Peter Sutter, 20. März 2026

„Auf Kuba geraten die Dinge in Bewegung“, so das schweizerische „Tagblatt“ am 17. März 2026, „so wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Und weiter: „Die Karibikinsel, seit 67 Jahren von den bärtigen Revolutionären und ihren Nachfahren regiert, wird am Ende dieses Prozesses nicht mehr dieselbe sein. Die kommunistisch regierte Insel muss sich angesichts des maximalen wirtschaftlichen und sozialen Desasters, dem sie sich gegenübersieht, öffnen. Schon allein, um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. Zudem werden die Proteste der entnervten Bevölkerung täglich mehr.“
In solchen und ähnlichen Kommentaren der westlichen Medien zur aktuellen Notlage Kubas spiegelt sich nach wie vor das seit Jahrzehnten aufrechtgehaltene Bild des Westens von Kuba als einem „gescheiterten“ Staat. Zwar hätten die USA, so wird zunehmend eingeräumt, mit ihrem auf Venezuela ausgeübten Druck, keine Öl mehr nach Kuba zu liefern, durchaus einen grossen Anteil an den derzeitigen wirtschaftlichen Problemen Kubas. Gleichzeitig aber wird weiterhin in den meisten westlichen Medien immer wieder betont, dass es vor allem das unverbesserliche Festhalten der kubanischen Führung am Sozialismus sei, der das Land in die heutige Sackgasse geführt habe. So trifft man immer wieder Aussagen an wie etwa folgende, die in verschiedenen deutschen und Schweizer Medien in den vergangenen paar Tagen zu lesen und zu hören waren: „Dem kubanischen Sozialismus gehen die Lichter aus“, „Die Geduld der Menschen ist aufgebraucht“, „Die Energieversorgung der Karibikinsel stützt sich hauptsächlich auf veraltete Kraftwerke, welche häufig vom Netz gehen und nur notdürftig repariert werden“, „Misswirtschaft und Korruption haben das autoritär regierte Land an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs geführt“ oder „Dass es überhaupt so weit kommen konnte, daran tragen die Brüder Fidel und Raul Castro sowie der Rest der noch lebenden greisen Revolutionärsgeneration eine Mitschuld. Sie haben über ein halbes Jahrhundert die Chancen zur Veränderung und Öffnung nicht genutzt und so dazu beigetragen, dass die verbliebenen zehn Millionen Menschen auf dem Weg ins Elend sind.“
Solche Schuldzuweisungen an das kubanische Regime und damit indirekt an den Sozialismus, der immer noch als dort herrschendes Wirtschaftssystem gilt, lenken davon ab, dass die eigentliche Grundursache der heutigen Misere nicht bei den „bärtigen Revolutionären und ihren Nachfahren“ oder beim Sozialismus liegt bzw. bei dem, was von ihm übriggeblieben ist, sondern in erster Linie bei der Wirtschafts- und Machtpolitik der USA, die seit 66 Jahren alles daran setzen, dieses ihnen nicht genehme und zu wenig freundlich gesinnte kubanische Regime vom Erdboden wegzufegen.
Ein Blick zurück. Bereits zwischen 1906 und 1909 intervenierten die USA mehrfach militärisch auf Kuba, um Regierungen, deren Politik US-Interessen widerliefen, durch ihnen freundliche Regierungen zu ersetzen. Auch im Jahre 1920, als Alfredo Zaya an die Macht kam, mischten sie sich massiv in innerkubanische Angelegenheiten ein: Zaya musste sein gesamtes Kabinett dem US-General Crowder vorlegen, bevor es seine Regierungsgeschäfte aufnehmen durfte. 1925 wurde General Gerardo Machado zum Präsidenten gewählt, in seinen Wahlkampf hatten US-Grossunternehmen wie Rockefeller, Guggenheim und Morgan insgesamt eine Million Dollar investiert. Machado verfolgte vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an politische Gegner, liess sie ermorden oder trieb sie ins Exil, was ihm auch den Namen „tropischer Mussolini“ einbrachte. Doch gegen seine Gewaltherrschaft erwuchs nach und nach eine breite Oppositionsbewegung, die sich hauptsächlich aus der bürgerlichen Jugend rekrutierte und zahlreiche Anschläge auf Persönlichkeiten der Machado-Regierung verübte, worauf Machado jeweils die mehrfache Zahl an politischen Häftlingen ermorden liess. Unter Machado wurde auch die Garotte, das Würgeeisen, wieder zur Ausführung der Todesstrafe eingeführt. Machado ernannte zudem einen 44fachen Mörder zum Chef der Militärpolizei und zahlreiche Schwerverbrecher wurden im Gefängnis bewaffnet und beauftragt, politische Häftlinge umzubringen. 1929 veranstaltete Machado eine Scheinwahl, deren einziger Kandidat er selbst war. Der Widerstand gegen Machudo nahm indessen nun breitere Ausmasse an und am 12. August 1933 wurde er von einer breiten Volksbewegung durch einen Generalstreik gestürzt und durch eine Interimsregierung unter Carlos Quesada ersetzt. Doch bereits drei Wochen später wurde Quesada durch einen Aufstand von Unteroffizieren unter der Führung von Fulgencio Batista gestürzt, der sich zum Oberbefehlshaber der Armee erklärte, zwischen 1934 und 1940 nacheinander insgesamt vier Marionettenpräsidenten einsetzte und sich schliesslich 1940 selber zum Präsidenten wählen liess, um vier Jahre später aber bereits wieder abgewählt zu werden.
1947 wurde die Partido Revolucionario Cubano (PRC) gegründet, der sich auch der junge Fidel Castro anschloss. Um einem möglichen Sieg der PCR bei den auf Ende Mai 1952 angesetzten Wahlen zuvorzukommen, stürzte Batista am 10. März 1952 den amtierenden Präsidenten Carlos Prío Socarrás. Gestützt auf die Armee errichtete Batista ein diktatorisches Regierungssystem. In der Folge breiteten sich in Kuba Korruption, soziale Ungerechtigkeit und Armut aus, während Havanna zur insbesondere bei der US-Oberschicht überaus beliebten Vergnügungsmetropole wurde. Batista ging gegen seine politischen Gegner mit äusserster Gewalt vor, bis zu 20’000 Oppositionelle liess er, oft nach schweren Folterungen, ermorden. Viele der Leichen wurden aus fahrenden Autos auf die Strassen geworfen, um die Bevölkerung einzuschüchtern und von jeglichem Widerstand abzuschrecken. In einer Scheinwahl im Jahr 1954 wurde Batista in seinem Amt bestätigt. Doch seine diktatorischen Exzesse provozierten landesweit immer mehr Aufstände. Schliesslich kam es in den Jahren 1956 bis 1958 zu einem eigentlichen Guerillakrieg, der schliesslich am 31. Dezember 1958 mit dem Sieg der revolutionären Bewegungen unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara endete. Batista floh mit einigen Gefolgsleuten in die Dominikanische Republik.
Unverzüglich packte die neue Regierung unter Führung der PRC umfassende Landreformen und eine schrittweise Verstaatlichung von Landwirtschaft und Industrie an. Davon betroffen waren auch US-Vermögenswerte in der Höhe von einer Milliarde US-Dollar. Im Februar 1960 nahm Kuba mit der Sowjetunion Handelsbeziehungen auf, damit wurde die Sowjetunion zu einem wichtigen Zuckerabnehmer, Kreditgeber sowie Lieferant von Erdöl, dessen Preis unter demjenigen des aus den USA importierten lag. Als sich die US-amerikanischen Ölraffinerien in Kuba weigerten, sowjetisches Öl zu raffinieren, liess die kubanische Regierung Ende Juni 1960 alle ausländischen Ölraffinerien in Kuba verstaatlichen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zehn Prozent der kubanischen Bevölkerung, vornehmlich Angehörige der Oberschicht, die ihre bisherigen Privilegien in Gefahr sahen, ausgewandert, hauptsächlich nach Florida, wo heute rund zwei Millionen Exilkubanerinnen und Exilkubaner leben.
Im April 1960 autorisierte der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower die CIA, in den USA lebende Exilkubaner zu bewaffnen und militärisch auszubilden. Zudem stellten die USA ihre gesamte bisherige Wirtschaftshilfe an Kuba ein und verhängten am 13. Oktober 1960 gegen Kuba ein Handelsembargo. Weiters drückte die US-Regierung in den Folgejahren den Zuckerpreis auf den internationalen Märkten und unterstützten Sabotageaktionen gegen die kubanische Zuckerindustrie. Nachdem Kuba im Januar 1961 sein Botschaftspersonal in Washington reduziert und die USA aufgefordert hatte, den grössten Teil seines diplomatischen Personals aus Kuba abzuziehen, brach Präsident Eisenhower die diplomatischen Beziehungen zu Kuba komplett ab. Am Tag darauf verhandelte der UNO-Sicherheitsrat auf Antrag Kubas über die aggressive Aussenpolitik der USA gegen ihr Land. Kurz darauf, am 15. April 1961, bombardierten die USA drei Luftwaffenstützpunkte. Zwei Tage später, kurz nach Mitternacht, landete eine von den USA und Exilkubanern finanzierte Militäreinheit aus rund 1500 Soldaten in der Schweinebucht im mittleren Süden der Insel. Doch Fidel Castro war auf diese Invasion vorbereitet und die revolutionären Streitkräfte wurden innerhalb weniger Stunden mobilisiert. Am 20. April gaben die Invasoren – aufgrund von Nahrungsmangel – auf, 104 von ihnen waren gefallen, die restlichen wurden gefangen genommen und kamen erst nach langen Verhandlungen Ende 1962 wieder frei.
Als Reaktion auf die Schweinebucht-Invasion wurde sämtliches ausländisches Eigentum in Kuba, das bis dahin noch bestanden hatte, entschädigungslos verstaatlicht. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die USA vermehrt Druck auf Drittstaaten, insbesondere Japan und Kanada, auszuüben begannen, ihre Handelsbeziehungen mit Kuba abzubrechen – mit einigem Erfolg, verringerte sich doch allein in den Jahren 1962 und 1963 die Zahl der in kubanische Häfen einlaufenden Handelsschiffe von 352 auf 59.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1989 verlor Kuba seine wichtigsten Handelspartner und Geldgeber., dies hatte eine schwere Wirtschaftskrise zur Folge, die 1993 ihren Höhepunkt erreichte. Hatte Kuba zuvor fast seine gesamte Zuckerernte in die sozialistischen Staaten Osteuropas verkauft und im Gegenzug zwei Drittel seiner Nahrungsmittel, fast das gesamte Öl und 80 Prozent seiner Maschinen und Ersatzteile von dort bezogen, so waren auf einmal 85 Prozent seines Aussenhandels weggebrochen. Die Industrie und das Transportwesen kamen wegen Ölmangels zum Erliegen und infolge drastischer Nahrungsmittelrationierungen kam es erstmals seit vielen Jahren zu Unterernährung. 1992 beschloss die Regierung, als Ersatz für den verlorengegangenen Aussenhandel die Tourismusindustrie zu entwickeln, zudem wurde die Wirtschaft dezentralisiert und privatwirtschaftliche Tätigkeit in einigen Segmenten des Wirtschaftslebens zugelassen. Eine Zusammenarbeit mit neuen Aussenwirtschaftspartnern wie Spanien, Italien, Kanada, Brasilien, China und Venezuela sowie die Entdeckung neuer Erdölvorkommen trugen zu einer gewissen Stabilisierung der kubanischen Wirtschaft bei.
Ende Juli 2006 übertrug Fidel Castro krankheitsbedingt die Präsidentschaft, zunächst vorübergehend, an seinen Bruder Raúl. Auf einem Parteitag im Frühjahr 2008 wurden zahlreiche Wirtschaftsreformen auf den Weg gebracht, welche gewisse Erleichterungen für privates Unternehmertum ermöglichten. Unter der US-Präsidentschaft von Barack Obama kam es zu einem vorübergehenden Tauwetter zwischen Kuba und den USA, zahlreiche Embargobestimmungen wurden gelockert. Doch Donald Trump nahm diese Lockerungen unverzüglich grösstenteils zurück und verschärfte einige der früher bestandenen Massnahmen sogar noch zusätzlich. Auch geriet eines der devisenbringenden Geschäftsmodelle Kubas, der Export von Gesundheitspersonal in Entwicklungsländer, zunehmend ins Stocken. Dies alles zusammengenommen führte zu zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich durch das kürzlich von Donald Trump verhängte Ölembargo bis zur Stunde dermassen zugespitzt haben, dass Kuba mittlerweile tatsächlich kurz vor einem totalen Wirtschaftskollaps stehen könnte.
66 Jahre lang versuchten die USA, Kuba zu fesseln, zu knebeln und in den Boden zu drücken. 66 Jahre lang ein Kampf zwischen Goliath und David. Nach der erfolglosen Invasion in der Schweinebucht setzten die USA Jahr für Jahr umfassendere Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockaden gegen Kuba durch. 1992 wurde der „Torricelli Act“ erlassen, ein Bündel dramatischer ökonomischer Restriktionen mit dem Ziel, die gesamte kubanische Ökonomie in einem derart umfassenden Ausmass lahmzulegen, dass ein Sturz von Fidel Castro unausweichlich werden sollte. Der damalige Präsidentschaftskandidat Bill Clinton unterstütze den Torricelli Act, weil er damit die Wählerstimmen der kubanischen Exilgemeinde und damit den Bundesstaat Florida zu gewinnen hoffte. Der Torricelli Act untersagt Tochtergesellschaften US-amerikanischer Unternehmen im Ausland jeglichen Handel mit Kuba. Schiffen ausländischer Unternehmen, die in kubanischen Häfen anlegen, wird eine Sperre von 180 Tagen für das Anlaufen US-amerikanischer Häfen auferlegt. Auch müssen ausländische Schiffe, die Handel mit Kuba treiben, mit der Beschlagnahmung rechnen, sobald sie sich in US-amerikanischen Gewässern befinden. Angehörigen kubanischer Familien ist es verboten, Geldsendungen nach Kuba zu schicken. Des Weiteren wurde US-amerikanischen Staatsbürgern die Einreise nach Kuba untersagt. Die durch den Torricelli Act verhängten Sanktionen führten in den Folgejahren zu massiven gesundheitlichen Verschlechterungen der kubanischen Bevölkerung. Die Ernährungsdefizite führten bei Schwangeren zu mehr Geburten mit Untergewicht. Und der Mangel an Chemikalien sowie fehlende technische Ausrüstung zur Wasseraufbereitung führten zu vermehrten Erkrankungen und Todesfällen, die durch unsauberes Wasser verursacht waren.
1996 folgte der „Helms-Burton Act“. Mit ihm setzten die USA weitere Verschärfungen des Wirtschaftsembargos durch, jegliche indirekte Finanzierung Kubas wurde verboten und der US-Aussenminister ermächtigt, an Enteignungen vom Eigentum von US-Bürgern auf Kuba beteiligte oder von ihnen profitierende Ausländer vom Aufenthalt in den USA auszuschliessen. Der „Helms-Burton Act“ wurde von Menschenrechtsorganisationen kritisiert und vom Europarat, der EU, Kanada, Mexiko, Argentinien und anderen Ländern, die normale Handelsbeziehungen mit Kuba führen wollten, verurteilt. Was zeigt, dass der „Helms-Burton Act“ gegenüber Kuba dermassen hart, überrissen und geradezu zerstörerisch war, dass nicht einmal traditionell den USA freundliche Regierungen diesen folgen wollten.
Im Jahre 2000 wurden die bisher durch die US-Wirtschaftssanktionen entstandenen Schäden von der kubanischen Regierung auf rund 89 Milliarden Dollar beziffert. Und nahtlos wurde die Unterstützung von Teilen der kubanischen Opposition durch die US-Regierung fortgesetzt, so zum Beispiel waren im Jahr 2006 15 Millionen Dollar im US-Haushalt für die Unterstützung kubanischer Oppositionsgruppen und exilkubanischer Organisationen vorgesehen. Und im Jahr 2014 wurde bekannt, dass die USA zwischen 2010 und 2012 mittels des Mikroblogging-Dienstes „ZunZuneo“ versucht hatten, ein von der kubanischen Regierung nicht kontrolliertes Kommunikationsnetzwerk aufzubauen, das langfristig auch als Werkzeug zur Koordination regierungsfeindlicher Aktionen geplant war.
Parallel zu den Wirtschaftssanktionen initiierte die US-Regierung bzw. die CIA, teilweise in Kooperation mit Exilkubanern und Mitgliedern international agierender Mafiaorganisationen, zwischen 1960 und 2000 nachweislich 634 Attentatspläne oder Attentatsversuche gegen Fidel Castro. Einer der frühesten Attentatsversuche beruhte auf dem Wissen, dass er gerne tauchte. Die CIA beschloss daher, einen mit Tuberkulosebakterien infizierten Taucheranzug herzustellen, der Castro langsam und über einen langen Zeitraum hinweg töten sollte. Mehrere Attentatsversuche bestanden im Beifügen von extra zu diesem Zweck von der CIA entwickelten Giftpillen in Castros Essen oder Getränke. Ein anderer, aber nicht ausgeführter Plan bestand darin, zum Verschnüren von Zigarren, die an Castro geliefert werden sollten, das tödliche Gift Botulinumtoxin zu verwenden. Auch gab es einen Plan, Castro während eines Besuchs im Museum von Ernest Hemingway in die Luft zu sprengen. Ein anderer Attentatsversuch wurde von seiner deutsch-amerikanischen Ex-Geliebten Marita Lorenz unternommen, welche von der CIA überredet wurde, eine Dose mit Giftpillen in sein Zimmer zu schmuggeln. Das letzte dokumentierte Attentat fand im Jahre 2000 statt, als 90 Kilogramm Sprengstoff unter einem Podium in Panama platziert wurden, wo Castro eine Rede halten sollte. Doch wie durch ein Wunder überlebte Fidel Castro alle diese Attentatsversuche und starb 2016 im Alter von 90 Jahren eines natürlichen Todes. Unvergesslich bleibt seine Aussage in einem Interview mit einem Zeitungsjournalisten, der ihn auf die Vielzahl der gegen ihn geplanten und versuchten Attentate ansprach. Fidel Castro meinte schmunzelnd: „Wenn das Überleben von Attentatsversuchen eine olympische Disziplin wäre, würde ich die Goldmedaille gewinnen.“
Darüber hinaus erwog die CIA 1962 einen Plan namens „Operation Bounty“, bei dem Flugblätter über Kuba abgeworfen werden sollten, in denen der kubanischen Bevölkerung finanzielle Belohnungen für die Ermordung verschiedener Personen angeboten wurden, darunter 5’000 bis 20’000 Dollar für Informanten, 57’000 Dollar für Abteilungsleiter, 97’000 Dollar für in Kuba operierende ausländische Kommunisten, bis zu einer Million Dollar für Mitglieder der kubanischen Regierung und nur 0,02 Dollar für Castro selbst, was ihn in den Augen der kubanischen Bevölkerung verunglimpfen und herabwürdigen sollte.
Was alle seine Vorgänger nicht geschafft hatten – das sozialistische Regime Kubas von der Erdoberfläche auszulöschen -, scheint dem heutigen US-Präsidenten Donald Trump tatsächlich „vergönnt“ zu sein. Was für ein Triumph! Alles wurde unternommen, vor nichts wurde zurückgeschreckt, doch ohne Erfolg. Und jetzt ist er gekommen, als wäre es ein Gott, gerade rechtzeitig vom Himmel herabgestiegen, um das Werk seiner gescheiterten Vorkämpfer zu vollenden.
Dass es so etwas wie eine „Rettung“ sein könnte, so etwas wie das Heilsversprechen, ein geknebeltes Volk nach so vielen Jahren des Leidens endlich von seinen Unterdrückern zu befreien, diese himmelschreiende Lüge kann sich nur dann in den Köpfen einer genug grossen Zahl von Menschen weltweit festsetzen und zur vermeintlichen „Wahrheit“ werden, wenn alles historische Wissen und alle historischen Fakten sozusagen mit Stumpf und Stil ausgerottet werden.
Denn die Wahrheit ist, dass es genau umgekehrt gewesen ist: Der kubanische Sozialismus wurde nicht deshalb zum Feindbild der USA, weil es sich um ein besonders verbrecherisches, unmenschliches oder gefährliches System gehandelt hätte, sondern, ganz im Gegenteil: Er war von Anfang an das Feindbild der USA, weil er ein leuchtendes Beispiel dafür war, wie sich ein von Kolonialismus, Ausbeutung, Bevormundung und militärischer Gewalt gebeuteltes Volk von aller Fremdbestimmung befreien und emanzipieren kann, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass, wer arm geboren wurde, nicht zeitlebens arm bleiben muss, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass jenseits von Kapitalismus und sogenannter „freier“ Marktwirtschaft Modelle von solidarischem Zusammenleben, Kooperation und menschenwürdiger Ökonomie denkbar und praktizierbar sind, die auch weltweit allen anderen Völkern und Staaten mit einer vergleichbaren Vergangenheit zum Vorbild hätten werden können.
Kein anderes Land Lateinamerikas und der Karibik war in der Bekämpfung von Hunger und Unterernährung jemals so erfolgreich wie Kuba unter der Führung Fidel Castros. Schon wenige Jahre nach der Machtübernahme war die Unterernährung bei Kindern komplett ausgemerzt worden. Im Jahre 2013 beglückwünschte José Graziano da Silva, der damalige Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Kuba offiziell für seine Erfolge im Kampf gegen den Hunger: Kuba befände sich unter den 16 Ländern, die weltweit bei der Bekämpfung des Hungers die grössten Fortschritte vorzuweisen hätten. Fidel Castro war es auch, der die Forderung der FAO nach einer weltweiten „Halbierung des Hungers“ stets heftig kritisierte und statt dessen eine totale weltweite Beseitigung des Hungers forderte, denn, wie er anlässlich einer Rede vor der UNO-Generalversammlung einmal sagte: „Wenn das Ziel die Halbierung der Zahl der hungernden Menschen ist, was sollen wir der anderen Hälfte sagen?“. Worte, die noch heute hochaktuell sind, angesichts der Tatsache, dass immer noch weltweit rund 673 Millionen Menschen an Hunger leiden und mehr als 2,3 Milliarden Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, und dies, obwohl nur schon ein winziger Bruchteil des Geldes, das in militärische Aufrüstung gesteckt wird, zur völligen Beseitigung des weltweiten Hungers genügen würde.
Eine zweite grosse Errungenschaft der kubanischen Revolution ist die Alphabetisierungskampagne, die anfangs 1961 auf Initiative von Che Guevara in Angriff genommen wurde. Hatte die Analphabetisierungsrate vor der Revolution noch bei rund 77% gelegen – dem vierthöchsten Wert in ganz Lateinamerika -, so lag sie nur ein Jahr später bei gerade noch 3,9% – ein Erfolg, den es in diesem Ausmass nie zuvor und auch nie seither mehr jemals gegeben hat und der nur möglich war durch die Mobilisierung von rund 100’000 Freiwilligen, welche in den ländlichen Gebieten Schulen bauten und den Bauernfamilien das Lesen und Schreiben beibrachten. Am 22. Dezember 1961 erklärte die Regierung Kuba offiziell zum „Analphabetenfreien Gebiet“. Das im Folgenden aufgebaute landesweite, für die gesamte Bevölkerung kostenlose Bildungssystem gehört zum Fortschrittlichsten, was weltweit im Bereich von Bildungspolitik jemals geleistet worden ist. Noch heute investiert Kuba 13% seines Bruttoinlandsprodukts in die Bildung, im internationalen Vergleich ein überaus hoher Wert. Ebenfalls grosse staatliche Investitionen wurden in Kunst, Kultur und Sport gesteckt und diese Bereiche auch als Menschenrechte anerkannt. Weitere wichtige Schwerpunkte bildeten die Investitionen in Wissenschaft und Technologie zur Förderung der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Zudem ist Kuba bestrebt, das eigene Knowhow an andere Länder weiterzuvermitteln, so wurde durch das von kubanischen Pädagogen entwickelte Programm „Yo si puedo“ seit 2006 weltweit zehn Millionen Menschen in mehr als 30 Ländern das Lesen und Schreiben beigebracht.
Nicht weniger vorbildlich ist das kubanische Gesundheitssystem. Mit einer Säuglingssterblichkeit von 4,7 bei 1’000 Lebendgeburten und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von über 78 Jahren übertrifft Kuba sämtliche übrige lateinamerikanische Länder bei weitem. Kuba ist vor allem auch bekannt für sein flächendeckendes kostenloses Gesundheitssystem, hochentwickelte Vorsorgekampagnen und die weltweit höchste Arztdichte. Und wie im Bildungsbereich, so stellt auch im Gesundheitsbereich Kuba anderen Ländern sein Wissen und seine personellen Ressourcen grosszügig zur Verfügung: Seit 1960 haben über 600’000 kubanische Medizinerinnen und Mediziner in mehr als 180 Ländern Dienst geleistet. Sie haben dazu beigetragen, Millionen Menschenleben zu retten und die Lebensbedingungen zu verbessern, insbesondere bei unterversorgten Bevölkerungsgruppen in den ärmsten Staaten der Welt.
Weitere Errungenschaften der kubanischen Revolution sind eine für die gesamte Bevölkerung gleichermassen zugängliche Wohn- und Sozialpolitik, eine Arbeitsplatzgarantie zur Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit, die gezielte staatliche Förderung von Kunst und Kultur sowie umfassende Agrarreformen, welche zu einem deutlich höheren Einkommen der bäuerlichen Bevölkerung geführt haben. In den meisten Entwicklungsindikatoren hat Kuba innerhalb einer einzigen Generation das Niveau von industrialisierten Ländern der nördlichen Hemisphäre erreicht. Auch im Bereich der Entwicklungshilfe ist Kuba führend: Es hat das weltweit grösste internationale humanitäre Hilfsprogramm auf die Beine gestellt, das von medizinischem Fachpersonal über technische Spezialisten bis hin zu Bauarbeitern reicht. Kubas Entwicklungshilfe im Ausland machte zwischen 1999 und 2015 6,6 Prozent seines BIP aus, um ein Vielfaches mehr als der europäische Durchschnitt von 0,39 Prozent und den 0,17 Prozent der US-Entwicklungshilfe.
Eine 2022 veröffentlichte Studie des britischen Anthropologen Jason Hickel hatte ergeben, dass neoliberale Wirtschaftspolitik zwischen 1990 und 2019 weltweit 15,63 Millionen zusätzliche Todesfälle durch Unterernährung verursacht hatte. Diese Todesfälle – darunter 35’000 allein in den USA – hätten zweifellos mit einer Politik nach dem Vorbild der kubanischen Revolution verhindert werden können. Aber noch scheint sich die Welt in die falsche Richtung zu drehen, und offensichtlich fast jeden Tag noch ein bisschen schneller. „Sie haben kein Geld, sie haben kein Öl, sie haben gar nichts“, sagt Donald Trump über Kuba, nachdem er Venezuela gezwungen hat, Kuba kein Öl mehr zu liefern. Und dann sagt er tatsächlich auch noch im gleichen Atemzug, dass er den Iran bloss „aus Spass“ bombardiere und anschliessend, wenn das erledigt sei, als nächstes Kuba an der Reihe sein werde, denn: „Ich glaube, dass ich die Ehre haben werde, Kuba zu übernehmen“, um dann „damit das zu machen, was ich will.“ Aber nein, ich bilde mir offensichtlich nur ein, dass es sich bei diesem mächtigsten Mann der Welt entweder um einen Geistesgestörten oder einen der schlimmsten und gefährlichsten Narzissten handeln muss, einen offensichtlich in seiner Pubertät Steckengebliebenen, der zunächst die längste Zeit geduldig zuschaut, wie ein anderer Jugendlicher Stein um Stein einen immer höheren Turm aufbaut, um sich dann plötzlich göttlich daran zu ergötzen, ihn mit einem einzigen heftigen Fusstritt zum Einsturz zu bringen. Denn in Wirklichkeit, wie konnte ich es nur vergessen, sind natürlich an allem Bösen einzig und allein nur die Mullahs und die bärtigen Revolutionäre aus früheren Zeiten Schuld.
Nein, ich habe trotz allem meine Hoffnung nicht verloren. Denn „die Wahrheit“, so der 1977 verstorbene deutsche Schriftsteller Frank Thiess, „ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stösst sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist.“ Ja, aber es ist nun verdammt nahe an der Zeit, viel bleibt uns nicht mehr. Schweigen und wegschauen gilt nicht mehr. Denn, wie Albert Einstein sagte: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben. Nicht wegen der Menschen, die Böses tun. Sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“
In einem „offenen Brief an die Welt“ schrieb eine namenlose Frau aus dem kubanischen Volk vor wenigen Tagen folgende Worte in unsere Herzen. Sind diese nicht aus Stein, dann müsste sich etwas bewegen und es müsste die Zeit reif werden für die nächste grosse Revolution, die eine umfassende, universelle Revolution der Menschenliebe sein müsste, die so lange ersehnte Verwirklichung des Paradieses auf Erden…
Ich schreibe diesen Brief der gesamten Menschheit, den Müttern der Welt, den Ärzten ohne Grenzen, den Journalisten, die dieser Bezeichnung würdig sind, den Regierungen, die noch an Gerechtigkeit glauben… Mein Name ist wie Millionen anderer. Ich habe keinen berühmten Namen und keine wichtige Position. Ich bin eine ganz normale Kubanerin. Eine Tochter, eine Schwester, eine Patriotin. Und ich schreibe diese Worte mit gebrochenem Herzen und zitternden Händen, denn was mein Volk heute erlebt, ist keine Krise. Es ist ein langsamer, kalkulierter Mord, kaltblütig von Washington ausgeführt. Und die Welt schaut weg… Ich verurteile zutiefst, dass in Kuba ältere Menschen vorzeitig sterben, weil die Blockade die Einfuhr von Medikamenten gegen Herzkrankheiten, Blutdruck und Diabetes verhindert. Es mangelt nicht an Ressourcen, sondern es handelt sich um eine gezielte Vorenthaltung. Unternehmen, die in Kuba verkaufen wollen, werden mit Sanktionen belegt, strafrechtlich verfolgt und bedroht. Ihre Regierungen schweigen dazu. Und währenddessen greift sich ein kubanischer Grossvater an die Brust und wartet. Der Tod kommt ohne Vorwarnung… Ich verurteile es aufs Schärfste, dass in Kuba Brutkästen wegen Treibstoffmangels abgeschaltet werden mussten. Dass Neugeborene ums Überleben kämpfen, während die US-Regierung entscheidet, welche Länder uns Öl verkaufen dürfen und welche nicht. Dass kubanische Mütter mit ansehen müssen, wie das Leben ihrer Kinder gefährdet ist, weil eine in Washington unterzeichnete Anordnung mehr wert ist als die Schreie eines Babys 145 Kilometer von dessen Küste entfernt… Wo bleibt die internationale Gemeinschaft? Wo sind die Organisationen, die sonst Kinder so vehement verteidigen? Oder haben kubanische Kinder etwa kein Recht zu leben?… Ich verurteile die Blockade als gezielten Versuch, Hunger zu erzeugen. Es ist nicht so, dass Lebensmittel einfach so knapp sind. Es ist vielmehr so, dass unser Land daran gehindert wird, sie zu kaufen. Schiffe, die Lebensmittel transportieren, werden gerichtlich verfolgt. Banktransaktionen werden blockiert. Unternehmen, die uns Getreide, Hühnerfleisch und Milch verkaufen, werden bestraft… Der Hunger in Kuba ist kein Zufall. Es ist eine staatliche Politik der US-Regierung, die über 60 Jahre hinweg verfeinert, von jeder Regierung aktualisiert, von Donald Trump verschärft und von Marco Rubio unerbittlich durchgesetzt wurde. Sie nennen es „wirtschaftlichen Druck“. Ich nenne es Terrorismus durch Aushungern… Ich verurteile es zutiefst, dass unsere Ärzte – dieselben, die während der Pandemie, als die Welt zusammenbrach, Leben retteten – nun weder Spritzen noch Narkosemittel noch Röntgengeräte zur Verfügung haben. Nicht etwa, weil wir nicht wüssten, wie man sie her- und instandstellt. Nicht etwa, weil es uns an Talent mangelt. Sondern weil die Blockade uns den Zugang zu Material, Ersatzteilen und Technologie verwehrt… Der Welt sage ich: Kuba bittet nicht um Almosen. Kuba bittet nicht um Soldaten. Kuba bittet nicht um Liebe. Kuba erwartet Gerechtigkeit. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich fordere dazu auf, die Blockade beim Namen zu nennen: Verbrechen gegen die Menschlichkeit… Ich fordere auf, sich nicht von der Rhetorik des „Dialogs“ und der „Demokratie“ täuschen zu lassen, während uns die Kehle zugeschnürt wird. Wir wollen keine Almosen. Wir wollen einfach nur leben können… An die mitschuldigen Regierungen, die schweigen: Die Geschichte wird euch zu Rechenschaft ziehen… An die lügenden Medien: Die Wahrheit findet immer einen Weg… An alle, die noch Menschlichkeit im Herzen tragen: Schaut nach Kuba. Schaut, was dort geschieht. Und fragt euch: Auf welcher Seite der Geschichte will ich stehen?… Wenn dieser Text dich betroffen macht, dann teile ihn. Damit die Welt erkennt, dass es in Kuba keine Krise gibt, sondern ein Verbrechen. Damit Mütter in anderen Ländern wissen, dass hier Babys in durch die Blockade ausgeschalteten Brutkästen um ihr Leben kämpfen. Damit Grosseltern in anderen Ländern wissen, dass hier ältere Menschen sterben, weil sie auf Medikamente warten, die Washington ihnen verweigert… Eine einzelne Person, die diesen Text teilt, wird die Welt nicht verändern, Tausende, Millionen aber schon…
(Ergänzung am 22. März 2026: Ein Leser dieses Artikels hat kritisiert, dass die dunklen Seiten des sozialistischen Kuba, Repression gegen Oppositionelle und Hinrichtungen nach der Machtübernahme nicht thematisiert sind. Das stimmt. Der Vorwurf einer gewissen Einseitigkeit ist durchaus berechtigt. Dieser Artikel will aber vor allem eine Gegendarstellung sein zur Verteufelung der kubanischen Revolution durch jene Verfechter der sogenannten „freien Marktwirtschaft“, die gerne alles, was nur im Entferntesten nach Sozialismus oder Kommunismus aussieht, als den Inbegriff des Bösen bezeichnen und gleichzeitig grosszügig über alle im Namen von Kapitalismus und US-Imperialismus begangenen Verbrechen – rund 45 von den USA seit 1945 angezettelten Kriege mit insgesamt 50 Millionen Toten – grosszügig hinwegsehen.)