Peter Sutter, 24. Mai 2026

Pony (Name geändert) war vor 44 Jahren eine meiner Schülerinnen. Gestern hat sie mir Folgendes geschrieben, was mich überaus nachdenklich stimmte und in mir viele schon fast vergessene Fragen neu aufgeworfen hat…
Weniger Privilegierte wie ich haben ständig mit Vorurteilen und schlechtem „Gerede“ zu kämpfen. Wie oft musste ich schon hören „die ist doch selber schuld“ – das tut weh, obschon ich weiss, dass ich vieles selbst verschuldet habe. Nur das „warum“ interessiert niemanden – fast niemanden. Mir geht’s mental gerade nicht so gut – die IV schickte mich wieder zu dieser Beratungsfirma, wo ich schon einmal war. Die machen nichts anderes als Job-Coaching. Na toll, was ich bis jetzt erlebe? Schöne Reden, das kommt schon, wir helfen Ihnen, sie müssen nur Initiative zeigen und motiviert sein. Super – was mach ich denn schon all die Jahre? Oder anders gesagt, was mach ich denn falsch? Liegt es wirklich an mir – oder einfach an der Gesellschaft, an den heutigen Umständen? Was zählt man noch als 59-Jährige! So wie’s aussieht nichts, sofern man nicht den gewünschten Hintergrund, Bildungsstand usw. hat. Chancen geben ist wohl komplett aus dem Gedächtnis vieler gestrichen. Sei es geschäftlich, sei es privat. Ein Volk von geld- und machtgierigen, egoistischen Wesen, die herzlos durch ihr Leben hetzen. Nur den eigenen Nutzen im Kopf… Was ich der Dame von der Beratungsfirma zeigte (letzte Bewerbungen, Zeugnisse), fand sie supertoll – „ja genau so, Sie wissen ja, wie’s geht, Sie machen es genau richtig, aber Sie müssen es halt auch wollen und Willen zeigen!“ Ich fühle mich so frustriert ob all diesen Worten – echte Hilfe ist das keine. Die IV zahlt der Beraterin für dieses Coaching 30 Stunden à CHF 155.-. Terminiert auf ein halbes Jahr. Was dann kommt – sofern ich keinen Job finde, wissen die „Götter“. Auf meine Frage dazu hiess es nur: „Dann schauen wir halt weiter“. Kein Plan in Sicht. Dann noch die Aussage: Sollte ich etwas bekommen, mit Hilfe der IV, bekäme ich 20.- Taggeld pro Arbeitstag. Was für ein Hohn, da könnte auch Wut aufkommen.. Das Job Coaching darf 155.- pro Stunde Aufwand verrechnen und mir gibt man dann 20.- pro Tag?! Ein wenig lächerlich, und der Arbeitgeber müsste dann für mich nicht einmal etwas bezahlen. Das nennt man „Arbeitsversuch“, tönt ja gut, nur muss man erst mal was finden. Sie selber suchen nicht für mich, geben nur Ratschläge und ich darf „Kärtchen“ aussuchen, was meine Kompetenzen sind, etc. Ich komme mir fast vor wie im Kindergarten, dabei bin ich doch schon 59 und weiss inzwischen, was ich kann und nicht kann… So in etwa läuft’s gerade bei mir – jede Woche einen solchen Termin, der mir ausser Frust nicht wirklich etwas bringt. Kein Wunder, ist meine Stimmung gerade im Keller und vergrabe ich mich zuhause vor dem PC. Wenn ich nicht noch ein paar Menschen hätte in dieser eiskalten Welt da draussen, die mich zwischendurch wieder zum Lächeln bringen, ich weiss nicht, was ich täte. Denn die schönen Momente sind wirklich sehr selten geworden…
Ja, liebe Pony. Manchmal scheint mir, die ganze Welt steht auf dem Kopf. „Dankbar“ sollst du sein, wenn dir jemand eine Arbeitsstelle zur Verfügung stellt, damit du arbeiten „darfst“, als wäre das irgendeine Gnade, die man dir dann grosszügigerweise gewähren würde, gleich einem Glücksspiel. Dabei müssten doch, ganz im Gegenteil, all jene, denen du dein Potenzial an Arbeitskraft anbietest, dir dafür dankbar sein, dieses Potenzial, alle deine Begabungen und Ressourcen in Anspruch nehmen zu dürfen. Was für eine verkehrte Welt. Wer gibt denn da und wer nimmt? „Arbeitgeber“ nennt man sie, als würden sie dir etwas geben. „Arbeitnehmerin“ nennen sie dich, als würdest du irgendwem irgendetwas wegnehmen. Dabei ist es doch genau umgekehrt: Du bist die, welche Arbeit gibt, die Firma bzw. dein möglicher zukünftiger Chef ist es, der deine Arbeit nimmt. Wie Recht du hast, wenn du fragst, ob es wirklich nur an dir liege, wenn du arbeitslos bist, oder vielleicht doch eher bei der „Gesellschaft“ und den „Umständen“? Natürlich liegt es nicht an dir, natürlich liegt es einzig und allein an den Umständen. Schau in die Tierwelt: Gibt es „arbeitslose“ Bienen, Ameisen oder Regenwürmer? Natürlich nicht. Leben und Arbeiten wären von Natur aus identisch. Nur der Mensch hat das künstlich getrennt. Indem jene, die genug Geld und Macht besitzen, je nach Gutdünken den einen viel Arbeit „geben“, anderen wenig und wiederum anderen gar keine, als wären es ganz besonders gutmeinende, grosszügige, weitherzige Mitmenschen, denen vor allem das Wohl anderer am Herzen liegt, während sie, welche dir Arbeit „geben“, von der Arbeit, die sie dir in Tat und Wahrheit nehmen, selber am meisten profitieren – bis zu dem Punkt, dass sie eines Tages, wenn sie ein genügend grosses Mass an Arbeit „gegeben“ haben, selber gar nicht mehr arbeiten müssen und dennoch mehr Geld „verdienen“ als all jene, die sich von früh bis spät in Büros, Fabriken, Spitälern, Restaurants, Hotels, auf Baustellen oder Gemüsefeldern für wenig Lohn oft so unerbittlich abrackern müssen, dass sie nicht selten krank werden oder sogar frühzeitig sterben.
Am 18. Mai 1947 stimmte die Schweizer Bevölkerung über die Volksinitiative „Recht auf Arbeit“ ab, laut der folgender Artikel in die schweizerische Bundesverfassung hätte aufgenommen werden sollen: „Das Recht auf Arbeit und deren gerechte Entlöhnung sind zu gewährleisten.“ Nicht verwunderlich, dass die „Arbeitgeber“ aus allen Rohren gegen diese Initiative schossen, hätte die Annahme der Initiative doch zur Folge gehabt, dass man die Menschen nicht mehr im gegenseitigen Kampf um den Zugang zur Arbeitswelt gegeneinander hätte ausspielen und sie in zwei voneinander getrennte Bevölkerungsgruppen hätte aufspalten können, in „Erwerbstätige“ als die gesellschaftlich „Erfolgreichen“ und „Erwerbslose“ als die gesellschaftlichen „Versager“, „Gescheiterten“, „Ausgegliederten“ und „Randständigen“. Und so wurde denn diese Initiative im Mai 1947 mit 68,8 Prozent Neinstimmen von der Schweizer Bevölkerung abgelehnt und ist seither nie mehr auf dem politischen Parkett erschienen, obwohl es doch bei Weitem das Einfachste und Natürlichste wäre und in jedem Ameisenhaufen, jedem Bienenstock und selbst unter Blattläusen und Borkenkäfern als allgemein gültiges Gesetz die „Vollbeschäftigung“ das Selbstverständlichste ist, was man sich nur vorstellen kann. Denn eigentlich ist es ja verrückt, auf die Fähigkeiten und Begabungen einer so riesigen Zahl Menschen zu verzichten und sie brach liegen zu lassen, während man gleichzeitig den anderen Teil der Bevölkerung bis zum Überdruss schuften lässt und wie Zitronen bis zum Äussersten auspresst. Das Gleiche wäre, wenn ein schwerer Karren von nur wenigen Menschen in die Höhe geschoben werden müsste und die anderen, obwohl sie genug stark wären, gezwungen würden, danebenzustehen und nicht mit anpacken zu dürfen.
Leider gibt die Demokratie, so wie sie bei uns die Regel ist, stets den Mehrheiten Recht, während es doch bei allen gesellschaftlichen Fortschritten zunächst stets Minderheiten waren, die mit ihrem Mut zu neuem Denken wichtige Veränderungen in Gang zu bringen vermochten. „Zuerst ignoriert man es“, so Mahatma Gandhi, „dann belächelt man es, dann bekämpft man es und am Ende wird es zur Selbstverständlichkeit.“ Das Recht auf Arbeit ist immer noch auf der ersten Stufe, es wird schlicht und einfach ignoriert. Die im Mai 1947 durch die Mehrheit der Bevölkerung verhängte Denksperre hat uns somit bereits seit fast 80 Jahren den Blick darauf verbaut, dass alles auch ganz anders sein könnte, als es ist, und sich nicht unzählige Menschen wie du, Pony, jahre- oder oft sogar fast lebenslang damit abfinden zu müssen, „überflüssig“ und von niemandem gebraucht zu werden – mit verheerenden Folgen auf das Selbstwertgefühl aller Betroffenen, schlummert doch in jedem Menschen die tiefe Sehnsucht, für andere wichtig zu sein und mit eigener Kraft zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen.
Könnte man nicht, nach fast 80 Jahren, trotz alledem noch einmal versuchen, diese Denksperre abzubauen? Eigentlich wäre es sogar ganz einfach. Man müsste das Ganze nur von „unten“ statt von „oben“ anschauen. Von oben, das ist die heutige Realität. Oben, auf den Chefetagen der Konzerne und in den Sitzungszimmern und den Büros von kleineren und grösseren Firmen, wird, aufgrund knallharter Kosten-Nutzen-Berechnung, entschieden, wie viele Arbeitsstellen in diesem oder im anderen Betrieb besetzt werden können, kein Prozentpunkt zu wenig und kein Prozentpunkt zu viel. Da können noch so viele Bewerbungen ins Haus flattern, noch so viele gute Arbeitszeugnisse und Qualifikationen vorliegen und kann die Motivation der Stellenbewerbenden noch so gross sein. Ich kenne eine Zwanzigjährige mit vielen Talenten, die auf tausend Bewerbungen tausend Absagen bekommen hat. Jetzt liegt sie nur noch den ganzen Tag in ihrem abgedunkelten Zimmer im Bett und versucht, sich mit einer IV-Rente knapp über Wasser zu halten.
Alles von „unten“ anzuschauen, würde hingegen bedeuten: nicht von den nackten Gewinn- und Verlustzahlen her, sondern von den Menschen her. Du Pony, das weiss ich, hast viele bemerkenswerte Fähigkeiten und Begabungen, deine Empathie zum Beispiel, dein Interesse an anderen Menschen, deinen Humor und deine Gabe, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen und hinter die Masken jener, die von ihrem eigenen Ich oft mehr verstecken als preisgeben. Irgendwo, da bin ich mir ganz sicher, gibt es einen Platz, wo man genau so einen Menschen wie dich dringend brauchen könnte. Diesen Platz müsste man jetzt suchen und würde ihn gewiss früher oder später auch finden, zum Wohle des betreffenden Betriebs, zum Wohle von dir selber, zum Wohle der übrigen in dieser Firma Arbeitenden und zum Wohle der ganzen Gesellschaft letztlich, die sich dann nicht mehr um diesen riesigen bürokratischen Kram, Arbeitslosenkassen, sinnlose Bewerbungen ohne jegliche Aussicht auf Erfolg und dergleichen kümmern müsste, und auch die unzähligen Therapien, mit denen man kaputte Menschen, die ihr gesamtes Selbstwertgefühl verloren haben, wieder mühsam aufzurichten versucht, all das wäre dann überflüssig. Und es würde nicht einmal mehr kosten, ganz im Gegenteil: Je gleichmässiger alles auf alle verteilt ist und damit sowohl bei den einen der Druck von zu viel Arbeit wie auch bei den anderen die Demütigung durch das Fehlen jeglicher Arbeit wegfallen, umso gesünder werden die Menschen, nicht nur körperlich, sondern vor allem auch seelisch. Und selbst wenn es dann im einen oder anderen Betrieb ein paar Leute „zu viel“ hätte, als es „ökonomisch“ vertretbar erscheinen mag: Es wäre doch ein Leichtes, mit ein bisschen mehr Flexibilität und Solidarität zwischen den einzelnen Firmen finanzielle „Probleme“ solcher Art aufzufangen zugunsten dem Gemeinwohl und dem Wohl jedes Einzelnen.
Weisst du, liebe Pony, eigentlich ist es absolut verrückt. Von Natur aus sind wir alle ohne Ausnahme mit wunderbaren Gaben beschenkt worden. Doch manchmal, und das ist das Tragischste, wissen wir nicht einmal selber, welche Begabungen in uns schlummern. Weil uns andere Menschen, manchmal die eigenen Eltern und sehr oft sogar die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule nur immer gesagt haben, was wir nicht können, und kaum je, wozu wir fähig sind, wie schön unsere Stimmen klingen, wie wohl man sich in unserer Gegenwart fühlt, wie geschickt wir sind, was für originelle Ideen wir haben, wie viel wir in einem kurzen Leben schon alles gelernt haben, wie schön wir sind.
Eigentlich, wenn ich es mir so recht überlege, gibt es dich und mich und alle anderen Menschen nicht nur einmal, sondern zwei Mal. Das eine Mal in einer künstlichen Welt, in der man durch andere eingeteilt, bewertet, kontrolliert, klein oder gross gemacht, hinaufgestellt oder hinuntergeworfen wird und sich am Ende, wenn man zu oft Pech gehabt hat, genau so fühlt, wie du dich jetzt, im Alter von 59 Jahren, fühlst, In dieser „eiskalten Welt“, wo die „die Stimmung gerade im Keller“ ist und „die schönen Momente wirklich sehr selten geworden sind“.
Aber glücklicherweise gibt es dich noch ein zweites Mal. Und deshalb nenne ich dich auch Pony. Deinen bürgerlichen Namen, den dir deine Eltern gegeben haben, trägt du nur in der ersten der beiden Welten, in deiner Geburtsurkunde, in deinen Zeugnissen, in deinen Bewerbungen und in deinen Absagen, in den Protokollen der IV und des Sozialamts und in deiner Steuererklärung. Deinen zweiten Namen, Pony, trägst du im Himmel. Pony, das bist du, so wie du von Natur aus gedacht bist, kein bisschen weniger wichtig oder weniger wertvoll als alle, die in der ersten, der künstlichen Welt, „erfolgreicher“ waren oder „mehr erreicht“ haben als du und so oft in deinem Leben scheinbar über dir standen und auf dich hinabgeschaut haben, sodass du dich so oft so klein fühltest. In Wirklichkeit, in der Wirklichkeit des Himmels, gibt es keine wertvolleren oder weniger wertvollen Menschen, so wie es auch bei den Fliegen, den Fröschen oder den Grashalmen keine wertvolleren oder weniger wertvollen gibt. Am Ende werden alle Doktortitel, alle prahlerischen Statussymbole, alles auf Kosten anderer angehäufte Geld, alle Arroganz der Mächtigeren gegenüber den weniger Mächtigen und alle Heiligenscheine für immer in Nichts aufgelöst sein.
Der Name Pony, du erinnerst dich, ist kein Zufall. Vor 44 Jahren warst du in dem Theaterstück „Emil und die Detektive“, das deine Klasse zum Jahresabschluss aufgeführt hatte, das Pony Hütchen und bist mit einem rosaroten Fahrrad zur Erheiterung des ganzen Publikums laut klingelnd auf die Theaterbühne geradelt. In diesem Moment stand die Zeit still und du warst die, welche du schon vorher und auch damals und bis heute geblieben bist als Geschenk des Himmels, als Funke des Universums. Dein Lachen ist noch immer genau dasselbe bis heute, auch dein Humor, auch deine unendliche Neugierde auf die Wunder des Lebens. Mit unseren bürgerlichen Namen und Lebensgeschichten gibt es uns immer nur eine ganz kurze Zeit auf dieser Erde. Als Pony, Fatima während der untergehenden Sonne oder als der kleine Sebastian, der jeden Abend nach dem Einschlafen von Wolke zu Wolke jenem kristallenen See entgegenfliegt, den er einmal im Traum gesehen hatte, sind wir unsterblich und wird es uns auch in tausend oder zehntausend Jahren immer noch geben.
Meine Vision bleibt, dass diese künstliche Welt, in der viel zu viele Menschen täglich gedemütigt und ihrer Lebensfreude beraubt werden, nach und nach verschwindet und niemand mehr auf den Tod warten muss, um sich selber wieder zu finden. Sondern dass wir auch mitten auf der Erde hier und heute so leben können, wie wir von Natur aus gedacht waren. Ohne Wenn und Aber, ohne Gut oder Schlecht, ohne Höher oder Tiefer, ohne Oben oder Unten. Ganz so wie die Blumen auf der Wiese, die Grashalme im Wind und die Vögel, die uns jeden Morgen mit ihrem Gesang begrüssen. Ganz so wie Pony auf dem rosaroten Velo. Damit die Welt wieder wärmer wird und die schönen Momente ihre Seltenheit mehr und mehr verlieren.