben, eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahre 2024, aus einem der reichsten Länder der Welt.

Inzwischen sind die Kerzen schon fast zur Hälfte abgebrannt. Eigentlich wäre es ja viel schöner gewesen, man hätte einen gemütlichen Abend verbringen können. Aber das wortlose Fernbleiben der eingeladenen Gäste und die plötzlich wieder aufgebrochenen Erinnerungen an so viele Demütigungen von Menschen, die unter so leidvollen Bedingungen ihre ursprüngliche Heimat aufgeben mussten und trotz allen guten Willens dennoch bis heute immer noch keine echte neue Heimat finden konnten, waren einfach viel zu übermächtig.

Und auf einmal, weil ich ja der einzige Christ in der Runde bin, fragt mich Jalil, weshalb denn eigentlich Weihnachten gefeiert werde und was genau der Sinn davon sei. Ich erzähle ihm die Geschichte von Maria und Josef, die sich infolge einer vom römischen Kaiser Augustus angeordneten Volkszählung an den Heimatort von Josef begeben mussten, nach Bethlehem. Als sie in keiner Herberge Platz fanden, weil alles voll war, suchten sie in einem Stall Unterschlupf, wo ihr Kind zur Welt kam, ein ganz aussergewöhnlicher Mensch, wie sich später zeigen sollte. Viele nennen ihn „Sohn Gottes“, für andere ist er einfach ein überaus vorbildlicher Mensch, dessen Botschaft vom Frieden und von der Nächstenliebe unzählige Menschen elektrisierte und uns bis heute, über 2000 Jahre, immer noch tief berührt und gerade in einer so sehr von Hunger, Armut und Kriegen geplagten Welt aktueller ist denn je. Ja, erkläre ich Jalil, eigentlich ist Weihnachten das Fest der Nächstenliebe. Doch im gleichen Moment, da ich das Wort sage, wird mir gleichzeitig bewusst, wie schwer es mir gefallen ist, es über die Lippen zu bringen.

Später räumen Esma und Malek die übrig gebliebenen, während so vieler Stunden gekochten und gebackenen Köstlichkeiten wieder vom Tisch. Die Kerzen sind jetzt endgültig niedergebrannt und auch die anderen Gäste sind inzwischen wieder gegangen. Aus dem Haus auf der anderen Seite der Strasse tönt immer noch fröhliches Gelächter, fast ein wenig schmerzend. Jalil hat die Papiervögel vom kleinen Plastikbaum wieder abgenommen und fein säuberlich nebeneinander auf die Kommode gelegt. Ob man das Bäumchen wohl noch ein weiteres Mal brauchen wird? Als ich mich verabschiede und für alles bedanke, sagt Esma: „Ab heute gehörst du zu unserer Familie. Du brauchst dich nicht anzumelden, nicht vorher anzurufen, du musst nicht einmal an der Türe klopfen, du kommst einfach herein, jederzeit.“

Inzwischen hat sich die Nacht wieder in ihrer vollen Schwärze über das Dorf gelegt. Über dieses Dorf, wo alles in schweizerischer Perfektion und Gründlichkeit funktioniert, millimetergenau, im Sekundentakt, fehlerfrei auf jeden Punkt und jedes Komma gebracht. Wo wirklich alles funktioniert. Alles ausser die Liebe.

Anmerkung 1: Die Rahmenhandlung dieses Textes ist erfunden, beruht aber auf tatsächlichen Begebenheiten und Erfahrungen von syrischen Flüchtlingen im Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung einer schweizerischen Kleinstadt. Sie könnte sich zweifellos genau so ereignet haben. Die im Text erwähnten Beispiele von Geschichten, welche syrische Flüchtlinge in dieser Stadt erlebt haben (inkl. Fast-Einweisung eines Jugendlichen in eine psychiatrische Klinik), sind aber alle 1:1 authentisch.

Anmerkung 2: Als Esma den Artikel gelesen hatte, schrieb sie mir, es tue ihr so leid, dass ich an diesem Tag so traurig gewesen sei. Was für wunderbare Menschen. Haben so viel Leid erfahren und bedauern dann sogar noch, dass mich das traurig macht und ich nicht so richtig unbeschwert und fröhlich Weihnachten „feiern“ konnte.

Syrien, 7. bis 20. Dezember 2024: „Wie wunderschön wäre es, wenn ich meinen Kindern ein sicheres und friedliches Syrien zeigen könnte!“

Bahira und Ahmad aus Syrien, die ihre Heimat im Jahre 2014 wegen des Bürgerkriegs verlassen mussten und seither in der Schweiz leben, sind ausser sich vor Freude über den Sturz des Assad-Regimes. Sie hätten zwar bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 ein gutes Leben gehabt, der Wohlstand sei ziemlich gerecht verteilt gewesen, die verschiedenen ethnischen und religiösen Minderheiten hätten friedlich zusammengelebt. Aber es sei eben zugleich eine brutale Diktatur gewesen, ohne Meinungsfreiheit. Regimekritiker seien gnadenlos verfolgt worden, lebenslange Inhaftierungen und Folterungen seien an der Tagesordnung gewesen. Und deshalb sind sie jetzt so glücklich, voller Optimismus und Hoffnung auf bessere Zeiten.

Diese besseren Zeiten wünschte man sich ihnen und dem ganzen syrischen Volk noch so sehr. Werfen wir aber einen näheren Blick auf die sich überstürzenden Ereignisse der letzten Tage, so müssen unweigerlich eine Unmenge an Zweifeln und offenen Fragen aufkommen…

Anhand von Zeitungsausschnitten seit dem 7. Dezember 2024 im Folgenden der Versuch, einigen dieser Zweifel und offenen Fragen auf die Spur zu kommen…

Tagblatt, 7. Dezember 2024: Seit einer Woche befindet sich ein von der syrischen Islamistengruppe Haiat-Tahrir al-Scham (HTS) angeführtes Rebellenbündnis auf dem Vormarsch. Nach dem Fall der Millionenmetropole Aleppo nahmen die Brigaden der rund 25’000 Mann starken Extremistenvereinigung neben mehr als 200 Dörfern und Positionen zuletzt die Stadt Hama ein. Das Ziel der Rebellenallianz ist nach Worten ihres Anführers Abu Mohammed al-Julani der Sturz von Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Der 42Jährige Al-Julani hat sich vor acht Jahren von der im Irak entstandenen Terrororganisation Al Kaida abgespaltet, um sich in Syrien auf den Kampf gegen das Assad-Regime zu konzentrieren. Seither versucht er, seiner Gruppe einen moderaten Anstrich zu verpassen. Der aus Syrien stammende amerikanische Terrorexperte Hassan Hassan charakterisiert ihn aber anders: „Al-Julani lässt sich am besten als ein Syrer beschreiben, der aus demselben Holz geschnitzt ist wie die Assads: brutal und zynisch, mit der Tendenz, immer als Sieger hervorzugehen.“ Al-Julani sei es gelungen, die Führer der beiden grössten Terrororganisationen der Welt zu überlisten. Sein Ziel sei es, die HTS zu einem toleranten Äquivalent der Taliban aufzubauen. Zehntausende Syrierinnen und Syrer, vor allem Angehörige der alawitischen Minderheit, sowie chaldäische und armenische Christen sind bereits aus der Region Aleppo geflohen, weil sie befürchten, dass Al-Julani ein Kalifat nach dem Vorbild der Taliban aufbauen wird, sobald er seine Macht konsolidiert hat. Hauptgrund für den Zusammenbruch des Assad-Regimes in weiten Teilen Nordsyriens ist der taktische Sieg der israelischen Armee über die Hisbollah im Libanon. Um die proiranischen Milizionäre entscheidend zu schwächen, hatte die israelische Luftwaffe auch in Syrien zahlreiche Stellungen der Hisbollah, den iranischen Revolutionsgarden sowie der Assad-Truppen massiv bombardiert. Von dem so entstandenen militärischen Vakuum haben die Verbände der HTS zweifellos profitiert. Dass Russland gleichzeitig Truppen, Flugzeuge und Militärgerät aus Syrien abgezogen hat, spielt den Islamisten, die umfangreiche Militärhilfe aus der Türkei erhalten, ebenfalls in die Karten. Selbst die Ukraine rühmt sich, die HTS durch Lieferung von kriegserprobten Kampfdrohnen zu unterstützen.

Was hier als ein sich auf dem Vormarsch befindliches „Rebellenbündnis“ bezeichnet wird, ist in Tat und Wahrheit doch nichts anderes als ein Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat, von der HTS Seite an Seite mit Israel und der Türkei geführt, zusätzlich sogar noch von der Ukraine unterstützt – die nichts unversucht lässt, Russland wo immer zu schwächen – und mit den USA als „Schirmherr“ im Hintergrund, vergleichbar mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, bloss mit dem Unterschied, dass Russland im März 2022 als Aggressor gegen den Westen an den Pranger gestellt wurde, während die HTS und ihre Verbündeten als Kämpfer für Freiheit und Demokratie von diesem gleichen Westen nun hochgejubelt werden. Was für eine abgrundtiefe Doppelmoral. Dass die USA die gleiche HTS, die jetzt diesen Krieg anführt, als „Terrororganisation“ eingestuft und auf dessen Anführer Al-Juani ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar ausgesetzt hat, scheint plötzlich keine Rolle mehr zu spielen, so etwas scheint einfach zum Spiel zu gehören. Wie auch zum Spiel zu gehören scheint, dass bereits Zehntausende von Menschen aus Angst vor einem drohenden Kalifat aus der Region Aleppo geflohen sind. Alles offenbar nicht so schlimm und keiner grösseren Schlagzeile wert, denn die würde das Bild von dem heldenhaften Aufstand eines gebeutelten Volks gegen seinen brutalen Unterdrücker nur unnötig stören…

Tagesanzeiger, 7. Dezember 2024: Nach dem Vormarsch der HTS ist Assads Herrschaftsgebiet nur noch ein Rumpfstaat. Seine Schwäche ermutigt auch andere Gegner, von denen es im Land viele gibt. Zum Beispiel den islamischen Staat (IS), der in der syrischen Wüste überlebt hat. Anders als in früheren Jahren fallen die Verbündeten des Diktators aus – er kann kaum noch auf Russland zählen, ebenso wenig auf den Iran und die Hisbollah. Das einflussreichste Land in Syrien ist nun die Türkei. Erdogan hat zwei Ziele: Das eine ist, dass syrische Geflüchtete aus der Türkei in ihr Land zurückkehren, denn wegen der mehr als drei Millionen Syrierinnen und Syrier in der Türkei steht Erdogan innenpolitisch unter Druck. Das zweite ist, dass Erdogan eine Lösung für den Konflikt mit den Kurden sucht. Er erhofft sich wohl, dass die syrischen Rebellen auch die kurdischen SDF-Verbände zurückdrängen, zusammen mit der Syrischen National Army (SNA), die unmittelbar auf die Befehle aus Ankara hört.

Der Kampf um die Vorherrschaft im entstehenden Machtvakuum ist in vollem Gange. Nichts kann dies mehr verdeutlichen als die Aussage des türkischen Präsidenten, er hoffe, dass der Marsch der Rebellen „bis Damaskus“ weitergehe…

Sonntagszeitung, 8. Dezember 2024: Aleppo war bis zum Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 eine christliche Hochburg. Rund 250’000 Christen lebten da, mehrheitlich arabisch sprechende und Armenier, aufgeteilt in elf verschiedene Konfessionen. Seither ergriffen die meisten von ihnen die Flucht, die christliche Bevölkerung schrumpfte auf zuletzt 20’000 Personen. Unter ihnen macht sich nun Panik breit. Viele befürchten, dass es mit ihrer jahrtausendealten Kultur endgültig zu Ende gehen könnte. Joel Veldcamp vom christlichen Hilfswerk CSI meint, die Machtübernahme durch die HTS müsse nicht unbedingt die Vertreibung oder den Tod von Christen bedeuten, in der Regel würden diese aber als „Ungläubige“ zu Bürgerinnen und Bürgern zweiter Klasse degradiert. Sie dürften dann vor Gericht nicht gegen Muslime aussagen, müssten mehr Steuern zahlen und dürften die Religion nicht mehr öffentlich leben.

Der im Westen so pauschal als „brutaler“ und „menschenverachtender“ Diktator dargestellte Bashir al-Assad war immerhin, was in der westlichen Berichterstattung beinahe völlig unterschlagen wird, Garant dafür, dass in seinem Land viele verschiedene Glaubensrichtungen zugelassen waren und deren Angehörige friedlich zusammenlebten, wie das Beispiel von Aleppo zeigt. Die grosse Massenflucht infolge religiöser Unterdrückung war nicht eine Folge von Assads Herrschaft, sondern eine Folge des Bürgerkriegs ab 2011. Joel Veldcamp vom CSI weist deshalb auch darauf hin, dass Diktatoren für religiöse Minderheiten meistens das kleinere Übel seien als die Islamisten. Sollten sich, so Veldcamp, die USA jetzt offiziell auf die Seite der HTS stellen, wäre dies für die Christen eine Katastrophe. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass die USA Islamisten unterstützen würden, um ihre strategischen Ziele durchzusetzen, man erinnere sich an die Unterstützung der Taliban durch die USA im Kampf gegen die mit der Sowjetunion liierte Regierung Afghanistans oder die Unterstützung islamistischer Milizen mit dem Ziel, den libyschen Machthaber al-Ghadaffi zu stürzen.

Watson, 8. Dezember 2024: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sprach nach dem Sturz von Assad von einem „historischen Tag in der Geschichte des Nahen Ostens“ und fügte hinzu, Assads Sturz sein ein „direktes Ergebnis der Schläge, die wir dem Iran und der Hisbollah versetzt haben.“ Dies habe eine „Kettenreaktion“ im Nahen Osten ausgelöst. Nun gebe es „wichtige Gelegenheiten“ für Israel…

Echt nun also was? Der mutige Volksaufstand gegen einen „blutrünstigen Diktator“? Oder die Gelegenheit für eine islamistische Terrororganisation, an einer geopolitisch so bedeutungsvollen Stelle ihr so lange ersehntes Kalifat zu errichten? Oder gar die Verwirklichung des zionistischen Traums eines jüdischen Grossreichs weit über die Grenzen des bisherigen Israel hinaus? Und wenn vielleicht sogar alles gleichzeitig, wie würde dann Israel mit einem Kalifat in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zurechtkommen? Und was würde das alles für das soeben von Assad „befreite“ syrische Volk bedeuten?

Tagesanzeiger, 9. Dezember 2024: Der Kreml, so Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, habe entschieden, Syrien aufzugeben, was eine „enorme strategische Niederlage für Russland“ darstelle. Der Verlust der Position am östlichen Mittelmeer zeige, dass Russland militärisch „nicht mehr in der Lage“ sei, seine Verbündeten zu verteidigen. Bereits gebe es Stimmen im Iran, die an der Allianz mit Russland zu zweifeln begännen. Es sei sogar denkbar, dass Assads Sturz einen Einfluss auf den Ukrainekrieg haben könnte, denn ein grosser Teil von Russlands Waffen stamme aus dem Iran. Den Vertrauensverlust sehe man zum Beispiel auch in libanesischen Zeitungen, wo unter anderem zu lesen sei, Russland sei „zu einem Zwerg geschrumpft“.

Nicht zum ersten Mal erweist sich der an der Universität Bern lehrende „Islamwissenschaftler“ Reinhard Schulze als Repräsentant jenes alten Denkens, das man im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion nur zur Genüge kennt. Den Rückzug Russlands aus Syrien sieht er als „enorme strategische Niederlage“. Ja wäre es denn besser gewesen, Russland hätte bis zum bitteren Ende für das Assadregime gekämpft und sinnlos Abertausende Menschen geopfert? War der Rückzug nicht die denkbar weiseste Entscheidung, um weiteres unnötiges Blutvergiessen zu verhindern? Schulze scheint es nachgerade auszukosten, dass Russland auf diese Weise zu einem „Zwerg“ zu schrumpfen und seine ehemaligen Verbündeten nach und nach zu verlieren droht. Doch ist dadurch einer echten Friedensordnung im Nahen Osten gedient? Sollen nun die „Sieger“ in diesem historischen Konflikt – USA, Israel, die Türkei und die ihr vorgeschobenen Rebellenverbände – auf den „Verlierern“ – Restsyrien, Iran, Hisbollah, Russland – so lange herumtrampeln, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt? Wie bei einer Schlägerei zwischen Jugendlichen: Liegt der eine schon am Boden, trampelt der andere so lange weiter auf ihm herum, bis er sich nicht mehr bewegt. Wäre es nicht endlich an der Zeit, solchem „Triumph- und Siegerdenken“ ein Ende zu bereiten? Sich nicht darüber zu freuen, dass Russland nun endlich zu einem „Zwerg“ geschrumpft ist – denn eine solche massive Demütigung muss doch früher oder später immense Rache- und Wiedergutmachungsgefühle auslösen und die gegenseitige Gewaltspirale nur immer weiter anheizen -, sondern, im Gegenteil, Hand zu bieten für eine gemeinsame Lösung, die für alle Beteiligten akzeptabel ist und das jahrzehntelange Gegeneinander endlich in ein konstruktives, zukunftsbezogenes Miteinander verwandelt. Bedenklich, dass auf Lehrstühlen Schweizer Universitäten immer noch so ewiggestrige „Wissenschaftler“ und „Experten“ sitzen…

Tagblatt, 10. Dezember 2024: Wie schon früher, hat die von der Türkei gesteuerte Syrian National Army (SNA) nun eine Offensive gegen die kurdisch dominierten SDF bei der Stadt Menbidsch im Norden Syriens lanciert – unterstützt von der türkischen Luftwaffe. Auch verfolgt die Türkei nach wie vor ihr Ziel, die Kurdische Arbeiterpartei (PKK), die „Mutter der SDF“, zu vernichten und die kurdische Autonomie im Nordosten Syriens zu beenden. Praktisch zeitgleich versuchen Gruppen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Nordosten IS-Dschihadisten zu befreien, welche die SDF seit Jahren in Gefängnissen und Lagern festhalten. Um dies zu verhindern, fliegt die amerikanische Luftwaffe zahlreiche Einsätze gegen die IS-Terroristen. Eine drohende Zersplitterung Syriens scheint also zumindest im Nordosten wahr zu werden.

Türkische Luftwaffe? IS? Amerikanische Luftwaffe? Israel? Was um Himmels Willen haben die alle in Syrien verloren? Ist Syrien jetzt, da Assad gestürzt wurde, eine Art Freiwild, an dem sich alle nach Lust und Laune austoben können?

Tagblatt, 10. Dezember 2024: Die riesige Kluft zwischen dem Lebensstandard der syrischen Bevölkerung und dem der ehemaligen syrischen Präsidentenfamilie war einer der Gründe, wieso die Einnahme des Palastes innert weniger Stunden zum Massenspektakel wurde. Unter anderem wurden dort über 40 Luxusfahrzeuge, darunter ein Rolls Royce, entdeckt.

Zweifellos stossend in einem Land, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter Hunger leiden. Aber westliche Medien könnten, wenn es um soziale Gegensätze geht, beispielsweise auch erwähnen, dass jeden Tag weltweit 10’000 Kinder unter fünf Jahren sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Zwar nicht unbedingt in Ländern, in denen es gleichzeitig sagenhaften Reichtum gibt, aber innerhalb des weltweit vernetzten kapitalistischen Wirtschaftssystems, in dem der Hunger in Afrika eine unmittelbare Folge des Überflusses in den reichen Ländern des Nordens ist, denn in einem einzig und allein auf Profitmaximierung fixierten Wirtschaftssystem fliessen die Güter eben nicht dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo man mit ihrem Verkauf am meisten Geld verdienen kann. Und diese westlichen Medien, wenn sie schon den Reichtum von Assad anprangern, müsste dann ehrlicherweise auch darauf hinweisen, dass neun von den zehn reichsten Männern der Welt US-Amerikaner sind, von denen der reichste, Jeff Bezos, mit 243 Milliarden Dollar ein Vermögen besitzt, welches jenes von Assad um das etwa 200fache übertrifft. Bezeichnend für die gesamte westliche Berichterstattung über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Syrien ist auch, dass die Schuld an sämtlichen Missständen ausschliesslich dem Assad-Regime in die Schuhe geschoben wird, nur selten aber die vom Westen seit Jahrzehnten gegen Syrien verhängten Wirtschaftssanktionen erwähnt werden, die zu einem wesentlichen Teil für die katastrophalen Lebensbedingungen im heutigen Syrien mitverantwortlich sind. „Die Sanktionen“, so stellt das christliche Hilfswerk CSI fest, „haben keine politische Lösung in Syrien herbeigeführt. Im Gegenteil, sie haben zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit beigetragen. Infolgedessen haben Millionen Zivilisten einen stark eingeschränkten Zugang zu Nahrungsmitteln, Treibstoff und Medikamenten. Das ohnehin schon stark betroffene syrische Volk leidet wegen der verhängten Sanktionen um ein Vielfaches mehr.“

Tagblatt, 10. Dezember 2024: Die USA und Grossbritannien erwägen, die für den Sturz des syrischen Präsidenten verantwortliche Rebellengruppe HTS von ihrer Terroristenliste zu streichen, hätten diese doch „bislang die richtigen Dinge gesagt und getan“…

So schnell geht das. Kennen wir doch schon lange. Jedes Schaf lässt sich in einen Wolf verwandeln und umgekehrt. Kommt einzig und allein drauf an, was gerade am meisten nützt oder schadet. Sogenanntes westlich-demokratisches „Wertesystem“. Vielleicht können die USA statt der HTS nun die israelische Regierung auf ihre Terrorliste setzen. An Begründungen dürfte es nicht fehlen…

Tagblatt, 10. Dezember 2024: In Assads Horrorknast, dem berüchtigten Saidnaja-Gefängnis in der Nähe von Damaskus, wird mit allen Mitteln nach Wegen gesucht, um die weiterhin in den Kerkern schmorenden Insassen zu befreien. Es wird vermutet, dass bis zu 90 Meter unter dem Boden versteckte Zellen liegen. Bilder und Videos von befreiten Häftlingen zeigen abgemagerte, teilweise verstörte Menschen. In einem Video ist ein Kleinkind zu sehen, das mutmasslich im Gefängnis geboren wurde.

Dass Abertausende politisch Verfolgte während der Regentschaft Assads in Militärgefängnissen verschwanden, ist unbestritten und soll auch unter keinen Umständen schöngeredet werden. Dennoch muss man im Zeitalter von KI beim Betrachten solcher Bilder und Videos vorsichtig sein. Anhand zahlreicher Faktenchecks hat die „Deutsche Welle“ am 13. Dezember einen Bericht publiziert, wonach Fake News nicht selten sind. So etwa entpuppte sich das Foto eines angeblichen Gefangenen aus dem Saidnaja-Gefängnis, der mit weit aufgerissenen Augen aus einem Loch kriecht, als ein am 3. Dezember auf TikTok veröffentlichtes, KI-generiertes Bild. Das in verschiedenen sozialen Netzwerken viral gegangene Bild eines abgemagerten, langhaarigen und in einer Zelle angeketteten Mannes entstand im August 2008 und ist auf der Webseite einer britischen Fotografie-Agentur zu finden. Mehrere, angeblich aus dem Saidnaja-Gefängnis stammende Bilder entstammen dem Youtube-Kanal des vietnamesischen Kriegsopfer-Museums, zeigen also Opfer US-amerikanischer Kriegsverbrechen. Auch die Aufnahme eines Kleinkindes, das sich angeblich in einer unterirdischen Zelle von Saidnaja befindet, durch eine kleine Öffnung in einem Haufen Schutt blickt und auf TikTok über 2,7 Millionen Aufrufe hat, erwies sich als Fake News. Zudem wurden gemäss „Deutscher Welle“ sämtliche bisher erhobenen Behauptungen über angebliche versteckte unterirdische Zellen im Saidnaja-Gefängnis widerlegt. Am 9. Dezember führte ein Team einer Freiwilligenorganisation, die mit regierungsfeindlichen Rebellen verbunden ist, eine gründliche Untersuchung des Gefängnisses durch und setzte dabei ausgebildete Suchhunde ein. Anschliessend teilte die Organisation mit, dass nach der Inspektion aller Eingänge, Ausgänge, Belüftungsschächte, Abwassersysteme, Wasserleitungen, elektrischen Verdrahtungen und Überwachungssysteme „keine versteckten oder versiegelten Bereiche festgestellt wurden“.

Tagblatt, 10. Dezember 2024: Nur einen Tag, nachdem Assad Syrien verlassen hatte, forderte SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi auf dem sozialen Netzwerk X einen „sofortigen Asylstopp für Syrer, da die Asylgewährungsgründe, sprich die Verfolgung durch das Assad-Regime, nicht mehr gegeben sind.“ Keine vier Stunden später teilte das Staatssekretariat für Migration (SEM) mit, dass Asylverfahren und -entscheide für Flüchtlinge aus Syrien per sofort sistiert würden.

Ist es übertrieben zu behaupten, dass das SEM mittlerweile so etwas ist wie der verlängerte Arm der SVP? Wohl kaum. Der Meister ruft, das Hündchen rennt. Alle anderen Parteien mit ihren möglicherweise anderslautenden Stellungnahmen scheinen schon gar nicht mehr zu existieren. Der SVP aber kann es gar nicht genug schnell gehen. Allen Ernstes spekuliert sie sogar mit der Idee, sämtliche syrische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzuschicken. Und das in ein Land, wo 13 Millionen hungern, sieben Millionen in Lagern oder provisorischen Unterkünften leben, viele Krankenhäuser in Schutt und Asche liegen, Abertausende schutzlos dem kommenden eisigen Winter ausgesetzt sind, an allen Ecken und Enden Menschen fieberhaft Landminen und nicht explodierte Waffen wegzuräumen versuchen und die israelische Armee gerade damit beschäftigt ist, vieles von dem, was noch übrig geblieben ist, in Schutt und Asche zu legen.

Tagblatt, 10. Dezember 2024: Der sich noch im Amt befindliche amerikanische Präsident Joe Biden spricht von „grundsätzlichen Unsicherheiten“ in Bezug auf Syriens Zukunft. Zum einen stehen die Anführer der HTS immer noch auf der US-Terrorliste. Zum anderen ist da die Terrormiliz IS, die, so Biden, versuchen werde, jedes Vakuum auszunützen, um ihre Macht zu erweitern. Um dies zu verhindern, griff die US-Force unmittelbar nach dem Sturz Assads mit Bombern vom Typ B-25 und Kampfflugzeugen F-15 und A-10 Stellungen des IS in Zentralsyrien an. Zudem plant die Biden-Administration die Kontrolle über Assads Chemiewaffen, ein höchst heikles Unterfangen. Und was sagt der zukünftige Präsident Trump? „In jedem Fall ist Syrien ein Schlamassel, aber es ist nicht unser Freund und die USA sollten damit nichts zu tun haben.“

Ein scheidender Präsident, der in den letzten Wochen seiner Amtszeit noch jede Menge Bomber und Kampfflugzeuge schickt, und ein angehender Präsident, der von einem „Schlamassel“ spricht und mit dem Ganzen nichts mehr zu tun haben will. Wo und wie wird das enden?

Tagesanzeiger, 10. Dezember 2024: Die Hamas im Gazastreifen und die Hizbollah im Libanon sind von der israelischen Übermacht dezimiert, wenn nicht aufgerieben worden. Nun haben die Iraner obendrein ihre Basis in Syrien verloren, die Mullahs stehen mit dem Rücken zur Wand. Netanyahu nutzt das, um sich selbstbewusster zum Vater des Sieges auch in Syrien zu erklären. Dies, so Netanyahu, sei ein „direktes Ergebnis der Schläge, die wir dem Iran und der Hizbollah versetzt haben“. Die aktuelle Bedrängnis, in der sich das iranische Regime befindet, könnte allerdings dazu führen, dass der Iran die Urananreicherung weiter beschleunigt, und dies könnte eine militärische Kettenreaktion auslösen. Netanyahu hat stets versprochen, die iranische Atombombe mit allen Mitteln zu verhindern. Mit breiter Brust und einem US-Präsidenten Donald Trump könnte sich Netanyahu nun ermutigt fühlen zu einem grossen Angriff. Vorerst aber sieht sich Netanyahu offensichtlich gedrängt, auf die neue Situation in Syrien zu reagieren, denn ein Islamistenstaat an den eigenen Grenzen wäre ebenso eine Bedrohung wie der Ausbruch eines Chaos innerhalb Syriens. Die israelische Armee hat deshalb bereits vorsorglicher Weise schnell reagiert. Vor zwei Tagen rückten Truppen in die rund 100 Kilometer lange Pufferzone zwischen dem israelisch kontrollierten und dem syrischen Teil der Golanhöhen ein und übernahmen zudem einen strategisch wichtigen, inzwischen verlassenen syrischen Armeeposten – die Bilder von israelischen Soldaten und israelischen Fahnen aus syrischem Gebiet machten in sozialen Netzwerken schnell die Runde. Und Netanyahu spricht bereits davon, dass der Golan „auf ewig“ zu Israel gehören werde. Schnell einsatzbereit zeigte sich auch die israelische Luftwaffe. Aus verschiedenen Teilen Syriens einschliesslich Damaskus wurden bereits zahlreiche Angriffe gemeldet. Aussenminister Gideon Saar bestätigte, dass man „strategische Waffensysteme“ wie etwa verbliebene Chemiewaffen oder Langstreckenraketen angreife, „damit sie nicht in die Hände von Extremisten fallen“. Und Verteidigungsminister Israel Katz kündigte an, dass diese Luftangriffe in den kommenden Tagen fortgesetzt würden. Das Militär werde „schwere strategische Waffen in ganz Syrien zerstören“.

Völkerrechtswidriges Eindringen Israels in die Pufferzone auf dem Golan und die Zerstörung strategischer Waffen in ganz Syrien, „mit breiter Brust“ und den USA im Rücken, wird damit gerechtfertigt, dass diese Waffen nicht in die Hände von „Extremisten“ fallen dürfen. Die Argumentation scheint zu genügen, um jeglicher internationaler Kritik an dieser Machtdemonstration Israels zum Vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, denn wer könnte schon ein Interesse daran haben, „Extremisten“ den Zugang zu Waffensystemen zu ermöglichen, mit denen sie eine drohende Machtergreifung militärisch absichern könnten. Ein Diskurs, der vollkommen ausblendet, dass Begriffe wie „Extremismus“ oder „Terrorismus“ aus westlicher Sicht bereits zum Vornherein dermassen willkürlich und einseitig gesetzt sind, dass kaum mehr irgendwer auf die Idee kommt, sie grundsätzlich zu hinterfragen. Denn würde man das tun, so müsste man unweigerlich zum Schluss gelangen, dass man mit dem gleichen Recht, mit dem die HTS oder der IS als „extremistisch“ oder „terroristisch“ bezeichnet werden, auch die israelische Führung, die mittlerweile über 90’000 Menschenleben im Gazastreifen auf dem Gewissen hat – direkte und indirekte Opfer der durch Israel verübten militärischen Gewalt – und im Westjordanland – weiterhin und erst recht auch im Windschatten des Syrienkonflikts – täglich schwerste Menschenrechtsverletzungen begeht, ebenso als „extremistisch“ und „terroristisch“ bezeichnen müsste. Wie man auch den Begriff der „Achse des Bösen“, mit dem immer nur Russland, der Iran, schiitische Milizen im Irak, die Hizbollah, die Hamas und die Huthi im Yemen gemeint sind, ebenso oder sogar noch viel begründeter auf die USA und ihre Verbündeten anwenden könnte, die seit 1945 für weltweit immerhin 45 Kriege und Militäroperationen hauptverantwortlich sind, welche insgesamt 50 Millionen Tote und 500 Millionen Verletzte zur Folge hatten. Doch weil die Geschichte auch heute noch nicht von den Opfern geschrieben wird, sondern immer und immer wieder von den Siegern „mit breiter Brust“, konnten sich alle diese Lügen, auf denen stets wieder neue Lügen aufgebaut werden, so tief in den Köpfen der westlichen Öffentlichkeit festsetzen, dass zwar alles aufheult, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, um eigene Machtinteressen zu schützen, aber niemand aufschreit, wenn Israel mit der genau gleichen Begründung fremdes Territorium überfällt, annektiert und mit Bombenteppichen übersät.

Tagesanzeiger, 11. Dezember 2024: Der schweizerische Ständerat will neben der palästinensischen Hamas auch die libanesische Schiittenmiliz Hizbollah verbieten. Die entsprechende Motion der Sicherheitspolitischen Kommission wurde mit 31 zu 1 Stimmen bei 10 Enthaltungen gutgeheissen.

Die Hizbollah gibt es seit 42 Jahren, die Hamas seit 37 Jahren. Dass der Ständerat – und wahrscheinlich nächstens auch der Nationalrat – ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren, da man die Existenz dieser Organisationen offensichtlich nicht grundsätzlich in Frage gestellt hat, diese verbieten möchte, ist wohl ein weiterer Ausdruck des Siegestaumels, in dem sich der Westen gerade befindet. Wenn man schon gerade dran ist, dann bitte so gründlich wie möglich – dass damit alle Fäden durchrissen werden, die vielleicht schon bald dringend nötig sein könnten, um wieder nur einigermassen etwas mit Frieden und Versöhnung Vergleichbares aufzubauen, scheint ganz und gar nicht bedacht zu werden bzw. wird gerade noch von einer einzigen (!) Gegenstimme in Erinnerung gerufen.

FOCUS-online, 11. Dezember 2024: Die deutsche Migrationsrechtlerin Sandra Göke warnt davor, syrische Flüchtlinge vorschnell zurückzuweisen bzw. ihre Asylgesuche gar nicht mehr erst zu bearbeiten: „Alles eskaliert zurzeit komplett. Ich habe seit gestern über 1000 WhatsApp-Nachrichten bekommen. Zusätzlich sind hunderte E-Mails eingegangen. Ich komme kaum noch hinterher, ans Telefon oder Handy zu gehen. Alle wollen wissen, wie es weitergeht, vor allem die Leute, die im Asylverfahren sind, aber auch jene, die bereits einen Aufenthaltstitel haben. Sie fragen sich: Bekomme ich noch eine Antwort auf meinen Asylantrag? Kann ich hierbleiben? Wie lange wird das Ganze dauern? Viele Männer haben ihre Frauen und Kinder in der Türkei in irgendwelchen Zelten sitzen. Nun ist wieder Winter, und der Druck ist gross, die Frauen und Kinder aus diesen Zelten herauszuholen. Insbesondere, weil viele Kinder in diesen Auffanglagern krank sind und keine medizinische Versorgung vorhanden ist. Der Druck auf die Männer ist enorm, jeden Tag rufen ihre Frauen weinend an, und das betrifft so viele Leute. Wir haben auch Leute, die schon viele Jahre hier sind, einen Aufenthaltstitel haben und sich eine Existenz aufgebaut haben. Auch unter ihnen geht die Angst um, dass ihre Existenz in Deutschland komplett wegbrechen könnte. Das Problem ist, dass die Leute über Jahre in eine Hängepartie geraten können, da die Situation in Syrien sich nicht so schnell stabilisieren wird. Besonders schlimm ist es für die Minderjährigen, die jetzt 18 Jahre alt werden und ihre Eltern nicht mehr nachholen können. Alles ist blockiert. Und die Politiker schauen nur darauf, wieder gewählt zu werden, und das funktioniert im Moment am besten, wenn man sich gegen Flüchtlinge und Ausländer positioniert. So etwa forderte CDU-Politiker Jens Spahn, für alle, die nach Syrien zurückwollten, Flugzeuge zu chartern und jedem ein Startgeld von 1000 Euro mitzugeben.“

Ähnlich werden die Diskussionen auch in der Schweiz laufen. Einmal mehr werden auch hierzulande Flüchtlinge zur Manövriermasse politischer Macht- und Ränkespiele. Schon ertönen auch Forderungen wie etwa jene, nur erwerbslose Flüchtlinge fortzuschicken oder solche, welche in Berufen tätig sind, wo sie durch Einheimische ersetzt werden können, auf keinen Fall aber Spezialisten, Fachkräfte und schon gar nicht Ärzte – obwohl diese ja, wenn schon, in ihrem Heimatland am allerdringendsten gebraucht werden könnten…

Tagesanzeiger, 11. Dezember 2024: Die israelische Luftwaffe zerstört seit vier Tagen Luftwaffenbasen wie diejenigen in Qamishli, Shinsar bei Homs und Aqraba bei Damaskus. Und das samt Flugzeugen und Technik. Auch Bodentruppen sollen in kleinerer Zahl vorgestossen sein. Allein bei den zwischen 250 und 300 Luftangriffen sollen Dutzende syrische Jets und Helikopter sowie Radarsysteme, Waffenlager und Depots für weitreichende Raketen getroffen worden sein. Experten gehen davon aus, dass Syriens Luftwaffe in wenigen Tagen komplett vernichtet sein wird, wenn die Israelis in diesem Ausmass weiterbombardieren. Die Rebellen haben keine Luftabwehr. Nach Ansicht Netanyahus darf das neue syrische Regime keine strategischen Waffen besitzen. Zur Zerstörung von Syriens Chemiewaffen-Programm wurden daher Depots, Produktionsstätten und das Forschungslabor in Barza bei Damaskus bombardiert.

Laut eigenen Angaben hat Israel insgesamt rund 480 Ziele attackiert. Ein klarer Verstoss gegen das Völkerrecht, wie Experten verschiedenster Länder einhellig übereinstimmen. Ben Saul, UN-Sonderberichterstatter für die Förderung der Menschenrechte, sagt, es gäbe keinerlei rechtliche Grundlage dafür, ein Land zu entwaffnen, nur weil man es nicht möge. Das könnte zu einem Rezept für ein weltweites Chaos werden, wenn andere Länder die gleiche Ideologie für sich in Anspruch nähmen. Viele Länder hätten Gegner, die sie gerne ohne Waffen sehen würden, doch das, was Israel mache, sei völlig gesetzlos. Auch George Katrougalos, ein weiterer UN-Sonderberichterstatter, sagt, was Israel mache, sei ein erneuter Fall von Gesetzlosigkeit, den Israel in der Region demonstriere: Angriffe ohne Provokation gegen einen souveränen Staat.

Tagesanzeiger, 13. Dezember 2024: Im Kampf gegen den IS hatten die Kurden im Nordosten Syriens ein Gebiet eingenommen, das mittlerweile etwa ein Drittel Syriens umfasst. Seitdem ist dort eine basisdemokratisch organisierte Regionalregierung entstanden. Rojava nennen viele dieses Gebiet, AANES heisst es offiziell. Und auch wenn man sich hier genauso wie anderswo über den Zerfall des Assad-Regimes freut: Die Zukunft von Rojava ist ungewiss. Al-Jolani, der Anführer der HTS, spricht zwar davon, auf alle ethnischen und politischen Gruppen in Syrien zugehen zu wollen. Aber viele seiner Männer haben früher für den IS gekämpft. Mancher dürfte den Wunsch verspüren, sich an den Kurden für die Niederlagen in den vergangenen Jahren zu rächen. Und im türkischen Präsidenten Erdogan könnten sie dafür sogar einen Verbündeten gefunden haben. Die kurdisch geprägte Selbstverwaltungszone ist der türkischen Regierung schon lange ein Dorn im Auge. Ein De-Facto-Staat südlich ihrer Grenze untergräbt aus Sicht Erdogans das eigene Vorgehen gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK in der Türkei, die dort und in der EU als Terrororganisation gilt. Erdogan unterstützt daher einige der Rebellengruppen, die Assad gestürzt haben, allen voran die Söldnergruppe Syrische Nationale Armee (SNA). Während die Kämpfer der HTS in Richtung Damaskus zogen, eröffnete die von der Türkei finanzierte SNA sofort eine Front gegen Rojava. Ziel der SNA ist es, die Kurden mithilfe der Lufthoheit, über die sie dank von der Türkei gelieferter Drohnen verfügen, hinter den Euphrat zu drängen. Bereits befinden sich etwa hunderttausend Kurden und Jesiden von der SNA umzingelt, Zehntausende sind inzwischen bereits mit Bussen, überfüllten Autos und Pritschenwagen in andere Gebiete der Selbstverwaltung geflüchtet. Doch dort ist niemand auf so viele Flüchtlinge vorbereitet. Es fehlt an Medizin, an genügend Nahrung und an Zelten, bereits sind Kinder an Unterkühlung gestorben. Doch internationale Hilfe ist bisher noch nicht eingetroffen, es droht eine humanitäre Katastrophe.

„Die im Lichte sieht man, die im Dunkeln sieht man nicht“ – diese Worte von Bertolt Brecht sind wieder einmal aktueller denn je. Während man in den Medien zu Boden geschleifte Assadstatuten und ganze Strassen voller tanzender, singender und jubelnder Menschen sieht, bleibt das Leiden des im Nordosten Syriens an Unterkühlung gestorbenen Kindes und seiner Abertausender Leidensgenossinnen und Leidensgenossen unsichtbar, es würde das Bild des westlichen Triumphs über die „Achse des Bösen“ nur allzu sehr stören…

Tagesanzeiger, 14. Dezember 2024: Um die Panik, mit der zurzeit Zehntausende Menschen die Region Rojava fluchtartig verlassen, zu verstehen, genügt nur schon die Geschichte von Sepan Ajo, einer 25jährigen Jesidin, die derzeit den Schweizer Nationalrat dazu bringen will, den islamistischen Terror in ihrer Heimat zum Völkermord zu erklären. Sepan Ajos Leidensgeschichte begann im August 2014, als Kämpfer der IS die nordirakische Region Sinjar an der Grenze zu Syrien überfielen, die Heimat von über einer halben Million Jesiden, einer ethnisch-religiösen Minderheit. Zuvor, so Sepan Ajo, hätte sie ein ganz normales Leben gelebt, sie sei in einer grossen Familie mit elf Geschwistern aufgewachsen, hätte Fussball gespielt und sei zur Schule gegangen. Doch an jenem Tag hätte sich alles geändert. Ihr Dorf sei beschossen und alle Bewohnerinnen und Bewohner in eine Schule zusammengetrieben worden. Der IS hätte die Männer getötet, darunter ihren Vater und einen ihrer Brüder und hätte sie in einem Massengrab verscharrt. Die Frauen und die Kinder seien voneinander getrennt worden. Die damals 15jährige Sepan und weitere Frauen und Mädchen seien nach Raqqua verschleppt worden, der damaligen Hauptstadt des IS-Kalifats. Dort sei sie dem IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani als Sklavin übergeben worden. Von da an hätte ihr Leben nur noch aus Hunger, Schlägen, Erniedrigungen und Vergewaltigungen bestanden. Sie hätte auch ihren Namen nicht mehr tragen dürfen, sondern sei Bakia genannt worden. Später sei sie im Haushalt von Abu Bakr al-Baghdadi gelandet, dem selbst ernannten Kalifen des IS. Dort hätte sie als Haussklavin gedient, hätte kochen, putzen und sich um die Kinder kümmern müssen. Fast täglich hätte Al-Baghdadi Mädchen und Frauen vergewaltigt. Sie hätte begonnen, im Geheimen ein Tagebuch über ihre Erlebnisse zu schreiben. Dieses sei eines Tages entdeckt worden und zur Strafe sei sie sieben Tage in einen Keller gesperrt worden, ohne Licht, mit nur etwas Wasser und wenig Fladenbrot. 2021 sollte sie in den Libanon gebracht und dort verkauft werden. Doch das Auto, in dem sie transportiert worden sei, sei auf eine Mine getroffen. Alle ihre Begleiter seien getötet worden, sie selber hätte schwere Verletzungen erlitten, ihre Beine trügen noch heute die Narben der Schrapnellsplitter. Nach sieben Jahren Folter und Isolation sei es ihr gelungen zu fliehen und sie hätte bei einer arabischen Familie im syrischen Daraa Zuflucht gefunden. Es sei ihr gelungen, mit ihrer Mutter Kontakt aufzunehmen. Diese sei zusammen mit vier ihrer Kinder im Rahmen eines humanitären Programms von Deutschland aufgenommen worden, dort aber sei ihre Mutter lebensgefährlich erkrankt. Sie hätte ihre todkranke Mutter noch einmal sehen und umarmen wollen, aber die Behörden hätten ihr Visum zu spät bewilligt. Zwei Wochen nach dem Tod ihrer Mutter hätte sie dann selber auch nach Deutschland reisen und dort bleiben können. Dort besuche sie jetzt die Grundschule und lerne Deutsch, das sie neben ihrer Muttersprache, dem Kurdischen, und Arabisch schon leidlich gut spreche. Für Sepan Ajo wäre die Anerkennung des IS-Terror gegen die Jesidinnen und Jesiden durch die Schweiz ein wichtiger Schritt, aber längst nicht der letzte, denn noch immer seien 2500 jesidische Frauen und Kinder vermisst, noch immer gäbe es Massengräber, die nicht geöffnet worden seien, und noch immer gäbe es Schläferzellen des IS.

Ob sie mit oder ohne Bart foltern, vergewaltigen und um sich herumballern, mit oder ohne Turban Bomben werfen oder mit dem Messer auf Wehrlose losgehen: Sie alle, egal welche Flagge sie vor sich hertragen und zu welchem Gott sie beten, sind Mörder und sie alle sind Männer, vom ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, der eine halbe Million Irakerinnen und Iraker auf dem Gewissen hat, dem israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu, der innerhalb nicht ganz eines Jahres in Gaza 90’000 unschuldige Menschen, zwei Drittel davon Frauen und Kinder, umbringen liess, über Bashir al-Assad, vor dessen Folterkellern nicht einmal Frauen und Kinder verschont blieben, und den islamistischen Fanatikern des IS , vor denen jetzt wieder Tausende von Kindern und Frauen auf der Flucht sind, bis zu den sudanesischen Generälen Abdad al-Burhan und Mohamed Hamdan Dagalo, die mit ihrem gegenseitigen kompromisslosen Machtkampf um die Regentschaft ein ganzes Volk in den Abgrund gerissen, Hunderttausende in die Flucht getrieben und eine humanitäre Katastrophe unbeschreiblichen Ausmasses ausgelöst haben, von der wiederum am allerhärtesten Frauen und Kinder betroffen sind, eine humanitäre Katastrophe, die aber heute, angesichts der Ereignisse in Syrien, bereits wieder aus sämtlichen Schlagzeilen verschwunden ist. Wer heute, in Bezug auf den Regierungsumsturz in Syrien, von einer „Zeitenwende“ und einem „Schritt von weltgeschichtlicher Bedeutung“ faselt, hat offensichtlich noch immer nicht begriffen, worum es geht. Von einer wirklichen Zeitenwende können wir frühestens dann sprechen, wenn das Patriarchat, das mit Abstand verheerendste Terrorsystem aller Zeiten, für immer überwunden ist.

NZZ am Sonntag, 15. Dezember 2024: Das Stillleben in der verwaisten iranischen Botschaft in Damaskus illustriert die Tragweite des Sturzes des syrischen Regimes von Bashir al-Assad. Zwischen zerbrochenem Glas und zertrampelten Postern des Diktators liegt ein zerrissenes Porträt von Hassan Nasrallah, dem einst mächtigen Chef der libanesischen Schiiten-Miliz Hizbollah, getötet im Herbst durch einen israelischen Angriff auf seinen Bunker in Beirut. Und auch das Konterfei des Obersten Führers der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Ali Khamenei, liegt zerstört im Schmutz. „Die Dominosteine fallen, einer nach dem andern“, sagt James Jeffrey, ehemals stellvertretender Sicherheitsberater unter George W. Bush und Syrien-Beauftragter der USA, und spricht von „tektonischen Veränderungen, die derzeit im Nahen Osten passieren“, letztlich ausgelöst von dem „fürchterlichen Angriff der palästinensischen Terrorgruppe Hamas auf den Süden Israels vom 7. Oktober 2023“, diesem „Wendepunkt der Geschichte des Nahen Ostens“, welcher sodann die Vergeltungsschläge Israels gegen die Hamas und gegen die Hizbollah zur Folge hatte und damit eine derart massive Schwächung der Verbündeten Assads, dass sich auch dieser nicht länger an der Macht halten konnte. Nun ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der nächste Dominostein, nämlich der Iran, fallen wird, denn, so Ali Vaez, Iran-Experte des US-Think-Tanks „Crisis Group“: „Irans Achse des Widerstands existiert schlicht nicht mehr. Sie beruhte vor allem auf einem direkten Landzugang von Teheran aus über Bagdad, Damaskus bis Beirut. Dieser Korridor ist nun weg. Es wird Iran schon allein deshalb nicht mehr gelingen, die Hizbollah und auch versprengte proiranische Milizen in Syrien wieder aufzurüsten. Die Huthi-Milizen im Jemen und die schiitischen Milizen im Irak sind die letzten noch intakten Teile der Achse, doch auch diese werden nicht mehr allzu viel bewirken können.“ Darauf hat der israelische Präsident Netanyahu nur gewartet und hat sich bereits in einer Videobotschaft an die iranische Bevölkerung gewendet, von der Möglichkeit eines Sturzes des iranischen Regimes gesprochen und dabei den Slogan der iranischen Frauenbewegung „Frauen, Leben, Freiheit, das ist die Zukunft des Irans“ zitiert. Israels Armeeführung, ermutigt durch die bisherigen Erfolge gegen die Hizbollah und den Iran, denkt nun bereits laut darüber nach, dass der Zeitpunkt für weitere Angriffe im Moment mehr als günstig wäre. Armeesprecher haben sich bereits dahingehend geäussert, dass israelische Militärjets nun, nach der Schwächung der Hizbollah und dem Ende Assads in Syrien, sichere Flugrouten fliegen könnten, um iranische Nuklearanlagen zu bombardieren. Und früher oder später könnte dann vielleicht sogar auch noch das irakische Regime ins Wanken geraten.

Will man dieser Argumentation folgen, war also der 7. Oktober 2023 der „Wendepunkt der Geschichte des Nahen Ostens“, an dem die „Achse des Bösen“ sozusagen ihr eigenes Grab zu schaufeln begonnen hätte und alles andere nur noch eine logische Folge davon gewesen wäre. Als wäre zuvor nichts gewesen. Als hätte es die gewaltsame Landnahme durch jüdische Einwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg nie gegeben. Als wären nie unzählige palästinensische Dörfer niedergebrannt und Tausende von Menschen in die Flucht geschlagen worden. Als hätten sich jüdische Siedler nie im Westjordanland widerrechtlich niedergelassen. Als sässen nicht zahllose Jugendliche über Jahre in israelischen Militärgefängnissen, bloss weil sie ein paar Steine warfen als Zeichen der Auflehnung gegen eine Kolonialmacht, die in ihrer Verachtung und Herabwürdigung der von ihr beherrschten und drangsalierten Bevölkerung vor nichts zurückschreckt. Würde man die „Logik“ der scheinbar „berechtigten Vergeltung“, die auf den 7. Oktober 2023 folgte, gedanklich weiterführen, dann würde sich also der – teils durch direkte militärische Gewalt, teils durch deren weitere Folgen verursachte – Tod von mittlerweile rund 90’000 zu über 99 Prozent unschuldigen Männer, Frauen und Kinder in Gaza rechtfertigen lassen durch den Tod von 1200 Opfern des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023? Aber mit welchem Begriff müsste man dann die Ermordung dieser 90’000 Menschen bezeichnen, wenn man für den Überfall der Hamas das Wort „Terror“ verwendet? Müsste man dann nicht konsequenterweise von „Terror hoch 75“ sprechen, denn so viel Mal mehr Menschen sind bis zur Stunde davon betroffen im Vergleich zu den Opfern des 7. Oktober. Und müsste man dann konsequenterweise nicht auch der Gegenseite wieder das Recht zu einer entsprechenden Gegenvergeltung einräumen? Was dann, mit dem Faktor 75 weitergerechnet, bedeuten würde, dass 6,8 Millionen Israelis zu Tode kommen müssten, also mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung des Landes. Aber das ist noch längst nicht alles. Mit welchem Recht denkt die israelische Führung jetzt an die Bombardierung iranischer Nuklearanlagen, ausgerechnet die Führung dieses Landes, das selber über geschätzte 100 bis 400 Atomsprengköpfe verfügt, ohne dass dies jemals in Diskussionen zu möglichen „Friedenslösungen“ für den Nahen Osten auch nur Erwähnung findet und einem grossen Teil der westlichen Bevölkerung vermutlich nicht einmal bekannt ist. Ganz abgesehen davon, dass ja auch nie, von keinem einzigen Historiker und keinem einzigen westlichen „Nahostspezialisten“, jemals die Frage aufgeworfen wird, wie und aufgrund welcher Ausbeutungs- und Geldhortungsmechanismen es überhaupt so weit kommen konnte, dass ein einziger Staat, nämlich die USA, mehr Waffen besitzt als alle anderen Staaten der Welt zusammen, und damit auch Israel als einer ihrer Vorpfosten letztlich seine ganze Existenz bloss dieser militärischen Übermacht verdankt. Aber wer sollte jetzt noch so dumme Fragen stellen angesichts der einmaligen Chance, die sich jetzt gerade dem Westen bietet, so viele Dominosteine gleich aufs Mal umzustossen. Nicht einmal die unfassbare Tatsache, dass sich Netanyahu plötzlich dermassen für das Schicksal iranischer Frauen interessiert, die sich weigern, ein Kopftuch zu tragen, erregt öffentliches Aufsehen. Und auch nicht, dass er, nachdem er im Gazastreifen bereits zehntausende Frauen mit oder ohne Kopftuch umbringen liess, sogar noch die Vermessenheit besitzt, sich die Parole „Frauen, Leben, Freiheit“ der iranischen Frauenbewegung zu eigen zu machen.

„www.nachdenkseiten.de“, 16. Dezember 2024, Betrachtungen der deutschen Journalistin Karin Leukefeld: Die Drahtzieher dessen, was in Syrien derzeit geschieht, versuchen, mit einem bunten Strauss voller Wundertüten die Syrer zumindest eine Zeitlang ruhigzustellen. Diese Drahtzieher sind Staaten und deren Führungspersonal, die sich auf Einladung Jordaniens am Wochenende in Akaba trafen. Da waren arabische Staaten vertreten, die 2011/12 den Aufstand in Syrien mit Geld und Waffen politisch und medial befeuerten. Da waren die USA und die EU vertreten, die Syrien mit einseitigen Wirtschaftssanktionen seit 2011 (EU) und seit 2019 (USA) so sehr schädigten, dass kein Wiederaufbau möglich war und durch Armut und Korruption die gesamte Gesellschaft an den Rand menschlicher Lebensmöglichkeiten gezwungen wurde. Nun rollen eben diese Staaten für die international als Terrororganisation gelistete HTS den roten Teppich aus und stellen ein Ende jener Wirtschaftssanktionen in Aussicht, die auf das Land seit über zehn Jahren so verheerende Auswirkungen gehabt haben.

Dass der Aufstand gegen das Assadregime, angefangen mit den Studentenprotesten im Jahre 2011, vom Westen „mit Geld und Waffen politisch und medial befeuert“ wurde. Dass die vom Westen seit 2011 verhängten Wirtschaftssanktionen katastrophalste Auswirkungen auf die Lebensbedingungen hatten und damit eine wesentliche Mitursache bildeten für den sich in der Bevölkerung zunehmend ausbreiteten Unmut gegen das Assadregime. Dass Syrien, wie kaum ein anderes Land, über Jahrzehnte mit einer dermassen hohen Anzahl von Flüchtlingen konfrontiert war, dass auch jedes andere Land zweifellos daran zerbrochen wäre: 1948 wurden Zehntausende Palästinenser aufgenommen, die von zionistischen Milizen vertrieben worden waren, weitere Palästinenser folgten nach dem Sechstagekrieg 1967 und erneut nach dem Krieg mit Israel 1973; nach dem US-Überfall auf den Irak (2003) und dem folgenden blutigen inneren Krieg, der 2005 seinen Höhepunkt fand, wurden 1,5 Millionen Iraker in Syrien aufgenommen; Millionen Libanesen kamen nach Syrien während des Krieges 2006 und zuletzt während der Bombardierungen des Südlibanons durch Israel, die vom September bis zum November 2024 dauerten und den Tod von mehr als 3900 Zivilpersonen und 16’500 Verletzten zur Folge hatten. Alle diese historischen und aktuellen Hintergründe, Zusammenhänge und Mitursachen für den Zusammenbruch des Assadregimes haben in der aktuellen medialen Berichterstattung, die völlig einseitig von emotional zugespitzten Bildern über fahnenschwenkende und jubelnde Menschenansammlungen, zu Boden gerissenen Assadstatuen und Bildern am Boden kauernder und mit leerem Blick vor sich hinstarrender Menschen im Gefängnis von Sednaya dominiert werden, absolut nicht den kleinsten Platz. Wenn heute, wie es uns die westliche Politpropaganda weismachen will, durch Ereignisse wie den Sturz des Assadregimes „Geschichte geschrieben“ werde, dann können solche Vereinfachungen, Verfälschungen und Lügen nur deshalb funktionieren, weil die tatsächliche, reale Geschichte vollkommen ausgeblendet und sämtliche noch vorhandenen Erinnerungen an frühere Zeiten systematisch ausgelöscht werden. „Geschichte“ in der öffentlichen Wahrnehmung ist dann nur noch gerade das, was uns hier und heute in Form möglichst sensationell aufbereiteter Bilder gezeigt wird, um schon am folgenden Tag erneut wieder durch noch sensationeller aufbereitete Bilder wieder zugeschüttet zu werden, Emotionen im Sekundentakt, weil es ja den global agierenden Medienkonzernen nicht im Entferntesten darum geht, die „Wahrheit“ zu vermitteln, sondern bloss darum, im gegenseitigen Konkurrenzkampf und Buhlen um einen möglichst hohen Publikumsanteil die höchstmöglichen finanziellen Profite herauszukitzeln. Bis dann die grosse Mehrheit der Bevölkerung in der ach so „demokratischen“ und „aufgeklärten“ westlichen Welt allen Ernstes daran glaubt, der Ukrainekrieg hätte genau am 24. Februar 2022 mit dem Angriff eines brutalen, menschenverachtenden russischen Despoten auf ein wehrloses, demokratische Land begonnen, ohne jeglichen Bezug zur gesamten Vorgeschichte des Konflikts. Und dass der Nahostkonflikt genau am 7. Oktober 2023 mit dem Überfall der Hamas begann, als hätte es nie so etwas gegeben wie die gewaltsame Vertreibung Hunderttausender Palästinenserinnen und Palästinensern aus ihren angestammten Wohngebieten im Verlaufe von über 70 Jahren. Und dass das Leiden des syrischen Volks genau an jenem Tag des Jahres 2000 begann, als Bashar al-Assad Präsident Syriens wurde und demzufolge auch genau am 7. Dezember 2024 mit seinem Sturz wiederum ein Ende haben und somit für Syrien automatisch ein neues Zeitalter von Freiheit und Demokratie anbrechen würde. Wenn es so weitergeht, werden die aufgeklärten und so „objektiv“ informierten Menschen des Westens bald wohl auch daran glauben, dass sich der Mond gar nicht um die Erde dreht, sondern die Erde um den Mond…

Tagblatt, 16. Dezember 2024: Der aus Syrien stammende und heute in St. Gallen lebende Ahmad Garhe ist angesichts der aktuellen Ereignisse in seiner Heimat zwischen Hoffnung und Angst hin- und hergerissen. „Den einzigen Weg in eine stabile Zukunft“, sagt er, „sehe ich im Pluralismus und in demokratischen Strukturen. Syrien hatte das Pech, zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges zu werden. Die westlichen und antiwestlichen Mächte fanden im syrischen Bürgerkrieg ab 2011 Gründe, ihre jeweiligen Interessen geltend zu machen. Wie wunderschön wäre es, wenn ich meinen Kindern ein sicheres und friedlicheres Syrien zeigen könnte. Sie haben ihren Geburtsort jung verlassen und seit 2009 nicht mehr gesehen. Das ist mein grösster Traum, mit ihnen unbesorgt durch Damaskus zu spazieren.“ Und auf X hat die 14jährige Bana Alabed geschrieben: „Die Sonne der Freiheit muss endlich auch in unserem Land scheinen. Wir blicken mit Hoffnung auf eine Zukunft, in der alle Kinder in Frieden leben können.“

Dem ist eigentlich nichts beizufügen…

20. Dezember. Heute habe ich mich ein zweites Mal mit meinen syrischen Freunden ausgetauscht. Immer noch ist ihre Begeisterung über das Ende des Assad-Regimes riesig. Ausführlicher berichten sie heute über die schlimmen Erfahrungen, die sie und viele ihrer Verwandten und Bekannten auch vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahre 2011 gemacht hatten. Entweder war man Teil des Regierungssystems, dann ging es einem ziemlich gut. Befand man sich aber ausserhalb davon oder wagte man es gar, sich gegenüber dem Regime kritisch zu äussern, war man mannigfachen Repressalien und Diskriminierungen ausgesetzt. So gesehen ist die spontane Begeisterung über das Ende des Assad-Regimes nur allzu gut nachvollziehbar. Und ebenso nachvollziehbar ist dieser unerschütterliche Optimismus und der Glaube an eine demokratische Zukunft ihres Landes. Ich spüre den Stolz auf ihre Heimat – wer wollte seine Heimat, die Wiege seiner Herkunft, den Boden seiner Lebenswurzeln, nicht lieben wollen. Es ist der gleiche Stolz, mit dem auch Milad immer wieder von seinem Heimatland Afghanistan schwärmt, von seiner so reichen Geschichte, seinen Naturschönheiten, der Gastfreundschaft seiner Menschen, und in solchen Augenblicken völlig zu verdrängen scheint, in was für einem desolaten Zustand das Land sich gerade befindet. Und dann spüre ich auch bei meinen syrischen Freunden eine Kraft, die auch mich ein Stück weit mitreisst und auch in mir die Hoffnung stärkt, es mögen sich ihre Zukunftsträume erfüllen und es mögen aus den Trümmern der Vergangenheit an allen Ecken und Enden in allen Farben neue Blumen wachsen und ein Land erblühen lassen, das an einer auch historisch und geopolitisch so bedeutungsvollen Lage im Nahen Osten zu einem Vorbild werden könnte für andere. Denn nur wenn möglichst viele Menschen solche Zukunftsträume haben und nicht mehr länger bereit sind, immer wieder in die gleichen zerstörerischen Muster von Gewalt und Gegengewalt zurück zu fallen, kann nach und nach eine friedlichere und gerechtere Welt entstehen.

Zweiter Teil der Geschichte von Amin, Ela, Baran und Aziz: Spaghetti im Spielzeugauto, eine dunkelrote Rose und ein Festmahl um zwei Uhr nachts…

In den drei Monaten, seit ich mit Amin, Ela und ihren beiden Buben Baran und Aziz aus Afghanistan zusammenlebe, ist viel geschehen, und fast täglich kommt etwas Neues dazu. Gestern hat sich der viereinhalbjährige Baran den Kopf an einer Bettkante angeschlagen. Der zweijährige Aziz, der für sein älteres Brüderchen alles täte, hat mit seiner Hand, so fest er konnte, auf das Bett geschlagen, um es sozusagen dafür zu bestrafen, dass es Baran weh getan hatte. Dann drückte er seinem Brüderchen zum Trost einen Kuss auf die Wange. Heute haben Baran und Aziz ganz von sich aus die ganze Geschirrspülmaschine ausgeräumt, Baran packte auch schon mal vier Teller zusammen nur mit der einen Hand und ich befürchtete schon einen Scherbenhaufen, doch nichts passierte. Aziz holt immer wieder die Bürste aus dem Putzschrank und fegt damit den Küchenboden. Auch den Staubsauger wollte er holen und am liebsten hätte er wohl das ganze Haus gesaugt, aber der war für ihn einfach noch viel zu schwer. Wunderbar und fast immer friedlich auch, wie die beiden Buben miteinander spielen. Kürzlich haben sie zwei Kissen nebeneinander hingelegt und sich darauf gesetzt, zwischen ihnen ein Bilderbuch, das sie zusammen angeschaut haben. Und ihre Eltern, Amin und Ela: Selten habe ich Eltern gesehen, die so liebevoll, geduldig und verständnisvoll mit ihren Kindern umgehen. Nie fällt ein böses Wort, nie eine barsche Zurechtweisung. Die beiden Buben können die verrücktesten Dinge anstellen, die Spaghetti, statt sie zu essen, in ein Spielzeugauto stopfen, einen Legostein in ein Glas Milch eintauchen, die Papierserviette in tausend klitzekleine Fetzchen zerreissen und sie überallhin verteilen – Amin und Ela finden das mindestens so lustig wie die Kinder und lachen stets mit ihnen mit.

Und dann ist da noch Karim, Elas Onkel, der seit 20 Jahren in München lebt, ein Mensch voller Weisheit, Lebenserfahrung und Humor. Kürzlich war er bei uns auf Besuch. Seit 20 Jahren – Ela war vier Jahre alt, als Karim Afghanistan verliess – hat sie ihn zum ersten Mal wieder gesehen. Mit dabei waren seine beiden Söhne und zwei Schwägerinnen. Um Mitternacht kamen sie an und etwa um zwei Uhr begannen wir zu essen, all die Köstlichkeiten, die Ela etwa drei Stunden lang zuvor gekocht hatte. Vor, während und nach dem Essen wurde geplaudert, gescherzt und gelacht in einer Fülle, wie ich sie in meinem Haus noch nie zuvor erlebt hatte, und das von Menschen, die alle ihre Heimat und zahllose Verwandte und Freunde verloren und auch am eigenen Leib Dinge erlebt haben, die wir uns Schweizerinnen und Schweizer nicht im Entferntesten vorstellen können.

Und auch Milad, Amins Kollege. Über ein Jahr hat er gebraucht, um von Afghanistan in die Schweiz zu kommen, fast alles zu Fuss, war unterwegs zwei Mal im Gefängnis und schleppte auf seinem grossen, starken Rücken einen total erschöpften Mann bei Schneesturm und Eiseskälte über einen 4000 Meter hohen Pass, einen Mann, der ohne Milad heute höchstwahrscheinlich nicht mehr leben würde. Auch Milad wohnt in meiner Stadt und kommt gelegentlich auf Besuch. Ich habe ihm geholfen, einen Job und eine neue Wohnung zu finden und habe ihm ein Fahrrad, das ich nicht mehr brauche, geschenkt. Kürzlich habe ich ihn gesehen, wie er voller Stolz, als wäre er der König von Kabul, durch die Stadt segelte. Seine Dankbarkeit ist grenzenlos. Immer wieder schickt er mir Whatsapps mit dem Symbol der gefalteten Hände und schreibt „Danka“ – was für ein schönes Wort, es tönt für mich so ein bisschen wie eine Mischung aus Deutsch und seiner Muttersprache, dem Persischen. Als wir zusammen eine zur Miete angebotene Wohnung anschauen gingen, brachte er mir zum Dank eine Rose. Eine einzelne tiefrote, fast schwarze Rose, aber sie bedeutete mir mehr als der grösste Blumenstrauss, den ich je bekommen habe.

Wenn ich mir dann aber das Bild vor Augen führe, welches einen „typischen“ Afghanen in den Köpfen der meisten Menschen hierzulande, in fast allen Medien und auf den Plakaten der grössten politischen Partei der Schweiz verkörpert, dann ist das nie ein liebevoller Vater, der mit seinen Kindern auf dem Boden herumkriecht, nie eine Frau, die singt, tanzt und lacht, und schon gar nie ein Kind, das ein anderes liebevoll küsst. Dieser „typische“ Afghane ist fast immer nur ein junger Mann mit einem Messer im Sack, stets darauf aus, anderen etwas zuleide zu tun, ihnen etwas zu klauen, sie zu verletzen oder gar zu töten. Dieses Emporstilisieren einer kleinen Minderheit und deren Instrumentalisierung zu machtpolitischen Profilierungszwecken ist nicht nur eine unerhörte Missachtung jeglicher Objektivität, sondern zugleich eine masslose Beleidigung all jener weitaus viel zahlreicheren Afghaninnen und Afghanen, die, wie Amin, Ela, Baran, Aziz, Karim und Milad, friedlich, respektvoll und dankbar hierzulande leben, aber von den massgeblichen Meinungsmachern so behandelt werden, als gäbe es sie gar nicht. Wie tief muss es so lebenslustige Frauen wie Ela, so liebevolle Väter wie Amin, so mutige und hilfsbereite Männer wie Milad, so weise und fürsorgliche ältere Männer wie Karim und so unglaublich sanfte und liebevolle Kinder wie Baran und Aziz treffen, wenn sie wahrnehmen, dass überall dort, wo man über Menschen aus Afghanistan spricht und sich über sie ein Bild macht, sie selber gar nie vorkommen, sondern immer nur ein paar wenige „Bösewichte“ oder allenfalls noch eine vollverschleierte, in Schwarz gekleidete Frau, die mit 99 Prozent der hierzulande lebenden Afghaninnen auch nicht das Geringste zu tun hat.

Rund 20’000 Afghaninnen und Afghanen leben in der Schweiz. Von diesen 20’000 haben im ersten Halbjahr 2023 – gemäss einer laufend auf der Homepage der SVP veröffentlichten Statistik – ganze zwölf eine Straftat begangen, meistens handelte es sich dabei um Schlägereien zwischen Jugendlichen, zudem gab es zwei Messerattacken, Telefonbetrügereien, einen Mordversuch und einen Mord. Keine dieser Straftaten soll verharmlost oder entschuldigt werden, aber wer nur immer wieder mit solchen Schlagzeilen konfrontiert wird, läuft unweigerlich Gefahr, zu vergessen bzw. auszublenden, dass während diesen sechs Monaten nicht nur zwölf in der Schweiz lebende Afghanen eine Straftat begangen haben, sondern gleichzeitig 19’988 andere Afghaninnen und Afghanen keine einzige Straftat begangen haben. Wohin in letzter Konsequenz eine so einseitige, manipulative Berichterstattung führt, sehen wir in Deutschland, wo bei einem höchstwahrscheinlich ähnlichen Prozentsatz an Straftaten die CDU als wählerstärkste Partei aus populistischen und wahltaktischen Gründen vor rund drei Wochen nicht einmal davor zurückschreckte, einen allgemeinen Aufnahmestopp für Flüchtlinge aus Afghanistan zu fordern.

Kommt dazu, dass sowohl in Deutschland und der Schweiz wie auch in den anderen europäischen Ländern genau in der gleichen Bevölkerungsgruppe, die bei Asylsuchenden besonders stark vertreten ist, ebenfalls die Straftaten und Gewaltdelikte weit über dem Gesamtdurchschnitt liegen, also bei häufig arbeitslosen, armutsgefährdeten Männern mit geringer Schulbildung zwischen 18 und 30 Jahren, wobei bei Flüchtlingen erschwerend dazukommt, dass viele von ihnen bereits selber Gewalt erfahren haben oder durch Verfolgung und Krieg traumatisiert sind, dennoch aber sich in ihrer neuen Lebensumgebung nicht heimisch und nicht willkommen fühlen und auch viel weniger Chancen und Zukunftsperspektiven haben im Vergleich mit der ansässigen Bevölkerung. All das kann erhöhte Gewaltbereitschaft erklären, ohne dass man sie deshalb rechtfertigen muss. Entscheidend ist jedoch, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass Delinquenz grundsätzlich nichts zu tun hat mit der ethnischen Herkunft oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität oder Religion. Unter ähnlichen äusseren Bedingungen würden sich ganz ähnliche Lebensgeschichten entwickeln, ganz unabhängig davon, ob es sich um Menschen aus der Schweiz, Afghanistan, Mexiko oder Marokko handelt. Das Gegenteil zu behaupten, ist nichts anderes als purer Rassismus.

Stünden Gewaltbereitschaft oder andere sozial „unerwünschte“ Verhaltensweisen bzw. „Mentalitäten“ tatsächlich in einem Zusammenhang mit der ethnischen Herkunft, dann wären Baran und Aziz, meine beiden afghanischen Gastkinder – und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie zufälligerweise nur zwei seltene Ausnahmen sind -, nicht so wunderbare Menschen, ebenso wie auch alle anderen Kinder der Welt. Nein, die Gewalt steckt nicht in ihnen, die kommt erst später dazu. Ob ein Kind dereinst als Erwachsener ein Terrorist, ein Mörder oder ein Bankdirektor sein wird, hat nichts mit dem Kind selber und seiner Herkunft zu tun, sondern nur mit der Umgebung und mit den Lebensverhältnissen, in denen es aufwächst.

Aziz, der übermorgen seinen zweiten Geburtstag feiert, nennt mich „Abuda“, ein Wort, das er selber erfunden hat, aber so schön klingt, dass man sich eigentlich nur wundern kann, dass es nicht in irgendeiner Sprache schon längst erfunden wurde. Betrete ich das Haus, höre ich ihn schon „Abuda“ rufen und er springt so schnell die Treppe herunter, dass es mir jedes Mal Angst und Bange wird, er könnte stolpern und über die Stufen hinunterpurzeln. Er lacht mir mit seinen wunderbaren, leuchtenden Augen entgegen, und nimmt mich meistens bei der Hand, um mich irgendwohin zu ziehen, wo ich dann mit ihm spielen soll. Als ich kürzlich zwei Tage fort war, fragte er, wie Amin und Ela mir nachher erzählten, unablässig nach „Abuda“ und jedes Mal, wenn er von der Strasse her eine Stimme hörte, rief er sogleich „Abuda?“. Wenn er ein Brötchen, ein Stück Kuchen oder eine Banane isst, bricht er immer ein winziges Stück davon ab und gibt es mir, ganz so, wie man einen kleinen hungrigen Vogel füttert. Als Ela seinem älteren Bruder eines Abends nach dem Essen liebevoll übers Haar strich, wünschte er sich das ebenso von seiner Mama. Dann bat er sie, auch Amin übers Haar zu streichen. Kaum hatte sie das getan, zeigte er auf mich: Auch Abuda! Diesen Wunsch allerdings konnte ihm nun Ela wirklich nicht erfüllen. Doch in diesem Augenblick dachte ich: Eigentlich ist es ja gar nicht so, dass ich bloss Amin, Ela, Baran und Aziz in die Familie meiner Kinder und Enkelkinder und in mein Haus aufgenommen habe. Eigentlich ist es ja gleichzeitig auch so, dass sie mich in ihre Familie aufgenommen haben und der Kleinste von ihnen dabei so etwas ist wie ein kleiner Brückenbauer, der sich am eifrigsten darum bemüht. Sodass wir uns eigentlich gegenseitig aufgenommen haben und daraus etwas Neues und Grösseres entstanden ist.

Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr wird mir bewusst, was für eine wunderbare Chance das wäre und was für kaum vorstellbare Auswirkungen es hätte, wenn wir überall auf der Welt die Kinder nicht mehr länger daran hindern würden, solche Brücken zwischen den Menschen zu bauen. Lassen wir Erwachsene uns doch alle und überall von den Kindern an die Hand nehmen, schauen wir uns gegenseitig in die Augen um zu sehen, was uns im tiefsten Inneren über alle Grenzen hinweg miteinander verbindet. Lassen wir uns von „Andersartigem“, „Fremdem“ nicht mehr länger abschrecken, sondern berühren und verzaubern. Erzählen wir die vielen guten und schönen Geschichten weiter statt die wenigen schlechten und hässlichen, denn Schlechtes kann man nicht mit Schlechtem zum Verschwinden bringen, sondern nur mit Gutem. Brechen wir, so wie der zweijährige Aziz, von allen unseren Brötchen und Kuchenstücken ein bisschen ab und geben es weiter. Tragen wir Sorge, damit die Rose, die ich von Milad an jenem Samstagnachmittag in St. Gallen bekommen habe, nie mehr verblüht und lassen wir viele weitere Millionen Blumen wachsen überall dort, wo zuvor der Hass, die Gewalt, die fehlende Menschenliebe und der Krieg gewesen waren…

Wenn du wissen möchtest, wie diese Geschichte angefangen hat und wie sie weitergeht, dann schreibe doch bitte eine Email mit dem Stichwort “Afghanistan” an: info@petersutter.ch. Dann bekommst du die bisherigen und die zukünftig erscheinenden Artikel.

„Grossfamilien“ mit 15 bis 20 Menschen als neues Zukunftsmodell: Damit niemand mehr durch die Maschen fällt…

Die 55jährige Karin hat infolge einer schweren Krankheit und einer nachfolgenden psychischen Krise vor fünf Jahren ihren Job verloren. Sämtliche Versuche, wieder einen Job zu finden, sind gescheitert. Jetzt lebt sie in einer kleinen Mietwohnung am Rande der Stadt. Ausser zu ihrer älteren Schwester, mit der sie sich allerdings schon vor vielen Jahren heillos zerstritten hat, hat sie mit niemandem Kontakt. Ihr einziger treuer Begleiter ist der Alkohol, er spielt in ihrem Leben eine immer dominantere Rolle. Unlängst war sie dermassen betrunken, dass sie zu Boden fiel und nicht mehr aufstehen konnte, sie schaffte es gerade noch, den Notfalldienst zu alarmieren, lag dann zwei Tage und Nächte im Spital, bis sie sich wieder einigermassen auf den Beinen zu halten vermochte. Jeden Morgen denkt sie, dass es eigentlich schöner gewesen wäre, nicht mehr aufzuwachen.

Monika und Heinz sind in der vollen Mitte des Lebens angelangt, da, wo es am turbulentesten ist und die Belastungskurve ihren höchsten Punkt erreicht. Er arbeitet zu hundert Prozent als Rayonchef in einem Warenhaus und schiebt fast jede Woche mindestens fünf Überstunden, sie hat einen 40-Prozent-Job als Zahnarztassistentin. Drei Kinder haben sie: Tom ist drei Jahre alt, Britta sechs und Christa zehn. Jeder Tag ist von früh bis spät auf die Sekunde durchgetaktet, nicht nur für die Eltern, auch für die Kinder, die rund um die Uhr unterwegs sind, von zuhause in die Kita, von der Kita in den Kindergarten oder in die Schule, von der Schule zum Mittagstisch, vom Mittagstisch zur Hausaufgabenhilfe, von der Hausaufgabenhilfe in die Klavierstunde, von der Klavierstunde zur Nachbarin, welche die Kinder betreut, bis die Eltern wieder zuhause sind, um das Essen zu kochen und die Kinder ins Bett zu bringen. Alles andere, Einkaufen, Arztbesuche, Ferienplanung, Abarbeiten von E-Mails, Einzahlungen, Putzen, Gartenarbeiten, Telefonate mit Freunden und Verwandten, Geburtstagspartys, Einladungen, alles muss irgendwo in die kleinen verbliebenen Lücken hineingepresst werden. Ohne dass sowohl Monika wie auch Heinz je ein eigenes Auto hätten, wäre die Bewältigung dieses täglichen Mammutprogramms unvorstellbar. Am Abend wird oft gestritten, die ältere Tochter meint, das käme sicher von dem vielen Stress. Seit drei Monaten wollten Monika und Heinz wenigstens ein einziges Mal an einem Abend gemütlich miteinander auswärts essen gehen, sie haben es nicht geschafft.

Conchita, die gebürtige Mexikanerin, ist vor vierzig Jahren in die Schweiz gekommen, Ruedi folgend, der sich auf einer Südamerikareise unsterblich in sie verliebt hatte. Sie ist mit Leib und Seele eine Familienfrau, Kochen ist ihre grösste Leidenschaft, Singen und Tanzen, Plaudern und Lachen, Partys feiern und einfach das Leben geniessen – sie könnte die glücklichste Frau der Welt sein. Doch seit die Kinder aus dem Haus sind und Ruedi fast immer geschäftlich unterwegs ist, sitzt sie so oft nur noch weinend am Küchentisch und schiebt die eine oder andere angefangene Näharbeit, das eine oder andere begonnene Kreuzworträtsel, den einen oder anderen angefangenen Brief an ihre Schwester nur noch lustlos hin und her. Fast jeden Tag fragt sie sich, wo die Sonne in ihrem Herzen, die früher so stark gebrannt hatte, wohl untergegangen sein könnte.

Amir aus Afghanistan ist vierzehn Jahre alt, seine Eltern leben nicht mehr, von seinen beiden Brüdern hat sich jede Spur verloren. Jetzt liegt er auf einer Matratze im Büro einer früheren Fabrikhalle, die notdürftig in ein Durchgangsheim für unbegleitete jugendliche Asylsuchende umgebaut wurde, zusammen mit 50 anderen Jugendlichen, viele von ihnen ebenfalls aus Afghanistan, andere aus Syrien oder Eritrea. Computerspiele, in denen sich grüne, schwarze und gelbe Männchen gegenseitig abschiessen, sind zurzeit sozusagen sein einziger Lebensinhalt. Ein etwas älterer Junge, der aus der gleichen Gegend stammt wie er, hat ihm erzählt, dass junge heimatlose Menschen wie sie hier, im Land ihrer Träume, von vielen Menschen ganz und gar nicht erwünscht seien und es sogar nicht wenige gäbe, denen es am liebsten wäre, sie wären gar nicht da.

Die 36jährige Andrea kümmert sich seit ihrer Scheidung vor einem halben Jahr alleine um ihren dreieinhalbjährigen Sohn Leon und um den Haushalt. Um über die Runden zu kommen, hat sie zwei Jobs angenommen, einen bei einer Steuerbehörde, den anderen als Hauswartin, dennoch reicht das Geld nur für das Allernotwendigste. Ohne ihre Eltern, die bei der Betreuung ihres Kindes einspringen, würde sie es nicht schaffen. Die pausenlose Mehrfachbelastung setzt ihr dermassen zu, dass ihr schon beim Aufwachen am Morgen schlecht ist und sie jeden Tag nur darauf wartet, bis wieder Abend ist und sie sich ins Bett legen kann. Am meisten leidet sie darunter, dass Leon so oft weint, weil sie so wenig Zeit mit ihm verbringen kann.

Anna, in einem kleinen sizilianischen Bergdorf aufgewachsen und mit ihrem Mann Roberto im Alter von 24 Jahren in die Schweiz gekommen, ist seit einem schweren Verkehrsunfall, bei dem sie im Alter von 54 Jahren auf einem Fussgängerstreifen von einem Lastwagen überfahren wurde und nur mit einer Riesenportion Glück überlebte, zu hundert Prozent pflegebedürftig. Die inneren Verletzungen waren so schwer, dass Anna heute nur noch im Bett liegen kann und rund um die Uhr betreut werden muss. Ein kompliziertes, extra für sie entwickeltes Gerät überwacht pausenlos ihre Körperfunktionen, mindestens einmal pro Stunde muss überprüft werden, ob alles in Ordnung ist. Glücklicherweise haben Anna und Roberto eine so grosse Verwandtschaft, dass man genug Geld zusammenbrachte, damit sich Roberto, der als Maurer gearbeitet hatte, frühzeitig konnte pensionieren lassen. Er wurde zum Vollzeitpfleger. Denn Anna hätte sich niemals vorstellen können, das geliebte Haus zu verlassen und in einem Pflegeheim zu leben. Dieser Wunsch seiner Frau war Roberto heilig. Und so kann er nun sein Haus, wenn er nicht das Leben seiner Frau gefährden will, allerhöchstens für eine Stunde verlassen, und das seit Jahren. Mit Freunden am Abend in einer Kneipe ein Bier trinken, einen kleinen Ausflug übers Wochenende, Boccia spielen oder ins Kino gehen – alles nur noch Erinnerungen an frühere, längst vergangene Zeiten…

Edith und Herbert, sie Lehrerin an einer Oberstufe, er Berufsschullehrer, stecken schon seit einem halben Jahr in einer ganz dicken Ehekrise. Kaum eine Mahlzeit ohne gegenseitige Sticheleien, Vorwürfe und Streit. Erst recht schlimm geworden ist alles, seit sich Amanda, ihre 16jährige Tochter, völlig zurückgezogen und abgekapselt hat. Alles Zureden nützt nichts, Amanda schliesst sich Tag und Nacht in ihr Zimmer ein, verlässt es fast nie und lässt ihre Musik so laut durch alle Wände dröhnen, dass es ihren Eltern auch noch den letzten Nerv ausreisst. Sämtliche Kontakte mit ihren früheren Freundinnen hat sie abgebrochen, nach einem sehr belasteten letzten Schuljahr mit vielen Absenzen weist sie alles, was mit Zukunftsplanung und der Bewerbung für eine Lehrstelle oder eine weiterführende Schule zu tun hat, weit von sich. Seit Wochen trägt sie nur noch schwarze Kleider und hat schon mehrere Kilos abgenommen. Selbst dem Vorschlag ihrer Mutter, sich an eine Beratungsstelle zu wenden, verweigert sie sich mit Haut und Haaren. Edith und Herbert schieben einander die Schuld in die Schuhe und werfen sich gegenseitig vor, sich schon seit Jahren viel zu wenig um Amanda gekümmert zu haben.

Schliesslich ist da noch, wie ihn seine Enkelkinder nennen, der 75jährige Opa Wuzz. Ein Büchernarr, Philosoph und Schreiberling. Seit seine Frau gestorben ist, die Familie seines Sohnes in Deutschland lebt und die Familie seiner Tochter nach Australien ausgewandert ist, ist es recht einsam geworden um ihn. Manchmal, wenn er abends sein Tagebuch hervornimmt und seine Gedanken aufschreibt, tropft eine Träne auf seine alte, verwackelte Schrift und in der Erinnerung fliegt er in die Zeit zurück, als seine Frau noch lebte und seine Kinder mit ihr und ihm auf dem Jahrmarkt Zuckerwatte schleckten, er am Kindergeburtstag seine legendären Schnitzeljagden organisierte und sie gemeinsam im Wald ein Feuer entzündeten und Würstchen grillierten.

Eigentlich ist es verrückt. Die einen fühlen sich so einsam, dass sie manchmal am liebsten sterben würden – die anderen gehen sich gegenseitig dermassen auf die Nerven, dass sie oft davon träumen, am liebsten ganz alleine irgendwo auf einer fernen Südseeinsel zu sein. Den einen ist so langweilig, dass sich jeder einzelne Tag wie eine Ewigkeit anfühlt – die Tage der anderen sind dermassen ausgefüllt und ihre Terminkalender so vollgestopft, dass sie jeden Abend nur noch völlig erschöpft ins Bett fallen und die Liste mit allen unerledigten und hinausgeschobenen Pendenzen gleichzeitig immer länger und länger wird. Die einen leben alleine in einem viel zu grossen Haus mit einem viel zu grossen Garten, der meistens leer ist – die anderen müssen sich in winzige Mietwohnungen zwängen und ihre Kinder werden schon am frühen Morgen von einer pingeligen Hauswartin beschimpft, weil sie mit farbigen Kreiden den Vorplatz beim Hauseingang vollgemalt haben. Die einen verbringen Stunden damit, herauszufinden, wo sie all das Geld, welches sie für ihren täglichen Lebensunterhalt gar nicht brauchen, möglichst gewinnbringend anlegen können – die anderen schätzen sich schon glücklich, wenn sie sich überhaupt bis zum letzten Tag des Monats wenigstens eine einzige warme Mahlzeit leisten können.

„Eltern-Burn-Out“, schreibt „20Minuten“ am 28. August 2024, „ist keine Seltenheit mehr. Der Spagat zwischen Beruf und Familie fordert seinen Tribut. Ein Phänomen, das in den vergangenen Jahren massiv zugenommen hat.“ Kein Wunder, gibt es immer mehr Paare, die kinderlos bleiben und sich all die Belastungen im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Familie nicht mehr zumuten möchten. Neue Zahlen, so berichtete der “Tagesanzeiger” am 6. November 2023, zeigen, dass es im Verhältnis zur Bevölkerung in der Schweiz noch nie so wenige Geburten gab. Eine 49Jährige wird im Artikel mit den Worten zitiert, sie sei “jeden Tag dankbar”, dass sie sich gegen Kinder entschieden habe. Erst recht, wenn sie sehe, womit sich ihre Freundinnen und Freunde “herumschlagen” müssten. So viele Mütter, meint sie, würden unter dieser Last leiden und erzählen, wie anstrengend es sei. Alles werde teurer, es fehle an Lehrkräften und Kinderärzten, dem Klima gehe es schlecht und immer wieder käme es zu Kriegen. Weitere Gründe, keine Kinder haben zu wollen, seien die viel zu teuren Krippenplätze, Stress mit der Schule, mit Drogen, Drama bei den Hausaufgaben, psychische Probleme bereits in jungen Jahren, überteuerte Sommerferien mit schlechter Stimmung, Unfälle, Schlafmangel und vor allem: Sorgen, Sorgen, Sorgen.

Überbelastung von Familien auf der einen Seite, sozialer Rückzug auf der anderen: „Wie in allen Industrieländern“, schreibt die „NZZ am Sonntag“ vom 14. Juli 2024, „nimmt auch in der Schweiz die Anzahl einsamer Menschen tendenziell zu. Die Ursachen sind vielfältig, es können Mobbingerfahrungen sein, soziale Ängste, schwierige Erfahrungen mit der Familie, der Druck der Leistungsgesellschaft sowie die sozialen Netzwerke, die einem ständig suggerieren, dass man nicht hübsch oder erfolgreich genug sei. In einer Gesellschaft, die fast andauernd bewertet, ist es nicht einfach, sich zugehörig zu fühlen.“ Die Folgen von Einsamkeit können verheerend sein. Studien beurteilen sie als genauso gefährlich für die Gesundheit wie das Rauchen und sogar schädlicher als Alkoholabhängigkeit. Wer sich häufig oder über längere Zeit einsam fühlt, hat ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen oder Stoffwechselprobleme und trägt in der Regel auch ein erhöhtes Sterberisiko. Einsamkeit kann aber auch dazu führen, dass sich Menschen, die ihre Sorgen mit niemandem teilen können und ihre Verzweiflung über Jahre ganz alleine in sich hineinfressen, plötzlich eines Tages auf ganz aussergewöhnliche Weise Aufmerksamkeit zu verschaffen versuchen. So führten die Spuren einer Serie mehrerer Brandstiftungen im zürcherischen Elgg anfangs 2024, wie der „Tagesanzeiger“ am 12. Juli 2024 berichtete, schliesslich zu einer alleinstehenden 44jährigen Frau, die über Jahre völlig zurückgezogen gelebt und mit niemandem Kontakt gehabt hatte. Und in St. Gallen griff am 11. Juli 2024 gemäss einem Bericht des „Tagblatts“ ein 34jähriger Schweizer im Treppenhaus eines Wohnblocks unvermittelt eine 29jährige hochschwangere Frau an und attackierte im Weiteren deren Vater, welcher ihr zur Hilfe eilte, fügte ihm schwere Verletzungen zu, ebenso wie einer 31jährigen anderen Mieterin und deren drei Monate altem Baby. In seiner Wohnung wurden hernach eine ausgeschüttete brennbare Flüssigkeit sowie Gas festgestellt. „Es gibt immer mehr Menschen“, so ein Sprecher der Kantonspolizei, „die das Potenzial aufweisen, aggressiv zu werden oder sich selbst zu gefährden – die Schwere der Taten hängt sehr davon ab, wie gut oder wie schlecht solche Menschen in familiäre Strukturen eingebunden sind.“

Alles scheint darauf hinzudeuten, dass die Idealvorstellung der harmonischen Kleinfamilie mehr und mehr nur noch eine Illusion und ein Traum aus früheren Zeiten ist. Während sich viele immer noch trotz aller damit verbundener Belastungen an dieses Modell festklammern, haben es viele andere längst aufgegeben, sind aber infolge fehlender Alternativen der Gefahr von sozialer Isolation und aller damit verbundener Gefahren ausgesetzt.

Höchste Zeit, um über Alternativen zur traditionellen Kleinfamilie nachzudenken…

Und damit sind wir wieder bei jenen 17 Menschen, deren aktuelle Lebenssituationen ich am Anfang des Artikels beschrieben hatte. Und wir sind wieder bei Opa Wuzz. Seit er eines Tages einen Artikel gelesen hatte, in dem die Frage aufgeworfen wurde, ob nicht Grossfamilien eine sinnvolle Alternative zur Kleinfamilie sein könnten, liess ihn diese Frage nicht mehr los. Und je länger er darüber nachdachte, umso mehr Begeisterung stieg in ihm auf. Natürlich konnte es nicht die Rückkehr zur klassischen Grossfamilie früherer Zeiten sein, die wachsende Mobilität hatte schon längst über viel zu lange Zeit alle diese familiären Bindungen und Strukturen früherer Zeiten aufgelöst, das wusste er, dessen Kinder und Enkelkinder nach Deutschland und Australien ausgewandert waren, selber ja am besten. Aber man kann sich eine Grossfamilie ja auch anders denken, moderner und zur heutigen Zeit passend. Die Mitglieder einer „Grossfamilie“ müssen ja nicht zwingend miteinander verwandt sein. Opa Wuzz kam ins Schwärmen: Eigentlich sind wir Menschen ja alle irgendwie miteinander verwandt, dachte er. Und irgendwie sind wir doch auch alle miteinander und füreinander verantwortlich. Und eigentlich könnten wir doch mit den Ressourcen, über die wir verfügen, viel sozialer und gemeinschaftlicher umgehen als einfach in der plumpen und egoistischen Art und Weise, dass jeder nur an sich selber oder höchstens an seine eigene kleine Familie denkt.

Und dann, eines Tages, sagte sich Opa Wuzz: Das machen wir. Er kannte sie alle schon, mehr oder weniger gut, einige auch nur ganz flüchtig, die meisten lebten in seinem eigenen Quartier oder nur unweit davon entfernt: Karin, Monika, Heinz und ihre drei Kinder, Conchita und Ruedi, Amir, Andrea und ihren dreijährigen Sohn, Anna und Roberto, Edith, Herbert und die 16jährige Amanda. Sie verstanden zunächst nicht ganz, was er meinte. Sie konnten es sich kaum vorstellen. Doch Opa Wuzz liess nicht locker: Ich weiss ja nicht, ob es funktioniert, sagte er, aber wir könnten es doch mindestens ausprobieren. Verlieren können wir nichts, höchstens etwas gewinnen.

Und so entstand aus diesen 17 Menschen die erste moderne „Grossfamilie“. Ein Jahr später war für sie die Welt eine ganz andere geworden. Und niemand, wirklich niemand von ihnen wollte wieder zurück zu der Zeit, als sie alle noch voneinander getrennt waren. Es ist Herbst im Jahre 2027. Lasst uns schauen, was passiert ist…

Da Monika und Heinz als Einzige der „Grossfamilie“ – ich nennen sie im Folgenden einfach „Familie“ – ein geräumiges Einfamilienhaus mit einem schönen Garten besitzen, ist dieses zu einer Art Lebensmittelpunkt für die ganze Familie geworden. Alle haben ihre bisherigen Wohnungen behalten, verbringen aber stets einen kleineren oder grösseren Teil des Tages im Haus und im Garten von Monika und Heinz, wobei es freilich auch Tage gibt, die Einzelne für sich alleine verbringen oder an denen sie anderweitigen Verpflichtungen oder Aktivitäten nachgehen. Anna kämpft zwar immer noch gegen ihre Alkoholabhängigkeit, hat aber jetzt eine gewisse Tagesstruktur, geht sie doch jeden Morgen für die ganze Familie einkaufen, zudem kümmert sie sich um die Katze von Monika und Heinz, was alleine schon viel Licht in ihr Leben gebracht hat, war es doch ein gewaltiger Schock für sie gewesen, als ihre eigene Katze, ihre eigentliche Lebenspartnerin, vor zwei Jahren gestorben war, nachdem sie 16 Jahre lang zusammen gelebt hatten. Amir hat im Haus von Monika und Heinz ein eigenes Zimmer bekommen, es war das Gästezimmer, das kaum je gebraucht worden war. Frei und selbstbestimmt kann er jetzt in ein für ihn ganz neues gesellschaftliches Umfeld hineinwachsen, mitbeteiligt am gewöhnlichen Alltag seiner neuen Heimat, in einem Umfeld, von dem er sich getragen, willkommen und geliebt fühlt. Conchita, die leidenschaftliche Köchin und Familienfrau aus Mexiko, ihr könnt es euch vorstellen, ist so etwas wie die Seele oder die Mutter der Familie. Sie kocht mittags und abends für alle in der grossen, modernen Küche von Monika und Heinz, und alle essen fast immer gemeinsam im geräumigen Esszimmer, im Wintergarten oder in der schattigen Pergola, wenn es Sommer ist – das sind die Zeiten, wo meistens alle 17 beisammen sind und auch alles ausgetauscht und besprochen wird, was gemeinsame Pläne oder Aufgaben betrifft. Doch Conchita ist nicht nur die Köchin, sie ist einfach die, die immer da ist und immer Zeit hat – jetzt ist sie wieder voll und ganz, mit Leib und Seele, die Familienfrau, die sie immer schon sein wollte, und die Sonne in ihrem Herzen strahlt wieder in voller Kraft wie früher. Die Kinder von Monika und Heinz brauchen weder Spielgruppe noch Kita, denn immer, wenn sie nachhause kommen, ist da jemand, der auf sie wartet, mindestens Conchita, meistens auch Roberto und fast immer Opa Wuzz, der schon wieder, wie in früheren Zeiten, mit den Kindern auf dem Boden herumkriecht oder ihnen, mindestens einmal pro Woche, eines jener Kasperletheaterstücke vorspielt, die er schon vor 30 Jahren seinen eigenen Kindern vorgespielt hatte – das sind dann die Momente, wo die Familie manchmal auch noch ein bisschen grösser wird, weil schon mal zusätzlich noch das eine oder andere Nachbarskind eintrudelt…

Auch Andrea muss sich nicht mehr damit herumschlagen, wer sich um Leon kümmert, wenn sie arbeiten geht, auch das mühsame Suchen nach einem anderen Platz für die Zeit, wenn ihre Eltern in die Ferien verreisten, ist endlich vorbei, bei Conchita, Roberto und Opa Wuzz ist ihr Leon in den besten Händen – dass es ihr schon am Morgen immer schlecht war, dass sie den ganzen Tag nur auf den Abend wartete, um sich dann total erschöpft ins Bett zu werfen, ohne jede Energie für irgendetwas anderes, all das ist nur noch Erinnerung an die schlimmste Zeit ihres Lebens, neulich hat sie zum ersten Mal seit Jahren sogar wieder ein Buch in die Hand genommen und angefangen zu lesen. Und erst Roberto! Da er jetzt nicht mehr ganz alleine seine Frau betreuen muss, sondern sich zusammen mit ihm Karin, Monika, Conchita, Amir, Herbert und manchmal sogar Amanda diese Aufgabe teilen, kann er ohne schlechtes Gewissen am Abend wieder mit seinen Kollegen ein Bier trinken gehen oder eine Runde Boccia spielen. Selbst die Ehekrise von Edith und Herbert hat längst nicht mehr die Dramatik von früher. Die beiden sind nicht mehr gezwungen, sich ganz alleine an einem kleinen Tisch gegenüberzusitzen, bloss darauf wartend, bis wieder das erste böse Wort fällt – jetzt sitzen sie am grossen Tisch mit vielen anderen, mal mit diesem, mal mit jener scherzend und plaudernd, meistens nicht einmal nebeneinander sitzend, und so hat die Möglichkeit, sich bei Belieben jederzeit gegenseitig aus dem Weg gehen zu können, kurioserweise dazu geführt, dass sie sich sogar wieder ein bisschen näher gekommen sind. Und selbst Amanda verkriecht sich nicht mehr den ganzen Tag in ihrem Zimmer, seit sie Conchita ihr ganzes Herz ausgeschüttet und ihr all das anvertraut hat, was sie ihren eigenen Eltern niemals zu sagen getraut hätte – sie trägt wieder farbige Kleider, sie liebt das Essen und die von Conchita zu jeder Tages- und Nachtzeit zubereiteten Drinks über alles, hat wieder zugenommen und seit ein paar Wochen gibt sie sogar Amir jeden Tag eine Deutschstunde, was ihr so grossen Spass macht, dass sie schon davon träumt, später einmal als Lehrerin zu arbeiten.

Auch die Aufgabenteilung und dass alle das machen, was ihnen am meisten Freude macht und sie am besten können, ist für alle wunderbar entlastend. Wenn es um Formulare, Steuererklärungen oder andere schriftliche Dinge geht, ist Opa Wuzz zur Stelle. Heinz ruft man immer, wenn der Staubsauger nicht mehr funktioniert, ein Siphon verstopft ist oder ein neuer Kasten fachgerecht zusammengebaut werden muss. Bei Computerproblemen ist Herbert derjenige, der auch dann immer noch weiterweiss, wenn alle anderen schon längst am Anschlag sind. Und bei Liebeskummer, Prüfungsangst oder einem Konflikt mit dem Chef werden zentnerschwere Probleme plötzlich ganz federleicht, wenn man von Conchita an der Hand genommen und auf jene Wolke mitgenommen wird, von der sie immer wieder erzählt und von wo aus auch die scheinbar grössten und schwersten Felsen so aussehen wie ein paar kleine Kieselsteine.

Und das ist noch längst nicht alles. Zum Beispiel hat die ganze Familie gemeinsam ein Abonnement der Lokalzeitung. Ohne viel zu bezahlen, haben somit dennoch alle den gleichen Zugang zu den wichtigsten Informationen und sind jederzeit darüber orientiert, was in der Stadt so läuft, oft wird auch über das eine oder andere Thema eifrig diskutiert, unterschiedliche Meinungen werden ausgetauscht. Selbst in ökologischer Hinsicht gibt es nur Vorteile: Um die Mahlzeiten für die 17 Personen zuzubereiten, braucht es jetzt nicht mehr vier oder fünf, sondern nur noch eine einzige Küche. Auch die Zahl der Waschmaschinen, Tiefkühlgeräte, Putzmaterial und Werkzeuge hat sich massiv reduziert. Eine Bohrmaschine, um nur ein Beispiel zu nennen, genügt doch vollauf für 17 Personen – was für ein Luxus und was für eine Verschwendung, wenn es in jedem noch so kleinen Haushalt solche Geräte gibt, die man während weit über 99 Prozent der Zeit gar nie braucht. Auch benötigen 17 Personen nicht vier, fünf oder noch mehr Autos, ein einziges müsste eigentlich genügen.

Unlängst hat Opa Wuzz sogar die Idee einer gemeinsamen Kasse in die Runde geworfen, die von allen, die mehr verdienen, als sie zum Leben brauchen, gefüttert werden könnte, und aus der alle anderen sich dann und wann einen kleinen „Luxus“ leisten könnten, einen Ausflug, einen Restaurant- oder Theaterbesuch. Noch radikaler wäre die Idee, alle von den einzelnen Familienmitgliedern erzielten Erwerbseinkommen zusammenzunehmen und unter alle gleichmässig zu verteilen. Doch wahrscheinlich ist, obwohl es tausend gute Gründe dafür gäbe, die Zeit dafür noch nicht reif…

Grossfamilien wären ein Segen vor allem auch für Kinder und Jugendliche. Gewiss kann auch eine „gesunde“, „gut funktionierende“ Kleinfamilie Kindern einen guten, fruchtbaren Boden für ihr späteres Leben bieten. Die Gefahr ist aber gross, dass die Kinder – vor allem, wenn es sich um Einzelkinder handelt – mehr oder weniger schutzlos der Willkür ihrer Eltern ausgeliefert sind. „Raya“, so berichtete das „St. Galler Tagblatt“ am 5. Juni 2024 über eine tatsächlich dokumentierte, überaus tragische Lebensgeschichte eines betroffenen Kindes, „musste mittags Punkt 12 Uhr zuhause sein. Stiess sie eine Minute zu spät die Haustüre auf, schrie der Vater sie an und warf mit Essen um sich. Doch auch wenn sie pünktlich erschien, blieb sie stets auf der Hut. Wie ist Vaters Stimmung? Wie gelingt es, ihn nicht zu reizen? Denn es flog nicht nur das Essen durch die Luft, auch körperlich und seelisch war er gewalttätig, er trank, konsumierte Drogen, hatte Psychosen und Schizophrenie.“ Raya ist inzwischen 39 Jahre alt. Heute weiss sie, weshalb sie als Kind eine extreme innere Anspannung verspürte, häufig an Migräne oder Bauchschmerzen litt und zeitweise feste Nahrung verweigerte. Sie weiss auch, weshalb sie selbst jetzt noch, als Erwachsene, nur mit Medikamenten ihre Ängste kontrollieren kann. Auch Valy war als Kind mit enormen psychischen Belastungen ganz auf sich alleine gestellt. Der Mutter fehlte jegliche Energie, sich um die Tochter zu kümmern. Gleichzeitig lebten sie derart in einem Mikrokosmos, dass sich die Ängste der Mutter auf das Mädchen übertrugen. Etwa, als sich die Mutter mit Panikattacken in der abgedunkelten Wohnung verschanzte: Valy musste damals jeden Abend kontrollieren, ob sich niemand in der Wohnung versteckt hielt und ob alle Storen gut verschlossen waren, plötzlich erlebte auch sie die ganze Welt als eine einzige allgegenwärtige Bedrohung. Und Raya und Valy sind nicht die Einzigen: Zurzeit gibt es in der Schweiz fast zwei Millionen Menschen, die als Kind unter der psychischen Erkrankung eines Familienmitglieds dermassen gelitten haben, dass sie oft lebenslang bleibende Schäden davontragen. Viele von ihnen müssen auch schon in jüngstem Alter Aufgaben im Haushalt und bei der Betreuung von Geschwistern übernehmen, zu denen ihre Eltern nicht imstande sind, was sich meistens auch auf die schulischen Leistungen auswirkt, bleibt ihnen doch kaum Zeit, um ihre Hausaufgaben zu erledigen, oder sind sie am Morgen so müde, dass sie zu spät oder gar nicht zur Schule gehen.

Während Raya, Valy und unzählige andere das alles still ertragen und nicht selten sogar die Schuld für all die Unstimmigkeiten und Qualen bei sich selber suchen, reagieren andere Kinder und Jugendliche auf solche Situationen dadurch, dass sie von zuhause ausreissen. Jahr für Jahr sind es schweizweit rund 25’000 Kinder und Jugendliche, die ihr Zuhause als ein so unaushaltbares Gefängnis empfinden, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als die Flucht zu ergreifen. Viele von ihnen streunen tage- und nächtelang herum, übernachten selbst mitten im Winter irgendwo unter freiem Himmel, nicht wenige von ihnen geraten in die Fänge von Menschenhändlern, werden sexuell ausgebeutet oder verschwinden für immer spurlos – ein nahezu völlig tabuisiertes Thema ausgerechnet in einem so reichen, „fortschrittlichen“ Land wie der Schweiz.

Kinder, die der Willkür ihrer Eltern schutzlos ausgeliefert sind, Kinder, die immer schwerere, von ihren eigenen Eltern aufgebürdete Rucksäcke weitertragen müssen, Kinder, die von zuhause ausreissen und von denen nicht wenige für immer spurlos verschwinden – dies alles wird in einer Grossfamilie mit der von allen gegenseitig ausgeübten Aufmerksamkeit und Unterstützung undenkbar sein, nicht nur was Kinder und Jugendliche betrifft, sondern ganz allgemein häusliche Gewalt und Instrumentalisierung von Kindern durch Probleme, Belastungen und übertriebene Erwartungen seitens ihrer Eltern.

Die alleinige Fokussierung auf die Kleinfamilie hat auch zur Folge, dass bei grösseren Krisen oder Todesfällen das gesamte bisherige Lebensgerüst, an dem sich das Kind festgehalten hat, von einem Tag auf den andern zusammenbricht. Meistens werden solche Kinder in eine Pflegefamilie versetzt und müssen sich ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sie den ganzen bisherigen Boden unter ihren Füssen verloren haben, in eine völlig neue und ihnen total fremde Umgebung einleben und sind auch dann nicht davor gefeit, dass auch die neuen Bezugspersonen unzimperlich oder bevormundend mit ihnen umgehen. Auch das ist in einer Grossfamilie undenkbar. Wenn eine der 17 Bezugspersonen wegbricht, sind immer noch 16 andere da, welche das bisherige Netz an Sicherheit und Geborgenheit aufrechtzuerhalten vermögen, 16 Menschen, zu denen das Kind bereits eine manchmal vielleicht sogar engere Beziehung aufgebaut haben mag als selbst zu den eigenen Eltern. Auch haben die Kinder in der Grossfamilie nicht nur eines oder zwei Vorbilder, sondern viele verschiedene. Sie können nicht nur von einer einzigen oder von zwei Personen etwas lernen, sondern auch von vielen anderen, von jeder etwas, was für ihre Entwicklung wertvoll sein kann. Sie sind nicht einem einzigen Erziehungsstil ausgeliefert, sondern erleben ganz unterschiedliche Verhaltensweisen von Erwachsenen gegenüber Kindern, die sie kritisch und selbstbestimmt miteinander vergleichen und werten können und die zugleich ein kleines Abbild sind einer vielfältigen demokratischen Gesellschaft, in der es nicht nur Richtig und Falsch gibt, sondern unendlich viel dazwischen. So wird die Grossfamilie zu einer eigentlichen Lerngemeinschaft, in der nicht nur die Jungen von den Alten etwas lernen können, sondern auch die Alten von den Jungen und alle miteinander und voneinander.

Umgekehrt liegt in der Grossfamilie auch nicht mehr die ganze Last der Betreuung und der Begleitung der Kinder auf bloss vier oder zwei Schultern. Während sich in der Kleinfamilie Papa und Mama oder sogar ausschliesslich die Mama von früh bis spät, Tag und Nacht, buchstäblich um alles kümmern muss und für alles verantwortlich ist und sich, wenn es trotz allem nicht wie gewünscht herauskommt, als totale Versagerin fühlt, ist dies alles in der Grossfamilie auf viele verschiedene Schultern verteilt, alle tragen Verantwortung für alle und niemand muss es als persönliches Versagen empfinden, wenn dabei, was ja völlig normal ist, vorübergehend auch Schwierigkeiten und Krisen auftreten, die man dann gemeinsam viel besser meistern kann, als wenn man ganz alleine auf sich gestellt und dabei oft hilflos überfordert ist. Wie ein bekanntes afrikanisches Sprichwort besagt, braucht es „ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“. Oder zumindest eine Grossfamilie, wie auch der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther in einer Publikation des Humanistischen Verbands Deutschlands vom 1. Oktober 2021 ausführte: „Erziehung muss nicht eine Individualangelegenheit der Eltern sein. Eingebettet in eine grössere soziale Gemeinschaft bringt sie grosse Chancen für eine ganzheitliche Entwicklung des Kindes. Denn Menschen sind zutiefst soziale Wesen, die bereits im Mutterleib als solche entstehen – sichtbar an physiologischen Mustern, die auf Verbindung mit anderen Menschen abzielen.“

Grossfamilien hätten zweifellos auch eine präventive Wirkung gegen die Gefahr von politischem oder religiösem Extremismus und würden wohl wesentlich dazu beitragen, dass es bei „Randgruppen“ nicht zu einer Entwicklung in Richtung Gewalttätigkeit käme. Würde Amir auch noch im Alter von 15 oder 16 Jahren in einem Heim oder an einem anderen, von der übrigen Gesellschaft abgeschotteten Raum leben, weiterhin mit allen möglichen und unmöglichen Botschaften, Aufrufen und Ideologien im Internet und den sozialen Medien sich selber überlassen bleiben, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass er eines Tages einer jener „delinquierenden ausländischen Jugendlichen“ sein könnte, die landauf und landab in den Medien und in den Kampagnen gewisser politischer Parteien Schlagzeilen machen, wohl unvergleichlich viel grösser, als wenn er in einer sozialen Gemeinschaft gross werden kann, in der er sich verstanden, geborgen und geliebt fühlt und täglich von anderen Menschen Wertschätzung erfährt.

Wahrscheinlich müsste man früher oder später auch den Begriff der „Liebe“ ganz anders definieren, als dies heute der Fall ist. Liebe ist doch nicht nur eine – in aller Regel mit Sexualität in Verbindung gebrachte – Paarbeziehung oder allenfalls noch die „Affenliebe“ von Eltern, die ihre Kinder verhätscheln und ihnen jeden Wunsch erfüllen. Liebe ist doch auch, wenn Amanda Amir Deutschstunden gibt. Liebe ist doch auch, wenn Anna oder Herbert Roberto einen Teil seiner Betreuungsarbeit für Anna abnehmen, damit er am Wochenende seine Freunde treffen kann. Liebe ist doch auch, wenn Karin jetzt wieder eine Katze an ihre Brust drücken und sie liebkosen kann. Liebe ist doch auch, wenn man möglichst umweltbewusst zu leben versucht und einem die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen nicht egal sind. Liebe ist doch alles, was sich Menschen gegenseitig an Aufmerksamkeit, Zuneigung, Anteilnahme und Mitgefühl schenken können, das, was wir auch, seit Jesus diese wunderbare Botschaft in die Welt gebracht hat, als Nächstenliebe bezeichnen und zutiefst auch mit innerer Verbundenheit, Verantwortungsgefühl und Solidarität zu tun hat.

Die neue Grossfamilie wäre so etwas wie der erste Kreis, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem er sich bedingungslos willkommen fühlt. Ein Ort der Geborgenheit und der Gewissheit, dass er auch dann nicht zerbrechen wird, wenn einzelne Teile von ihm in Gefahr sind. Den zweiten Kreis könnten zum Beispiel Quartiervereine bilden, grössere soziale Gemeinschaften, in denen aber gleichermassen das Miteinander und das gegenseitige Verantwortungsgefühl im Vordergrund stehen. Der dritte Kreis, das wäre dann die Kommune, die auf den gleichen Grundsätzen weiterbauen müsste. In der heutigen kapitalistischen Leistungs-, Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft, in der jeder gezwungen ist, für sich den grösstmöglichen Anteil an Ansehen und materiellem Erfolg zu gewinnen, und so die Mitmenschen vor allem als Konkurrenten im Kampf um einen zunehmend kleiner werdenden Kuchen wahrgenommen werden, fehlt der erste Kreis gänzlich und auch der zweite ist, selbst wenn es ihn da und dort noch gibt, vom Aussterben bedroht. Die Menschen brauchen immer mehr Zeit und Energie für den individuellen Existenzkampf, so dass immer weniger Zeit und Energie für das Gemeinschaftliche, für das Miteinander, für die Solidarität mit Schwächeren übrig bleibt. Solange aber der erste und zweite Kreis fehlen, können auch die weiteren, darüber gestülpten Kreise nicht wirklich funktionieren. Die Menschen, die derart umfassend von ihrem individuellen Kampf für den Aufstieg und gegen den Abstieg innerhalb der herrschenden Klassengesellschaft absorbiert sind, haben kaum noch Ressourcen, sich um das Gemeinwohl innerhalb grösserer Bevölkerungssegmente zu kümmern, alles „Politische“ wird zunehmend ausgeklammert und an den Rand gedrängt, was sich nur schon an der geringen Beteiligung an Wahlen und Abstimmungen zeigt. Gleichzeitig führen auch Einsamkeit und Isolation und das Gefühl der zu kurz Gekommenen, zunehmend an den Rand gedrängt und nicht mehr als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen zu werden, dazu, sich kaum mehr auf etwas einzulassen, was auch nur im Entferntesten mit „Politik“ zu tun hat, denn alle damit verbundenen Erwartungen wurden schon viel zu oft enttäuscht. Dies alles aber ist nichts anderes als eine zunehmende, scheibchenweise Erosion der Demokratie bis in letzter Konsequenz hin zu ihrem völligen Verschwinden.

Unsere Demokratie ist nicht in erster Linie durch irgendwelche ferne Autokraten bedroht, wie so oft behauptet wird, und was dann zynischerweise noch als Begründung für militärische Aufrüstung herhalten muss und damit für die Reduktion öffentlicher Gelder, die man ausgerechnet für soziale Sicherheit und damit für die Aufrechterhaltung einer demokratischen Ordnung dringendst bräuchte. Unvergleichlich in viel höherem Ausmass als durch ferne Autokraten ist unsere Demokratie durch durch unsere eigene Ideologie des kapitalistischen Konkurrenzprinzips bedroht, das auf der Zerschlagung all dessen beruht, was mit gegenseitiger Solidarität zu tun hat, und die Menschen einzig und allein auf den Kampf ums individualistische Überleben reduziert, genau so, wie es die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1987 in einem Interview sagte: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, es gibt nur Individuen.“ Diese auch als „neoliberal“ bezeichnete Geisteshaltung, die nebst Thatcher vor allem auch von US-Präsident Ronald Reagan gepredigt wurde, stiess damals noch bei vielen Menschen auf erbitterte Kritik, heute ist sie sozusagen der „Normalzustand“, an den wir uns weitgehend gewöhnt haben und zu dem weitherum keine Alternative mehr in Sicht zu sein scheint.

Diese bloss auf den individuellen Überlebenskampf reduzierte Sicht, aufbauend auf jahrhundertelang zementierter Lügen wie jener, jeder sei „seines eigenen Glückes Schmied“, hat auch dazu geführt, dass die gegenseitige Anteilnahme, das gegenseitige Verantwortungsgefühl und das Interesse für gesellschaftliche Zusammenhänge nicht nur gegenüber den Nachbarn und den Mitbürgerinnen und Mitbürgern im eigenen Dorf und in der eigenen Stadt immer mehr verloren geht, sondern erst recht gegenüber allem, was noch weiter entfernt ist. Wurden noch in den Sechzigerjahren die wirtschaftlichen Ausbeutungsmechanismen zwischen der sogenannten „Ersten“ und der sogenannten „Dritten“ Welt öffentlich breit diskutiert, so werden die Länder des Südens heute von den meisten überprivilegierten Menschen des Nordens bestenfalls noch als möglichst billige und zugleich höchst attraktive Ziele für die nächste Ferienreise wahrgenommen – die Saat von Thatcher, Reagan und Ihresgleichen ist voll aufgegangen: Alle schwärmen von der Schönheit indischer Kunst- und Bauwerke, von der Farbenvielfalt auf den Gemüsemärkten in Kalkutta und Bangalore, und schicken Tausende Fotos all dieser Schönheiten rund um den Globus, aber niemand spricht davon, dass es im gleichen Land alleinerziehende Mütter gibt, die früh am Morgen ihrem Kind ein so starkes Schlafmittel verabreichen, dass es bis am Abend nicht mehr aufwacht, damit die Mutter zehn Stunden lang in mörderischer Hitze auf einer Baustelle arbeiten kann, nur damit sie und ihr Kind nicht verhungern müssen – was nichts anderes heisst, als dass es einer alleinerziehenden Mutter in der Schweiz, in Kanada oder in Mexiko im Grunde genau gleich geht wie einer alleinerziehenden Mutter in Indien, Kenia oder Bangladesch und nur die weltweite Übernahme gegenseitiger Verantwortung, das Wahrnehmen der weltweiten sozialen, wirtschaftlichen Zusammenhänge und die Solidarität einer möglichst grossen Zahl Privilegierter mit den Unterprivilegierten dauerhaft daran etwas zu ändern vermöchte.

Es ist nur ein kleiner Schritt, dachte sich Opa Wuzz eines Abends, als er wieder einmal sein Tagebuch zur Hand nahm. Aber es könnte vielleicht der Anfang von etwas Grösserem sein. Irgendwo muss es ja beginnen. Und wieder tropfte eine Träne in das Tagebuch, aber dieses Mal war es eine Träne der Freude, und erstaunlicherweise war auch seine Schrift längst nicht mehr so wacklig wie noch drei Jahre zuvor. Als wäre er wieder ein bisschen jünger geworden, seit er mit den kleinen Kindern in seiner Grossfamilie am Boden herumkriecht und mit ihnen all die wunderbaren Luftschlösser baut, die vielleicht eines Tages auf der Wolke von Conchita stehen werden oder im Herzen von Amir, wenn er irgendwann seine Zukunftsträume verwirklichen kann und vielleicht, wer weiss, eine eigene neue Grossfamilie gründen wird…

(Nachtrag am 11. September 2024: Michael Schulte-Markwort berichtet auf „FOCUS-Online“ über die seelische Verwahrlosung der Kinder in deutschen Kitas. In Schweizer Kitas wird es vermutlich auch nicht grundsätzlich anders sein. Gäbe es nur noch Grossfamilien wie jene von Opa Wuzz, bräuchte es auch keine Kitas mehr. Schulte-Markwort schreibt: „300 Fachleute schlagen Alarm und warnen in einem offenen Brief vor den Folgen der Kitakrise für Kinder. Die Erzieherinnen müssen viel zu viele Kinder betreuen, was sehenden Auges für die Fachkräfte bedeutet, mitzuerleben, wie schlecht die Kinder selbst bei grössten Bemühungen versorgt sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass es mindestens 20 Prozent der kleinen Kinder nicht gut geht. Das ist eine Form der institutionellen Verwahrlosung. Gerade die kleinen Kinder, die noch nicht in der Lage sind, über ihre seelischen Zustände zu sprechen, sind darauf angewiesen, dass sie liebevoll und umfassend gesehen und versorgt sind. Das ist aber nicht der Fall und führt zu psychischen Veränderungen in Form von Rückzug und Introversion und mutet mindestens an wie Vorformen depressiver Symptome… Auf der Seite der Fachkräfte führt zum einen das Erleben der mangelhaften Versorgung, aber auch der Engpass als solches zu psychischen Belastungen, die schnell mit Symptomen wie Erschöpfung oder auch psychosomatischen Krankheitszeichen einhergehen. Der dann entstehende Krankenstand führt zu einem Kreislauf, der die Ausfälle und die Erschöpfung verstärkt und zu immer ausgeprägteren Gefühlen der Sinnlosigkeit führen… Die Familien schliesslich sind immer wieder mit Ausfällen der Fachkräfte konfrontiert, die kompensiert werden müssen. Darüber hinaus müssen sie mit dem Gefühl leben, dass ihr Kind nicht gut versorgt ist und unter Umständen sehr leidet – ohne dass es dazu eine Alternative gibt. Insgesamt ein Kreislauf, der für die Schwächsten unserer Gesellschaft zu unzumutbaren Belastungen führt, die sie mit denen teilen, die sie versorgen wollen… Kinder reagieren immer auf die Psyche der sie umgebenden Menschen. Das ist keine Frage des Alters oder sprachlicher Fähigkeiten. Auch kleine Kinder erspüren immer, wie es zum Beispiel ihren Eltern geht, in welcher seelischen Verfassung sie sind – auch, wenn diese nicht darüber sprechen. Dasselbe gilt für die Fachkräfte in den Kitas. Wenn diese überfordert, erschöpft oder gar depressiv sind, dann erspüren die betreuten Kinder dies immer. Das führt entweder zu einer Übertragung dieser Belastung oder zu kindlichen Phantasien, dass sie selber zu belastend sein könnten für die Erzieherinnen. Damit verstärkt sich auf beiden Seiten die Belastung und unausweichliche Zirkel von psychischen Symptomen entstehen. Wenn die Erzieherinnen merken, wie schlecht es den Kindern geh, strengen sie sich noch mehr an, was die Belastung und Erschöpfung verstärkt, was dann wiederum die Belastung der Kinder erhöht. Ein Kreislauf ohne Aussicht auf Auflösung… Videoanalysen haben unter anderem gezeigt, dass 20 Prozent der Kinder in ihrer Mimik und Körpersprache signifikant ausdrucksloser als die anderen Kinder sind. Das erinnert an depressive Menschen, die hypomimisch werden, an Gesichtsausdruck verlieren und überhaupt weniger Energie und Ausdruck zeigen… Wir wissen aus anderen Untersuchungen an Kindern im Alter zwischen 4 und 8 Jahren, dass etwa 8 Prozent von ihnen die Kriterien für eine Depression erfüllt haben. Entgegen früherer Annahmen wissen wir heute, dass Depressionen auch im Kindes- und Jugendalter vorkommen, mit einer langsamen Zunahme mit dem Alter bis auf etwa 8 Prozent im Jugendalter… Je jünger die Kinder sind, desto weniger psychische Mechanismen haben sie, um mit Stressoren anders umzugehen, als sie aufzunehmen. Die Kleinen können nicht darüber sprechen, man kann ihnen keine Skills beibringen und auch alle anderen gängigen Strategien, auf die man professionell mit gestressten und/oder depressiven Menschen reagiert, können hier nicht zum Einsatz kommen. Da Kitakinder sich in der Regel über ihr psychisches Befinden noch nicht sprachlich ausdrücken können, sind sie darauf angewiesen, dass feinfühlige Eltern sich aufmerksam auf ihr Kind konzentrieren, um Signale wahrzunehmen. Eines der offensichtlicheren ist die Weigerung oder der anhaltende morgendliche Unwille des Kindes, in die Kita gebracht zu werden. Kein Arbeitnehmer würde lange an seinem Arbeitsplatz verweilen, wenn dieser mit morgendlichem Unwillen einhergeht. Komischerweise glauben viele Erwachsene, dass man dies den Kleinsten sehr wohl zumuten kann, weil sie sich dem elterlichen Willen am Ende unterordnen. Diese Unterordnung kann aber psychische Veränderungen nicht aufhalten… Weitere Symptome können körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Appetitlosigkeit in der Kita sein. Die Umlenkung seelischer Impulse in körperliche Symptome sind im Kindesalter weit verbreitet. Ebenso können die Kinder mit (Ein-)Schlafstörungen oder Trennungsangst sowie einer erhöhten Weinerlichkeit auffallen… Natürlicherweise stehen die kindlichen Symptome manchmal den elterlichen Notwendigkeiten, zum Beispiel ihrer Arbeit pünktlich nachzugehen, im Wege. Das kann dazu führen, dass Eltern in ihrer Not die kindlichen Symptome nicht wahrnehmen oder bagatellisieren… Es gibt nach wie vor in unserer Gesellschaft die unausgesprochene Annahme, dass Kinder umso unwichtiger erscheinen, je jünger sie sind. Die Kleinsten werden nicht von Pädagoginnen der frühen Kindheit versorgt, sie sind in viel zu grossen Gruppen mit zu wenig Fachpersonal und dieser Trend setzt sich fort, indem Grundschullehrer weniger gelten als Gymnasiallehrer, Kinderärzte schlechter bezahlt werden als Erwachsenenmediziner und vieles andere mehr. Kinder haben keine Lobby, sie protestieren nicht, passen sich ungenügenden Umständen an und versuchen immer, es uns Erwachsenen recht zu machen. Im Umkehrschluss verwechseln wir diese Stille der Kinder mit Zufriedenheit. Immer wieder wird fürsorglichen Eltern Überfürsorglichkeit unterstellt – dahinter steckt die Annahme, dass Kinder sich von unreif zu reif, von unmündig zu mündig zu entwickeln haben und sie mit zu viel Aufmerksamkeit verwöhnt und lebensunfähig werden. Das Gegenteil ist der Fall!)

Die russische „Kriegspropaganda“ und die Schweiz: Wenn man auf dem einen Auge so scharf sieht, dass man auf dem anderen schon fast blind ist…

„Putins Propaganda-Sender fährt Kampagne gegen die Schweiz“ – so die Hauptschlagzeile auf der Titelseite des „Tagesanzeigers“ vom 22. Juni 2024. SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf, so lesen wir im Folgenden, sei vom russischen Staatssender RT (Russian Today) als „Kriegstreiberin“ bezeichnet worden, Viola Amherd als „KIndermörderin“, die Bürgenstock-Konferenz als „Kriegsgipfel“ und „Lachnummer“. Besonders befremdlich sei, so der „Tagesanzeiger“, dass die russische „Anti-Schweiz-Propaganda“ bei immer mehr Menschen in der Schweiz Anklang finde, so sei die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer der deutschsprachigen RT-Seite jüngst um rund 50 Prozent gestiegen. Ziel von RT sei ganz offensichtlich die „Spaltung der westlichen Gesellschaften“. Die Stimmen derer, die ein Verbot von RT für die Schweiz fordern, so wie es in der EU bereits in Kraft gesetzt worden ist, würden daher immer lauter. Auch Seiler Graf sei der Meinung, dass die Schweiz ein Verbot von RT mindestens prüfen müsse, handle es sich hier doch um „übelste Propaganda“. Die Artikel seien „so perfide konstruiert“, dass „viele Schweizerinnen und Schweizer das offenbar glauben“. Auch Mitte-Nationalrätin Nicole Barandun äussert sich dahingehend, dass „vielen schweizerischen Bürgerinnen und Bürgern offenbar die Fähigkeit oder der Wille fehlt, solche Falschinformationen als Propaganda zu erkennen“.

Bin ich auch einer von denen, der dieser „perfiden russischen Anti-Schweiz-Propaganda“ auf den Leim gegangen ist? Auch in meinen Augen nämlich ist Priska Seiler Graf, neben vielen anderen, eine „Kriegstreiberin“. Auch ich könnte, wenn dies auf den ersten Blick auch etwas gar weit hergeholt zu sein scheint, Viola Amherd als „Kindermörderin“ bezeichnen, hat sie doch mit ihrem total einseitigen Engagement für die Ukraine der schweizerischen Neutralität und damit einer der letzten Chancen für eine diplomatische Lösung des Ukrainekonflikts das Grab geschaufelt und damit fahrlässig Tausende weiterer Kriegsopfer in Kauf genommen, auch zahllose Kinder, und dies, ohne je das schweizerische Volk gefragt zu haben, ob es damit auch tatsächlich einverstanden sei. Auch ich würde die Bürgenstock-Konferenz als „Kriegsgipfel“ und „Lachnummer“ bezeichnen. Bloss: Ich bin ganz alleine zu diesem Schluss gekommen, ohne auch nur eine Sekunde lang von der russischen „Anti-Schweiz-Propaganda“ beeinflusst worden zu sein oder zu diesem Thema einen Artikel auf RT gelesen zu haben.

Denn die Fakten als solche sprechen eine genug deutliche Sprache: Russland wurde ja von Viola Amherd und Ignazio Cassis hauptsächlich deshalb nicht zur Bürgenstock-Konferenz eingeladen, weil Selenski eine Teilnahme sonst verweigert hätte – man hat sich also, fern jeglicher neutral- und friedenspolitischer Tradition, klar für die Ukraine und gegen Russland entschieden und damit die Aussicht auf eine echte Friedenslösung zum Vornherein bewusst verbaut. Dies kommt auch im Kommentar des „Tagesanzeigers“ vom 17. Juni zum Ausdruck, der das Abschlusspapier der Bürgenstock-Konferenz vor allem deshalb so „bemerkenswert“ findet, weil es „ausdrücklich Russland die Verantwortung für den Ukrainekonflikt zuweist”, das Resultat der Konferenz daher als „frischen Sauerstoff für die Solidarität mit der Ukraine“ bezeichnet und den Erfolg des Gipfels vor allem darin sieht, dass es „nicht in erster Linie um den Frieden“ gegangen sei, sondern „um die Ukraine“, um abschliessend festzuhalten, dass damit nun die „Zeit reif geworden“ sei, dass „die Ukraine nicht nur 15 neue Panzer bekommt, sondern 150 oder noch besser 1500.“ Und wenn dies alles noch nicht genug gewesen wäre, um in meinen Augen die vermeintliche „Friedenskonferenz“ als eigentliche Kriegskonferenz zu sehen, hätte es, als Tüpfelchen auf dem i, eigentlich nur noch die Aussage der US-Vizepräsidentin Kamala Harris gebraucht, die ganz unverblümt erklärte, Amerika stehe „nicht aus Nächstenliebe an der Seite der Ukraine“, sondern nur, „weil es in unserem strategischen Interesse liegt.“

Auch die „unsägliche“ und angeblich völlig aus der Luft gegriffene Behauptung von RT, SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf sei eine „Kriegstreiberin“, hat mehr als einen wahren Kern. Sie war es schliesslich, die, entgegen der ureigenen friedenspolitischen und pazifistischen Tradition ihrer eigenen Partei, mit ihrem Stichentscheid als Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats dafür die Verantwortung trägt, dass entgegen aller bisheriger neutralitätsrechtlicher Bedenken nun doch Schweizer Waffen an die Ukraine geliefert werden können. Dass Seiler Graf in diesem Zusammenhang gar noch von einer „Koalition der Willigen“ sprach, schlägt dem Fass endgültig den Boden aus, war dies doch zuletzt der Begriff für die mit den USA verbündeten westlichen Militärmächte, die 2003 den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak lancierten, welchem in der Folge über eine halbe Million unschuldiger Menschen zum Opfer fallen sollten. Zum Glück gibt es noch die SVP, die gegen diesen Entscheid bereits das Referendum angekündigt hat…

Eigentlich fallen all die Vorwürfe an die Adresse Russlands, einseitig und tendenziös zu informieren und „Kriegspropaganda“ zu betreiben, bei Lichte besehen auf den Westen selber zurück, und insbesondere auch auf die Schweiz. Denn die Einseitigkeit, mit der unsere Mainstreammedien zum Thema Ukraine und Russland berichten, lässt sich wohl kaum überbieten. So etwa wird die ganze Vorgeschichte des Ukrainekriegs von der seit Jahrzehnten seitens namhafter US-Politiker immer wieder erhobenen Forderung nach einer „Zerstückelung“ Russlands über die entgegen sämtlicher früherer Zusagen kontinuierlich vorangetriebene NATO-Osterweiterung, die Verwicklungen der CIA in den Maidanputsch 2014 und die Diskriminierung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine bis zum Konfliktlösungsvorschlag Putins im Dezember 2021, der von der US-Regierung kommentarlos zurückgewiesen wurde, in sämtlicher Berichterstattung systematisch ausgeklammert und mit allen Mitteln die Fiktion aufrechterhalten, wonach der Ukrainekrieg genau am 22. Februar 2022 angefangen hätte und keinen einzigen Tag zuvor. Auch werden sämtliche Themen, die auf die westliche Seite ein schlechtes Licht werfen könnten, systematisch unterdrückt bzw. verschwiegen: Bis heute gilt das „Massaker von Butscha“ als eigentliches Mahnmal für die Brutalität und Grausamkeit der russischen Kriegsführung, obwohl nie eine unabhängige Untersuchung dieses Ereignisses stattgefunden hat. Ebenso liegt über den Hintergründen der Anschläge auf die Nordstream-Pipelines in der Ostsee nach wie vor ein Deckel der Verschwiegenheit. Auch darüber, dass bereits Tausende von russischsprachigen Lettinnen und Letten, die sich weigerten, lettische Sprachkurse zu besuchen, inzwischen ausgebürgert wurden, konnte man in den allermeisten westlichen Medien nie etwas lesen. Auch dass Alexei Nawalny, der in den westlichen Medien durchwegs zum Repräsentanten für Demokratie und Menschenrechte im Kampf gegen den brutalen Diktator Putin emporstilisiert wurde, in Tat und Wahrheit ein Rassist übelster Sorte war, ethnische Minderheiten als „Kakerlaken“ bezeichnete, ihre Deportation forderte oder gar ihre Vernichtung mithilfe von Marschflugkörpern, all dies fand nie Platz in der Berichterstattung der westlichen Mainstream-Medien. Da beispielsweise im „Tagesanzeiger“ über Wochen ausschliesslich positive und in höchstem Masse lobende, geradezu glorifizierende Berichte über Nawalny erschienen, sah ich mich zu einem Leserbrief veranlasst, in dem ich auf die negativen Seiten Nawalnys hinzuweisen versuchte. Der Leserbrief wurde nicht veröffentlicht. Auf meine Nachfrage an die Chefredaktion, ob es nicht im Sinne demokratischer Meinungsbildung liegen müsste, auch alternative Sichtweisen zu verbreiten, erhielt ich nie eine Antwort. Zwar heisst es in einem kürzlich vom Bundesrat veröffentlichten Bericht zur Informationspolitik, das Bundesgericht vertrete in seiner Rechtsprechung die „Grundannahme, dass die Individuen jede Meinung und Information sollen hören können, um sich im freien Austausch aller Äusserungen selbst eine Meinung bilden zu können“, doch Theorie und Praxis scheinen mittlerweile erschreckend weit auseinanderzuklaffen.

Wie tendenziös, ja geradezu militarisiert die ganz „gewöhnliche“ Sprache in den meisten Medien schon geworden ist, kann man auf Schritt und Tritt bei der täglichen Zeitungslektüre feststellen. So etwa war im „Tagblatt“ vom 22. Juni 2024 Folgendes zu lesen: „Russlands revanchistischer Imperialismus bedroht die europäische Sicherheitsordnung“, „Links- und rechtsaussen werden unter dem Deckmantel einer rigid ausgelegten Neutralität pazifistische Lieder angestimmt, eine gefährliche, den Interessen eines kleinen, auf die Respektierung des Völkerrechts angewiesenen Landes kaum dienende Grundhaltung“, „Unverständlich ist das antiamerikanische Grundrauschen“, „Im Umfeld von Roger Köppel kommen offen prorussische und reaktionäre Anwandlungen an die Oberfläche, die mitunter an der demokratischen Gesinnung zweifeln lassen“, „Im Nationalrat sind die als Pazifisten und Neutralisten verkleideten Antiamerikaner in der Mehrheit, sie verhindern eine längst angezeigte Zusammenarbeit der Schweiz mit der Nato“. Und nicht anders tönt es in der „NZZ am Sonntag“, so etwa am 23. Juni: „“Als Botschafter des globalen Chaos ist Putin nach Osten gereist und hat dort mit vagen Drohungen Amerikas Verbündete aufgebracht“ und „Russland hat einen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen, doch global ist es in der Defensive“. Beliebig viele weitere Beispiele liessen sich anfügen.

Dass bei soviel einseitiger und tendenziöser Berichterstattung, bei der fast alle Medien das Feld von Objektivität, Ausgewogenheit und journalistischer Sorgfaltspflicht schon längst weit hinter sich gelassen haben, eine zunehmende Anzahl von Schweizerinnen und Schweizern in „Versuchung“ gerät, sich alternative Informationen zu beschaffen und diese dann unter anderem bei RT findet, ist ja nun wirklich nicht verwunderlich. Auch ich habe mir unlängst kurz überlegt, den RT-Newsletter zu abonnieren, habe es dann aber unterlassen. Eigentlich brauche ich die Propaganda von der anderen Seite gar nicht, um all die Einseitigkeiten, Widersprüchlichkeiten, subtilen Unterstellungen bis hin zu geradezu unverfrorenen Lügen unserer eigenen, westlichen Propaganda zu durchschauen.

Als Gipfel aller dieser Versuche, die Öffentlichkeit bewusst hinters Licht zu führen, hat nun, wie „Fricktal24“, die Online-Zeitung für das aargauische Fricktal, am 20. Juni berichtete, der Bundesrat in seiner Sitzung vom 19. Juni einen umfassenden Bericht unter dem Titel „Auslegeordnung zur Bedrohung der Schweiz durch Desinformationskampagnen“ gutgeheissen, in dem ausschliesslich, wie „Fricktal24“ schreibt, „staatliche Beeinflussungsakteure, die offensiv andere Werte, Normen und politische Systeme propagieren und demokratische Institutionen untergraben wollen“, thematisiert werden. Im Klartext: Desinformation erfolgt ausschliesslich durch das „böse“ und „andersartige“ Russland – dass in kriegerischen Zeiten wie der unseren auch die vermeintlich lupenreine eigene Seite in nicht weniger grossem Umfang Propaganda und Desinformation betreibt, wird zum Vornherein ausgeschlossen…

So etwa ist im besagten Bericht des Bundesrates über „Beeinflussungsaktivitäten und Desinformation“ vom 19. Juni Folgendes zu lesen: „Mit Russlands militärischer Aggression gegen die Ukraine ist Krieg zurück in Europa und die Sicherheitsordnung des Kontinents nachhaltig erschüttert.. die Aktivitäten Russlands, aber auch Chinas, dürften mittel- und langfristig die grösste Relevanz für die Sicherheit der Schweiz behalten… einem globalen Publikum bieten russische Kanäle in sozialen und Online-Medien Desinformation und die gezielte Verfälschung der Realität in der Ukraine… es besteht zudem das Risiko, dass das Territorium der Schweiz als Drehscheibe missbraucht wird, um Beeinflussungsaktivitäten gegen Drittstaaten oder gegen internationale Organisationen durchzuführen oder zu finanzieren… zur Verbreitung seiner Sicht nutzt Russland beispielsweise oft betont apolitische Tarninstitutionen und Vereine als Fassade sowie gewisse russlandfreundliche Parteien und Politiker in westlichen Staaten, wobei die Verbindung und Finanzierung durch den russischen Staat nicht offensichtlich sein muss… der Kreml schuf mittels Parteispenden, Konferenzen und Einladungen nach Russland ein wohlgesinntes Netzwerk aus europäischen Politikerinnen und Politikern aus dem ganzen politischen Spektrum… Russland nutzt digitale Informations- und Kommunikationsmittel rege, um Desinformation zu streuen… seit Beginn des Kriegs in der Ukraine ist ein Zuwachs russischer Propagandainhalte in europäischen Sprachen auf kaum regulierten, nichtwestlichen Plattformen wie Tiktok und Telegram festzustellen… die Schweiz ist als Teil der westlichen Wertegemeinschaft schon länger Ziel von allgemeinen, auf westliche Staaten abzielenden Beeinflussungsaktivitäten… Für die Schweiz stehen im Zusammenhang mit Beeinflussungsaktivitäten Russland, aber auch China als mutmassliche Urheber im Vordergrund.“

Aber auch, was mögliche Massnahmen gegen die angeblich zunehmende russische und chinesische Propagandalawine betrifft, wird alles, was aus dem Westen kommt, ohne kritisches Hinterfragen als „gut“ und „richtig“ dargestellt. So etwa ist zu lesen: „Die demokratischen Staaten entwickeln unterschiedliche Instrumentarien zur Bekämpfung ausländischer Einflussnahme, in den USA zum Beispiel beobachtet das Global Engagement Center die Lage und stellt durch Russland verbreiteten Narrativen Fakten gegenüber… das European Digital Media Observatory ist ein von der EU finanziertes Netzwerk, das Desinformationskampagnen analysiert und die Medienkompetenz der Bevölkerung stärkt… führende westliche Social-Media-Unternehmen wie Facebook, Youtube und X schränkten in unterschiedlichem Ausmass den Zugang zu Inhalten aus staatsnahen russischen Quellen ein… die Nato wird in ihren Bemühungen gegen Desinformation durch ein unabhängiges Kompetenzzentrum unterstützt… Bemühungen der USA und der EU, Beeinflussungsaktivitäten und Desinformation durch den Einsatz von KI zunehmend aufzudecken, bieten der Schweiz Möglichkeiten der Übernahme und können als Vorbild dienen.“

Im Weiteren fordert der Bericht weitergehende Kompetenzen für all jene Institutionen, welche Beeinflussungsversuche ausländischer Mächte analysieren, kontrollieren und bei Bedarf weiter einschränken sollten: „Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) kann Beeinflussungsaktivitäten im Ausland bearbeiten, wenn diese für die sicherheitspolitische Lage der Schweiz von Bedeutung sind… der NDB kann auch einem schweizerischen Provider empfehlen, eine ausländische Website zu sperren, insbesondere wenn staatliche russische Akteure nachweislich kriminelle Organisationen für ihre Zwecke einspannen… Fedpol kann Einreiseverbote und Ausweisungen verfügen, wenn eine Person mit ihren Beeinflussungsaktivitäten die innere und die äussere Sicherheit der Schweiz gefährdet… der NDB hat die mit der hybriden Konfliktführung einhergehenden Beeinflussungsmöglichkeiten insbesondere Russlands und Chinas aufzuklären… Desinformation kann Armeeangehörige bereits vor dem Eintritt in den Dienst oder während ihrer Auftragserfüllung beeinflussen, die Armee beobachtet deshalb den Informationsraum im Alltag, insbesondere aber im Rahmen von Einsätzen und Operationen, entsprechende Erkenntnisse fliessen in einen wöchentlichen Lagerapport des Kommandos Operationen ein… derzeit konzipiert die Bundeskanzlei eine Informations-App für die Kommunikation des Bundesrates als direkten Kanal zur Bevölkerung, dieser könnte im Krisenfall wie auch im Fall von Beeinflussungsaktivitäten, bei denen eine Reaktion des Bundesrates erforderlich ist, durch Push-Benachrichtigung eingesetzt werden… künftig soll die Kerngruppe Sicherheit regelmässig die Thematik Beeinflussungsaktivitäten und Desinformation traktandieren, ebenso soll das Potenzial zum Ausbau und zur Institutionalisierung des internationalen Austauschs und der Zusammenarbeit geprüft werden, namentlich bezüglich des Zugangs zu Datenbanken und Analysen des Europäischen Auswärtigen Diensts.“

Beim genaueren Lesen des Berichts fallen seine inneren Widersprüchlichkeiten auf. So wird zwar einerseits ein krasses Bedrohungsbild durch russische und chinesische Desinformationspropaganda an die Wand gemalt, dann aber heisst es, der Bundesrat beurteile „deren Reichweite aber letztlich als gering“. Zudem bedient sich der Bericht höchst manipulativer Aussagen, obwohl er ja genau dies dem politischen Gegner unterstellt: So ist zu lesen, dass eine im Jahre 2021 durchgeführte Internetnutzungsumfrage durch das Bundesamt für Statistik ergeben hätte, dass „45 Prozent der Bevölkerung angibt, auf Nachrichtenseiten oder in sozialen Netzwerken fragwürdige Informationen gesehen zu haben“. Weil aber im ganzen Bericht stets nur die Rede von russischen und chinesischen Beeinflussungsversuchen die Rede ist, wird auch diese Aussage in den gleichen Kontext gestellt, obwohl die Umfrage aus dem Jahr 2021 höchstwahrscheinlich viel mehr mit der Coronakrise zu tun hatte und der Ukrainekrieg ja noch gar nicht begonnen hatte. Weiter steht im Bericht, das „Zusammenspiel von öffentlichen und privaten Medien sowie das Mehrparteiensystem mit seiner auf Konsens basierenden Politik stärken im internationalen Vergleich die Widerstandsfähigkeit der Schweiz gegen Polarisierung und Populismus“ – wiederum aber geht es bei dieser Aussage ausschliesslich um die Widerstandsfähigkeit gegen Einflussnahme von ausserhalb der Schweiz, nicht aber um Widerstandsfähigkeit gegenüber der Einseitigkeit und zunehmend tendenziösen Ausrichtung der eigenen, offensichtlich über sämtliche Zweifel erhabenen Medien. Wenngleich dann aber ein paar Seiten später eingeräumt wird, das allgemeine Vertrauen in die Schweizer Medien sei „von 50 Prozent im Jahr 2016 auf 42 Prozent im Jahr 2023 gesunken“ – ohne dass aber auch nur mit einem Wort auf mögliche Ursachen dieser Entwicklung eingegangen wird. Im Bericht wird auch das für Radio und Fernsehen geltende „Sachgerechtigkeitsgebot“ erwähnt, welches dann verletzt sei, „wenn Informationsinhalte so manipuliert werden, dass sich das Publikum kein persönliches Bild mehr machen kann“ – dieses Sachgerechtigkeitsgebot wird aber heute in weit grösserem Ausmass dadurch verletzt, dass auch schweizerische Radio- und Fernsehprogramme viel zu häufig unhinterfragt die westliche bzw. US-Optik übernehmen und viel weniger oder sogar gar nicht dadurch, dass russische oder chinesische Propaganda in Nachrichtensendungen einfliessen würde.

Beim Lesen des bundesrätlichen Berichts fühlt man sich unwillkürlich in die schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1991 zurückversetzt. Die Wortführer von damals scheinen aus ihren Schlupflöchern wieder herausgekrochen zu sein und ein richtiges Comeback zu feiern. Nur dass es diesmal nicht gegen den „bösen“ Kommunismus in Gestalt der Sowjetunion geht, sondern um Putin und das heutige Russland, das zwar längst nichts mehr mit Kommunismus zu tun hat, sondern im Gegenteil ein durch und durch kapitalistisches Land ist, aber egal, Hauptsache, man hat wieder ein Feindbild, auf das man mit allen Rohren schiessen kann. Es scheint eben doch trotz aller gegenteiligen Behauptungen so zu sein, dass der Westen zu seiner eigenen Legitimierung unbedingt auf ein Feindbild angewiesen ist, ob das nun die Sowjetunion, Russland, der Terrorismus oder ganz allgemein der Islam ist. Diese Vermutung wird auch dadurch bestätigt, dass der Westen das Ansinnen Russlands im Mai 1997, der Nato beizutreten, mit der Begründung ausschlug, dass ja dann die Nato ihren Sinn verlieren würde.

Ein dermassen aufgebauschtes Feindbild, das offensichtlich darin besteht, mit dem einen Auge so scharf zu sehen, dass das andere schon fast gänzlich blind geworden zu sein scheint. Denn „Manipulation“, „Desinformation“ und „Beeinflussungsaktivitäten“ gibt es nicht nur seitens Russlands und Chinas, sondern ebenso, und möglicherweise sogar noch in höherem Ausmass , seitens des Westens und insbesondere der Nato, wie folgender in der „Wochenzeitung“ vom 16. September 1999 veröffentlichter Artikel von Andreas Zumach, UNO-Korrespondent der „tageszeitung“ von 1988 bis 2020, über den Nato-Krieg gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999, den sogenannten „Kosovokrieg“, zeigt.

„Für die Informationsarbeit der Nato-Staaten vor, während und nach dem Kosovokrieg“, so Zumach, „waren vor allem zwei Erfahrungen der Vergangenheit von Bedeutung: der Vietnamkrieg der USA in den sechziger und siebziger Jahren sowie der Golfkrieg einer US-geführten Allianz gegen den Irak im Frühjahr 1991. Der Vietnamkrieg wurde für Washington zu einem innenpolitischen Debakel, als die drei grossen Fernsehnetzwerke der USA (CBS, NBC und ABC) begannen, ihre eigenen, vom Pentagon weitgehend unabhängigen Bilder und Berichte vom Kriegsschauplatz zu verbreiten. Das wollten die Militärs nicht noch einmal erleben. Bereits im Vorfeld des Golfkriegs wurden deshalb 95 Prozent der US-Zeitungen, Fernseh- und Rundfunkanstalten vom Pentagon vertraglich zur Selbstzensur verpflichtet. Nur wer diese Verträge unterschrieb, erhielt beschränkten, vom US-Militär auf Schritt und Tritt kontrollierten Zugang zur Kriegsregion. Als zentrale Informationsquellen wurden das Verteidigungsministerium in Washington und sein damaliges Kriegshauptquartier in Saudi-Arabien vorgegeben. Die Medien und JournalistInnen aus dem ‚Rest der Welt‘, obwohl nicht Partner dieser Selbstzensurverträge, hielten sich fast alle daran. Die perfekte Informationssteuerung im Golfkrieg des Frühjahrs 1991 wurde noch erleichtert durch die zentrale Rolle, die erstmals der – weitgehend an den Vorgaben Washingtons orientierte – US-Kabelsender CNN spielte. Von ihm übernahmen die Fernsehanstalten fast der ganzen Welt ihre Bilder – zumeist ohne weitere Überprüfung. Und auch im Kosovokrieg, dem völkerrechtswidrigen Angriff der Nato gegen Jugoslawien im Frühling 1999, verfing die Strategie. Die von der Allianz unter Führung der USA vorgegebenen Begriffe, Sprachregelungen und Interpretationen wurden in 90 Prozent aller US-amerikanischen Medienberichte umstandslos übernommen, wie inzwischen vorliegende Untersuchungen zeigen. So war in den Medien fast immer nur von der ‚Luftkampagne‘ der Nato die Rede, seltener von ‚Luftangriffen‘ und fast nie von ‚Krieg‘ (genau das, was Russland im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg vorgeworfen wird, wenn Putin nicht von einem ‚Krieg‘ spricht, sondern von einer ‚Militäroperation‘!). Von 291 Quellen, die zwei der einflussreichsten Fernseh-Abendnachrichtenprogramme in den USA in ihrer Berichterstattung zitierten, waren lediglich acht kritisch gegenüber dem Nato-Luftkrieg. Über den – inzwischen bestätigten – vielfachen Einsatz von Splitterbomben und von Granaten mit uraniumgehärteten Sprengköpfen wurde während des Krieges im Deutschen Fernsehen bloss ein einziges Mal berichtet. Alle anderen Medien gaben sich offenbar mit Dementis aus Brüssel zufrieden. Und dies trotz massiver Indizien und der seit einigen Jahren wohl bekannten, verheerenden Folgen, die der Einsatz derartiger Waffen im Golfkrieg von 1991 unter der irakischen Zivilbevölkerung verursacht hat.
Am politisch folgenreichsten aber war das Versagen der meisten Medien und JournalistInnen in den Wochen vor Beginn des Nato-Krieges – insbesondere während und nach den Verhandlungen zwischen Serbien und Vertretern der Kosovo-Albaner in Rambouillet und Paris unter Federführung der ‚Balkan-Kontaktgruppe‘, den Aussenministern der USA, Russlands, Grossbritanniens, Deutschlands, Frankreichs und Italiens. Das von Mitgliedsstaaten dieser Gruppe seinerzeit öffentlich verkündete Ziel der Verhandlungen – ein Statut für eine autonome jugoslawische Provinz Kosovo – wurde umstandslos weiterverbreitet, der Entwurf der Kontaktgruppe für ein Abkommen hingegen zunächst gar nicht oder nur sehr oberflächlich zur Kenntnis genommen. Nach dem Scheitern der Verhandlungen wurde die Darstellung der Aussenminister, ‚alle politischen und diplomatischen Möglichkeiten‘ für eine friedliche Lösung des Kosovo-Konflikts seien ausgeschöpft worden, von den meisten Medien übernommen. Ohne weiteres geschluckt wurde auch die nachweislich falsche Darstellung, Russland habe während der Verhandlungen die Position der westlichen Staaten mitgetragen. Als Mitte April der inzwischen berühmt gewordene Annex B des Vertragsentwurfs über die Rechte der Kosovo-Besatzungsmacht durch einen Artikel in der Berliner ‚tageszeitung‘ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde und damit die Darstellungen des deutschen Aussenministers Joschka Fischer und seiner Kollegen ernsthaft in Frage gestellt wurden, reagierte das deutsche Bundesaussenministerium bloss mit heftigen Angriffen auf den verantwortlichen Journalisten.“

Es ist kaum davon auszugehen, dass die Propagandamethoden der Nato heute viel anders sind als vor 25 Jahren, zur Zeit des Kosovokriegs. Im Gegenteil, höchst wahrscheinlich sind sie heute noch viel raffinierter und noch viel weniger durchschaubar. So raffiniert und undurchschaubar, dass sich die Mehrheit auch der Schweizer Bevölkerung noch immer in den guten alten Zeiten von Demokratie, Selbstbestimmung und Neutralität wähnt, während wir in Tat und Wahrheit doch schon längst, heimlich, schleichend und ohne dass dies auch nur im Entferntesten demokratisch abgestützt worden wäre, zum integralen Bestandteil der westlichen, von den USA angeführten Kriegsmacht geworden sind und damit die historische Chance, als echte, neutrale Friedensmacht durch diplomatische Vermittlung zu einer gewaltfreien Lösung des Ukrainekonflikts und damit zur Verhinderung eines allesvernichtenden dritten Weltkriegs entscheidend beitragen zu können, längst vertan wurde – genau das, was uns die vermeintliche russische „Kriegspropaganda“ heute so gnadenlos vor Augen hält. Und wir, von allen guten Geistern verlassen, alles, was unsere Weltsicht in Frage stellen könnte, in Bausch und Bogen verwerfen, statt es zum Anlass einer Denkpause zu nutzen und noch einmal auf das Feld Null zurückzukehren…

Amin, Ela, Baran und Aziz: Eine afghanische Flüchtlingsfamilie und wie sich mein Leben in so kurzer Zeit so tiefgreifend verändert hat…

Amin und Ela mit ihren beiden Buben, dem viereinhalbjährigen Baran und dem eineinhalbjährigen Aziz, sind vor drei Wochen bei mir eingezogen. Seither ist mein Haus, das nach dem Auszug unserer drei Kinder und dem Tod meiner Frau vor fünfeinhalb Jahren für mich alleine viel zu gross gewesen war, zum ersten Mal wieder voller Leben. Aziz kann von den Kirschen, die jetzt nach und nach reif werden, gar nicht genug bekommen. Baran spielt am liebsten mit dem roten Spielzeugferrari und hat schon einen Riesenturm aus Legosteinen gebaut. Ela hat die paar wenigen Kleidungsstücke und den Schmuck, den sie vor vielen Jahren von ihrer Mutter geschenkt bekommen und nun auf die Reise in die Schweiz mitgenommen hat, fein säuberlich in ihrem neuen Zuhause eingeräumt. Die grosse Schiefertafel beim hinteren Hauseingang ist voll mit von Amin gezeichneten persischen Schriftzügen, ein richtiges kleines Kunstwerk. Und auf dem Küchentisch steht ein noch warmer afghanischer Kuchen, dessen Duft das ganze Haus durchströmt. Schon lange nicht mehr hat sich mein Leben in so kurzer Zeit so stark verändert.

Obwohl sich die Menschenrechtslage in Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban im Juli 2021 weiter verschlechtert hat, weisen die Schweizer Behörden, wie „Swissinfo“ am 6. April 2023 berichtete, weiterhin die überwiegende Mehrheit der schutzsuchenden Afghaninnen und Afghanen ab – eine Politik, die in krassem Gegensatz zur grosszügigen Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge steht. Wer eine Chance haben will, aus Afghanistan in ein europäisches Aufnahmeland zu gelangen, muss zunächst, wie das inzwischen über 1,6 Millionen Menschen getan haben, über die Grenze in den Iran oder nach Pakistan fliehen und dort ein humanitäres Visum beantragen. Doch die Hürden sind hoch. So wurden im Jahr 2022 von sämtlichen von Afghaninnen und Afghanen für die Einreise in die Schweiz beantragten humanitären Visa gerade mal 5,5 Prozent bewilligt. Antragstellende müssen eine unmittelbare, individuelle, konkrete und ernsthafte Bedrohung für Leib und Leben nachweisen, die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe wie Frauen oder Mädchen reicht nicht. Zudem müssen sie einen engen und aktuellen Bezug zur Schweiz haben, etwa durch Verwandte oder einen früheren Aufenthalt im Land. Doch auch für all jene, welche es nach Überwindung aller dieser Hürden schliesslich bis in die Schweiz geschafft haben, ist die Zukunft immer noch ungewiss: Im Jahre 2022 erhielten von sämtlichen in der Schweiz Asyl suchenden Afghaninnen und Afghanen nur 533 eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung (Ausweis B), 2’274 eine vorübergehende Aufenthaltsbewilligung (Ausweis F) und 1’231 Anträge wurden abgewiesen. Personen mit einer F-Bewilligung sind mit Einschränkungen bei Reisen ins Ausland, bei der Sozialhilfe und bei der Familienzusammenführung konfrontiert, zudem schreckt der Status der befristeten Bewilligung potenzielle Arbeitgeber ab. Eine F-Bewilligung bedeutet, nie sicher zu sein, dauerhaft in der Schweiz bleiben zu können.

Amin, Ela, Baran und Aziz gehören zu den wenigen Glücklichen, die es geschafft haben, eine B-Aufenthaltsbewilligung zu bekommen und dauerhaft in der Schweiz bleiben zu können. Doch auch ihr Weg war steinig. Auch sie tragen schwere Wunden. Amin musste mit ansehen, wie Elas Eltern beim Verlassen einer Moschee, wo er auf sie gewartet hatte, vor seinen Augen von Talibankämpfern niedergeschossen wurden, seine geliebten Schwiegereltern, einfach so beide innerhalb einer Sekunde tot. Alle, so Amin, hätten vor allen anderen Angst, keiner traue einem andern über den Weg – ein permanenter Schockzustand. Käme einem jemand auf der gegenüberliegenden Strassenseite entgegen, wisse man nie, ob der nicht schon im nächsten Augenblick eine Waffe zücken werde. Auch wenn man zum Mitfahren in ein fremdes Auto steige, müsse man stets damit rechnen, vom Fahrer mit einem Messer attackiert zu werden. Das Schrecklichste sei jene Nacht gewesen, in der Amin bei einer Tante, die in einem kleinen Bergtal lebt, auf Besuch war und dort übernachtete. Das Raketenfeuer von den beiden gegenüberliegenden Seiten des Tales hätte den Himmel taghell erleuchtet, dazu ein ohrenbetäubender Höllenlärm, die Kinder der Tante, zitternd vor Angst, hätten während der ganzen Nacht kein Auge zugetan. Als er die Tante gefragt hätte, weshalb sie immer noch dort wohne, hätte sie ihm erklärt, dass sie gar keine andere Wahl hätte, weil ihr winziges Guthaben niemals ausreichen würde, um eine andere Wohnung oder ein anderes Haus zu kaufen. In jenem Bergtal war es auch, wo Amin im Garten eines Nachbarhauses ein etwa fünfjähriges Mädchen erblickte, das auf ihn einen besonders erbärmlichen Eindruck machte. Als er es fragte, welches sein grösster Wunsch sei, gab das Mädchen zur Antwort: Wenigstens einmal pro Tag Essen zu bekommen…

Als die Angriffe der Taliban immer heftiger wurden, hätten Amin und sein Vater, der Soldat bei den Regierungstruppen war, beschlossen, das Land zu verlassen. Als sie mit dem Auto in Richtung der iranischen Grenze fuhren, seien plötzlich von allen Seiten Talibankämpfer aufgetaucht, der Vater hätte das Auto dermassen beschleunigen müssen, dass es schliesslich mit voller Wucht in eine Felswand geprallt sei, Amin mit gebrochenem Unterarm und seinem glücklicherweise unverletzt gebliebenen Vater gelang es nur um Haaresbreite, den Angreifern zu entkommen und schliesslich, grösstenteils zu Fuss, in den Iran zu gelangen, wo sie Arbeit in einer Textilwerkstatt gefunden hätten, der Vater aber nach all den Strapazen so geschwächt gewesen sei, dass er schon nach kurzer Zeit im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben sei. Doch nicht nur seinen Vater und seine Schwiegereltern hat Amin verloren, sondern auch noch viele weitere Verwandte, Nachbarn, Schulkollegen und mehrere seiner allerbesten Freunde.

Zu diesem Zeitpunkt war Ela mit Baran und Amins Mutter, seiner Schwester und seinen beiden Brüdern noch in Kabul verblieben. Aziz kam erst zur Welt, als Amin seine Familie schon längst hatte verlassen müssen. Später flohen die anderen Familienmitglieder ebenfalls in den Iran, Ela und die beiden Buben erhielten nach längerer Zeit die sehnlichst erwarteten Reisedokumente und durften in die Schweiz einreisen, wo Amin vor drei Wochen auf dem Zürcher Flughafen seinen inzwischen eineinhalbjährigen zweiten Sohn zum ersten Mal sah. Alles, was Ela und die beiden Buben besassen, hatte in einem einzigen Koffer Platz. Amins Mutter, seine Schwester und seine beiden Brüder leben weiterhin im Iran, höchstwahrscheinlich wird Amin sie zeitlebens nie wieder sehen.

Aber Amin kennt auch all die Geschichten der sogenannten „Illegalen“, von denen einer seiner besten Freunde buchstäblich den ganzen Weg von Afghanistan bis in die Schweiz zu Fuss zurücklegte, zwei Mal im Gefängnis landete, doch meist nach kurzer Zeit wieder entlassen wurde. Er kennt auch die Geschichte jener schwangeren Frau, die sich mit letzter Kraft im Schnee und in der Kälte über das dreitausend Meter hohe Elbrusgebirge quälte und im kärglichen Schutz einer kleinen Felshöhle ihr Kind zur Welt brachte. Er kennt auch die Geschichte jener Familie, deren Vater unterwegs gestorben war und den sie einfach so schutzlos liegen lassen mussten, um, vom Hunger getrieben, nicht zu viel Zeit zu verlieren. Er hat auch Kenntnis von Vorfällen an der bulgarisch-türkischen Grenze, Frauen, die von bulgarischen Polizisten vergewaltigt wurden und deren blutige Kleider später im Wald gefunden wurden. Man hat ihm auch davon erzählt, dass auf Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze Bluthunde gehetzt werden, Männer und Frauen verprügelt, ihnen ihr Geld abgenommen und ihre Kleider vom Leibe gerissen werden. Und er weiss auch, dass von den 18’000 Flüchtlingen, welche zwischen Januar und Mai 2024 die Fluchtroute über Westafrika zu den Kanarischen Inseln gewählt hatten, 4808 unterwegs auf dem Weg über den Atlantik ihr Leben verloren, unter ihnen viele Afghaninnen und Afghanen.

Unweigerlich kommen mir die im Vorfeld der schweizerischen Parlamentswahlen letzten Herbst bis zum Überdruss wiederholten Worte des damaligen SVP-Präsidenten Marco Chiesa in den Sinn, es kämen „zu viele Ausländer“ in die Schweiz und vor allem die „Falschen“. Doch welches sind die „Richtigen“ und welches sind die „Falschen“? Und wer entscheidet das? Sind die Multimillionäre aus Kuweit, die an bester Lage am Genfersee ihre Luxusvillen bauen lassen, die „Richtigen“? Und wäre die Frau aus Afghanistan, die im Schnee und in der Kälte des iranischen Elbrusgebirges ihr Kind zur Welt brachte, eine der „Falschen“? Wie viel Herzlosigkeit bräuchte es, wenn man einen Abend lang solche Geschichten zu hören bekommen hätte und dann dennoch immer wieder so viel blinden Hass verbreiten würde? Und wenn Chiesa sagte, es kämen „zu viele“: Ich habe mal nachgerechnet, auf 100 Menschen in der Schweiz kommt ein einziger Flüchtling! Sind wir nicht genug stark und reich, um dies zu verkraften, und vielleicht sogar noch einiges mehr? Muss es uns nicht zu denken geben, wenn wir das beispielsweise mit einem wirtschaftlich ungleich viel schwächeren Land wie dem Libanon vergleichen, wo auf 100 Einheimische nicht nur einer, auch nicht nur zwei, nicht einmal zwanzig, sondern sage und schreibe 100 Flüchtlinge kommen?

Amin zeigt mir auf seinem Smartphone ein Schwarzweiss-Foto. Kabul 1954. Kaum zu glauben: Durch die afghanische Hauptstadt rollen Trolleybusse! Afghanistan war zu jener Zeit ein relativ wohlhabendes Land mit moderner Infrastruktur, einem Zweikammerparlament im Rahmen eines konstitutionellen Königtums, mit Meinungs- und Pressefreiheit sowie Frauenwahlrecht, und dies bereits 40 Jahre, bevor es in der Schweiz eingeführt wurde. Heute, so Amin, ist alles kaputt. Seit 1978, im permanenten Strudel wechselnder Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Warlords und den sich von aussen einmischenden Grossmächten Sowjetunion und USA, ist Krieg der ganz „normale“ Alltag in Afghanistan. Nach rund 300’000 Kriegsopfern, Millionen Geflüchteter und der weitgehenden Zerstörung von Wirtschaft, Infrastruktur und zivilen Einrichtungen und Institutionen zählt Afghanistan heute zu den ärmsten Ländern der Welt. Millionen von Afghaninnen und Afghanen, sagt Amin, sind im Krieg geboren, sind im Krieg aufgewachsen, haben im Krieg geheiratet, haben im Krieg gearbeitet und sind im Krieg gestorben. Nie haben sie etwas anderes gekannt als Krieg.

„Wer hat, dem wird gegeben“, „Es regnet immer dorthin, wo es schon nass ist“, „Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen“ – diese bekannten Redewendungen, in Anlehnung an ein Bibelzitat auch als „Matthäus-Effekt“ bekannt, sind wohl für wenige Länder so zutreffend wie für Afghanistan. Das kriegsgeplagte, von himmelschreiender Armut betroffene Land wurde, wie die „Wochenzeitung“ vom 23. Mai 2024 berichtete, anfangs Mai Opfer sintflutartiger Überschwemmungen. „Der Fluss war voll mit allem, was man sich vorstellen kann“, erzählt ein im betroffenen Gebiet im Norden Afghanistans lebender Arzt, „Lehm, Holz, Metall, Stein, Menschen und Tiere – ein Anblick des Grauens.“ Den offiziellen Zahlen der Taliban zufolge wurden 420 Menschen getötet, die Dunkelziffer dürfte freilich viel höher liegen. Viele Menschen gelten weiterhin als vermisst, die Rettungstrupps müssen sich durch zwei Meter dicke Schlammschichten kämpfen. Ganze Dörfer wurden mitgerissen. Auch ist die Rede von 10’000 ertrunkenen Rindern und Schafen, 6000 zerstörten Häusern und vielen unbrauchbar gewordenen Ackerfeldern. „Die Menschen“, so der Arzt, „werden sich kaum von dieser Katastrophe erholen können, doch schon steht die nächste an, denn auf die Flut wird der Hunger folgen und dieser wird wahrscheinlich abermals unzählige Afghaninnen und Afghanen zur Flucht zwingen.“ Man stelle sich einmal ein derartiges Ereignis mitten in Europa vor – alle Zeitungen, Radio und Fernsehen würden tage-, wenn nicht wochenlang über nichts anderes mehr berichten. Dass in unseren Medien kaum etwas von dieser verheerenden Flutkatastrophe in Afghanistan zu hören oder zu sehen war – auch das ist eine schreiende Form von Rassismus und Menschenverachtung.

Laut „Tagesanzeiger“ vom 20. Juni 2024 ist Afghanistan „ein Land im Dauernotstand“. Nebst den Repressalien der Taliban und den wirtschaftlichen Problemen wird das Land auch immer wieder von Naturkatastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen heimgesucht, nicht zuletzt als Folge des Klimawandels – jetzt gerade ist es in der Gegend, wo Amin aufwuchs, 51 Grad heiss! Zu alledem hat sich die humanitäre Krise durch die erzwungene Rückkehr von rund 650’000 Afghaninnen und Afghanen aus Pakistan weiter zugespitzt. Über drei Millionen Menschen sind Vertriebene im eigenen Land. Allein in den vergangenen drei Jahren flohen 1,6 Millionen aus Afghanistan. Die Zahl der weltweit gemeldeten afghanischen Flüchtlinge liegt bei 6,4 Millionen. Amin meint, tatsächlich sei die Zahl um ein Vielfaches höher, weil es sich bei den meisten um „Illegale“ handle, und die kämen in den Statistiken gar nicht vor. Von den 43 Millionen Menschen, die noch in Afghanistan leben, bräuchten über 23 Millionen humanitäre Hilfe, 6 Millionen Menschen leben in totaler Verzweiflung. Doch die den Hilfsorganisationen zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel reichen bei weitem nicht aus. Das UNO-Flüchtlingswerk UNHCR hat für das laufende Jahr einen Finanzbedarf von rund 480 Millionen Dollar, doch erst 30 Prozent davon sind gesichert. Der Gesamtbedarf aller Hilfsorganisationen für Afghanistan beläuft sich zurzeit auf 3 Milliarden, auch das ist nur zu 20 Prozent gedeckt. Die fehlenden 2,4 Milliarden wären ein winziger Bruchteil jener rund 640 Milliarden, welche die USA im Verlaufe des 20jährigen Afghanistankriegs für ihre Armee, für Waffen und andere Rüstungsgüter verpulvert hat. Offensichtlich war dafür, ganze Landstriche in Wüsten zu verwandeln, ganze Wohnquartiere dem Boden gleichzumachen, in der gesamten Bevölkerung pausenlos Angst und Schrecken zu verbreiten und friedliche Hochzeitsfeiern in die Luft zu sprengen, so viel Geld nötig, dass jetzt, um wenigstens einen kleinen Teil des angerichteten Schadens wieder gutzumachen, nichts mehr übrig geblieben ist bzw. für andere, neue Kriege gebraucht wird. Zweifellos verfolgten die USA schon im Afghanistankrieg wie auch in allen anderen der über 40 seit 1945 angezettelten Militärschläge, Regierungsputschs und Kriege die gleiche Strategie, die sie aktuell auch jetzt wieder im Ukrainekrieg verfolgen und die von der US-Vizepräsidentin Kamala Harris anlässlich der Bürgenstock-„Friedenskonferenz“ so treffend auf den Punkt gebracht wurde, als sie sagte: „Wir müssen die Wahrheit sagen. Amerika steht nicht aus Nächstenliebe an der Seite der Ukraine, sondern weil es in unserem strategischen Interesse ist.“

Und auch die Schweiz. Anfang Juni entschied der Ständerat, das Militärbudget in den nächsten vier Jahren um 4 Milliarden zu erhöhen und die Hälfte davon bei der Entwicklungshilfe zu sparen. Bei der humanitären Hilfe der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit würden 470 Millionen Franken gestrichen, Hier geht es um Gelder zur Linderung der Not der Menschen in Krisengebieten oder nach Naturkatastrophen. Betroffen werden unter anderem Afghanistan, Syrien, der Jemen und der Sudan sein. Zudem steht die Unterstützung der Flüchtlingsorganisation UNHCR zur Disposition. Und dem Beitrag des internationalen Komitees vom Roten Kreuz droht eine Kürzung von 20 Prozent. Bei der Entwicklungszusammenarbeit der Deza würde am meisten gespart: 1,2 Milliarden Franken. Dies hätte den Rückzug aus sechs bis acht Schwerpunktländern zur Folge, unter anderem Albanien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Georgien, Tunesien, Ägypten, Myanmar und Mali. Zudem sind die Beiträge an die fünf grössten Schweizer Nichtregierungsorganisationen in der Höhe von 90 Millionen in Gefahr. Weitere 450 Millionen könnten bei der Unterstützung des Kinderhilfswerks Unicef, des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Krankheiten wie Aids, Tuberkulose und Malaria sowie des Afrikanischen Entwicklungsfonds gespart werden. Die Abteilung für Frieden und Menschenrechte des EDA müsste Einsparungen von weiteren 330 Millionen beisteuern, hier käme es zu einem Rückzug aus mehreren Schwerpunktländern sowie Kürzungen in den Bereichen Klima, Migration und Menschenrechten. Es ist wohl nicht übertrieben, zu sagen, dass hier gerade systematisch ein Massenmord geplant wird. Doch Mitte-Ständerat Beat Rieder kann allen Ernstes sagen, es sei „gut, wenn die Schweiz die Demokratie fördern will“, es „bringt aber nichts, Geld in Länder wie Afghanistan zu investieren.“ Und FDP-Ständerat Benjamin Mühlemann, der die Sparanträge eingebracht hat, kann sogar in aller Öffentlichkeit die schier unfassbare Aussage machen, dass Entwicklungshilfe zwar „zweifellos wichtig“, die „Wehrhaftigkeit der Schweiz in der gegenwärtigen Situation aber noch viel wichtiger“ sei – ohne dass ein Aufschrei der Empörung durch unser Land geht…

Und dies in einer Welt, in der sich im Jahr 2023 jeder 69. Mensch auf der Flucht befand, total fast 120 Millionen, mehr als je zuvor. „Als wäre das nicht schon tragisch genug“, schreibt Chefredaktorin Melanie Steiger in der „Liechtensteiner Woche“ vom 23. Juni, „kommt ein weiterer Rekord hinzu: Noch nie waren so viele Kinder und Jugendliche auf der Flucht wie heute – mehr als 50 Millionen.“ Die grössten Fluchtbewegungen kommen aus Afghanistan, Syrien, der Ukraine, Venezuela, Honduras, Myanmar, der Demokratischen Republik Kongo und dem Sudan. Entgegen der weitverbreiteten Meinung, die meisten dieser Flüchtlinge würden nach Europa kommen, zeigen Daten des Kinderhilfswerks Unicef, dass der überwiegende Teil der Flüchtlinge innerhalb des Globalen Südens in anderen Ländern Zuflucht suchen, drei Viertel sämtlicher weltweit registrierter Flüchtlinge sogar in sichereren Regionen ihres eigenen Landes. „Kaum vorstellbar“, so Melanie Steiger, „was die Menschen auf der Flucht auf sich nehmen und welchen Gefahren sie sich aussetzen, schliesslich durchqueren sie andere Konfliktgebiete, die Wüste, das Meer. Und dann stecken sie in Flüchtlingslagern fest und müssen dort erneut unter widrigsten Umständen leben.“

In der Nacht, als mir Amin erklärte, weshalb er ein tausendprozentiger Pazifist geworden sei, wäre in mir auch noch der letzte Rest an Rassismus oder westlicher Überheblichkeit zerplatzt, falls es ihn überhaupt noch gegeben hätte. Stärker denn je zuvor wurde mir bewusst, dass das Gerede von den „kulturellen Unterschieden“ und dass der „demokratische“ Westen den sogenannten „unterentwickelten“ Völkern zum Vorbild dienen müsste und dass insbesondere „bildungsferne“ Menschen mit den zivilisatorischen Errungenschaften unserer „hochentwickelten“ europäischen Gesellschaften vertraut gemacht werden müssten, dass dies alles bloss Lügen sind, mit denen man die Menschen verschiedener Völker, Sprachen und Kulturen auseinanderzuspalten versucht, während der einzig wesentliche Unterschied tatsächlich nicht darin besteht, wo auf diesem Planeten wir geboren wurden, sondern einzig und allein nur darin, ob wir den Krieg wollen oder den Frieden, ob wir andere Menschen hassen oder ob wir sie lieben, ob wir das, was wir besitzen, dazu benützen, immer noch mehr und mehr davon zusammenzuraffen, oder dazu, es möglichst gerecht mit vielen anderen zu teilen, ob wir Türen dazu benützen, sie zu schliessen, oder dazu, sie für andere zu öffnen. Dass Amin und Ela trotz allem, was sie an Schrecklichem erleben mussten, dennoch so liebenswürdige, sanfte, friedfertige Menschen geblieben sind, und ihre beiden Kinder genau so liebevoll und sorgfältig die Bauklötze aufeinanderschichten wie meine in der Schweiz geborenen Enkelkinder, müsste uns allen doch endgültig die Augen dafür öffnen, wie stark das Gute in jedem Menschen über alle Grenzen hinweg sein muss und dass bei Weitem nicht alle, sondern höchstens ein winziger Teil all jener, denen auf irgendwelche Weise Gewalt angetan wurde, selber wieder zu Menschen werden, die anderen Menschen Gewalt antun. Was für eine Hoffnung trotz allem…

Freilich kann die Lösung des weltweiten Migrationsproblems nicht darin bestehen, alle Grenzen zu öffnen und sämtliche aus den armen in die reichen Länder Drängenden hier aufzunehmen. Doch werden auch die dicksten Mauern und die tiefsten Gräben die Millionen Verzweifelter nicht daran hindern, für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft zu erkämpfen, genau so, wie auch unsere europäischen Vorfahren in Zeiten von Armut oder Verfolgung ihr Glück in fernen Ländern suchten, wo sie sich eine glücklichere Zukunft erhofften. Flüchtlinge wird es erst dann nicht mehr geben, wenn alle Güter weltweit auf alle Menschen und alle Länder gerecht verteilt sind. Solange dies aber nicht der Fall ist, können wir Reichen, die über Jahrhunderte von der Ausplünderung und Verelendung des Südens profitiert haben, uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Es gilt, alles daran zu setzen, um eine neue, gerechte zukünftige Wirtschaftsordnung zu verwirklichen, gleichzeitig aber auch, unsere Türen so weit als irgend möglich zu öffnen und uns mit so viel Aufwand und Verzicht auf eigene Privilegien wie nur irgend möglich um all jene Menschen zu kümmern, die im weltweiten Kampf ums Überleben ihr Dasein auf der Schattenseite fristen.

Nach allem, was Amin erlebt habe, sagt er, sei er zu tausend Prozent Pazifist geworden, jeder Dollar, der für Waffen ausgegeben werde, sei einer zu viel. Er muss es wissen. Wenn wir herausfinden wollen, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte, müssen wir nicht Spitzenpolitiker, Politikwissenschaftler, Militär- oder gar Rüstungsexperten fragen, sondern Menschen wie Amin, Ela, Baran und den kleinen Aziz. Heute Nachmittag hat er mir lange zugeschaut, als ich Schachtelhalme aus dem Kiesboden zupfte. Bis er selber einen aus der Erde zog und in den Kübel mit den Gartenabfällen warf. Wir haben uns verstanden, auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Baran und Aziz nennen mich übrigens in ihrer Muttersprache, dem Persischen, „Opa“. So habe ich, ohne es beabsichtigt zu haben, sozusagen über Nacht zwei neue Enkelkinder bekommen…

Wenn du wissen möchtest, wie diese Geschichte weitergeht, dann schreibe doch bitte eine Email mit dem Stichwort “Afghanistan” an: info@petersutter.ch. Dann bekommst du die bisherigen und die zukünftig erscheinenden Artikel.

58 Prozent der Schweizer Bevölkerung für eine 13. AHV-Rente: Doch eigentlich hätten wir schon vor über 50 Jahren um einiges weiter gewesen sein können…

„Was für ein wichtiger Schritt hin zu einer sozialen Schweiz!“, schreiben die SP-Copräsidentin Mattea Meyer und der SP-Copräsident Cédric Wermuth, nachdem die Zustimmung zu einer 13. AHV-Rente durch 58 Prozent der Schweizer Bevölkerung feststeht. „Heute ist ein wirklich historischer Tag!“, frohlockt auch Gabriela Medici vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. „13. AHV-Rente sorgt für Sensation“, schwärmt das Onelinemagazin „Republik“. Und in der abendlichen Tagesschau des Fernsehens SRF1 ist von einer „Zäsur“ und gar von einer „Zeitenwende“ die Rede in Anbetracht der Tatsache, dass zum allerersten Mal eine Initiative, welche „einen Ausbau des schweizerischen Sozialstaats“ fordere, angenommen worden sei.

Doch Hand aufs Herz: Was ist denn tatsächlich geschehen? Mit einer 13. AHV-Rente wird doch bloss, und nicht einmal das vollständig, das wieder gutgemacht, was in den vergangenen Jahren an Kaufkraft verloren gegangen ist. Eine pure Selbstverständlichkeit, das absolute Minimum. Wenn eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung dieses Anliegen abgelehnt hätte, wäre das nicht nur die schlechtere von zwei möglichen Varianten gewesen, sondern nichts weniger als eine absolute Bankrotterklärung all dessen, was man als Grundverständnis einer sozialen und demokratischen Gesellschaft bezeichnen müsste. Mitnichten ist der schweizerische Sozialstaat am 3. März 2024 ausgebaut wurden, im besten Falle hat man auf dem sich laufend beschleunigenden Weg zunehmender sozialer Polarisierung und unaufhörlich wachsender Bereicherung der Reichen auf Kosten zunehmender Verarmung der Armen gerade noch das Allerschlimmste für einen kurzen Moment verhindern können. Nicht einmal ein Tropfen auf einen heissen Stein, sondern, wenn schon, eher noch weniger.

Die Euphorie an diesem Abstimmungssonntag, das Gerede von einem „Sieg“ der sozialen Gerechtigkeit, von einem „historischen Tag“ oder gar von einer „Zeitenwende“ zeigt nur, wie unglaublich bescheiden jene politischen Kräfte geworden sind, die immer noch die Vision einer wirklich sozial gerechten, zutiefst demokratischen Schweiz in ihrem Herzen tragen. So dick und fett ist das Brot am oberen Ende der kapitalistischen Klassengesellschaft schon geworden, dass an ihrem unteren Ende schon ein Freudenfest ausbricht, wenn man sich wenigstens noch den einen oder anderen der am Boden liegen gebliebenen Krümel ergattern kann. Seit 1997 wird man in der Schweiz nicht vor allem durch harte, sorgfältige und aufopfernde Arbeit reich, sondern vor allem dadurch, dass man bereits, auf welchen Wegen auch immer, um vieles reicher ist als andere – seit jenem ominösen Jahr 1997 nämlich übersteigt die Summe sämtlicher Einnahmen aus Kapitalgewinnen gesamtschweizerisch die Summe aus Arbeitseinkommen, und dieses Missverhältnis nimmt von Jahr zu Jahr weiter zu. Unaufhörlich fliesst das Geld von den Armen zu den Reichen, von der Arbeit zum Kapital. Während Lebensmittelpreise, Strompreise und Mietzinsen immer weiter in die Höhe klettern, fahren Lebensmittelkonzerne, Elektrizitätsunternehmen und Immobilienkonzerne von Jahr zu Jahr höhere Milliardengewinne ein. Während über eine Million Menschen von Armut betroffen sind und 160’000 trotz voller Erwerbsarbeit nicht einmal genug verdienen, um davon leben zu können, haben sich in den Händen der 300 Reichsten bereits über 800 Milliarden Franken angesammelt, fast so viel, wie die USA jährlich für ihre mit Abstand grösste Militärmacht der Welt ausgeben. In einigen multinationalen Konzernen verdienen die am besten Bezahlten über 300 Mal mehr als die in der gleichen Firma am schlechtesten Bezahlten. Stundenlöhnen von 10’000 Franken der Topverdiener steht der bisher vergebliche Kampf um schweizweit gesicherte Mindestlöhne gegenüber und die Behauptung von Arbeitgeberseite, gesetzlich geregelte Mindestlöhne könne sich die Schweiz aus ökonomischen Gründen nicht leisten. 90 Milliarden Franken, fast das Doppelte der jährlich ausbezahlten AHV-Renten, fliessen Jahr für Jahr in Form von Erbschaften unversteuert von einer zur nächsten Generation, ungebrauchtes, überflüssiges Geld, nur dazu da, die schon Reichen noch reicher zu machen. Nur in zwei Ländern der Welt, nämlich Singapur und Namibia, sind die Vermögensunterschiede zwischen Arm und Reich noch grösser als in der Schweiz.

Auch die Altersvorsorge ist ein totales Abbild der herrschenden kapitalistischen Klassengesellschaft, angefangen von denen, die nur über eine AHV-Rente verfügen und nicht einmal von dieser anständig leben können, über jene, die von einer guten betrieblichen Berufsvorsorge durch lebenslange volle Erwerbstätigkeit profitieren, bis zu jenen, die sich zu alledem zusätzlich sogar noch eine dritte Säule leisten können und erst noch das Privileg geniessen, sich problemlos frühzeitig pensionieren zu lassen, während andere gezwungen sind, sich buchstäblich bis zum bitteren Ende zu Tode schinden zu müssen.

Dabei wären wir sogar vor über 50 Jahren, nämlich 1972, schon um einiges weiter gewesen. Die damals von der Partei der Arbeit geforderte Einführung einer Volkspension mit existenzsichernden Altersrenten anstelle des 3-Säulen-Prinzips wurde zwar – nicht zuletzt infolge des massiven Widerstands seitens der Pensionskassen, die ihre Profite schon davonschwimmen sahen – mit 85 Prozent Neinstimmen verworfen. Selbst die SP konnte sich nicht zu einer klaren Unterstützung der Vorlage durchringen, gerade mal vier Kantonalparteien sprachen sich für die Initiative aus. Aber wenigstens wurde damals noch über die Idee einer einheitlichen staatlichen Altersvorsorge diskutiert, etwas, was wir uns heute wohl nicht einmal mehr im Traum vorzustellen wagen – obwohl es doch nichts anderes wäre als die logische Umsetzung des Artikels 41 der Schweizerischen Bundesverfassung, wonach „Jede Person gegen die wirtschaftlichen Folgen von Alter gesichert“ sein soll. Ein Vergleich zwischen 1972 und 2024 zeigt, wie stark sich der gesellschaftspolitische Diskurs innerhalb dieser 52 Jahre verschoben hat: Gab es zu jener Zeit am linken Rand des politischen Spektrums noch eine Partei der Arbeit als Stachel im Fleisch der kapitalistischen Klassengesellschaft, so ist heute an dieser Stelle nur noch ein Vakuum, während sich dafür am anderen Ende des Spektrums immer stärker die SVP als bestimmende politische Kraft herausgebildet hat. Auch die Zeiten, da sich die SP die Überwindung des Kapitalismus ins Parteiprogramm geschrieben hat, sind längst vorbei, heute wäre dies vermutlich nicht mehr möglich. Das ist es, was man tatsächlich als „Zeitenwende“ bezeichnen könnte. Nicht irgendeine Abstimmung oder die Wahl irgendeines kantonalen Parlaments oder einer Regierungsbehörde am Tag X, sondern die allmählich schleichende Transformation über längere Zeiträume hinweg in immer so kleinen Schritten, dass jeder einzelne davon gerade noch verdaubar ist, man sich immer mehr daran gewöhnt und noch so Absurdes und Widersprüchliches dabei nach und nach zur Normalität wird. Genau so wie in einer Geschichte des irischen Wirtschafts- und Sozialphilosophen Charles B. Handy, in der ein alter Mann folgendes Experiment durchführte: Er nahm einen Frosch und warf ihn in einen Topf mit kochendem Wasser, der Frosch machte einen entsetzten Sprung, sprang aus der Hütte und verschwand im Gestrüpp. Dann nahm er einen anderen Frosch und legte ihn, weil dieses Mal kein kochendes Wasser bereit stand, in einen Topf mit kaltem Wasser und stellte ihn auf den Ofen, dann machte er Feuer. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass sich der Frosch im Topf ruhig verhielt. Das Wasser wurde immer wärmer, schliesslich heiss und dann begann es zu kochen. Doch der Frosch blieb selbst im heissesten Wasser ruhig und machte keinerlei Anstalten, der bedrohlichen Situation entkommen zu wollen. Bis er starb. Der alte Mann freute sich über das unerwartete Abendmahl und dachte über den Sinn des Lebens nach, während er mit Genuss seine Froschsuppe schlürfte.

Erfreulich ist immerhin, dass die traditionelle bürgerliche Einschüchterungspolitik und Angstmacherei für einmal im Leeren verpuffte, jenes Instrument nämlich, das bisher stets so einwandfrei funktionierte und selbst vernünftigste und bestens begründete Volksbegehren wie etwa längere Ferien, die Einführung von Erbschafts- und Kapitalgewinnsteuern, die Einführung einer Einheitskrankenkasse oder das Recht auf bezahlbare Wohnungen immer und immer wieder zu Fall zu bringen vermochte – selbst wenn diese Begehren in den Meinungsumfragen zunächst mehrheitlich Unterstützung gefunden hatten – „Abstimmungserfolge“ nicht zuletzt auch mithilfe einer jeweils übermächtig in den Abstimmungskampf geworfenen Geldmenge. Interessant ist zudem, dass offenbar mittlerweile auch die Bürgerlichen festgestellt haben, dass die soziale Gerechtigkeit ein Thema ist, welches den Menschen zunehmend auf den Nägeln brennt. So sind sie im Abstimmungskampf um die 13. AHV-Initiative immer wieder mit dem Argument angetreten, eine solche zusätzliche Rente käme auch Menschen zugute, die es gar nicht nötig hätten, und man würde doch lieber denen helfen, die wirklich darauf angewiesen wären. Als hätten sie versucht, die Linke links zu überholen und mit ihren eigenen Argumenten zu schlagen. Doch auch dieses Spiel hat nicht funktioniert, zu fadenscheinig war es und, in Anbetracht der üblichen bürgerlichen Politik zugunsten der Reichen und Mächtigen, geradezu allzu scheinheilig, um nicht von der Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger durchschaut worden zu sein.

Doch kaum ist die Abstimmung vorüber, wird von der Gegnerschaft der Vorlage schon die Frage in den Raum gestellt, wer das Ganze nun finanzieren solle. Als ob dies ein ernsthaftes Problem wäre. Selbst SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider verweist auf die Frage nach der Finanzierung der 13. AHV-Rente nur auf eine Erhöhung der Lohnabzüge oder der Mehrwertsteuer, nicht aber zum Beispiel auf die Möglichkeit der Erhöhung bzw. Einführung einer Erbschafts- oder Kapitalgewinnsteuer oder einer intensiveren Bekämpfung der Steuerhinterziehung, welche einen jährlichen Verlust an Steuereinnahmen von immerhin 14 bis 20 Milliarden Franken zur Folge hat, womit man sogar locker noch eine 14., 15. und 16. AHV-Rente bezahlen könnte. Bürgerliche Politiker rufen zudem bereits nach Sparmassnahmen der öffentlichen Hand, um die zusätzlichen Ausgaben für die AHV zu finanzieren. Die Gefahr ist gross, dass die heisse Kartoffel, bevor sie überhaupt gegessen wurde, erneut wieder an die noch Schwächeren und bereits genug Ausgepressten weitergereicht wird statt an jene, die in immer grösseren Geldmengen schwimmen, ohne hierfür auch nur die geringste Eigenleistung erbringen zu müssen.

Natürlich habe auch ich mich über das Abstimmungsergebnis des 3. März 2024 gefreut, aber das grosse Jubelfest scheint mir doch allzu früh angestimmt worden zu sein. Noch ist es ein weiter Weg bis zu einer tatsächlichen „Zeitenwende“. Wenn es tausend Schritte bis zur Verwirklichung tatsächlicher sozialer Gerechtigkeit braucht, dann war dies vielleicht der erste, dem aber die weiteren 999 erst noch folgen müssen. Sich gegenseitig zuzuprosten und sich dann behaglich zurückzulehnen, wäre wohl die falsche Schlussfolgerung. Der Kampf ist nicht zu Ende. Er hat gerade erst begonnen.

Von A wie Assange bis Z wie Zensur: Sie kommen nicht mehr mit Uniformen, im Stechschritt und mit Hitlergruss…

Folgende Beobachtungen beziehen sich auf die Printausgabe des schweizerischen „Tagesanzeigers“, mit täglich etwa 320’000 Leserinnen und Lesern immerhin eine der grössten und einflussreichsten Tageszeitungen des Landes. Ich gehe davon aus, dass es bei den meisten anderen westlichen Mainstreammedien nicht viel anders aussieht.

17. Februar 2024: Grosses Bild von Alexei Nawalny auf der Frontseite, „Putin-Widersacher Nawalny ist tot.“ Kommentar auf der ersten Seite: „Der Tod Nawalnys hat weltweit Erschütterung ausgelöst.“ Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hätte die Nachricht als sehr bedrückend empfunden und für den US-Präsidenten Joe Biden sei sogleich klar gewesen, dass einzig und allein der russische Präsident Wladimir Putin für diesen Tod verantwortlich sei. Über den Tod Nawalnys wird auf zwei weiteren vollen Seiten ausführlich berichtet, unter anderem mit folgenden Worten: „Nawalny konnte bis zuletzt Menschenmassen bewegen wie kein anderer Kremlkritiker. Einst war er von ganz unten gekommen, trat in den 2000er-Jahren als völlig neuer Politikertyp auf den Plan, ein moderner Blogger, der das Internet zu seiner mächtigsten Waffe machte, ein frecher junger Mann, der in Russland schnell beliebt wurde und es immer wieder schaffte, die russische Führung blosszustellen und ihr das Leben schwer zu machen.“ Auf Seite drei ein Kommentar der Redaktion: „Putin ist schuld an Nawalnys Tod. Putin hat ihn getötet.“ Schlagzeilen zu einem Zeitpunkt, an dem die forensischen Untersuchungen der Todesursache noch nicht einmal begonnen haben.

18. Februar: Ich schicke einen Leserbrief folgenden Inhalts an den „Tagesanzeiger“.

„Putin ist der Mörder“ – Diese Schlagzeile ging im Zusammenhang mit dem Tod von Alexei Nawalny blitzschnell durch alle westlichen Medien. Und dies, bevor die forensische Untersuchung der Todesursache überhaupt erst begonnen hatte. Nichts zu lesen war aber darüber, dass Nawalny ein extremer Nationalist und Rassist war. So bezeichnete er Bürgerrechtler als „quasiliberale Wichser“ und Homosexuelle als „Schwuchteln, die weggesperrt gehören“. Die Tschetschenen verglich er mit „Kakerlaken“ und forderte die Bombardierung von Tiflis mit Marschflugkörpern. „Volksgruppen aus dem Kaukasus und Arbeitsmigranten aus südlichen Nachbarländern“, sagte er, „alles, was uns stört, muss man unbeirrt per Deportation entfernen.“ Wegen solcher und ähnlicher Aussagen wurde er denn auch im Jahre 2007 aus der demokratisch-liberalen Jabloko-Partei ausgeschlossen. Zudem wurde ihm 2021 von Amnesty International der Status eines „gewaltlosen politischen Gefangenen“ aberkannt, mit der Begründung, er sei ein „rassistischer und gewalttätiger Schläger“. Zwar widerrief Amnesty International diese Aberkennung später wieder, aber nur unter massivem Druck westlicher Regierungen. Nawalny mag dem Westen bestens als Opfer des russischen Machtsystems und seines Präsidenten Putin dienen. Alles andere aber war er als ein lupenreiner Kämpfer für Freiheit und Demokratie, als den ihn die westlichen Medien darzustellen versuchen. Diese würden sich besser bei der eigenen Nase nehmen und „demokratisch“, nämlich ausgewogen, auch über die Schattenseiten des vermeintlichen Freiheitskämpfers berichten.

19. Februar: Münchner Sicherheitskonferenz mit rund 50 Staatschefinnen und Staatschefs und etwa 100 Ministerinnen und Ministern, dazu Expertinnen und Experten aus aller Welt. „Die Solidarität mit der Ukraine“, schreibt der „Tagesanzeiger“, „verstärkte sich durch die Nachricht vom Tod Nawalnys. Teilnehmende auf den Podien und in kleineren Gesprächsgruppen reagierten bestürzt. Kaum Zweifel gab es daran, dass sich Kremlchef Putin seines Kritikers entledigt und der Welt einmal mehr seine Skrupellosigkeit zur Schau gestellt hatte.“ Weiter ist zu lesen, dass die Gefahr einer Ausweitung des Ukrainekriegs durchaus bestehe und es höchste Zeit sei, die bestehende Gefahr zu realisieren. Besser kann es nicht zusammenpassen: Der Heldentod Nawalnys, Putin als Mörder und einen Tag später die Münchner Sicherheitskonferenz mit der Forderung nach weiterer massiver militärischer Aufrüstung des Westens, und dies, obwohl die NATO inklusive USA bereits heute für ihre Armeen 14 Mal mehr ausgibt als Russland und selbst ohne die USA noch das Vierfache.

20. Februar: Für einmal befasst sich der „Tagesanzeiger“ heute mit dem Wikileaks-Gründer Julian Assange, über dessen weiteres Schicksal – mögliche Auslieferung an die USA – ein Londoner Gericht in den nächsten Tagen entscheiden wird. Sollte er an die USA ausgeliefert werden, droht ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu 175 Jahren. Doch eine Überstellung in ein US-Hochsicherheitsgefängnis würde ihr Mann nicht überleben, befürchtet Assanges Frau Stella. Schon die fünf Jahre Haft in London hätten Julian schwer zugesetzt, mit seiner Gesundheit sei es rapid abwärts gegangen, physisch wie psychisch. Deshalb hatte auch schon vor drei Jahren eine Londoner Richterin die Auslieferung Assanges an die USA unter Hinweis auf die depressive Verfassung des Häftlings verweigert. Es sei zu befürchten, dass er sich in den USA das Leben nehmen würde. Assange, der in den USA als „Terrorist“ gilt, hatte 90’000 Berichte geheimer und höchst sensitiver Natur über den US-Krieg in Afghanistan und 400’000 über den Krieg im Irak, 800’000 Berichte über Guantánomo-Gefangene sowie zahlreiche Videos und vertrauliche Depeschen von US-Diplomaten aus aller Welt an die Öffentlichkeit gebracht, die Washington verzweifelt geheim zu halten versucht hatte.

Die Art und Weise, wie der „Tagesanzeiger“ die beiden Fälle Assange und Nawalny kommentiert, könnte die Willkür und die Einseitigkeit westlicher Berichterstattung gar nicht drastischer aufzeigen, und dies in einem „demokratischen“ und „neutralen“, sich zu Meinungs-, Presse- und Gedankenfreiheit bekennenden Land wie der Schweiz. Wurde Putin augenblicklich nach Nawalnys Tod als Mörder bezeichnet, sucht man eine vergleichbare Bezeichnung für die Hauptverantwortlichen der Inhaftierung Assanges vergeblich und wird eine solche Benennung höchstwahrscheinlich auch dann niemals verwendet werden, sollte sich Assange nach der Auslieferung an die USA tatsächlich das Leben nehmen. Und wird Nawalnys Tod als Folge eines skrupellosen, von Putin angeführten Staats- und Machtsystems dargestellt, das vor keiner noch so bestialischen Unmenschlichkeit zurückschreckt, werden auf der anderen Seite die von den USA begangenen und von Assange aufgedeckten Kriegsverbrechen, der völkerrechtswidrige Angriff auf Afghanistan und den Irak mit Hunderttausenden unschuldigen Opfern und die an Grausamkeit kaum zu überbietenden Folterpraktiken in den US-Militärgefängnissen auch nicht im Entferntesten so klar und unmissverständlich angeprangert wie der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022.

20. Februar: Gleichentags mit dem Artikel über Julian Assange ist dann natürlich im „Tagesanzeiger“ ebenfalls ein weiterer ganzseitiger Bericht über Nawalny mit dem Titel „Er wird Russland schmerzlich fehlen“ zu finden, verfasst von Viktor Jerofejew, der gemäss biografischer Notiz als der „grösste lebende russische Schriftsteller“ gelten soll. Darin wird Nawalny als „mächtige historische Figur“ beschrieben, „zu deren Ehren man mit der Zeit Strassen, Prospekte, Universitäten, vielleicht sogar Städte benennen wird. So eine sprühende, energische Persönlichkeit, die dem ganzen System staatlicher Macht praktisch allein Paroli bietet. Ein schöner junger Mann, Ehemann einer der gemeinsamen Sache treu ergebenen schönen Frau, Vater zweier schöner Kinder, voll von originellen Einfällen und Sinn für Humor.“

21. Februar: Da mein Leserbrief im „Tagesanzeiger“ bis heute nicht veröffentlicht wurde und auch kein einziger anderer, der sich mit Nawalny und der von seinem Tod ausgelösten westlichen Kriegseuphorie kritisch auseinandergesetzt hätte – dafür jede Menge Leserbriefe über die Initiative für eine 13. AHV-Initiative, Toilettenanlagen im Zürcher Stadtzentrum, Pistenverlängerung auf dem Flughafen Kloten, öffentliche Zugänglichkeit von Flussufern oder Rückgang der Anzahl Studierender im Fach Geschichte an den Universitäten -, schreibe ich folgende Email an die Redaktion der Leserbriefseite des „Tagesanzeigers“.

Die bisherige Berichterstattung zum Thema Nawalny befasst sich ausschliesslich mit der Rolle Nawalnys als Widersacher von Putin. Mit keiner Silbe ist bisher über die „dunkle“ Vergangenheit Nawalnys berichtet worden. Im Sinne einer ausgewogenen Informationspolitik würde ich es sehr begrüssen, wenn Sie meinen Leserbrief oder einen anderen, der diese Thematik aufwirft, so bald wie möglich veröffentlichen würden. Die Meinungsbildung ist nämlich in vollem Gang.

23. Februar: Die „Weltwoche“ berichtet, dass aufgrund einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie 72 Prozent der ukrainischen Bevölkerung den Krieg gegenüber Russland durch Verhandlungen zu einem Ende bringen möchten. Eine Meldung, die ich im „Tagesanzeiger“ vergeblich suche. Vermutlich passt sie zu wenig in die scheinbar geschlossene und übereinstimmende Meinung der westlichen Regierungen, die Ukraine müsse diesen Krieg um jeden Preis „gewinnen“. Stattdessen erfahren wir im heutigen „Tagesanzeiger“, dass Nawalny bei einem Besuch in der Schweiz im Spätherbst 2020 zur Verblüffung des 81jährigen Franz Stadelmann bewiesen hätte, dass er sogar jodeln könne. Weiter erfahren wir, dass dieser Franz Stadelmann sogar mit Nawalny Wildschweine jagen gegangen sei, doch die Polizisten, welche die beiden begleiteten, hätten beim Durchkämmen des Waldes sämtliche Wildschweine verscheucht.

26. Februar: Die „Berliner Zeitung“ vermeldet erste Ergebnisse der forensischen Untersuchungen zur Todesursache Nawalnys und zitiert Kyrylo Budanow, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, mit folgenden Worten: „Es tut mir leid, aber alles, was wir wissen, ist, dass Alexej Nawalny infolge eines Blutgerinnsels eines natürlichen Todes gestorben ist.“ Auch diese Meldung findet nicht den Weg bis zum „Tagesanzeiger“, würde sie doch höchstwahrscheinlich die bisher aufgebaute Geschichte allzu sehr ins Wanken bringen.

28. Februar: Die „New York Times“ berichtet, dass der US-Geheimdienst CIA seit 2014 in der Ukraine zwölf geheime Spionagebasen entlang der russischen Grenze aufgebaut hätte, die als „Nervenzentrum“ der ukrainischen Militärs agieren. Diese Basisstationen seien in der Lage, russische Spionagesatelliten aufzuspüren und die Kommunikation zwischen russischen Kommandeuren zu belauschen. Zudem sei enthüllt worden, dass die CIA über acht Jahre hinweg in unterirdischen Bunkern, tief verborgen in ukrainischen Wäldern, ukrainische Geheimdienstoffiziere ausgebildet und ausgerüstet hat. Dass auch diese Nachricht nicht im „Tagesanzeiger“ erscheint, verwundert nun nach allem anderen freilich überhaupt nicht mehr. Dafür lesen wir in der heutigen Ausgabe des „Tagesanzeigers“, dass der französische Präsident Emmanuel Macron anlässlich eines „Ukrainegipfels“ in Paris sagte, es gäbe zurzeit innerhalb der NATO-Staaten noch keinen Konsens über die Entsendung von westlichen Bodentruppen in die Ukraine, aber in Zukunft könne man „nichts ausschliessen“.

2. März: Der „Tagesanzeiger“ veröffentlicht ein ganzseitiges Interview mit John Bolton, dem früheren Sicherheitsberater Donald Trumps, in dem dieser der Schweiz nahelegt, ihre Neutralität zu überdenken, nachdem nun auch Schweden und Finnland der NATO beigetreten seien. Die Schweiz habe lange Erfolg gehabt, doch die Zeiten hätten sich geändert. Alle europäischen Länder müssten sich der Bedrohung durch Russland bewusst werden und mehr in die Sicherheit investieren. Er gratuliere allen, die bereits zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts für ihr Verteidigungsbudget ausgäben, aber es dürfte auch gerne „doppelt so viel sein.“

2. März: Bis heute ist mein Leserbrief, den ich vor zwei Wochen an den „Tagesanzeiger“ schickte, nicht erschienen. Und auch kein einziger anderer, der sich mit diesem Thema kritisch auseinandergesetzt hätte. Nichts über die dunklen Seiten Nawalnys. Nichts über die Blindheit gegenüber der westlichen Macht-, Droh- und Aufrüstungspolitik. Nichts darüber, dass Putin in seinem zweistündigen Interview mit Tucker Carlson eine Friedensvision für die Ukraine und Russland in Aussicht gestellt hatte. Nichts darüber, dass man, wenn man den politischen Gegner immer mehr in die Ecke zu drängen versucht, ihn mit der Zeit so sehr provozieren könnte, dass ein gefährlicher Gegenschlag immer wahrscheinlicher wird. Nichts darüber, dass man Kriege förmlich herbeireden kann, wenn man von gar nichts anderem mehr spricht. Nichts darüber, dass künstlich aufgebauschte und geschürte Feindbilder meist nichts anderes sind als Projektionen der eigenen Machtgier auf den vermeintlichen politischen Gegner. Nichts darüber, dass Frieden nie durch Gewalt oder Krieg, sondern nur durch gegenseitiges Vertrauen geschaffen werden kann. Nichts darüber, dass das, was die Menschen weltweit miteinander verbindet, so viel grösser ist als alles, was sie voneinander trennt. Nichts darüber, dass Kriege grundsätzlich nicht gewinnbar sind und am Ende auf beiden Seiten immer nur Verlierer zurückbleiben. Nichts über die Verflechtungen zwischen Regierungen und der Rüstungsindustrie und nichts darüber, dass US-Aussenminister Blinken unlängst sagte, der Ukrainekrieg sei gut für die USA, weil er so viele Arbeitsplätze schaffe. Nichts darüber, was man mit den 2,2 Billionen Dollar, die jährlich weltweit völlig sinnlos für militärische Aufrüstung verschleudert werden, soviel Sinnvolleres und Nützlicheres anstellen könnte. Nichts darüber, dass nicht der Pazifismus aus der Zeit gefallen ist, sondern einzig und allein der ewiggestrige Irrglaube, Konflikte zwischen Ländern oder Völkern liessen sich auch nur im Entferntesten mit militärischer Gewalt sinnvoll lösen. Ja, und auch auf meine Email an die Redaktion der Leserbriefseite des „Tagesanzeigers“ habe ich bis heute keine Antwort bekommen.

„Die moderne Diktatur“, sagte Gore Vidal, ein US-amerikanischer Schriftsteller, „kommt nicht mit braunen und schwarzen Uniformen daher. Wir machen das mit Unterhaltung, mit Fernsehen, mit Spass und Unterhaltung.“ Und auch der italienische Wissenschaftler und Schriftsteller Umberto Eco erkannte, dass der „Faschismus von heute“ äusserlich „nichts zu tun hat mit dem aus der Vergangenheit. Keine Uniformen, kein Stechschritt und kein erhobener Gruss. Nein, er ist modern, raffiniert verpackt und wird mit viel Propaganda verkauft. Aber der Geist, der dahinter steckt, die totale Kontrolle und Ausbeutung, die Zensur, die Mediengleichschaltung und die Unterdrückung der freien Meinungsäusserung sind immer noch dieselben.“ Mit anderen Worten: Die moderne Diktatur kommt in der Art und Weise daher, dass wir meinen, es sei eine Demokratie…

Von der „Kriegspolitik“ zur „Friedenspolitik“: Glücklicherweise gibt es noch Menschen, die von einer anderen Welt träumen

In der Diskussionssendung „Arena“ des Schweizer Fernsehens SRF1 vom 12. Januar 2024 wurde schwerpunktmässig über die zukünftige schweizerische „Sicherheitspolitik“ diskutiert. Eingeladen war, nebst den Parteispitzen der Bundesratsparteien, auch Bundesrätin Viola Amherd, die Vorsteherin des VBS, des Bundesamts für „Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport“, die Chefin jenes Ministeriums also, das in den meisten Ländern als „Verteidigungsministerium“ bezeichnet wird. Dementsprechend ging es dann in der Diskussion fast ausschliesslich um Fragen militärpolitischer Natur: Ob der für die Schweizer Armee vorgesehene Prozentsatz der jährlichen Bundesausgaben für die Aufrechterhaltung der „Sicherheit“ in einer „schwieriger gewordenen Zeit“ immer noch genüge, ob es für die Gewährleistung der „Sicherheit“ vor allem eine möglichst grosse Anzahl von Panzern oder Kampfflugzeugen brauche oder doch eher mehr Investitionen in die „Cybersicherheit“, ob die Schweiz stärker als bisher mit der Nato zusammenarbeiten oder doch eher auf ihrem „neutralen“ Status beharren müsste, und so weiter…

Ich sehe die dem Erdboden gleichgemachten Wohnquartiere im Gazastreifen und die Menschen, die zwischen den Trümmern verzweifelt nach Verschütteten suchen. Ich höre die Schreie der Kinder, die, mangels Medikamenten, in palästinensischen Spitälern ohne Narkose operiert werden müssen. Und auch die verzweifelten und angstvollen Gesichter ukrainischer und russischer Soldaten in den Schützengräben der Ostukraine bei Temperaturen von bis zu minus 15 Grad gehen mir nicht aus dem Kopf. Von alledem war während der eineinhalb Stunden Arena-Diskussion in behaglicher Atmosphäre nicht annähernd etwas zu spüren.

Müsste man nicht endlich damit aufhören, über die „optimale“ Vorbereitung auf einen möglichen zukünftigen Krieg zu diskutieren, und sich stattdessen voll und ganz auf die Frage konzentrieren, wie Kriege als so ziemlich das Absurdeste, was Menschen sich gegenseitig antun können, für immer aus der Welt zu schaffen wären? Um „Sicherheit“ nicht mehr bloss als etwas zu verstehen, was sich ein einzelnes Land gegenüber anderen Ländern sichern bzw. sich leisten kann, sondern als etwas, was für alle gleichermassen und jederzeit Gültigkeit haben muss. Als etwas, was erst dann endgültig Wirklichkeit wäre, wenn es keinen einzigen Krieg mehr gäbe und niemand mehr vor irgendwem Angst haben müsste. Als etwas, was allen nur Vorteile brächte und niemandem einen Nachteil.

Was für eine wunderbare Chance böte sich damit doch gerade der Schweiz, diesem Mikrokosmos gelebter direkter Demokratie, eines ausgeklügelten föderalistischen Staatssystems, strikter Neutralität, friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Sprachen, so langer humanitärer Tradition und so vielfältiger Erfahrungen im Bereich von Mediation, Diplomatie, Völkerverständigung und Konfliktlösung durch Kompromisse. Es kann doch nicht sein, dass alle diese Errungenschaften ausgerechnet in einer Zeit, da sie dringender gefragt wären denn je, nach und nach unter den Tisch gewischt werden und sich die Schweiz immer stärker einem globalen Mainstream anzupassen beginnt, mit dem an allen Ecken und Enden auch noch die verrücktesten Feindbilder aufgebaut und noch die verrücktesten Argumente hergeholt werden, um militärische Aufrüstung und das Führen „guter“ Kriege zu rechtfertigen. Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt genug Negatives, was man der Schweiz vorwerfen könnte, ihre oft fragwürdige Rolle als globaler Finanzplatz zum Beispiel, ihren Anteil an kolonialer Ausbeutung bis in die Gegenwart, ihre oft menschenfeindliche Haltung gegenüber Ausländerinnen und Ausländern, die einerseits ökonomisch ausgebeutet, gleichzeitig aber in vielerlei Hinsicht diskriminiert werden, und noch vieles mehr. Aber das sollte uns nicht die Augen vor dem riesigen Potenzial verschliessen, mit dem die Schweiz eine noch viel aktivere und mutigere Rolle bei der internationalen Konfliktlösung und Friedensförderung spielen könnte, als sie dies bis anhin getan hat.

Kriege kann man nicht abschaffen, indem man sie, einfach gesagt, verbietet. Es geht vielmehr darum, weltweit so gute Voraussetzungen für die Lebensbedingungen der Menschen wie auch für das Zusammenleben von Völkern und Staaten zu schaffen, dass Kriege eines Tages sozusagen überflüssig werden und immer die schlechteste aller möglichen Alternativen wären. Und da ist an allen Ecken und Enden Handlungsbedarf. Es geht zum Beispiel um eine gerechte Verteilung der Ressourcen, um soziale Gerechtigkeit, um die Bekämpfung von Armut und Hunger, um den Kampf gegen Umweltzerstörung, Ressourcenverschleiss und Klimawandel, um die Förderung von Selbstbestimmung und Basisdemokratie und die Überwindung von ausbeuterischen, patriarchalen, rassistischen Machtstrukturen und imperialen Grossmachtphantasien, aber etwa auch um Völkerverständigung durch möglichst viele zwischenmenschliche Begegnungen und gemeinsame länderübergreifende Kulturprojekte sowie eine dringend notwendige Stärkung der UNO, die bei der Lösung von Konflikten zwischen Staaten oder Völkern eine viel aktivere und bestimmendere Rolle übernehmen müsste. Auch könnte sich die Schweiz für eine Wiederbelebung und für ein Wiedererstarken der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) einsetzen, eine Organisation, in der sich vor noch nicht allzu langer Zeit Schweizer Diplomaten und Diplomatinnen wie Thomas Greminger, Heidi Grau, Tim Guldimann, Peter Burkhard, Gerard Stoudmann und Heidi Tagliavini überaus erfolgreich engagiert haben. Auf allen diesen Gebieten könnte die Schweiz wertvolle Arbeit leisten. Denn so wie Kriege nicht eines Tages vom Himmel fallen, sondern oft über lange Zeit hinweg vorbereitet und vorangetrieben werden, so entsteht eben auch der Frieden nicht von selber, sondern setzt voraus, dass sich möglichst viele Menschen an möglichst vielen verschiedenen Orten auf vielfältigste Weise beharrlich dafür einsetzen. Ziehen politische Kräfte einseitig in Richtung von Krieg und dem Aufbau von Feindbildern, so müssen umso mehr andere politische Kräfte in die entgegengesetzte Richtung ziehen.

Dies ist dringend nötig. Denn zu vieles läuft heute in die falsche Richtung. Jüngstes Beispiel sind die polnische, die finnische, die schwedische und die Regierungen der baltischen Staaten, die ihren Bürgerinnen und Bürgern einzureden versuchen, Putin könnte ihre Länder schon bald im Visier haben, um seine Macht weiter nach Westen auszudehnen. Und dies, obwohl es hierfür keinen einzigen konkreten Anhaltspunkt gibt. Im Gegenteil. Wer sich nur ein wenig um Hintergrundinformationen bemüht, weiss, dass Putin im Dezember 2021 der US-Regierung einen Vorschlag unterbreitete, den Ukrainekonflikt friedlich beizulegen, ein Vorschlag, der allerdings von den USA zurückgewiesen wurde, aber deutlich zeigt, dass der militärische Angriff auf die Ukraine nicht Putins erste Option gewesen war. Man kann Feindbilder und Kriege eben auch herbeireden – die Geister, die man ruft -, was zugegebenermassen freilich nie nur für die eine oder andere Seite zutrifft, aber eine Gewaltspirale in Gang zu setzen droht, durch welche dann aus gegenseitigem Drohen und gegenseitiger Angst im schlimmsten Fall ein Krieg entstehen kann, den im Grunde eigentlich gar niemand wollte. Aber ebenso wie den Krieg kann man auch – durch den Abbau von Feindbildern – den Frieden „herbeireden“, und genau dies ist deshalb umso wichtiger.

Im Verlaufe der Arena-Diskussion erinnerte SVP-Präsident Marco Chiesa daran, dass die SP in ihrem Parteiprogramm immer noch die Abschaffung der Armee fordere – ein Anliegen, dem in der Volksabstimmung vom 26. November 1989 immerhin über 35 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer zustimmten. Chiesa bezeichnete die SP-Copräsidentin Mattea Meyer, bezugnehmend auf den Pazifismus der SP, als „Träumerin“. Was für ein Kompliment! In einer Welt voller Hass, Gewalt und Krieg gibt es nichts Wichtigeres als Menschen, die von einer Welt ohne Hass, Gewalt und Krieg träumen. Denn nur wenn man sich etwas anderes vorstellen kann, besteht die Chance, dass dieses andere auch tatsächlich eines Tages Wirklichkeit werden kann.