Von Christoph Kolumbus bis zur NATO-Ostflanke in Estland: Die wahre Ursache des Ukrainekriegs oder das Raubtier, das, je mehr es frisst, umso gefrässiger wird…

Peter Sutter, 19. Juli 2026

Wer verstehen will, wie und weshalb sich der Ukrainekonflikt dermassen zugespitzt hat, dass immer mehr besorgte Menschen den baldigen Beginn eines dritten Weltkriegs befürchten, muss ein bisschen weiter zurückblicken als bis zum 24. Februar 2022, dem Tag, an dem der sogenannte russische „Angriffskrieg“ gegen die Ukraine begann. Man könnte zum Beispiel bis ins Jahr 1991 zurückgehen, als die Sowjetunion zerfiel und sich die NATO in der Folge Land um Land immer weiter nach Osten auszudehnen begann. Oder bis ins Jahr 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des US-Imperialismus als zukünftiger Weltmacht Nummer eins. Noch erhellender aber ist ein Rückblick bis 1492, dem Jahr, als der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus Amerika entdeckte. Obwohl es freilich nicht wirklich dieser Christoph Kolumbus war, der Amerika „entdeckte“. Denn bereits 500 Jahre früher, ums Jahr 1000, waren wikingische Seefahrer unter Leif Eriksson an der Küste Neufundlands gelandet. Und bereits weitere rund 12’000 Jahre früher waren die Vorfahren der späteren amerikanischen Urbevölkerung aus Nordostasien über die Beringstrasse, damals noch eine Landverbindung zwischen dem asiatischen und dem amerikanischen Kontinent, in Amerika eingewandert. Wenn man, streng historisch, jemanden als den „Entdecker“ Amerikas bezeichnen müsste, dann also die über die Beringstrasse eingewanderten Völker aus dem nördlichen Asien. Dennoch finden wir weder bei der Einwanderung asiatischer Völker im Norden Amerikas, noch bei der Landung der Wikinger in Neufundland, sondern erst bei der angeblichen „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus jene tieferen Ursachen für den heutigen Ukrainekonflikt, die zu erkennen uns helfen wird, diesen Konflikt ganz anders zu verstehen, als wir uns dies anhand der täglichen Berichterstattung in den westlichen Medien gewohnt sind.

Denn Christoph Kolumbus kam nicht alleine nach Amerika. Ihm folgten zunächst ein paar hundert, bald einmal Zehntausende und nach nicht langer Zeit Hunderttausende weiterer Europäer nach Amerika, zunächst vor allem aus Spanien und Portugal, dann aus England und Frankreich und später aus vielen weiteren europäischen Ländern. Und sie kamen nicht, um bloss ein paar schöne Tage an einem der paradiesischen Strände in den Gegenden des heutigen Mexiko oder Brasilien zu verbringen und dann wieder zufrieden nach Hause zu gehen. Nein, sie kamen, um sich alles nur Erdenkliche an Reichtum und Schönheit, was sie in diesem „Paradies“ fanden, unter den Nagel zu reissen. „Terra nullius“ nannten sie, mit dem Segen des Oberhauptes der Heiligen Katholischen Kirche und somit sogar „göttlich“ legitimiert, alle von ihnen „entdeckten“ Ländereien, Nullerde, Nichtland, das niemandem gehörte und daher ihnen, den zukünftigen Herren und Besitzern, zur Inbesitznahme und wirtschaftlichen Ausplünderung unbegrenzt zur Verfügung stand. Den Kapitalismus hatte es zwar schon vorher gegeben. Aber erst jetzt zeigte er ohne jegliche falsche Rücksichtsnahme sein wahres Gesicht, sein wahres Wesen, das Wesen eines Raubtiers, das, je mehr es frisst, nur immer noch gefrässiger wird.

Gold, Silber, Diamanten, Kupfer, Zucker, Tabak, Baumwolle, Kaffee, Bananen – was immer aus der „Terra nullius“ herausgeschürft werden und in Geld verwandelt werden konnte, wurde nach Europa geschafft, wo der Reichtum der Reichen in gleichem Masse Tag für Tag anwuchs, wie auch die Armut der Armen in den ausgeplünderten Gebieten des Südens in gleichem Masse anwuchs bis zum heutigen Tag. Auf den Appetit gekommen, heischte das Raubtier immer mehr und noch mehr. Nach Amerika war Afrika an der Reihe, dann Südostasien, bis zuletzt all das, was wir heute als den „globalen Süden“ bezeichnen. Terra nullius. Das Geld, in welches die Schätze aus den leergefegten Paradiesen verwandelt wurden und immer noch werden, ist seinerseits zum Raubtier geworden, das sich nach allen Richtungen und in immer schnellerem Tempo ausdehnt und dabei immer noch gefrässiger und gefrässiger wird. Jedes Geldstück will zwei weitere Geldstücke, diese wiederum wollen noch einmal doppelt oder dreifach so viel. Banken als die wahren Tempel und Pyramiden der Neuzeit, Wolkenkratzer, von denen jeder neue noch höher sein will als alle bisherigen, acht- oder zwölfspurige Autobahnen, immer schnellere Höchstgeschwindigkeitszüge, immer längere Brücken und Tunnels, immer schnellere Internetverbindungen – das alles sind nur die äusseren Erscheinungsformen, dahinter, in allem, steckt die unersättliche Gier des Raubtiers, der alles unterworfen und geopfert wird: die Natur, die Erde, die Luft, der Raum, die Zeit…

„Der Kapitalismus“, sagte sogar Robert Habeck, der im Übrigen nicht einmal als besonders kapitalismuskritischer Politiker bekannt ist, „hinterlässt eine Spur der Verwüstung.“ So ist es. Man sieht es jedem Flecken Erde an, ob der Tsunami des Kapitalismus schon durchgezogen ist oder nicht. Wie ein milliardenfacher Heuschreckenschwarm frisst er sich von Land zu Land. Zurück bleiben ausgelaugte Böden, auf denen nicht einmal mehr ein einziger Grashalm zu wachsen vermag; ein paar kümmerliche, verkohlte Baumstümpfe als Erinnerung an jahrtausendealte Wunderwerke der Natur; in todbringender Hitze flimmernde Wüsten, in denen alles Leben einer gnadenlos sengenden Sonne schutzlos ausgeliefert ist; tief in die Erde gebohrte Tunnels, Gräben und Stollen, aus denen auch noch die letzten winzigen Reste von Gold oder Kupfer herausgequetscht wurden, bis alles in sich zusammenbrach, um dort, wo einst das Leben blühte, Landschaften zurückzulassen, die es früher nur auf fernen Planeten gegeben hatte, wo nicht einmal die primitivsten Lebewesen hätten entstehen können; ganze Ozeane, einst gefüllt mit einer unendlichen Vielfalt an Leben, wo heute nur noch die hartnäckigsten Überlebenskünstler der Tier- und Pflanzenwelt nicht schon längst ausgestorben sind und ihrerseits, um nicht das Schicksal aller anderen zu teilen, gezwungen sind, allen anderen, Schwächeren, den Garaus zu machen. Eine Spur der Verwüstung ohne jegliche Grenzen, Wunden, die nie mehr verheilen werden, die systematische Verwandlung des Paradieses in die Hölle.

Doch worauf würde sich das Raubtier stürzen, wenn eines Tages alles, was sich aus der Erde und der Kraft der arbeitenden Menschen herauspressen lässt, an einem Punkt angelangt sein würde, wo sich keine weiteren Beutestücke mehr schaffen liessen? Was könnte man ihm jetzt noch zum Frass vorwerfen?

Natürlich. Man muss den Menschen – genauer gesagt denen, welche über die hierfür nötigen finanziellen Mittel verfügen – bloss die Magie eines allgemein erstrebenswerten Idols vermitteln, das sie nie mehr ruhig schlafen lassen wird, bevor sie es erreicht haben – auch und wenn gerade es geradezu unmöglich ist, es tatsächlich zu erreichen, bzw. dies nur ein paar ganz wenigen vorbehalten sein wird. Es ist das Idol des reichen Menschen, der am schönsten Ort der Erde das grösste und schönste Haus besitzt, den grössten und schönsten Garten mit dem grössten und schönsten Swimmingpool und dem grössten und schönsten Automobil, das sich nur erträumen lässt. Und los ging das allgemeine Wettrennen. In immer verrückterem Ausmass begannen die Menschen – oder zumindest jene, die es sich leisten konnten – Dinge zu kaufen, die sie für ein gutes Leben in Würde und Sicherheit gar nicht wirklich brauchen, immer weitere, noch überflüssigere Dinge wurden erfunden und mit immer raffinierten Methoden der Verführung und Verlockung wurde den Menschen schon von klein auf eingepaukt, dass nur dies, der Erwerb möglichst vieler materieller Güter, ihnen ein wirklich glückliches Leben verschaffen würde. Jede noch so verrückte Art, aus Geld noch mehr Geld zu machen, auf Kosten von wem auch immer, wurde ergriffen, bis auch die Letzten nicht mehr wussten, was für Dinge für ein vernünftiges Leben überhaupt nötig und was für Dinge völlig überflüssig sind: Die TV-Bildschirme müssen immer grösser werden, bis sie eines Tages ganze Zimmerwände füllen werden; auch die Autos müssen immer grösser und schwerer werden und sich gegenseitig immer mehr Platz wegnehmen; auch kein Fahrrad sollte mehr unterwegs sein ohne Elektromotor, und gewiss würde man sich schon das Gehirn wunddenken, welche neue „Innovation“ man den Menschen schmackhaft machen könnte, wenn eines Tages auch noch das letzte Fahrrad ohne Motor nur noch im Museum zu bestaunen sein wird; auch müssen immer mehr Lebensmittel produziert werden, auch wenn ein Drittel davon gar nicht mehr gegessen werden kann und im Müll landet, auch immer mehr Kleider müssen produziert und vermarktet werden, egal ob sie überhaupt getragen oder ungebraucht in die nächste Mülltonne geworfen werden; auch die Häuser, selbst wenn sie noch tausend Jahre lang Wind und Wetter trotzen könnten, müssen in immer schnellerem Tempo wieder abgebrochen und durch neue, noch grössere, ersetzt werden. Das Raubtier heulte vor Wollust auf, sein Gewicht verdoppelte sich innerhalb weniger Jahre. Doch es hatte immer noch nicht genug…

Schickt die Menschen auf Reisen! Gaukelt ihnen vor, das wahre Glück liege in möglichst weiter Ferne. Und lasst sie während 47 Wochen pro Jahr so hart arbeiten und so sinnlose Dinge tun, dass all ihre Gedanken nur noch darum kreisen, wie und wo sie in den verbleibenden fünf Wochen ihr Leben so richtig voll und ganz „geniessen“ können, auch wenn ihnen dafür fast das ganze Geld, was sie sich während den anderen 47 Wochen von allem Übrigen abgespart haben, wieder abgeknöpft wird. Reisen wurde bald einmal zum eigentlichen kapitalistischen Pflichtprogramm, wer nicht reisen kann oder will, fühlt sich schon fast schuldig, so sehr, dass einige von ihnen, während sich ihre Nachbarn in alle Winde zerstreuen, in ihre winzigen und engen Wohnungen verkriechen, die Rollläden runterlassen und nicht einmal in der Nacht das Licht anzünden, um die Menschen rundum glauben zu machen, auch sie wären zu einer fernen Reise aufgebrochen. Schief schaut man heute nicht mehr jene an, die drei oder vier Mal pro Jahr ein Flugzeug besteigen oder sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffs rund um die Uhr mit allen nur erdenklichen Köstlichkeiten verwöhnen lassen, um jene, wie es in den Hochglanzbroschüren der Tourismusindustrie so schön heisst, „letzten Paradiese“ aufzusuchen, „solange es sie noch gibt“. Schief schaut man jene an, die noch nie in ihrem ganzen Leben mit einem Flugzeug oder mit einem Kreuzfahrtschiff unterwegs waren oder noch nie in einem Wellnesshotel übernachteten. Was hätte dem nimmersatten Raubtier mehr Freude bereiten können als die Bilder von kilometerlangen Autokolonnen auf dem Weg nach Süden, die Bilder von bis auf den letzten Platz besetzten Passagierflugzeugen, die im Sekundentakt aus dem Himmel kommen und wieder im Himmel verschwinden, die Bilder aus europäischen, südamerikanischen oder asiatischen Grossstädten, in denen sich Millionen von Touristinnen und Touristen aus aller Welt gegenseitig auf den Füssen herumtrampeln. Doch auch das ist dem nimmersatten Raubtier immer noch nicht genug…

Es begann die allgemeine Vermarktung von allem, was sich in Geld verwandeln lässt, dem Futter für das nimmersatte Raubtier, von dem es nie genug geben kann, auch wenn es schon bis zum Mond angewachsen ist. Das Wasser, dereinst aus den Quellen der Berge und Wälder allen Menschen kostenlos zur Verfügung stehend, gibt es heute, nachdem es durch kilometerlange Rohre gepumpt und um die halbe Welt weitertransportiert wurde, nur noch für teures Geld im Supermarkt, in allen Farben angepriesen und versüsst mit Dutzenden verlockender Aromen. Heilende Kräuter, einst überall und allen Menschen kostenlos zugänglich, finden wir heute, im Labor künstlich nachgebildet, nur noch in hochspezialisierten Medikamenten, deren Preise immer weiter in die Höhe klettern und zu denen der Zugang für eine immer grössere Anzahl von Menschen längst schon nicht mehr möglich ist. Saatgut, über Tausende von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben, muss heute selbst in den ärmsten Ländern der Welt für teures Geld von jenen multinationalen Konzernen zurückgekauft werden, die sich, als wäre die Erde ein nie versiegender Selbstbedienungsladen, das Erbgut von Jahrtausenden unter den Nagel gerissen haben und nicht einmal davor zurückschrecken, Millionen von Landarbeiterinnen und Landarbeitern in äusserste Verzweiflung und tödliche Verschuldung zu treiben. Doch nicht nur das Wasser, die heilenden Kräuter und das Saatgut landen in den gierigen Schlünden der multinationalen Konzerne, gleichermassen saugen sie auch alles andere sich in Geld Verwandelbare in sich auf, um die daraus gewonnenen Profite über kurz oder lang dem nimmersatten Raubtier zum Frass vorzuwerfen: Kaffee, Tee, Tabak, Baumwolle, Jutte, Palmöl, Weizen, Soja, tropische Früchte und Gemüse aller Art, Mango, Ananas, Erdnüsse, Salz, Pfeffer, Paprika, Zimt und viele weitere Gewürze, Blumen, Fische, Tiere und tierische Produkte, Leder, Perlen, Kautschuk, Edelholz, Erdöl, Erdgas, Lithium, Kupfer, Aluminium, Bauxit, Nickel, Gold, Silber, Diamanten, Eisen, Magnesium, Zink, Uran, Plutonium, Sand, Gips, Zement Marmor. Bis zum letzten Tropfen, bis zum letzten Gramm. Terra nullius, wie seit 500 Jahren. Als gäbe es keine Zukunft. Als würde sich die unbequeme und so lange verdrängte Warnung, die schon in der Bibel zu lesen ist, nun doch noch bewahrheiten, nämlich, dass „nach uns die Sintflut kommt“.

Bekanntlich lässt sich neues Geld am leichtesten dort erschaffen, wo bereits Geld im Übermass vorhanden ist. Aus einem wohlhabenden Schweizer, der etwa vier oder fünf Mal mehr verdient bzw. eine vier oder fünf Mal höhere Rente bezieht, als für die Erfüllung der grundlegenden Lebensbedürfnisse eigentlich nötig wäre, lässt sich logischerweise weitaus mehr neues Geld herausquetschen als aus einem Bettler irgendwo in Indien oder Bangladesch, bei dem aus der Sicht kapitalistischer Profimaximierungslogik sowieso schon Hopfen und Malz verloren ist. Und so betreten wir eine weitere Ära in der Geschichte des nimmersatten Raubtiers. Es ist die etwa zu Beginn der Neunzigerjahre begonnene Phase gesellschaftspolitischer Veränderungen, in der sich die allgemeinen Wertvorstellungen immer weiter weg von Gemeinschaftsdenken und Solidarität hin zu purem Egoismus, Einzelkämpfertum und „Selbstoptimierung“ verschoben haben, gemäss dem von der britischen Premierministerin im Jahre 1987 propagierten Slogan, wonach es „keine Gesellschaften gibt“, sondern „nur Individuen“. In immer drastischerem Ausmass erfolgte seither eine schleichende, nach wie vor anhaltende Verschiebung von Reichtum aus dem öffentlichen in den privaten Bereich. Während – um beim Beispiel der Schweiz zu bleiben – die frühere Erbschaftssteuer abgeschafft wurde, somit jedes Jahr rund 100 Milliarden Franken steuerfrei von der vorangegangenen an die nächste Generation weitergegeben werden und bloss Einkommen aus Arbeit, nicht aber solche aus Kapitalbeteiligungen besteuert werden – und dies, obwohl in der Schweiz insgesamt mehr Geld verdient wird durch Aktien oder andere Formen von Gewinnbeteiligungen als durch ganz „gewöhnliche“ Arbeitstätigkeit -, herrscht auf der anderen Seite im öffentlichen Bereich, bei Bildung, Kultur, Forschung und allgemeiner Infrastruktur, ein zunehmend eisiger wehender Wind. Allein im Jahre 2025 haben die 300 reichsten Schweizer ihr Gesamtvermögen um 38,5 Milliarden Franken steigern können, ohne hierfür auch nur eine Minute lang gearbeitet zu haben. Gleichzeitig ging von allen Seiten ein Riesengejammer los, als es um die Frage ging, wie man die durch Volksabstimmung beschlossene 13. AHV- Rente in der Höhe von jährlich 4,5 Milliarden Franken finanzieren könnte. Nun hat man sich darauf geeinigt, die nötigen Mittel durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und zusätzliche Lohnprozente sicherzustellen, ausgerechnet durch Beiträge jenes Bevölkerungsteils also, den man mit der 13. AHV-Rente eigentlich hätte entlasten wollen. Niemand schien auf die Idee gekommen zu sein, man könnte diese 4,5 Milliarden Franken ja beispielsweise auch bei den unversteuerten Erbschaften in der Höhe von jährlich 100 Milliarden abholen oder durch eine Erhöhung der Vermögenssteuer oder durch die Einführung einer Kapitalgewinnsteuer.

Bleiben wir für einen Moment in der Schweiz. Bei den 50- oder 100seitigen Hochglanzbroschüren, die wöchentlich ins Haus flattern oder der Tageszeitung beiliegen und in denen es von verlockendsten Angeboten, von denen neun Zehntel der Weltbevölkerung und wohl auch weit mehr als die Hälfte der einheimischen Bevölkerung nicht einmal zu träumen wagen, nur so wimmelt: Zwei Wochen Luxus pur im Wellnesshotel mit königlichem Frühstück, Pilates, Yoga, Thaimassage, Galadinner bei Kerzenlicht und geführten Ausflügen mit dem Hoteldirektor himself; Reisen auf dem Fluss oder, wem das zu wenig ist, bis an den Nordpol, mit garantiertem Nordlicht; Klinik S. in W., neu eröffnet für Ansprüche besonders gehobener Art, Privatsuite mit vier Zimmern, Blick auf den See und Zimmerservice rund um die Uhr, Schönheitsoperationen durch den renommierten Dr. G., soeben ausgezeichnet mit einem internationalen Preis für einen der Besten seines Fachs; Open-Air-Konzert mit Megastar F., auf einer extra für diese Tournee aufgebauten, auf 45 Sattelschleppern herangekarrten Bühne gigantischen Ausmasses, Tickets ab 300 Franken im Vorverkauf; die ultimative Hochzeitsfeier mit 10-Gang-Menü, alles von A bis Z professionell organisiert, inklusive Feuerwerk, Zaubershow und Abenteuerjagd nach dem Brautpaar; Ihre Traumvilla am Zürichsee, kein Wunsch bei der Ausstattung bleibt unerfüllt, zudem garantiert wird ein lückenloses, absolut knacksicheres Überwachungssystem, alles zusammen für läppische 4 Millionen Franken. Die Gewinne der Luxushotellerie, der Kreuzfahrtgesellschaften, der Versicherungen, der Chefärzte in den renommierten Privatkliniken, der Pharmaindustrie, der Banken und der Cateringfirmen für jeden noch so ausgefallenen Wunsch übersprudeln geradezu. Während 80 Familien in Zürich gerade wieder einmal zwei Stunden lang in knallender Sommerhutze für den Besichtigungstermin einer Dreizimmerwohnung vergeblich Schlange gestanden sind, die 55jährige, vor drei Jahren entlassene KV-Angestellte V. nach ihrer 538. Bewerbung die 538. Absage bekommen hat und Frau W., die für eine dringendst nötige Zahnoperation schlicht einfach nicht genug Geld hat, sich, in ihrem Bett liegend, vor Schmerzen krümmt und auch nachts um zwei noch immer nicht den Schlaf gefunden hat. Gute Zeiten für das nimmersatte Raubtier.

Und es ist ja nicht nur die Schweiz. Soeben hat eine Handvoll Superreicher aus mehreren Ländern eine ganze Insel vor der Küste von Honduras gekauft, um dort ihren eigenen zukünftigen Privatstaat namens Próspera – das spanische Wort für „glücklich“ oder „wohlhabend“ – aufzubauen, in dem keine demokratischen Gesetze irgendeines bestehendes Staates gelten werden, sondern nur ihre eigenen. So wird es ihnen möglich sein, dort unter anderem ein zurzeit weltweit aus ethischen Gründen nirgendwo umsetzbares Projekt zur Erhöhung menschlicher Leistungsfähigkeit durch das Implantieren von Computerchips zu realisieren. Immer mehr Superreiche verabschieden sich vom Rest der Welt, bunkern sich hinter meterdicken Betonmauern ein und horten dahinter so viele Lebensmittel, dass sie selbst einen weltweiten Atomkrieg noch jahrelang überleben könnten, oder lassen sich, wie Elon Musk, ihre eigenen Weltraumraketen bauen, um sich zu gegebener Zeit endgültig von diesem Planeten zu verabschieden und zum Beispiel, wie allen Ernstes schon spekuliert wurde, auf dem Mars eine neue Zivilisation aufzbauen. Andere investieren Millionenbeträge in die Longevity-Forschung, mit dem Ziel, den Tod zu besiegen und unsterblich zu werden. Und dies in einer Welt, in der jeden Tag rund 15’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs qualvoll sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Nicht, weil es weltweit insgesamt zu wenig Nahrungsmittel gäbe, sondern nur, weil das nimmersatte kapitalistische Raubtier an jenen Orten, wo es seine Fresssucht befriedigen kann, so allumfassend wütet, dass für einen immer grösseren Teil der Weltbevölkerung schlicht und einfach nichts mehr übrig bleibt, nicht einmal ein paar winzige Brosamen von den übervollen Tischen der Reichen.

„Das ist das Ende der Geschichte“, frohlockte der US-amerikanische Ökonom Francis Fukuyama angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahre 1991. Es war auch eine der grössten Sternstunden des nimmersatten Raubtiers, dem nun von einem Tag auf den andern mehr als ein Fünftel des Staatsgebiets der früheren Sowjetunion zur freien Ausplünderung zur Verfügung stand. Terra nullius. Man sprach von einem „Wind of Change“, man nannte es „Abwicklung“, „Übergang in die Marktwirtschaft“, „Beginn eines neuen Zeitalters“, man sprach von „Reformen“, „Strukturanpassungen“ und was der unzähligen schönen Worte noch sind, tatsächlich aber war es nichts anderes als eine Neuauflage der Eroberung und Kolonisation des globalen Südens, das Primat gnadenloser Profitmaximierung auf Kosten sozialer Basisstrukturen, sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit. Das zeigte sich dann acht Jahre später noch einmal in aller Deutlichkeit, ja offenen Brutalität, als die NATO unter Führung der USA die Bundesrepublik Jugoslawien einem grossflächigen Bombardement mit immensen Schäden an den Infrastrukturen des Landes und an der Zivilbevölkerung unterzog, bloss weil sich Jugoslawien, im Gegensatz zur ehemaligen Sowjetunion und den Staaten Osteuropas, nicht den Fressgelüsten des nimmersatten Raubtiers freiwillig ergeben hatte. Damit aber waren auch alle Zweifel verflogen und die EU wie auch die NATO hatten sich als diensteifrigste Komplizen an der Seite des nimmersatten Raubtiers entpuppt. Naiv ist, wer ihnen heute noch Glauben schenkt, wenn sie von „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Frieden“ oder „Menschenrechten“ faseln. Was die Aussage von Francis Fukuyama betrifft, so ist anzumerken, dass er damit nur Recht gehabt hätte, wenn das Endziel des Kapitalismus eine Welt in Frieden und Gerechtigkeit wäre – das wäre, ideal betrachtet, ein schönes Ende der Geschichte. Aber der Kapitalismus ist nicht so. Im Gegenteil, sein Endziel ist nicht Frieden und Gerechtigkeit, sondern Profitmaximierung um jeden Preis, Bereicherung der Reichen auf Kosten der Armen, Krieg gegen die Natur und gegen die Menschen. „Der Kapitalismus“, so der französische Historiker und Pazifist Jean Jaurès, „trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ Wie zutreffend und aktuell diese Aussage ist, wird deutlich, wenn wir uns die rund vierzig von den USA seit 1945 angezettelten Kriege mit insgesamt über 50 Millionen Toten und 500 Millionen Verletzten, von Vietnam über Afghanistan und den Irak bis Libyen, etwas genauer vor Augen führen: Hinter ihnen standen und stehen immer wieder Bündnisse zwischen Rüstungs-, Sicherheits-, IT- und Baukonzernen, deren gemeinsames Interesse darin besteht, Kriege zu inszenieren und über möglichst lange Zeit mit möglichst viel Zerstörungsgewalt zu führen: Je grösser und kostspieliger und damit profitträchtiger für die Rüstungsfirmen die Zerstörung eines Landes erfolgt, umso grösser, kostspieliger und damit profitträchtiger hernach die Aufträge an die Bau-, Sicherheits- und IT-Konzerne, um alles Kaputtgemachte wieder neu aufzubauen. So zynisch und menschenverachtend dies auch erscheinen mag, hält es offensichtlich nicht einmal die höchsten hierfür verantwortlichen Politiker davon ab, dies ganz offiziell und scheinbar ohne schlechtes Gewissen zuzugeben, so etwa, als der damalige US-Aussenminister Antony Blinken anlässlich einer öffentlichen Regierungserklärung bekannt gab, eine möglichst lange Weiterführung des Ukrainekriegs entspräche durchaus den Wirtschaftsinteressen der USA.

In neuester Zeit nimmt die Gier des nimmersatten Raubtiers immer absurdere und verhängnisvollere Züge an. Der Wahn, aus Geld immer mehr Geld zu schaffen, und der Irrglaube an ein endloses Wirtschaftswachstum haben dazu geführt, dass sich im Kapitalismus die Geldwirtschaft längst schon von der Realwirtschaft verabschiedet hat. Nur noch der kleinste Teil finanzieller „Erfolgsbilanzen“ beruht auf realem Wirtschaftswachstum, der weitaus grössere und immer weiter anwachsende Teil ist reine Spekulation, Seifenblasen, die alle früher oder später zu zerplatzen drohen, ein Kartenhaus, das nur noch dank immer waghalsigerer Tricks daran gehindert werden kann, einzubrechen und einen unabsehbaren Scherbenhaufen zu hinterlassen. Mit der zunehmenden Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche dringt das nimmersatte Raubtier zudem immer weiter bis in unsere innerste Geistes- und Seelenwelt vor, reduziert alles Menschliche ausschliesslich auf das technisch und materiell Plan- und Berechenbare und verweist alles, was sich an Kreativität, Gemeinschaftsgefühl, Solidarität, Mitgefühl sowie dem Aufdecken und der Kritik an gesellschaftlichen Missständen und Fehlentwicklungen diesem Zeitgeist entgegenzustellen droht, ins Reich der Phantasie, der Nostalgie und reiner Bedeutungslosigkeit. Wie erfolgreich dieses Verdrängen jeglichen möglichen Widerstands gegen die herrschenden, mit dem nimmersatten Raubtier verbandelten Machtsysteme und der mit ihnen gleichgeschalteten Medien und öffentlichen Meinungsträger funktioniert, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in diesen Tagen, Wochen und Monaten, in denen wir möglicherweise näher am Ausbruch eines dritten Weltkriegs stehen als je zuvor, kaum noch irgendwelche nennenswerten Friedensdemonstrationen stattfinden, ganz im Gegensatz etwa zu den Jahren 2001 und 2003, als anlässlich der Kriegsvorbereitungen der USA gegen Afghanistan und den Irak noch Millionen von Friedensdemonstrantinnen und Friedensdemonstranten die europäischen Grossstädte fluteten.

Wie perfekt, geradezu lautlos und ohne nennenswerten Widerstand auch die absurdesten Formen von Fremdbestimmung und Machtkonzentration heute über die Bühne gehen können, zeigt sich nicht zuletzt in dem, was man fälschlicherweise als „Künstliche Intelligenz“ bezeichnet, viel zutreffender aber wohl als „Künstliche Dummheit“ bezeichnet werden müsste. Extra hierfür gebaute Rechenmaschinen, die ein Mehrfaches an Strom verbrauchen als ganze Kleinstädte, ermöglichen es ein paar wenigen Verrückten, „Trainingsprogramme“ zu entwickeln und durchzuführen, mit denen scheinbar „intelligente“ Maschinen über Monate hinweg in tausenden winzigen Einzelschritten aufgrund Abertausender von Bildern mühsam erlernen sollen, den Unterschied zwischen einer Katze und einem Hund zu erkennen, eine Fähigkeit, über die jedes Kind im Alter von wenigen Monaten verfügt, ohne dass es hierfür eines besonderen Trainingsprogramms bedarf und ohne dass es irgendwem in den Sinn käme, dies als „Natürliche Intelligenz“ zu bezeichnen. Wie Sektenmitglieder, die an einen unsichtbaren Gott glauben, umschwirren mittlerweile selbst schon Unzählige, die anfänglich noch etwas skeptisch waren, jene heiligen Stätten, an denen die angeblichen „Errungenschaften“ der „Künstlichen Intelligenz“ angepriesen und in alle Himmel hinauf gelobt werden, obwohl es sich dabei doch um nichts anderes handelt als um ein gigantisches Sammelsurium alles über Jahrhunderte hinweg bereits Geschriebenen, Gesagten und Gedachten, nun sozusagen in Zement gegossen und mit einem riesigen Warnschild versehen: Bitte nicht mehr weiterdenken! Denn alles Gedachte steht ja jetzt zur Verfügung, kann mit wenigen Mausklicks abgerufen werden, und jeglicher Versuch, mit den eigenen, individuellen Ressourcen an Kreativität, Wissensdurst oder Skepsis gegenüber in Stein gegossener „Wahrheiten“ weiterzudenken oder weiterzuforschen, wäre reine Zeitverschwendung. Selbst Professoren an Schweizer Universitäten sind der felsenfesten Überzeugung, die „Künstliche Intelligenz“ werde früher oder später die menschliche Intelligenz übertreffen oder gar ersetzen. Und einer von ihnen meinte sogar unlängst, es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich die „Künstliche Intelligenz“, losgelöst von den Menschen, von der Erde entfernen und im Universum neue Systeme übernatürlicher Intelligenzien verbreiten werde, die sich heute noch niemand vorstellen könne. Was für wunderbare Aussichten für das nimmersatte Raubtier, das seine Nahrung dann nicht mehr bloss auf der Erde, sondern auf einer immer grösseren Anzahl von Planeten bis hin an die Grenzen des Universums finden wird!

Das Dumme ist nur: Am Ende hängt dann doch alles, auch die phantastischsten Visionen, letztlich wieder davon ab, ob die materiellen Voraussetzungen für alle diese Gedankenflüge überhaupt gegeben sind oder nicht. Denn keine einzige Rechenmaschine kann auch nur einen Tag lang weiterarbeiten und KI-Trainingsprogramme füttern, wenn für den Weiterbetrieb von AKWs, welche die nötige Energie liefern, das nötige Uran oder Plutonium eines Tages aufgebraucht sein wird. Auch die Reichsten der Reichen werden eines Tages keine weiteren Betonbunker mehr bauen können, spätestens dann, wenn das letzte Sandkorn vom letzten verbliebenen Strand in Kambodscha, Malaysia oder Vietnam nach Europa verschifft sein wird. Und auch die sich im Besitz von Elon Musk befindliche grösste Rakete der Welt wird keinen einzigen Meter von der Erde abheben können, wenn nirgendwo mehr die für die Steuerungssysteme der Rakete unerlässliche Menge an Lithium und Kobalt gefunden werden kann.

Und jetzt sind wir wieder zurück am 19. Juli 2026. Man muss nicht viel von der Vergangenheit wissen, um es in aller Deutlichkeit zu sehen: Wenn jemand Interesse hat an einem grossen Krieg, der über die Ukraine hinausgeht und sich im schlimmsten Falle zu einem dritten Weltkrieg ausweiten könnte, dann ist es nicht Russland. Russland hat alles, was es braucht, um auch in 50 oder 100 Jahren noch lebensfähig zu sein. Das Interesse an einem solchen Krieg liegt einzig und allein beim Westen, beim nimmersatten Raubtier, das auch nach 500 Jahren seit der Ankunft von Kolumbus in Amerika immer noch nicht genug zu fressen bekommen hat und dessen Appetit sogar noch grösser ist als je zuvor. „Russlands Bodenschätze“, so die damalige US-Aussenministerin Madeleine Albright im Jahre 2000, „sind zu gewaltig, als dass sie den Russen allein gehören dürfen.“ Folgerichtig fordern namhafte US-Politiker seit Jahrzehnten die Eroberung und Zerstückelung Russlands in einzelne „Filetstücke“, die dann entsprechend der gegebenen wirtschaftlichen Ressourcen einzeln planmässig ausgebeutet werden können. Zitate dazu finden sich zuhauf. So etwa von Ben Hodges, dem ehemaligen Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa: „Ziel der USA ist Russlands Spaltung und Zerfall.“ Oder vom früheren US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzesinski, der im Juni 2009 Folgendes sagte: „Die neue Weltordnung wird gegen Russland errichtet, auf den Ruinen Russlands und auf Kosten Russlands.“ Oder, ganz aktuell, von Kaja Kallas, der EU-Vizepräsidentin: „Das Ziel muss sein, Russland zu zerschlagen und in kleinere Länder aufzuspalten.“ Dass die Ukraine im Rahmen dieser Strategien mit dem Ziel einer Eroberung und Zerstückelung Russlands über mindestens zehn Jahre hinweg vom Westen als Brückenkopf und Aufmarschgebiet für einen späteren Krieg gegen Russland instrumentalisiert wurde, ist offensichtlich und wurde auch von Jens Stoltenberg, dem vormaligen NATO-Generalsekretär, mehrfach bekräftigt: „Seit 2014 haben wir die Ukraine massiv mit Waffen versorgt. Das ist natürlich eine sehr bewusste, starke Provokation. Es war uns bewusst, uns in einen Bereich einzumischen, den jeder russische Führer als untragbar ansehen muss.“ Was auch von Douglas McGregor, einem pensionierten Colonel und ehemaligem Sicherheitsberater der US-Regierung, bestätigt wurde: „Denken Sie daran, wir haben acht Jahre damit verbracht, diese Armee in der Ukraine zu dem einzigen Zweck aufzubauen, um Russland anzugreifen. Dafür wurde sie entwickelt. Deshalb haben die Russen sie angegriffen.“ Die Stossrichtung ist klar und findet sich fast im Tagesrhythmus in den offiziellen Erklärungen der führenden deutschen Politiker. So etwa Roderich Kiesewetter: „Der Krieg muss nach Russland getragen werden. Russische Militäreinrichtungen und Hauptquartiere müssen zerstört werden. Wir müssen alles tun, damit die Ukraine in die Lage versetzt wird, nicht nur Ölraffinerien in Russland zu zerstören, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände. Europa muss auf die Kapitulation Russlands hinarbeiten.“ Oder Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesvorsitzender der SPD und deutscher Vizekanzler: „Ich hätte nicht gedacht, das einmal sagen zu müssen: Aber wir werden Russland noch einmal so niederringen müssen, wie wir das im Kalten Krieg mit der Sowjetunion gemacht haben.“ Und wenn man dann in der Tagespresse so ganz beiläufig von einer „NATO-Ostflanke in Estland“ liest, verschwinden auch noch die letzten Zweifel, ist eine „Ostflanke“ doch eindeutig ein Wort aus dem Kriegsvokabular, und hat nichts zu tun mit gerechtfertigter Selbstverteidigung. Man muss schon von Blindheit geschlagen sein bzw. von der laufenden Propagandamaschine westlicher Führungskräfte geblendet, um dies alles nicht zu sehen und immer noch an das Märchen zu glauben, wonach Wladimir Putin der Inbegriff alles Bösen sei, bloss darauf bedacht, nach einem Sieg gegen die Ukraine eines nach dem andern die weiteren europäischen Länder anzugreifen und seinen Grossmachtinteressen zu unterwerfen – während es in Tat und Wahrheit doch genau umgekehrt ist.

Dieses oder nächstes Jahr entscheidet sich nicht nur, ob es einen dritten Weltkrieg geben wird oder nicht. Dieses oder nächstes Jahr entscheidet sich auch, ob und wie das Zeitalter des Kapitalismus zu Ende geht. Denn dieses Ende steht zweifellos unmittelbar bevor. Das nimmersatte Raubtier ist jetzt an einem Punkt angelangt, an dem seine unersättliche Fresssucht in den Zustand eines Wahnsinnigen gekippt ist, der sich entweder eigenhändig selber zur Strecke bringt oder aber sich in einem letzten Akt der Verzweiflung in die Illusion getrieben hat, es könnte den ganzen verbliebenen Rest der Welt in sich hineinfressen und dennoch am Ende selber am Leben bleiben.

Drei Szenarien sind denkbar: Das erste ist ein Sieg des Westens gegen Russland gemäss dem Plan, dieses zu zerstückeln und sich seiner Bodenschätze zu bemächtigen. Ein wenig wahrscheinliches Szenario, würde Russland dies doch kaum zulassen, vorher käme es zum dritten Weltkrieg, der wahrscheinlich ein atomarer wäre und von dem Albert Einstein einmal sagte: „Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber der vierte Weltkrieg wird mit Stöcken und Steinen ausgetragen.“

Das zweite Szenario ist ein Sieg Russlands, der in der Kontrolle über die gesamte Ukraine bestehen würde, mit unterschiedlichen denkbaren Auswirkungen auf den zukünftigen Status dieses Staates. Was auch nicht besonders wahrscheinlich erscheint und den Westen zu unabschätzbaren und höchst gefährlichen Reaktionen verleiten könnte.

Das dritte Szenario mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, wäre aber vermutlich das einzig wirklich vernünftige. Russland und der Westen reichen sich die Hände und läuten gemeinsam ein neues Zeitalter ein. Sie hätten die Erfahrung und das Wissen. Der Kommunismus sowjetischer Art scheiterte im Jahre 1991. Rund 35 Jahre später wird auch der Kapitalismus für immer gescheitert sein. Es gibt in allen Systemen und in allen Ländern der Welt weit mehr als genug gescheite Menschen, die ganz genau wissen und es kann genau erklären können, weshalb sowohl der Kommunismus nach sowjetischer Art als auch der Kapitalismus nach westlicher Art früher oder später unweigerlich scheitern mussten. An ihnen ist es, eine neue Welt aufzubauen, aufgrund der Erkenntnisse über alle in der Vergangenheit gemachten Fehler, Missetaten und Verbrechen. Und es gibt weit mehr als genug weise Philosophen, die über Jahrtausende weit mehr als genug weise Lehren verbreitet und weit mehr als genug weise Bücher geschrieben haben, aus denen sich lernen lässt, wie eine zukünftige Welt in Frieden und Gerechtigkeit aussehen könnte.

Die Welt befindet sich an einem Scheidepunkt. Zugleich in höchster Gefahr. Und gleichzeitig in einem seltenen Moment der Geschichte, in der auch das Gute eine Chance bekommen könnte, die sich vielleicht nicht so schnell wiederholen wird. „Du hast die Wahl“, so der US-amerikanische Philosoph und Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, „du kannst sagen: Ich bin Pessimist, das wird alles nichts, ich verzichte und garantiere damit, dass das Schlimmste kommt. Oder du orientierst dich an den Hoffnungsschimmern und den vorhandenen Möglichkeiten und sagst, dass wir vielleicht eine bessere Welt errichten werden. Eigentlich hast du gar keine Wahl.“