Entscheidend ist, aus welcher Himmelsrichtung du kommst: Doch die Blumen, die Fische im Meer und die Wolken am Himmel erzählen eine ganz andere Geschichte…

Peter Sutter, 2. Juni 2026

Wie, von wo und aus welchen Gründen Menschen in die Schweiz kommen, was sie hier suchen, was sie hier finden, ob sie hier ankommen oder nicht, ob sie hier bleiben dürfen oder nicht und wenn ja, unter welchen Bedingungen sie hier dann leben – das soll an folgenden Beispielen, die ausnahmslos auf Tatsachen beruhen, aufgezeigt werden. Einige dieser Menschen kenne ich persönlich, die Geschichten anderer habe ich diversen Zeitungsberichten entnommen. Die Namen sind alle geändert.

Cindy, eine der jährlich rund 100’000 aus beruflichen Gründen in die Schweiz kommenden Ausländerinnen und Ausländern, stammt aus Michigan, USA. Sie hat einen Universitätsabschluss in Risk and Compliance Management. Als sie anfangs April 2026 nach der Ankunft in Kloten aus dem Flugzeug steigt, um eine Woche später ihren Job in einer Zürcher Bank anzutreten, wird sie von zwei Mitgliedern der Swiss Association of Relocation Agents herzlichst begrüsst. Die Aufgabe der bei dieser Organisation tätigen sogenannten „Relocatorinnen“ besteht darin, internationalen, vorwiegend aus den USA stammenden sogenannten „Expats“ ihr Einleben in der Schweiz so angenehm und leicht wie möglich zu gestalten. Sie helfen bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einem Hausarzt und organisieren für die Kinder einen Platz an einer geeigneten Schule, wenn möglich an einer der International Schools, die für die Bedürfnisse von Expats optimal zugeschnitten sind. Oft melden Einreisende schon zum Vornherein ihren Wohnungswunsch ganz konkret und nennen das gewünschte Quartier oder gar die gewünschte Strasse, worauf die Relocatorinnen alle Hebel in Bewegung setzen, um die entsprechende Wohnung sicherzustellen, das Geld spielt meistens keine Rolle. Auf speziellen Wunsch wird auch schon vor der Ankunft die Anmeldung zu einem Golf- oder Segelclub vorgenommen. Die mittlerweile 50 im Raum Zürich tätigen Relocation-Anbieter versprechen, sich auch um jeden noch so ausgefallenen Wunsch ihrer Kundschaft zu kümmern. So zum Beispiel im Fall einer Kundin aus Miami, die für vier Wochen in die USA zurückgeflogen war und der nach ihrer dortigen Ankunft mit Schrecken einfiel, die Oleandersträucher auf der Terrasse ihrer Zürcher Wohnung könnten angesichts der nahenden Wintertemperaturen erfrieren. Unverzüglich organisierte die für sie zuständige Relocatorin eine Gartenbaufirma, die mit einem Kran die schutzbedürftigen Sträucher von der Terrasse holte und sie für den Winter einlagerte, zudem konnte sie mit dem Arbeitgeber der betroffenen Frau die Übernahme der angefallenen Kosten regeln. „Die meisten Expats“, so eine schon seit mehreren Jahren als Relocatorin tätige Zürcherin voller Begeisterung, „fühlen sich dank unserem Engagement in der Schweiz megahappy.“

Daryna ist eine von rund 60’000 Ukrainerinnen und Ukrainern, die im März 2022, nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine, mit ihrer vierzehnjährigen Tochter in die Schweiz gekommen ist, dank der schnell und unbürokratisch von der Schweizer Regierung erlassenen Gewährung eines ausschliesslich für Menschen aus der Ukraine geltenden Sonderstatus S, was nichts anderes bedeutete als eine generelle Aufenthaltsbewilligung für Menschen aus diesem Land, ohne dass im Einzelnen abgeklärt wurde, ob sie aus einem besonders gefährdeten Gebiet kamen oder nicht. Daryna und ihre Tochter fanden sogleich eine Schweizer Gastfamilie, die sie mit offenen Armen empfing. Am selben Ort, wo sie sich niederlassen konnten, bestand auch bereits eine ausschliesslich für ukrainische Flüchtlinge gegründete Hilfsorganisation, welche Daryna und ihre Tochter mit Kleidern und anderen Gütern täglichen Bedarfs versorgte, einen Ausflug mit Zug- und Schifffahrt für sie und auch alle anderen in der Region lebenden Flüchtlinge aus der Ukraine organisierte, ein Malatelier, ebenfalls ausschliesslich für Flüchtlinge aus der Ukraine, einrichtete und sich um die Aufnahme ukrainischer Kinder in die Dorfschule kümmerte, zudem stellten sich mehrere pensionierte Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung, um ukrainischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unentgeltlich Deutschstunden zu geben. Im Frühjahr 2027 werden die meisten für Ukrainerinnen und Ukrainer ausgestellten S-Bewilligungen mehr oder weniger automatisch in B-Bewilligungen und somit ein dauerhaftes Bleiberecht in der Schweiz übergehen, ohne dass hierfür auch nur eine einzige Voraussetzung erfüllt werden müsste, die für Flüchtlinge aus anderen Ländern üblich sind.

Jalila wurde im Jahre 2002 in Pakistan geboren, wohin ihre aus Afghanistan stammende Familie ein Jahr zuvor wegen des Kriegs in ihrem Heimatland geflüchtet war. Kurz nach der Geburt verstarb ihre Mutter, ihr Vater war bereits zwei Monate zuvor bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen. Das elternlose Kind und ihr Bruder wurden sodann von Verwandten aufgenommen, bekamen aber von klein auf zu spüren, dass sie nicht „richtige“ Familienmitglieder waren: Für kleinste Vergehen wurden sie immer wieder mit Prügeln und Nahrungsentzug bestraft. Als Jalila fünfzehn Jahre alt war, sah sich die Familie aufgrund zunehmend unerträglicher Lebensverhältnisse, Hunger und Verfolgung durch rivalisierende Stämme in der Nachbarschaft gezwungen, sich erneut auf die Flucht zu begeben, diesmal über den Iran, die Türkei, Griechenland, Italien bis in die Schweiz, wo die Familie im Herbst 2018 das Recht auf Asyl erhielt und seither hierzulande einigermassen Fuss gefasst hat. Doch auch heute noch, acht Jahre später, wird Jalila Nacht für Nacht von ihren Erinnerungen an jene Zeit verfolgt: All jene Nächte im Flüchtlingscamp auf der Insel Lesbos, die Schreie der Kinder, die im Dunkeln der Nacht vergewaltigt wurden, jener frühe Morgen, als das ganze Lager blitzartig in Brand geriet und sie nur mit einem Riesenglück überlebten, die folgenden Tage im Regen und in der Kälte, zerschmetterte Körper, abgetrennte, auf der Meeresoberfläche treibende Beine oder Arme, nachdem eines der Flüchtlingsboote zwischen Griechenland und Italien gekentert war. Doch das Schlimmste bleibt für Jalila bis heute die Trennung von ihrer besten, ebenfalls aus Afghanistan stammenden Freundin Afia, die sie im Flüchtlingslager von Lesbos kennengelernt hatte. Afia war für Jalila der allererste Mensch, dem sie alles erzählen konnte, was ihr an Gewalt, Trauer, Einsamkeit, Schmerzen und Hoffnungslosigkeit von klein auf widerfahren war. Der erste Mensch, der ihr richtig zuhörte. Der erste Mensch, der ihr Mitgefühl entgegenbrachte und mit dem sie alles noch so Schlimme teilen konnte. Und auch Afia hatte in Jalila zum ersten Mal in ihrem Leben jemanden gefunden, dem sie all das mitteilen konnte, was sie bisher nur für sich alleine behalten und in sich hineingefressen hatte: Die frühesten Kindheitserinnerungen an den gewalttätigen Onkel, der sie immer so grob anfasste, wenn gerade niemand schaute, um dann gleich wieder seine scheinheilige Sanftmut an den Tag zu legen, sobald sich jemand anders zeigte; der Hochzeitstag, an dem sie für ewig an einen Mann angekettet wurde, den sie zutiefst hasste, tausend Gäste, denen sie ein strahlendes Gesicht zeigen musste, während ihr Inneres ganze Meere weinte; die vier Tage und Nächte in einem Kellerloch ohne Licht, wo sie rund um die Uhr von einem Dutzend Männer abwechslungsweise vergewaltigt wurde. Doch immer wieder kamen Afia und Jalila auch ins Lachen, liessen ihrer Phantasie über Geschichten von Königinnen, Prinzen und Himmelsgeistern freien Lauf, als würden sie sich auf Wolken schwingen, um all die schlimmen Erinnerungen zu verscheuchen und für immer zu vergessen. Und immer wieder kamen sie ins Schwärmen von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft, am liebsten in der Schweiz, wo sie zusammen eine Wohnung mieten und jeden Abend so viele Gäste wie möglich einladen und verwöhnen würden. Doch dann wurden ihre Wege von einem Tag auf den andern aufs schmerzlichste auseinandergerissen: Während es Jalila und ihrer Familie gelang, von Lesbos aus nach Italien und in die Schweiz weiterzufliehen, erhielt Afia von den griechischen Migrationsbehörden den internationalen Schutzstatus für Flüchtlinge, wodurch es ihr fortan verwehrt war, in irgendeinem anderen europäischen Land Schutz zu suchen, und sie nun gezwungen war, in Griechenland auszuharren, wo Flüchtlinge 30 Tage nach Abschluss ihres Asylverfahrens jegliche finanzielle Unterstützung durch den Staat verlieren und viele von ihnen, nachdem sie sich erfolglos um Wohnungs- und Jobsuche bemüht haben, auf der Strasse landen, wo nicht wenige von ihnen früher oder später Menschenhändlern zum Opfer fallen und in der Zwangsprostitution landen. Doch die Aussicht, ihr bisher so sehr von Gewalt, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit überschattetes Leben würde nahtlos so weitergehen, war für Afia unerträglich. Nach dem schmerzvollen Abschied von Jalila trachtete sie sogleich nach der nächsten Gelegenheit, Griechenland zu verlassen. Und tatsächlich: Drei Wochen später konnte sie mithilfe eines indonesischen Küchengehilfen im Vorratsraum eines Kreuzfahrtschiffs einen Platz ergattern und traf nach der Ankunft in Italien auf einen polnischen Lastwagenfahrer, der sie hinter einer Ladung Zementsäcke versteckte und auf diesem Weg in die Schweiz brachte, wo sich Jalila und Afia kurz darauf wieder trafen. Als wäre der Himmel auf die Erde gefallen, blühte der Traum von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft in der Schweiz wieder auf, noch viel stärker als zuvor. Unverzüglich stellte Afia einen Antrag auf Asyl und war voller Hoffnung, Denn immer wieder hatten in den vergangenen Jahren junge, alleinstehende, schwer traumatisierte Afghaninnen wie Afia auch dann in der Schweiz ein Bleiberecht erhalten, wenn sie über ein griechisches Aufenthaltsrecht verfügten. Doch die in den letzten paar Jahren immer weiter um sich greifenden Verschärfungen in der Schweizer Flüchtlingspolitik haben dazu geführt, dass das, was noch vor zehn Jahren die Regel war, heute zur ganz seltenen Ausnahme gehört: Afias Asylgesuch wurde abgelehnt. Der Traum Jalilas und Afias von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft in der Schweiz wurde innerhalb eines einzigen Augenblicks für immer zertrümmert. Da sich Afia in ihrer totalen Verzweiflung weigerte, freiwillig nach Griechenland zurückzukehren, tauchten drei Wochen später im Ausschaffungszentrum, wo man sie untergebracht hatte, ohne jegliche Vorankündigung eines Morgens um fünf Uhr drei Polizisten auf, stürmten in Afias Zimmer, rissen sie aus dem Schlaf und führten sie, als wäre sie eine hochgefährliche Schwerverbrecherin, in Handschellen zum Flugzeug, das sie kurz darauf nach Griechenland zurückbrachte. Ein paar Tage lang war Jalila drauf und dran, ihr zu folgen. Doch dann entschied sie sich, in der Schweiz zu bleiben. Endlose Traurigkeit wird so oder so ihr ganzes zukünftiges Leben überschatten. Entweder, weil sie, wenn sie zu Afia nach Griechenland zieht, selber eine Zukunft ohne jegliche Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben haben wird. Oder aber, bei einem Verbleiben in der Schweiz, das Glück, von dem sie gemeinsam träumten, ihr alleine vorbehalten ist und sie mit der unerträglichen Last weiterleben muss, dass es ihrer besten Freundin wohl für immer versagt bleiben wird.

Asma, 26 Jahre alt, ist eine von derzeit über 20 Millionen Menschen im Sudan, die unter so extremem Nahrungsmangel leiden, dass sie sich keinen Tag lang sicher fühlen können, ob sie den nächsten Tag noch überleben werden. Denn zum Hunger kommt die ständige Angst, unter den Beschuss herumstreunender Mörderbanden zu geraten oder ins Kreuzfeuer der gegeneinander kämpfenden Regierungstruppen auf der einen Seite und der paramilitärischen Rebellenmilizen auf der anderen Seite. Asma lebt zurzeit, zusammen mit weiteren 70’000 Geflüchteten, in einem Lager, wo sie vor drei Wochen eingetroffen ist, nachdem sie einen fast zweiwöchigen Fussmarsch nur knapp überlebt hatte. Unterwegs war sie mehrmals brutal vergewaltigt worden. Ihr siebenjähriger Sohn wurde ihr, nachdem sie sich bis zur totalen Erschöpfung dagegen zur Wehr gesetzt hatte, von zwei schwerbewaffneten Männer entrissen und wird wohl unweigerlich, wie Zehntausende andere, zum Kindersoldaten erzogen, dem nichts anderes übrig bleiben wird, als möglichst viele andere zu töten, um selber am Leben zu bleiben. Ihr zweijähriges Mädchen musste sie tot am Wegrand liegen lassen, die verzweifelten Schreie des sterbenden Kindes dröhnen noch immer in ihren Ohren. Asma ist nur noch Haut und Knochen, nachdem sie sich seit Wochen ausschliesslich von Blättern und Palmfrüchten ernährt hat. Doch auch im Lager fehlt es an allem, seitdem die UNHCR infolge zunehmender Finanzknappheit die Überlebenshilfe von monatlich 11 US-Dollar pro Flüchtling auf 4 US-Dollar reduziert hat und sich auch die finanziellen Mittel aller anderen Hilfsorganisationen immer mehr dem Ende zuneigen. Was nicht nur für die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophale Folgen nach sich zieht, sondern auch für Hygiene und Gesundheitsversorgung, so dass sich Malaria, Cholera und andere tödliche Krankheiten immer weiter ausbreiten. Und die Schweiz? Das Land, das sich so liebevoll um seine Expats kümmert und von einem Tag auf den andern 60’000 Menschen aus der Ukraine bedingungslos Schutz bot? Die erste Massnahme in Bezug auf den Sudan bestand darin, im Februar 2024 sämtliche Verfahren für Flüchtlinge aus dem Sudan auszusetzen. Erst nachdem das Leiden im Sudan auch weiterhin immer dramatischere Ausmasse annahm und die UNO von der derzeit „weltweit schlimmsten humanitären Krise“ sprach, kam der Bundesrat zehn Monate später auf seinen Entscheid zurück. Bis zur Stunde wurde aber erst einer äusserst geringen Anzahl sudanesischer Flüchtlinge in der Schweiz Schutz gewährt. Die Schweiz verfolgt eine andere Stossrichtung: Ein im November 2025 vom Staatssekretariat für Migration (SEM) mit Ägypten abgeschlossenes Migrationsabkommen zielt darauf ab, dass aus dem Sudan geflüchtete Menschen in Ägypten bleiben und nicht nach Europa weiterziehen. Angesichts der extrem repressiven Asylpolitik Ägyptens bedeutet dies aber nicht viel anderes, als dass die dortigen Zukunftsperspektiven für geflüchtete Sudanesinnen und Sudanesen praktisch bei Null liegen und die meisten von ihnen früher oder später ohnehin zwangsweise wieder in den Sudan zurückgeschafft werden. Immer mehr junge Menschen sehen keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen, andere unternehmen einen letzten verzweifelten Rettungsversuch, indem sie die gefährliche Reise nach Libyen in Kauf nehmen. Doch das ist dann meistens die definitive Endstation auf der Reise in die Hoffnung, setzt doch die libysche Regierung, ebenfalls unterstützt und finanziert von der EU, alles daran, Flüchtlinge von einer Weiterreise nach Europa abzuhalten, Abertausende vegetieren monate- oder gar jahrelang in notdürftig zusammengebastelten Zelten aus Plastik dahin, andere werden an die Grenze zur libyschen Wüste verfrachtet und dort mit verbundenen Augen ausgesetzt – Angestellte der wenigen dort verbliebenen Hilfsorganisationen finden dann Tage oder Wochen später ihre Leichen, schon halb von Sand überdeckt, verkrüppelte Männer, Kinder und Mütter, die sich bis zum letzten Atemzug aneinander geklammert hatten. Gewiss, die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat seit 2023 schon insgesamt 184 Millionen Franken für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit im Sudan und dessen Nachbarländern bereitgestellt und unterstützt unter anderem auch Organisationen in Ägypten, die Jugendlichen Schutz und Hilfe anbieten. Aber wie klein sind diese Tropfen im uferlosen Meer unbeschreiblichen Elends, für das sich kaum mehr Worte finden lassen. Und endgültig die Sprache muss es einem verschlagen, wenn dann gleichzeitig zu alledem noch zu erfahren ist, dass allein die Schweiz zwischen Januar und September 2025 Gold im Wert von sage und schreibe 27 Milliarden Franken via Arabische Emirate aus dem Sudan importiert hat, mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der vorangegangenen zehn Jahre. 27 Milliarden Franken innerhalb von neun Monaten, das ist das Fünfeinhalbfache dessen, was die DEZA im Verlaufe von drei Jahren für die Nothilfe im Sudan aufgewendet hat! Und das ist noch nicht alles. Mit den Einnahmen aus dem Goldverkauf, das der Sudan aus westlichen Ländern wie der Schweiz erhält, werden sodann, wie könnte es anders sein, jene Waffen gekauft, die eine stetige Weiterführung des blutigen Bürgerkriegs überhaupt erst ermöglichen. Jetzt müsste nur jemand noch auf die verrückte Vermutung kommen, auch die Schweiz könnte eines jener Länder sein, das in den Sudan Waffen liefert und somit nach dem Geschäft mit dem Gold ein zweites Mal massgeblich wirtschaftlich profitieren würde von all dem Elend in dem gerade von der schlimmsten humanitären Krise der Welt betroffenen Land. Aber nein, es wäre nicht bloss eine Vernutung, es ist Tatsache: Unbemerkt und fern aller Öffentlichkeit gelangen Schweizer Waffen in den Sudan, freilich nicht direkt, das würde einen zu grossen Schrei des Entsetzens auslösen, sondern ganz fein und diskret via Arabische Emirate, sodass niemand etwas davon merkt. Und nun will die Schweizer Regierung allen Ernstes die bisher gültigen gesetzlichen Grundlagen von Waffenexporten noch weiter aufweichen, sodass man dann in naher Zukunft diese Waffen nicht mehr heimlich über Drittstaaten, sondern ganz offiziell direkt mitten in die Kriegsgebiete hinein liefern könnte. Und damit schliesst sich der Kreis. Denn letztlich liegt alles Geld im gleichen Topf. Nur dass man es ihm nicht ansieht, woher es gekommen ist. Aber ganz gewiss wird ein Teil des Geldes, das den Gold- und Waffengeschäften zwischen dem Sudan und der Schweiz und dem Tod Hunderttausender unschuldiger Kinder, Frauen und Männer zu „verdanken“ ist, früher oder später in jenen Kassen landen, aus denen jenes Geld geschöpft wird, mit denen Cindy und allen anderen so willkommenen Expats in der Schweiz auch noch die verrücktesten Wünsche erfüllt werden. Damit sie sich bei uns so richtig „megahappy“ fühlen können.

Kommst du aus dem Westen, bezahlen sie dir sogar einen Kran, nur um die Pflanzen auf deinem Balkon in Sicherheit zu bringen. Kommst du aus dem Norden, darfst du gerne für deinen SUV meinen zweiten Parkplatz benützen und sogar, wenn du magst, mein Ferienhaus oben in St. Moritz. Kommst du aus dem Osten, wirst du dich schon eher mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Handschellen auseinandersetzen müssen als mit Aperol Spritz oder Freikarten für das Zürcher Opernhaus. Und wenn du halt dummerweise aus dem Süden kommst: Sorry, dann gibt es dich wahrscheinlich gar nicht.

Ist schon klar, rein mathematisch-physikalisch: Wenn sich von den jährlich 100’000 Expats, die in die Schweiz kommen, nicht wenige sogar an bester Lage eine Wohnung leisten können, die manchmal über mehrere Wochen hinweg leer steht, und wenn für 60’000 Ukrainerinnen und Ukrainer Platz in der Grösse einer mittleren Kleinstadt über Nacht zur Verfügung steht und gleichzeitig jährlich weitere 14 Millionen ausländische Touristinnen und Touristen unsere Bergtäler bis in die höchsten Höhen, alle noch verbliebenen Seeufer, Partymeilen und Tanzflächen in Beschlag nehmen, dann bleibt halt für alle anderen nur noch sehr, sehr wenig Platz. Oder gar keiner.

Die Blumen vor meinem Fenster erzählen eine andere Geschichte. Die Samen, denen sie entwachsen sind, kamen ohne jeglichen Unterschied aus allen Himmelsrichtungen, egal ob aus dem Westen, dem Norden, dem Osten oder dem Süden. Haben sich erst einmal die Blumen in ihrer ganzen Pracht entfaltet, sieht man keiner einzigen von ihr an, woher sie gekommen war. Wie man es auch den Vögeln nicht ansieht, die uns jeden Morgen begrüssen, auch nicht den Fischen in den Flüssen, den Seen und dem Meer. Auch nicht den Wolken, die von allen Richtungen in alle Richtungen über den Himmel ziehen. Und auch nicht dem Wasser, das stets wieder dorthin zurückfliesst, woher es gekommen war.