Der Nahe Osten in Flammen: Bald am Kipppunkt zu einem neuen Zeitalter des Friedens?

Peter Sutter, 12. März 2026

Sieht man die täglichen Schreckensbilder aus dem Iran, Israel, Libanon, Dubai, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten braucht es nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dies der Beginn des Dritten Weltkriegs sein könnte. Umso mehr, als dies ja aktuell nicht der weltweit einzige hochgefährliche Krisenherd ist. Schon im Zusammenhang mit dem Ukrainekonflikt wurde des Öfteren die Gefahr eines Weltkriegs heraufbeschworen. Taiwan und Südkorea sind weitere hochbrisante Brennpunkte mit grösstem Eskalationspotenzial. Vor wenigen Tagen warf die schweizerische „Wochenzeitung“ im Zusammenhang mit dem Krieg im Sudan, der sich zunehmend mit dem Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray vermische, sogar bereits die Frage auf, ob nicht schon bald ein „afrikanischer Weltkrieg“ drohe. Bis es dann eines Tages tatsächlich zum von vielen bereits seit Längerem vorausgesagten „Endkampf“ zwischen den USA und China kommen könnte.

Ja, es ist in der Tat nicht abwegig, sich dies alles ziemlich genau so vorzustellen. Und doch liesse sich hierzu auch eine radikale Gegenthese aufstellen. Nämlich, dass dies alles nicht der Anfang, sondern, ganz im Gegenteil, das Ende des Dritten Weltkriegs sein könnte. So verrückt diese These auf den ersten Blick auch erscheinen mag, könnte sie sich bei näherem Hinschauen möglicherweise ebenso realistisch erweisen wie ihr Gegenteil.

Denn dieser Dritte Weltkrieg war und ist für Milliarden von Menschen bereits seit Jahrzehnten nichts anderes als bittere tägliche Realität. Er muss nicht beginnen, er wütet bereits mit aller Gewalt und begann schon am gleichen Tag, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war.

Es ist ein Krieg gegen die Kinder, in dem jeden Tag weltweit rund 15’000 Ein- bis Fünfjährige qualvoll sterben, weil sie nicht genug zu essen haben, und dies nicht, weil insgesamt zu wenig Nahrungsmittel vorhanden wären, sondern einzig und allein deshalb, weil auf dem globalisierten Markt des „freien“ und „offenen“ Warenverkehrs die lebensnotwendigen Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sich mit ihrem Handel und ihrem Verkauf am meisten Geld verdienen lässt. Rund 138 Millionen Kinder müssen schon von klein auf schwerste und oft lebensgefährliche Arbeit verrichten, auf Plantagen in glühender Hitze, auf Baustellen, in Steingruben und Gold-, Silber- oder Kupferminen. 150 Millionen Kinder haben kein Zuhause, leben auf der Strasse, täglicher Gewalt ausgesetzt, viele von ihnen sind gezwungen, ihre Körper zu verkaufen, weil sie und ihre Familien anders gar nicht überleben könnten. In allen Ländern, selbst in den „reichen“, „fortschrittlichen“ und „entwickelten“ Ländern der nördlichen Hemisphäre, gehören Kinder und Jugendliche zum ärmsten und am meisten von Gewalt und Ausbeutung betroffenen Teil der Bevölkerung.

Es ist ein Krieg gegen die Frauen, in dem die jährlich rund 60’000 bis 70’000 Femizide nur die winzige Spitze eines gewaltigen Eisbergs abermillionenfacher täglicher Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung bilden, quer durch alle Kontinente.

Es ist ein Krieg der Reichen gegen die Armen, in dem Milliarden von Menschen gezwungen sind, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte um ihr tägliches nacktes Überleben zu kämpfen, während die Zahl der weltweiten Milliardäre, die sich auch noch die verrücktesten Luxusvergnügungen leisten können, von Jahr zu Jahr weiter und weiter zunimmt.

Es ist ein Krieg der Industrieländer gegen die Agrarländer, die bis heute unter den Folgen jahrhundertelanger kolonialer Ausbeutung leiden, sodass selbst heute noch, rund 500 Jahre nach dem ersten Sklaventransport von Afrika nach Amerika, weltweit rund 40 bis 50 Millionen Menschen von sklavenartigen Lebensverhältnissen, Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft betroffen sind. Weitere über 120 Millionen Menschen, mehr denn je, befinden sich auf der Flucht von der einen Hölle in die andere, bis sie, meist nach jahrelangen Qualen und Entbehrungen, nach einer verunglückten Fahrt in einem viel zu winzigen Schlauchboot namenlos auf dem Grunde des Mittelmeers oder des Atlantiks verschwinden oder aber eines Tages vor unüberwindlichen, fünf Meter hohen Stacheldrahtzäunen stehen bleiben, Mädchen und Frauen brutalst vergewaltigt werden, Männern, Frauen und Kindern die Knochen gebrochen werden, sie von Bluthunden mitten im Winter, ohne Nahrung und ohne genügende Kleider, in finstere Wälder gejagt werden, aus denen es kein Entrinnen gibt, oder mit verbundenen Augen von Tunesien aus im Auftrag der von der EU finanzierten und ausgebildeten Frontex in die libysche Wüste gejagt werden, Männer, Frauen und Kinder, um dort elendiglich zu verdursten.

Es ist ein Krieg gegen die Natur, in dem Tag für Tag rund 150 Tier- und Pflanzenarten für immer von der Erdoberfläche verschwinden. Es ist ein Krieg gegen die Erde, die, durch Abholzung, Übernutzung und Vergiftung durch Pestizide, über immer grössere Flächen hinweg bereits dermassen ausgelaugt ist, dass dort nicht einmal mehr ein paar dünne Grashalme zu wachsen vermögen. Es ist ein Krieg gegen das Wasser, das wertvollste Gut, die eigentliche Grundvoraussetzung für jegliches Leben, wertvoller als alles Gold, Silber und alle Diamanten der Welt. Es ist ein Krieg gegen die Tiere, in dem Jahr um Jahr über 150 Milliarden von ihnen den ausser Rand und Band geratenen Essgewohnheiten einer privilegierten Minderheit der Weltbevölkerung sowie der knallharten Profitgier der Fleischindustrie zum Opfer fallen, und in dem jährlich rund 120 Millionen Tiere in medizinischen Labors zu Tode gequält werden, bloss um die Bedürfnisse einer masslos nach immer höheren Gewinnen heischenden Pharmaindustrie und aller anderen, die davon mitprofitieren, Genüge zu leisten.

Und es ist, nicht zuletzt, ein Krieg gegen sämtliche nachfolgende Generationen, deren Lebensgrundlagen bereits heute, bevor sie noch geboren wurden, systematisch zerstört werden.

Dass dies alles nicht schon längst als der „Dritte Weltkrieg“ bezeichnet wird, ist einzig und allein damit zu erklären, dass die Geschichte bisher eben nie von den Opfern ihrer Zeit geschrieben wurde, sondern immer nur von den vermeintlichen „Siegern“. Nicht von den Kindern in Vietnam, dem Sudan oder Bangladesch, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas anderes kannten als Hunger, Gewalt, Verfolgung und Krieg. Nicht von den Prostituierten auf den Strassen von Bogota, Lagos oder Bangkok, deren Leben aus nicht viel anderem besteht, als Nacht um Nacht spitalreif verprügelt zu werden. Nicht von den Mäusen, die zu Tausenden in winzigste Käfige zusammengepfercht und mit Stromstössen gezwungen werden, sich gegenseitig zu zerfleischen. Sondern von sogenannten *Experten“ an sicheren, gut geschützten Orten, Journalistinnen und Journalisten, Redaktorinnen und Redaktoren, Politikwissenschaftlern, Medienschaffenden weltweit, die sich, wenn sie ihre Artikel geschrieben, ihre Nachrichten am Fernsehen verlesen und ihre Reportagen den Vorgesetzten abgeliefert haben, zum Feierabendbier treffen und von denen kaum einer jemals in seinem ganzen bisherigen Leben am eigenen Leib erfahren hat, was Armut, Hunger, Gewalt und Krieg tatsächlich bedeuten.

Zu glauben, es gäbe so etwas wie „kriegerische“ und „friedliche“ Epochen in der Menschheitsgeschichte, ist ein reines Hirngespinst. Es kommt einzig und allein darauf an, wo und wann und in welchem familiären und sozialen Umfeld ein Mensch geboren wird, auf welcher Stufe der herrschenden Machtpyramiden. Was für die Universitätsstudentin in Zürich, die mit ihrer besten Freundin an einem lauen Frühlingsabend einen Aperol-Spritz geniesst, „Frieden“ ist und das „Paradies“, ist genau zur gleichen Zeit, vielleicht nur ein paar Hundert Meter davon entfernt, für eine Vierzehnjährige aus Angola, die eine ganze Nacht lang abwechslungsweise von sieben Männern vergewaltigt wird, purer „Krieg“ und die reinste „Hölle“.

Erst wenn die ganze Wahrheit ans Licht gekommen sein wird und die Geschichtsbücher nicht mehr von den Siegern geschrieben werden, sondern von den Opfern und ihrer Nachfahren, erst dann wird es auch in den westlichen Ländern nach und nach ins öffentliche Bewusstsein dringen, dass die Zeit nach dem Ende des Zweiten Kriegs bis ins Jahr 2026 alles andere gewesen war als eine Zeit des „Friedens“, des wachsenden „Wohlstands“ und der grössten zivilisatorischen und technologischen „Fortschritte“ aller Zeiten zum „Wohle“ der Menschheit, sondern eine der dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte, in der Armut, Hunger, Gewalt und Krieg nicht seltene Ausnahmen waren, sondern die konkrete bittere Lebensrealität der grossen Mehrheit der gesamten Weltbevölkerung. Und vielleicht wird sogar eines Tages irgendwo zu lesen oder zu hören sein, dass diese Zeit insbesondere deshalb eine so schlimme und dunkle Zeit gewesen war, weil nämlich, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, alle Ressourcen, alles Wissen, alle technischen Errungenschaften, alle psychologischen Erkenntnisse und alles Geld in genügendem Masse zur Verfügung gestanden hätten, um ein Leben in Wohlstand, Sicherheit und Frieden für die gesamte Menschheit möglich zu machen – und dennoch das pure Gegenteil geschah.

Die Hoffnung, dass der derzeitige Krieg im Nahen Osten nicht der Beginn des Dritten Weltkriegs sein könnte, sondern, ganz im Gegenteil, sein baldiges Ende, schöpft sich aus der Gewissheit, dass die Wahrheit früher oder später stärker sein wird als alle Lügen der Vergangenheit und der Gegenwart. Diese Wahrheit, und das macht Mut, frisst sich geradezu täglich von unten nach oben in den öffentlichen Diskurs hinein. Anders als vor 100 oder 1000 Jahren besteht heute durch das Internet und die sozialen Medien ein globales Wissens- und Kommunikationssystem, das, richtig genutzt, die besten Voraussetzungen dafür bietet, den so lange verschütteten und systematisch von den Reichen und Mächtigen bekämpften Wahrheiten zum Durchbruch zu verhelfen. Und es macht es diesen Reichen und Mächtigen immer schwerer, ihre Lügengebäude aufrecht zu erhalten. Denn „die Wahrheit“, so der 1977 verstorbene deutsche Schriftsteller Frank Thiess, „ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stösst sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist.“

Ja, und es scheint tatsächlich an der Zeit zu sein. An allen Ecken und Enden stehen in diesen Tagen weltweit immer mehr Menschen auf und beginnen zu reden, Menschen, die bisher geschwiegen haben oder zum Schweigen gebracht wurden. Ihr Mut wird eine immer grössere Vielzahl anderer anspornen, es ihnen gleich zu tun. Um all die Lügen, die uns über Jahrhunderte eingepflanzt wurden und bis heute so verrückte Dinge fern jeglicher minimalster Vernunft wie gerade diesen Krieg im Nahen Osten überhaupt noch möglich machen, nach und nach zu entlarven.

Erstens die Lüge, dass Krieg in der Natur des Menschen liege und es deshalb stets immer wieder Kriege geben müsse, solange es auf diesem Planeten Menschen gäbe. Die Wahrheit ist, dass der Mensch von Natur aus ein durch und durch friedfertiges Wesen ist und Kriege daher nur möglich sind durch systematische Manipulation und Propaganda seitens jener, die aus egoistischen Macht- und Profitinteressen wollen, dass es auch weiterhin möglichst viele Kriege gibt, so wie es der ehemalige US-Aussenminister Antony Blinken ganz unverblümt und in aller Öffentlichkeit verlauten liess, als er sagte, es sei gut, wenn der Ukrainekrieg so lange wie möglich weiterginge, denn dies würde den Erhalt Tausender von Arbeitsplätzen in den USA gewährleisten – eigentlich hätte er, wenn er ehrlich gewesen wäre, statt von „Arbeitsplätzen“ von den Milliardengewinnen der Rüstungsindustrie und ihrer Aktionäre sprechen müssen. Der Archäologe Harald Meller hat in seinem aufsehenerregenden Buch „Die Evolution der Gewalt“ nachgewiesen, dass es innerhalb der bisher 2,5 Millionen Jahre langen Menschheitsgeschichte erst seit knapp 5000 Jahren Kriege im heutigen Sinne einer systematischen und geplanten Tötung einzelner Menschengruppen durch andere gibt. Auf ein Jahr umgerechnet, würde dies bedeuten, dass es erst am Vormittag des 31. Dezember zum ersten „richtigen“ Krieg gekommen ist. Was liegt näher als der Gedanke, dass es eigentlich gar nicht so schwierig sein müsste, zum Normalzustand der vorangegangenen 364 Tage zurückzukehren.

Zweitens die Lüge, dass die sogenannte westliche „Demokratie“ das grösste sozial- und wirtschaftspolitische Erfolgsmodell aller Zeiten sei, das Vorbild, dem alle anderen Länder der Welt nacheifern sollten, denn erst dann wären wir, mit den Worten des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahre 1991, „am Ende der Geschichte“ angelangt, sprich: Die Menschheit hätte den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht und fortan müsste niemand mehr nach etwas vermeintlich Besseren streben, sondern es könne einzig und allein nur darum gehen, das Erreichte gegen alles, von dem es bedroht sein könnte, zu verteidigen, mit was für Mitteln auch immer. Die Wahrheit indessen ist, dass uns dieses westliche „Erfolgsmodell“ mehr und mehr in eine Sackgasse geführt hat, in der die tödliche Mischung von blindem Wachstumsglauben, einer zunehmenden Ungleichverteilung der vorhandenen Güter, dem zerstörerischen Kampf aller gegen alle und einem rasanten Zusammenbruch elementarster Grundwerte wie Solidarität und Nächstenliebe dermassen degenerative Züge angenommen hat, dass wohl bald jede in der Vergangenheit noch so belächelte oder diffamierte Alternative dazu wie ein Rettungsanker bei immer höherem und gefährlicherem Seegang erscheinen müsste.

Drittens die Lüge, dass, wer reicher sei als andere, sich dies redlich verdient habe, während alle anderen, die in Armut und Elend lebten, selber daran Schuld seien. Eine Lüge, die nicht nur das Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern betrifft, sondern auch das Verhältnis zwischen den Reichen und den Armen innerhalb jedes einzelnen Landes. Die Wahrheit indessen ist, dass Reichtum auf der einen Seite immer in einer Wechselwirkung steht mit Armut auf der anderen Seite. „Wäre ich nicht arm“, sagt der arme Mann zum reichen in einer bekannten Parabel von Bertolt Brecht, „wärst du nicht reich.“ Die reichen Länder des Nordens sind aus dem gleichen Grund so viel reicher als die von ihnen über Jahrhunderte ausgebeuteten Länder des Südens, wie auch die reichen Bevölkerungsgruppen innerhalb jedes einzelnen Landes nur deshalb so reich sind, weil sie es so meisterhaft verstehen, sich unter dem Deckmantel von „Demokratie“ scheinbar „legal“ auf Kosten des Rests der Bevölkerung zu bereichern. Findet diese Wahrheit Zugang zu der in jedem einzelnen Land und weltweit überwiegenden Mehrheit der Ausgebeuteten und Entrechteten, werden sich die bestehenden Macht- und Ausbeutungsverhältnisse wohl nicht allzu lange aufrechterhalten lassen.

Viertens die Lüge, dass es so etwas wie „wertvolle“, „weniger wertvolle“ oder gar „wertlose“ Menschen gibt. Eine Lüge, die in heutigen, „modernen“ und „aufgeklärten“ Zeiten zwar selten offen ausgesprochen wird, als Folge jahrhundertelanger Arroganz, Überheblichkeit und Selbstüberhöhung der Weissen – und insbesondere der weissen Männer aus der „Oberschicht“ – gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe offensichtlich noch ganz tief in unserem Denken und Fühlen verankert ist. Was dann zum Beispiel schlagartig an die Oberfläche dringt, wenn – wie das Mitte Juni 2023 geschah – das Verschwinden eines privaten Tauchboots mit fünf schwerreichen Tiefseetouristen im nördlichen Atlantik tagelang sämtliche Zeitungsspalten und Nachrichtenportale füllt, während der gleichzeitige Untergang eines Flüchtlingsschiffs vor der griechischen Küste mit rund 650 Todesopfern – darunter zahlreichen Kindern – bloss, wenn überhaupt, mit ein paar wenigen Worten in den Medien erwähnt wird. Oder wenn der Tod von rund 15’000 Kriegsopfern in der Ukraine über fünf Jahre hinweg weit mehr internationale Empörung auslöst als der Tod von 90’000 Palästinenserinnen und Palästinenser im Gazastreifen über zweieinhalb Jahre hinweg infolge der Bombardierungen durch Israel.

Fünftens die Lüge, dass der von den Nazis an Jüdinnen und Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs begangene Holocaust das grösste je von Menschen begangene Massenverbrechen gewesen sein soll. Eine Lüge, die bis in die aktuellste Gegenwart ihre zerstörerischsten Auswirkungen zeitigt, schwebt doch selbst heute noch, 80 Jahre später, immer noch eine Art Heiligenschein über dem Staat und der Regierung von Israel, mit dem selbst der Genozid an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza und der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran mit dem Scheinargument gerechtfertigt und legitimiert werden, dass es sich dabei bloss um „Notwehr“ oder das „Recht auf Selbstverteidigung“ handle. Ein historisch wahrhaft einmaliger Heiligenschein, der Israel bis heute einen Freipass verschafft für jedes noch so verbrecherische Handeln. Als hätte es in der Geschichte der Menschheit nicht unzählige andere Verbrechen gegeben, ohne dass die davon betroffenen Völker jemals einen solchen Freipass bekommen hätten für totales willkürliches Handeln ausserhalb jeglicher Rechtsordnung: den . Vietnamkrieg mit einer halben Million ziviler Todesopfer und dem Einsatz chemischer Kampfmittel, unter deren Folgen die Bevölkerung bis heute leidet, den von der damaligen deutschen Kolonialmacht an den Völkern der Herero und Nama in Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 begangenen Völkermord mit über 70’000 Todesopfern, die gewaltsame Eroberung des amerikanischen Kontinents und die weitgehende Auslöschung der indigenen Urbevölkerung durch die Kolonisten aus Spanien, Portugal und England, die zwangsweise Deportation von 15 Millionen Afrikanerinnen und Afrikanern in den Sklavendienst auf den Plantagen und in den Bergwerken Amerikas zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Lügen bestehen eben nicht nur in dem, worüber man spricht, sondern viel mehr noch in dem, worüber man nicht spricht. So wie auch seit dem jüngsten Angriff Israels und der USA in keinem einzigen Zeitungsbericht und in keiner einzigen Meldung im Fernsehen je auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt wurde, dass die USA derzeit über 5044 Atomsprengköpfe verfügen und Israel selber immerhin auch über etwa 200, während die Regierungen dieser beiden Länder der ganzen Welt allen Ernstes weiszumachen versuchen, dass der militärische Angriff auf den Iran einzig und allein dem Zwecke dienen soll, die Welt sicherer zu machen, indem er angeblich verhindern soll, dass die „Mullahs“ – obwohl es nach wie vor hierfür nicht einmal den geringsten Beweis dafür gibt – nächstens eine erste eigene Atombombe entwickeln könnten, die dann angeblich für den Rest der Welt die um ein Vielfaches grössere Bedrohung sein solle als die 5244 Atomsprengköpfe in den Arsenalen der USA und Israels.

Schliesslich sechstens die Lüge, dass es so etwas geben soll wie ein „Reich des Guten“ und ein „Reich des Bösen“. Diese wohl verhängnisvollste Lüge aller Lügen macht uns glauben, dass jegliches politisches, wirtschaftliches und militärisches Handeln der „Guten“ – der westlichen „Demokratien“ unter Führung der USA – bloss dem Zweck diene, die Welt vor dem „Bösen“ zu retten. Alles, aber auch alles wird damit entschuldigt und gerechtfertigt. Die USA durften, obwohl der Zweite Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Sieg der Alliierten entschieden war, im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki die ersten und bis heute letzten zwei Atombomben zünden, die den qualvollen Tod von über einer halben Million Menschen zur Folge hatten. Sie durften – von Chile über den Iran bis zu Indonesien – Dutzende demokratisch gewählte Regierungen wegputschen, um sich „unliebsamer“, meist US-Wirtschaftsinteressen gefährdender Machthaber zu entledigen. Sie durften – von Vietnam über den Irak, Afghanistan bis zu Libyen und dem Iran – Dutzende von völkerrechtswidrigen Kriegen anzetteln, denen bereits insgesamt rund 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind und 500 Millionen Menschen noch jahre- oder gar lebenslang von Schmerzen geplagt, mit körperlichen Einschränkungen oder tief traumatisiert unter den Folgen schwerster Verletzungen litten oder immer noch leiden. Die USA durften und dürfen nach freiem Belieben über andere Länder Wirtschaftssanktionen verhängen mit verheerendsten Folgen insbesondere für die schwächsten und ärmsten Bevölkerungsschichten, so etwa die Sanktionen gegen den Irak zwischen 1991 und 1995, denen infolge fehlender Nahrung und medizinischer Versorgung eine halbe Million Kleinkinder zum Opfer fielen. Sie durften in den Gefangenenlagern von Abu Graib und Guantanamo Tausende angeblicher „Terroristen“ auf bestialischste Weise foltern, von denen sich fast alle früher oder später als unschuldig erwiesen. Und trotzdem sind die USA und die mit ihnen am engsten verbündeten Westmächte gemäss offizieller Sichtweise der meisten westlichen Regierungen, Medien und der Mehrheit der Bevölkerung immer noch die „Guten“. Man kann sich kaum vorstellen, was für umwälzende Auswirkungen auf die gesamte Weltpolitik und die Zukunft der Menschheit es haben wird, wenn die ganze Wahrheit eines Tages ans Licht kommen wird: Dass es höchstwahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Menschheit ein so verbrecherisches und zerstörerisches terroristisches Netzwerk gab wie das globalisierte kapitalistische Macht- und Ausbeutungssystem mit seiner militärischen Speerspitze der USA und ihrer engsten militärischen Verbündeten.

In der Fernsehtagesschau von gestern Abend war eine junge Australierin zu sehen, die von Polizisten zu einem bereitstehenden Militärfahrzeug abgeführt wurde. Sie soll zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden. Ihr Vergehen: Sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift FROM THE RIVER TO THE SEA PALESTINE WILL BE FREE. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen Auftritt von Israels Premierminister Netanyahu, als er vor der gesamten UNO-Generalversammlung eine Landkarte Israels präsentierte, auf der auch nicht ein kleinster Fleck eines möglichen palästinensischen Staatsgebiets zu sehen war, nicht einmal der kleinste Ansatz zu Gebieten minimalster palästinensischer Selbstverwaltung. Gleichzeitig erinnerte ich mich an eine Aussage der ehemaligen schweizerischen Bundesrätin Ruth Dreifuss, die selber jüdischer Abstimmung ist, wonach sie diesen vieldiskutierten Slogan ganz einfach so verstehe, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser damit schlicht und einfach nichts anderes fordern, als in diesem Land, das immerhin seit Jahrhunderten ihre Heimat ist, so frei und gleichberechtigt leben zu können, wie dies auch für Jüdinnen und Juden ganz selbstverständlich ist. Und schliesslich ging mir auch wieder diese Aussage von Avi Schleim, einem 1945 geborenen jüdisch-israelischen Historiker, durch den Kopf: „Antisemitisch sind nicht die, welche Israel kritisieren. Antisemitisch ist die derzeitige israelische Regierung selber, denn die Grundwerte des Judentums sind Altruismus, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.“

Noch ist die Zeit nicht ganz reif. Noch wird eine junge Australierin, die von Frieden und Gerechtigkeit träumt, ins Gefängnis gebracht, und nicht ein Regierungschef, der Zehntausende Menschen ermorden liess, ohne dabei auch nur eine einzige Träne zu vergiessen. Doch Im Gesicht der jungen Australierin lag nicht Hass oder Verbitterung, sondern nur ein sanftes Lächeln. Denn sie weiss, dass eine neue Zeit kommen wird. Die Zeit, da all die über Jahrhunderte aufgebauten Lügengebäude wie ein riesiges Kartenhaus zusammenbrechen werden und die Wahrheit endlich ans Licht kommen wird. Noch ist dieser Zeitpunkt nicht erreicht, doch wir kommen ihm jeden Tag ein bisschen näher.

Vorausgesetzt, wir geben nicht auf. Nicht jetzt, wo wir schon so nahe am Ziel sind. Wie zwei Fässer voller Flüssigkeit. Das eine ist gefüllt mit dem Todeswasser, das, wenn es Oberhand gewinnt, die ganze Erde endgültig in eine Hölle verwandeln würde. Das andere ist gefüllt mit dem Friedenswasser, das, wenn es Oberhand gewinnt, die ganze Erde in jenes Paradies verwandeln würde, das bisher erst in den Träumen der Kinder vorkommt an dem Tag, da sie unsere Welt zum ersten Mal betreten. Beide Fässer sind noch nicht ganz voll, doch bei beiden Fässern braucht es nur noch ganz wenig, bis sie überlaufen. Bis zuletzt ein einziger Tropfen den Ausschlag geben könnte, welches der beiden Fässer als erstes überlaufen und die Oberhand gewinnen wird.

Vielleicht bist ja gerade DU dieser letzte, entscheidende Tropfen, von dem abhängen wird, ob sich die Erde in eine alles verschlingende Hölle verwandeln wird oder in ein Paradies unendlicher Schönheit und ewigen Friedens.