Was Brokkoli, zu hoher Blutdruck, eine Möbelverkäuferin und die Pazifikinsel Tokelau miteinander zu tun haben…

Peter Sutter, 17. Februar 2026

Das Universitätsspital Zürich geht davon aus, dass in Europa 30 Prozent aller Menschen unter zu hohem Blutdruck leiden. Dazu kommt, dass zu hoher Blutdruck keine Schmerzen verursacht, sich in der Anfangsphase nur durch unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Ohrensausen äussert und daher oft jahrelang unentdeckt bleiben kann – die Dunkelziffer der von zu hohem Blutdruck Betroffenen dürfte also noch um einiges höher liegen als die vom Universitätsspital Zürich genannte Zahl von 30 Prozent. Zu hoher Blutdruck wiederum führt bei den davon Betroffenen – im Vergleich zu Menschen mit normalen Blutdruckwerten – doppelt bis zehnmal so häufig zu Schlaganfall, Herzinfarkt und weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, welche als Todesursache Nummer eins gelten. Ohne zu übertreiben, kann man zu hohen Blutdruck daher wohl als die eigentliche Volkskrankheit Nummer eins bezeichnen.

Schaut man sich in medizinischen Ratgebern oder im Internet nach präventiven oder heilenden Massnahmen gegen zu hohen Blutdruck um, so wird man, nebst dem Hinweis auf traditionelle blutdrucksenkende Medikamente, von einer Flut von Gesundheitstipps, Empfehlungen und Ratschlägen aller Art geradezu überschwemmt. Da werden zum Beispiel Atemübungen, Autogenes Training, Yoga- oder Meditationskurse empfohlen, ein „gesunder Lebensstil“, „regelmässige körperliche Aktivität“, „Gewichtsreduktion“, ein „Verzicht auf Tabakprodukte“, die „Einschränkung von Alkoholkonsum“, „ausreichende Flüssigkeitszufuhr“ und „gesunde und ausgewogene Ernährung“ wie etwa Salz- und Zuckerreduktion oder der Konsum von Brokkoli, Spinat, Grünkohl, Vollkornprodukten, fettarmen Milchprodukten, Bananen, Aprikosen, Kiwi, Orangen, Heidelbeeren, Erdbeeren, Bohnen, Linsen, Walnüssen, Ingwer, ungesalzenen Pistazien, Mandeln, der Roten Beete und dunkler Schokolade. Zudem wird auf Mikronährstoffe verwiesen wie Magnesium, Kalium, Kalzium, Omega-3-Fettsäuren, Coenzym Q10, L-Argenin und die Vitamine D,C und B-Komplex.

Doch obwohl sich schon heute viele – und vermutlich immer mehr – Menschen an alle diese Tipps und Vorschläge zur Vermeidung von zu hohem Blutdruck halten, geht die Anzahl von Menschen, die unter zu hohem Blutdruck leiden, nicht merklich zurück, sondern nimmt sogar eher noch zu. Auch in der Schweiz, wo all die empfohlenen Präventionsmassnahmen und eine nahezu unbegrenzte Palette gesundheitsfördernder Nahrungsmittel und Substanzen gar in einem noch viel grösseren Umfang zur Verfügung stehen als in den meisten anderen Ländern.

Auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Phänomen bin ich kürzlich auf eine Publikation der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie gestossen und habe dort Folgendes gelesen: „Zu hoher Blutdruck hat meist psychische Ursachen und ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf Herausforderungen und Belastungen in Form von Stress. Aus evolutionärer Sicht ist Stress ein biologisch sinnvoller Mechanismus, der den Körper durch eine erhöhte Sauerstoffzufuhr der Muskeln in einen Kampf-oder-Flucht-Modus versetzt, um in gefährlichen Situationen blitzschnell zu reagieren und zu überleben. Belastende Situationen über längere Zeit führen aber dazu, dass die Stresshormone nicht mehr abgebaut werden können und die körperliche Anspannung bestehen bleibt. Aber auch Ängste, Depressionen oder soziale Unsicherheit können als Stressoren den Blutdruck auf ungesunde Werte ansteigen lassen, ohne dass dieser sich wieder beruhigt. Angst und Verzweiflung, Wut und Ärger über die eigene nachlassende psychische Belastbarkeit tun dabei das Ihrige.“

Vieles scheint darauf hinzudeuten, dass die äusseren Lebensumstände, die laufend zunehmenden Anforderungen der Arbeitswelt, der gegenseitige Konkurrenzkampf um den sozialen Auf- oder Abstieg und der permanente Druck, in immer kürzerer Zeit eine immer grössere Leistung erbringen zu müssen und gleichzeitig von existenziellen Bedrohungen und Zukunftsängsten geplagt zu sein, auf die individuelle Gesundheit eine insgesamt dermassen belastende, stressfördernde und krankmachende Wirkung haben, dass man noch so viele Vitamine schlucken, noch so viele Atemübungen machen und noch so viel Broccoli und Ingwer essen kann, um dennoch beim nächsten Arzttermin mit Schrecken feststellen zu müssen, dass sich der Blutdruck in der Zwischenzeit nicht etwa vermindert hat, sondern vielleicht sogar noch weiter angestiegen ist. Vielleicht trägt sogar das ständige und übereifrige Bemühen um jenen vielgepriesenen „anderen Lebensstil“, der angeblich alles zum Guten wenden soll, das Seinige dazu bei, dass das Leben insgesamt noch unruhiger wird, als es ohnehin schon ist. Man denke nur an die Hektik, die bei vielen Menschen ausgerechnet dann ausbricht, wenn die lange ersehnte Ferienzeit naht. Statt sich nun endlich mehr Zeit für Erholung und Entspannung zu gönnen, werden schon am allerersten Tag des Urlaubs, bloss um auch nicht nur einen einzigen Tag zu versäumen, die Koffer gepackt, und dann geht’s los, je weiter weg, umso besser. Buchstäblich von einem Tag auf den andern hat sich der Arbeits- und Alltagsstress in Ferien- und Freizeitstress verwandelt, all die Tage, die frei wären für süsses Nichtstun, werden vollgepackt mit Aktivitäten jeglicher Art. Ist man dann wieder zuhause, müssen zunächst alle Koffer ausgepackt, der übervolle Briefkasten geleert, die Kleider gewaschen, die Wohnung gereinigt und Hunderte von E-Mails abgearbeitet werden, die in der Zwischenzeit angefallen sind. Meistens, pflegt eine meiner Bekannten zu sagen, brauche sie etwa zwei Wochen, um sich wieder von den Ferien zu erholen.

Eine in Fachkreisen bekannte Studie, die sogenannte Tokelau-Studie, belegt, dass bei sämtlichen Personen, die auf der Pazifikinsel Tokelau gelebt hatten, später aber nach Neuseeland ausgewandert waren, der Blutdruck infolge des Übergangs von einer einfachen, naturverbundenen Lebensweise in eine von westlichem Lebensstil geprägte Gesellschaft deutlich angestiegen war. Es kann kaum daran gelegen haben, dass diese Menschen in ihrer ursprünglichen Heimat besonders häufig Yoga und autogenes Training betrieben, besonders viel Broccoli und Hülsenfrüchte gegessen und besonders viele Vitaminpräparate zu sich genommen hatten. Aber wir müssen nicht einmal bis zu einer fernen Pazifikinsel gehen. Es ist ebenfalls bekannt, dass die Menschen in den Mittelmeerländern in Bezug auf Blutdruck, aber auch hinsichtlich anderer relevanter Gesundheitsdaten, bessere Werte aufweisen als die Menschen in den nördlicheren Ländern Europas. Fast immer wird dies auf die mediterrane Ernährungsweise zurückgeführt, bei der Fisch, Olivenöl, Gemüse, Obst und Nüsse eine wichtige Rolle spielen. Die Vermutung liegt aber nahe – auch wenn sich dies mit klassischen wissenschaftlichen Studien wohl kaum „beweisen“ lässt -, dass es vor allem die von mehr Gelassenheit, häufigeren sozialen Kontakten und einer natürlichen Skepsis gegenüber allzu übertriebenen Leistungsanforderungen geprägte Lebensweise der südlicheren Länder ist, welche eine gesundheitsfördernde Wirkung hat. Zudem unterscheidet sich ja heute die Ernährung von Land zu Land keineswegs mehr so stark wie in früheren Zeiten, typisch „mediterrane“ Kost findet sich auch in der Schweiz, Deutschland oder Schweden auf dem täglichen Speisezettel. Und fast in jedem Restaurant kann man Pizza, Meeresfrüchte oder griechischen Salat bestellen. An der Ernährungsweise allein kann es also wohl kaum liegen.

Doch entgegen aller dieser Erkenntnisse und Beobachtungen wird der Bevölkerung in unseren Breitengraden durch offizielle Gesundheitsempfehlungen, medizinische Studien und vor allem auch durch Werbekampagnen für die entsprechenden Produkte nach wie vor eingetrichtert, Bluthochdruck sei vor allem eine Folge individuellen „Fehlverhaltens“, dem leicht Abhilfe geschaffen werden könne. So etwa findet man auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie lediglich drei Ursachen für zu hohen Blutdruck: ungesunde Ernährung, Rauchen und Alkohol. In anderen Publikationen und Informationsquellen wird zwar oft „Stress“ als weiterer Faktor genannt, aber meist nur als einer von zahlreichen anderen Ursachen und ohne dass näher darauf eingegangen wird. Insgesamt wird auf diese Weise der Eindruck vermittelt, dass zu hoher Blutdruck in aller Regel selbstverschuldet sei. Man müsse sich nur besser ernähren, sich mehr bewegen und weniger Alkohol und Nikotin zu sich nehmen, und schon sei alles gut. Wer dann trotz allem immer noch bei seinem nächsten Arzttermin einen zu hohen Blutdruck hat, ist demzufolge definitiv selber schuld. Als wäre Gesundheit nicht etwas, was zutiefst auch mit den äusseren Lebensumständen, den Arbeitsbedingungen, den gesellschaftlichen Ansprüchen und Erwartungen und insgesamt mit dem herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu tun hätte. Aber klar, es ist einfacher, mehr Vitaminpräparate zu schlucken und mehr Yogastunden zu besuchen, als eine längst fällige und dringend notwendige Umgestaltung der herrschenden Macht- und Ausbeutungsverhältnisse in Angriff zu nehmen. Eine solche liegt auch ganz und gar nicht im Interesse jener, die lieber wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Und vor allem nicht im Interesse der Gesundheitsindustrie, der Pharmaindustrie, der Wellnessindustrie, der Ernährungsberaterinnen und Ernährungsspezialisten, der Verfasserinnen und Verfasser von Gesundheitsratgebern, der Leiterinnen und Leiter von Yoga- und Meditationskursen, der explosionsartig boomenden Entwickler und Vermarkter von immer raffinierteren und neuerdings sogar mit Smartphone und Smartwatch verknüpfter Blutdruckmessgeräte und aller anderen Abertausender, die ihr gutes Geld damit verdienen, dass mit laufend wachsendem und höchst lukrativem Aufwand stets nur Symptome bekämpft werden und von den eigentlichen Hauptursachen des Problems systematisch abgelenkt wird.

Hinzu kommt eine schreiende soziale Ungerechtigkeit. Ausgerechnet jene Menschen, die aufgrund prekärer Arbeitsbedingungen, kaum oder gar nicht existenzsichernder Löhne und knapper Wohnverhältnisse unter überdurchschnittlich hohem Stress leiden, können sich all die Angebote auf dem Gesundheitsmarkt, welche dem Stress entgegenwirken sollen, gar nicht leisten, weder Yogakurse noch Wellnessferien, ja nicht einmal die empfohlenen, meist nicht gerade billigen Vitaminpräparate und Nahrungsmittel, sondern müssen froh sein, wenn sie am Ende des Monats überhaupt noch etwas auf dem Tisch haben. In den Wellnessresorts, in denen Gutbetuchte rund um die Uhr ihre „Seelen baumeln lassen“, sich massieren und auf vielfältigste Art verwöhnen lassen können, hetzen Zimmermädchen im Minutentakt von Raum zu Raum, stehen sich Köchinnen und Köche sechs oder mehr Stunden lang ohne Pause die Füsse wund und schleppen Kellnerinnen schwer mit Köstlichkeiten aller Art beladene Tabletts von Tisch zu Tisch, bis ihnen fast der Rücken bricht.

Die empfohlenen regelmässigen Arbeitspausen können sich auch nur jene leisten, die auf höheren Etagen der Arbeitswelt ihre Arbeitszeiten mehr oder weniger selbständig einteilen können. Die Verkäuferin im Möbelgeschäft, wo ich kürzlich einen Einkauf tätigte, kann das definitiv nicht. Sie tippte in ihren Computer die Bestellung eines Kunden ein, der neben ihr stand und akribisch darauf achtete, dass ihr dabei auch nicht der geringste Fehler unterlief. Als zu ihrem Leidwesen das System plötzlich abstürzte und sie noch einmal von vorne beginnen musste, hätte der Kunde beinahe die Nerven verloren, warf demonstrativ einen Blick auf seine Uhr und trommelte mit seinen Fingern auf die Dokumentenablage seitlich des Computers. Gleichzeitig standen hinter der Verkäuferin vier weitere Kundinnen und Kunden und man konnte deren Ungeduld geradezu körperlich wahrnehmen, während sich auf der Stirn der Verkäuferin erste Schweissperlen bildeten. Auch die Angestellte bei McDonalds, wo ich kürzlich zum Mittagessen war: Während sie vorne an der Theke Geld einkassierte, piepste es im Hintergrund an zwei verschiedenen Stellen und weiter im Hintergrund war eine rot blinkende Lampe zu sehen. Kaum das Geld einkassiert, eilte sie zunächst zu den Pommes, die dringend aus der Fritteuse genommen werden mussten, löschte auf einem Bildschirm den soeben erledigten Auftrag, riss einen Kartonbecher für Cola aus einem Behälter und rief einem Kunden, der am Aussenschalter auf seine Bestellung wartete, freundlich zu, sie werde gleich kommen, während vorne an der Theke drei weitere Kunden warteten und ich mir dachte, wie hält ein Mensch so etwas aus, und das nicht nur zehn Minuten, nicht nur eine Stunde, sondern vier oder fünf Stunden hintereinander ohne Pause. Und wieder ging es mir so, als ich mir vor ein paar Wochen den dokumentarischen Spielfilm „Die Heldin“ anschaute, in dem der ganz „normale“ Alltag einer Pflegefachfrau in einem ganz „normalen“ Schweizer Spital gezeigt wird, eine stundenlange erbarmungslose Hetzjagd von Patient zu Patientin, bei der alle zur selben Zeit etwas wollen und gleichzeitig nicht der allerkleinste Fehler, der tödliche Folgen haben könnte, passieren darf – bis die „Heldin“ am Ende total erschöpft zusammenbricht und den lange zurückgehaltenen Tränen endlich freien Lauf lassen kann. Kann man sich noch eine schlimmere Form von Verhöhnung vorstellen als den Ratschlag eines gutbetuchten und weitgehend stressfreien „Gesundheitsberaters“, welcher Ratsuchenden wie dieser Möbelverkäuferin, der McDonalds-Angestellten oder einer Pflegefachfrau empfiehlt, sie müssten halt der Gesundheit zuliebe ihren „Lebensstil ändern“?

„Vier von zehn Personen“, so Jackie Vorpe, Leiterin Bildungspolitik bei Travailsuisse im „Tagesanzeiger“ vom 31. Januar 2026, „fühlen sich oft gestresst und beenden ihren Arbeitstag emotional erschöpft.“ Einer von Travailsuisse in Auftrag gegebenen Befragung zufolge leisten 51% der Befragten häufig oder sehr häufig Überstunden, 24% arbeiten häufig oder sehr häufig mehr als zehn Stunden pro Tag. Das führe, so Vorpe, zu Frustration und Resignation. Heute sei jede zweite IV-Anmeldung auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. „Gesundheitliche Probleme bei der Arbeit“, so Vorpe, „entstehen häufig, wenn mehrere Risiken zusammenkommen. Dazu gehören geringe Gestaltungsmöglichkeiten bei der Arbeitszeit, emotionale Anforderungen, eine hohe Arbeitslast, Termindruck, fehlende Grenzen bei der Arbeit, eine erschwerte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine mangelhafte Anerkennung der eigenen Leistung oder Teamkonflikte und Führungsprobleme.“

Artikel mit Gesundheitsempfehlungen zur Behandlung von zu hohem Blutdruck findet man in einschlägigen Gesundheitsmagazinen, bei der Hausärztin oder im Internet, wenn man den Begriff „Bluthochdruck“ eingibt. Artikel mit Beschreibungen einer immer hektischeren und von immer höheren Anforderungen geprägten Arbeitswelt findet man in Wirtschaftsblättern oder Berichten von Gewerkschaften oder anderen Arbeitnehmerorganisationen. In aller Regel ist aber das eine vom andern fein säuberlich getrennt. So dass nur niemand auf den Gedanken kommt, das eine könnte mit dem andern auch nur im Entferntesten etwas zu tun haben. Dabei müsste man bloss die einen und die anderen Artikel ausschneiden und übereinanderlegen, um sogleich zu erkennen, dass sich Individuum und Gesellschaft nie voneinander trennen lassen, alles unauflöslich miteinander verbunden ist und reine Symptombekämpfung nicht den geringsten Erfolg haben kann, wenn nicht gleichzeitig auch die tieferen Ursachen aufgedeckt und angepackt werden.

Was für zu hohen Blutdruck gilt, gilt ebenso zum Beispiel auch für Rückenleiden. Gemäss einer im Jahre 2020 bei 1041 Personen in der Deutsch- und Westschweiz durchgeführten Umfrage sind 67 Prozent der Schweizer Bevölkerung davon betroffen, auch hier: Tendenz steigend. Fragt man Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen nach den Ursachen von Rückenleiden, so sagen die meisten, dass aufgrund ihrer Erfahrungen bis zu 80% davon psychisch bedingt seien. Mit anderen Worten: Lasten, die auf die seelische Befindlichkeit drücken, drücken dann weiter auf andere empfindliche Stellen im Körper wie eben den Rücken, sodass auch Rückenleiden, ebenso wie zu hoher Blutdruck, zumeist eine Folge äusserer Umstände sind, die nicht den natürlichen Voraussetzungen von Körper und Psyche gerecht werden. Dessen ungeachtet wird auch hier fast ausschliesslich reine Symptombekämpfung betrieben. So habe ich bei einem kurzen Streifzug durch mehrere Internetseiten zum Thema Rückenschmerzen unter anderem folgende Empfehlungen zur Prävention oder Heilung von Rückenleiden gefunden: muskelrelaxierende Medikamente, Rheumasalben, Achtsamkeitstraining, Pilates, Progressive Muskelentspannung, Tai-Chi, Yoga, Akupunktur, Osteopathie, Chiropraktik, Wirbelsäulengymnastik, regelmässige Bewegung, Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking, gesundes Essverhalten, ausreichender Schlaf, höhenverstellbare Bürotische, ergonomische Bürostühle, Rückenstabilisatoren, Rückengürtel sowie Wärmebehandlungen mit Wärmflaschen, Heizkissen, Rotlichtbestrahlung oder Wärmepflastern. Anleitungen oder Empfehlungen zu einer grundlegenden Umgestaltung der von zunehmender Hektik, Zeitdruck, dem Zwang zu permanenter Leistungssteigerung und Selbstoptimierung bestimmten Lebens- und Arbeitsbedingungen, den eigentlichen Grundursachen des ganzen Übels, sucht man indessen vergebens. Nicht einmal der Wahnsinn, dass Kinder und Jugendliche in einer Phase intensivster Körperentwicklung gezwungen werden, über drei Viertel der Zeit an Schultischen sitzend auszuharren, wird auch nur ansatzweise in Frage gestellt, geschweige denn daraus die erforderlichen Konsequenzen gezogen.

Wir sind uns gewohnt – und es wird uns ja auch täglich von der medizinischen Fachwelt, Hand in Hand mit der Gesundheitsindustrie und allen, die mit der Symptombekämpfung von Krankheiten und körperlichen Leiden ihr gar nicht so bescheidenes Geld verdienen, pausenlos eingetrichtert -, dass die Schuld beim einzelnen Individuum liegt, und nicht bei dem, was man als übergreifendes „System“ bezeichnen könnte, das man offensichtlich ganz selbstverständlich als das „Normale“ oder schlicht und einfach „Bestehende“ mehr oder weniger frag- und kritiklos akzeptiert, obwohl es doch völlig einseitig von äusserlich und willkürlich gesetzten Vorgaben bestimmt ist, die mit dem eigentlichen körperlichen und seelischen Wohlbefinden des Menschen nichts zu tun haben, sondern diesem im Gegenteil sogar gänzlich zuwiderlaufen. Aber es ist eben einfacher, mit dem Finger auf das einzelne Individuum zu zeigen statt auf das System als Ganzes. Das einzelne Individuum mit seinen Leiden, seinen scheinbaren Unzulänglichkeiten und Defiziten ist eben sichtbar, hat ein Gesicht – das dahinterliegende übergreifende System sieht man nicht, es bleibt unsichtbar, anonym, und doch wirkt es pausenlos, Tag und Nacht, durch alles hindurch.

So kommen zu den bereits genug schlimmen körperlichen und seelischen Folgeerscheinungen massive Schuldgefühle hinzu, die alles noch schlimmer machen, als es ohnehin schon ist. Wer zu hohen Blutdruck hat, permanente Rückenschmerzen oder andere Folgeerscheinungen der herrschenden Systemzwänge wie Schlafstörungen, Depressionen, Fettleibigkeit, Alkohol- oder Nikotinsucht, dem wird stets der moralisierende Spiegel seines eigenen Ungenügens und Versagens vor die Nase gehalten: Du bewegst dich halt zu wenig, ernährst dich falsch, verschwendest zu viel Zeit im Internet, pflegst zu wenige soziale Kontakte, gehst zu selten ins Fitnesstraining. Man könnte es geradezu als „Täter-Opfer-Umkehr“ bezeichnen: Während das System trotz aller seiner schädlichen Auswirkungen immer noch als bestmögliches, höchst erfolgreiches, allen denkbaren Alternativen gegenüber als haushoch überlegenes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in Gestalt der sogenannten „Freien Marktwirtschaft“ glorifiziert wird, werden seine Opfer zu eigentlichen „Versagern“ oder gar „MIssetätern“ abgestempelt, weil sie nicht so funktionieren, wie es das System eigentlich gerne hätte. Das geht mittlerweile sogar so weit, dass Krankenkassen, selber in höchstem Masse Nutzniesser der auf dem „Gesundheitsmarkt“ zu erzielenden, exorbitanten Profite, mehr und mehr dazu übergehen, Kosten für Krankheiten, die sie als „selbstverschuldet“ definieren, gar nicht mehr zu übernehmen.

Müsste es uns nicht zutiefst nachdenklich stimmen, dass in einem Land, das zu den reichsten und am „höchsten entwickelten“ der Welt gehört, so viele Menschen, zweifellos sogar die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, nicht wirklich gesund sind, sondern unter allen möglichen körperlichen und seelischen Beschwerden leiden? Das kann doch nicht allen Ernstes der „Normalzustand“ sein. Da ist doch offensichtlich ganz vieles völlig aus den Fugen geraten. Der Mensch wurde doch nicht geschaffen, um krank zu sein, sondern, ganz im Gegenteil, um gesund zu sein, dementsprechend stark sind ja auch seine Selbstheilungskräfte in einer Weise ausgestattet, die man nicht anders denn als „Wunder“ bezeichnen kann. Wenn so viele Menschen oder fast alle Menschen in einem Land auf die eine oder andere nicht wirklich gesund sind, kann es wohl kaum mit „inneren“ oder gar „selbstverschuldeten“ Ursachen zu erklären sein, sondern muss wohl fast ausschliesslich mit „äusseren“ Ursachen zu tun haben.

Therapiert und geheilt werden müssten deshalb nicht so sehr die einzelnen Individuen, sondern das System als Ganzes, so abstrakt diese Forderung auf den ersten Blick auch erscheinen mag. Aber früher oder später wird es dazu keine Alternativen mehr geben, spätestens dann, wenn die auf reine Symptombekämpfung reduzierten „Gesundheitskosten“ dermassen überbordende Ausmasse angenommen haben werden, dass sie schlicht und einfach volkswirtschaftlich nicht mehr zu leisten sind.

In einem Garten, wo die Erde genug Nährstoffe hat, genug Wasser vom Himmel fällt und die Sonne genug lange scheint, wachsen alle Blumen ganz von selber zu ihrer ganzen Grösse und Pracht heran und keine von ihnen wird krank, keine von ihnen braucht einen Doktor, Medikamente oder eine Therapie. Wenn wir es schaffen, nicht mehr die Individuen zu therapieren, sondern das System, dann werden auch alle scheinbaren „Krankheiten“ ganz von selber nach und nach verschwinden.

Und dann werden vielleicht auch die Menschen hierzulande wieder so gesund und fröhlich leben wie einst die Bewohnerinnen und Bewohner der Pazifikinsel Tokelau, bevor sie nach Neuseeland auswanderten.