
Peter Sutter, 21. November 2025
Mit einem Friedensplan in 28 Punkten will US-Präsident Donald Trump den seit dreieinhalb Jahren andauernden Ukrainekrieg beenden. Mehrere Medien, darunter das US-Nachrichtenportal „Axios“, haben den Plan veröffentlicht, der Inhalt wurde sowohl von Regierungsvertretern der USA wie auch der Ukraine bestätigt. Der ukrainische Parlamentsabgeordnete Olexij Hontscharenko, der zur Oppositionsfraktion Europäische Solidarität gehört, stellte den Plan via Telegram ins Netz.
Während die meisten europäischen Medien den Plan bereits in der Luft zerrissen haben und ihn als „Kapitulationsvertrag“ der Ukraine bezeichnen, bevor sie ihn auch nur ansatzweise der Öffentlichkeit vorgestellt haben, berichtete das deutsche „Handelsblatt“ in seiner heutigen Ausgabe vom 21. November erstaunlich sachlich und vorurteilsfrei über den Inhalt des 28-Punkte-Plans wie folgt…
Die Souveränität der Ukraine wird bestätigt. Russland, die Ukraine und Europa erklären die Konflikte der vergangenen 30 Jahre für beendet. Vereinbart wird, sich gegenseitig nicht anzugreifen. Russland und die USA sprechen wieder über nukleare Rüstungskontrolle. Die Ukraine verzichtet in ihrer Verfassung auf einen Beitritt zur Nato… Die Nato legt sich fest, die Ukraine niemals aufzunehmen und auch keine Truppen in der Ukraine zu stationieren. Europäische Kampfjets werden in Polen stationiert. Russland soll sich per Gesetz dazu verpflichten, Aggressionen gegenüber Europa und der Ukraine abzuschwören. Die Ukraine bleibt atomwaffenfrei. Sie erhält – im Text nicht näher erläuterte – „zuverlässige Sicherheitsgarantien“ der USA, die für diese Garantien wiederum entlohnt werden… Sollte die Ukraine Russland angreifen, entfallen die Garantien. Sollte Russland die Ukraine angreifen, treten Sanktionen wieder in Kraft, Moskau verliert alle Vorrechte aus der Friedensregelung. Die Truppenstärke der ukrainischen Armee wird auf 600‚000 Mann begrenzt. Die Ukraine darf der EU beitreten… Eine amerikanisch-russische Arbeitsgruppe zu Sicherheitsfragen soll darüber wachen, dass die Regelungen des Abkommens eingehalten werden. Ein „Friedensrat“ unter Vorsitz von US-Präsident Donald Trump soll die Einhaltung des Abkommens garantieren… Die Krim und die ebenfalls besetzten ukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk werden als faktisch russisch anerkannt. Die ukrainische Armee räumt die Teile von Donezk, die sie jetzt noch unter Kontrolle hat – diese Teile sollen fortan als demilitarisierte Pufferzone gelten und als russisches Gebiet anerkannt werden… In den südlichen Gebieten Saporischschja und Cherson wird der aktuelle Frontverlauf als Trennlinie festgelegt. Die russische Armee räumt die Brückenköpfe in den Regionen Charkiw und Sumy, die sie derzeit besetzt hält… Russland verzichtet auf weitere Gebietsansprüche. Territorialfragen dürfen nur friedlich gelöst werden, sonst sind alle Sicherheitsgarantien nichtig. Das Atomkraftwerk Saporischschja wird der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA unterstellt, der dort produzierte Strom wird zu gleichen Teilen zwischen der Ukraine und Russland aufgeteilt… Es wird ein internationaler Fonds zum Wiederaufbau und zur Entwicklung der ukrainischen Infrastruktur gegründet. Die USA helfen besonders beim Ausbau der ukrainischen Gasindustrie. 100 Milliarden US-Dollar des beschlagnahmten russischen Staatsvermögens fliessen in von den USA angeführte Bemühungen für Wiederaufbau und Investitionen in der Ukraine. Die USA erhalten 50 Prozent möglicher Gewinne… Die EU steuert 100 Milliarden US-Dollar zum Wiederaufbau bei und gibt beschlagnahmtes russisches Vermögen wieder frei. Das restliche russische Vermögen soll in gemeinsame Investitionen und Projekte mit den USA fliessen, die als Anreiz dafür dienen, den Konflikt nicht aufs Neue anzufachen… Russland wird wieder in die Weltwirtschaft integriert und eingeladen, der Gruppe führender Industrienationen nach seinem zeitweisen Ausschluss erneut beizutreten – womit aus den G7 wieder die G8 würden. Mit den USA wird eine langfristige Wirtschaftskooperation eingegangen, die unter anderem Energiefragen und die Ausbeutung seltener Erden in der Arktis umfasst… Gefangene und Tote werden nach dem Prinzip „Alle gegen alle“ ausgetauscht. Zivilisten werden freigelassen, Familien zusammengeführt. Für alle am Krieg Beteiligten gibt es eine umfassende Amnestie. Beide Seiten verpflichten sich, in Schulen gegenseitiges Verständnis und Toleranz zu lehren. Die Ukraine sichert die sprachlichen und religiösen Rechte von Minderheiten nach EU-Standards zu… In der Ukraine finden 100 Tage nach Abschluss des Abkommens Wahlen statt. Wenn alle Seiten der Einigung zugestimmt haben und der vereinbarte militärische Rückzug abgeschlossen ist, beginnt der Waffenstillstand.
Es lässt sich wohl kaum bestreiten, dass dieser Plan – der ja vorerst nur ein Vorschlag ist und dessen Details im Einzelnen noch auszuhandeln sind – eine brauchbare Grundlage bilden kann für eine friedliche Lösung dieses Konflikts, dem bereits viel zu viele Menschen, nämlich rund 1,4 Millionen – über 350’000 Tote und über eine Million Verletzte – zum Opfer gefallen sind. Über allem anderen muss das Ziel stehen, den Krieg so rasch wie möglich zu beenden, um weitere Opfer zu verhindern, alles andere ist sekundär. Genau in diese Richtung zielt das vorliegende Papier: Vereinbart werden sollen als Hauptpunkte, sich gegenseitig nicht anzugreifen, die Konflikte der vergangenen 30 Jahre als beendet zu erklären, die Souveränität der Ukraine völkerrechtlich zu garantieren und einen Friedensrat zwecks Einhaltung des Abkommens zu installieren. Beide Seiten haben Kröten zu schlucken: Die Ukraine soll auf einen Beitritt zur NATO verzichten, keine Stationierung von NATO-Truppen zulassen, seine Armee auf 600’000 Mann begrenzen und die Krim sowie die Gebiete Donezk und Luhansk als faktisch russisch anerkennen. Im Gegenzug soll Russland die Stationierung europäischer Kampfjets in Polen zulassen, einen Beitritt der Ukraine zur EU akzeptieren und die derzeit noch besetzten Brückenköpfe in den Regionen Charkiw und Sumy räumen. Weiter sollen Russland und die Ukraine wieder über nukleare Rüstungskontrolle verhandeln und weitere Territorialfragen nur noch friedlich lösen. Der im Atomkraftwerk Saporischscha produzierte Strom soll zu gleichen Teilen Russland und der Ukraine zur Verfügung gestellt werden. Gefangene und Tote sollen nach dem Prinzip „alle gegen alle“ ausgetauscht werden. Zivilpersonen werden freigelassen, Familien zusammengeführt. Für alle am Krieg beteiligten gibt es eine Amnestie und in den Schulen sollen gegenseitiges Verständnis und Toleranz gelehrt werden.
Ganz anders als im deutschen „Handelsblatt“ tönte es heute Morgen in den 7-Uhr-Nachrichten des Schweizer Radios SRF. Schon in der Einleitung – die Hörerinnen und Hörer haben zu diesem Zeitpunkt nicht einen blassen Schimmer, was in dem 28-Punkte-Plan drinsteht – heisst es, dass der vorliegende Plan „wenig Chancen* hat. Unmittelbar darauf wird eine „Expertin“ zugeschaltet, die das, was noch niemand kennt, auf ihre ganz „persönliche“ Weise kommentieren wird. Es handelt sich um Marina Henke, Professorin für internationale Sicherheit an der Hertie School in Berlin. Mit hastiger, schriller, sich überschlagender, stellenweise kaum verständlicher Stimme sagt sie…
Überraschenderweise stehen die Chancen, dass die EU den amerikanisch-russischen Friedensplan noch rechtzeitig stoppen kann, gut. Weil natürlich diese ganzen Gelder, die die Ukraine gerade bekommt, die kommen nämlich mittlerweile alle aus Europa. Also diese Androhung, was Amerika immer gemacht hat, zu sagen: Wenn ihr in der Ukraine nicht genau das macht, was wir wollen, dann bekommt ihr keine Gelder mehr, diese Drohung existiert mittlerweile gar nicht mehr, also nicht einmal mehr eine Karte, die Amerika spielen kann. Diese Karten sind jetzt in den Händen von den Europäern. Das ganze Geld, das in die Ukraine fliesst, kommt gerade aus Europa. Amerika spielt zwar immer noch eine Rolle, was die Nachrichtendienste angeht, und das ist immer noch eine wichtige Rolle. Natürlich können sie der Ukraine drohen, diese Informationen, gerade was die Fronten angeht, nicht mehr weiterzuleiten. Aber wirklich diese finanzielle Androhung, dass diese finanzielle Hilfe nicht mehr kommt, diese sehr mächtige Karte, die können sie mittlerweile nicht mehr spielen. Ich denke im Endeffekt, dass dieser Plan auch wieder zerfällt, denn es ist einfach: Russland will keinen Frieden und natürlich muss man auch verstehen von der europäischen Seite, wenn jetzt da irgendwie die Front eingefroren wird, aber zu Gunsten von Russland, und das ist das, was de facto gerade auf dem Tisch liegt, dann wird das in Russland natürlich in gewisser Weise auch einen Aufwind produzieren, und eine gewisse Arroganz, und diese kann sehr leicht dazu führen, dass dann Russland sagt, jetzt gehen wir ins Baltikum oder jetzt greifen wir ein anderes Gebiet an, das kann auch in der Arktis sein, ein Gebiet, das unter europäischer Kontrolle steht oder unter NATO-Kontrolle. Und es hat auch in Europa niemand ein Interesse daran, dass es jetzt hier zu einem Diktatfrieden kommt, weil eben alle verstehen, wenn man diesen Frieden, diesen Gewinn Russland gibt, heisst das noch lange nicht, dass es wirklich Frieden gibt auf dem europäischen Kontinent, sondern im Gegenteil dies zu einer noch grösseren Arroganz führt in Russland und zum nächsten Angriff auf europäische Territorien bzw. NATO-Territorien.
Die Nachrichtensprecherin des Schweizer Radios enthält sich jedes weiteren Kommentars und geht zum nächsten Thema über…
Eine „Expertin“ also hat uns Schweizerinnen und Schweizer heute Morgen um sieben Uhr erklärt, worum es im 28-Punkte-Plan für eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts geht und was wir davon zu halten haben. Eine „Expertin“, für die ein Krieg mit über einer Million Opfer offensichtlich so etwas ist wie ein Kartenspiel, das jetzt neu gemischt wurde. Eine „Expertin“, die offenbar schlief, als man endlich aufhörte, von „Amerika“ statt von den „USA “ zu reden, und damit endlich auch aufhörte, die USA und das ganze übrige Amerika in den gleichen Topf zu werfen. Die offensichtlich auch im Jahre 1991 schlief, als führende Politiker des Westens Russland hoch und heilig versprachen, die NATO niemals über ihre Ursprungsländer hinaus nach Osten auszudehnen. Die offensichtlich auch schlief, als Wladimir Putin im Jahre 2000, kaum an die Macht gekommen, dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheitsstruktur, die Auflösung der bestehenden Militärblöcke und ein Ende das Kalten Kriegs vorschlug – was zur Gänze vom Westen in Bausch und Bogen verworfen wurde. Die offensichtlich auch schlief, als im Frühjahr 2014 die reguläre ukrainische Regierung mithilfe der CIA weggeputscht wurde und die Diskriminierungen der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine immer verheerendere Ausmasse annahmen, bis hin zum Verbot ihrer eigenen Sprache, Kunst und Literatur. Die offensichtlich auch im Dezember 2021 schlief, als Putin dem Westen eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts vorschlug, was dieser wiederum, auch dieses Mal ohne jegliche Begründung, zurückwies. Die auch schlief, als auf der Istanbul-Konferenz vom März 2022 eine bereits pfannenfertige Friedenslösung wiederum vom Westen torpediert wurde. Und die auch dann noch schlief, als sämtliche US-Geheimdienste bereits anfangs 2025 und bis heute daran festhalten, dass es keinen einzigen Hinweis darauf gibt, Putin hätte die Absicht, eines der NATO-Länder militärisch anzugreifen.
Was haben sich die Journalisten der heutigen SRF-Morgennachrichten wohl gedacht, als sie als „Expertin“ für den Friedensplan von Donald Trump ausgerechnet eine deutsche Universitätsprofessorin anpeilten, wo doch bald jedes Kind hierzulande weiss, dass deutsche Politiker und Medien neben denen aus den baltischen Staaten zu den vehementesten Befürwortern einer nie dagewesenen militärischen Aufrüstung Europas gehören, statt sich endlich mit voller Kraft von einer völlig anachronistischen Kriegslogik zu verabschieden, um endlich, bevor alles zu spät, die Türen aufzustossen für eine neu, echte Friedenslogik des Dialogs und der Völkerverständigung? War es, als man die „Professorin für internationale Sicherheit“ aus Berlin um das Interview bat, nur Dummheit, Nachlässigkeit oder lag gar eine böse Absicht dahinter? Sind wir schon so verblendet, dass wir vor lauter „Spezialisten“ aus unserem nördlichen Nachbarsland nicht einmal mehr zu sehen vermögen, was für hervorragende Experten wir hierzulande zur Verfügung hätten, die sich allesamt während dieser entscheidenden letzten Jahrzehnte nicht etwa dem Schlafen zuwendeten, auch nicht dem erbitterten Festhalten an den Denkmustern des Kalten Kriegs, sondern die im Gegenteil das Zeitgeschehen hellwach verfolgten und mit höchster Kompetenz mitgestalteten, Aushängeschilder gutschweizerischer Kunst der Diplomatie, auf die wir eigentlich nicht genug stolz sein können und die wir eigentlich in diesen schwierigen und gefährlichen Zeiten an allen Ecken und Enden mehr denn je zu Wort kommen lassen müssten. Laurent Goetschel zum Beispiel, Politikwissenschaftler an der Universität Basel und Direktor der schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Oder Yves Rossier, von 2017 bis 2020 Schweizer Botschafter in Moskau. Oder Micheline Calmy-Rey, Schweizer Aussenministerin von 2003 bis 2011. Oder Thomas Greminger, einer der erfolgreichsten internationalen Diplomaten, von 2017 bis 2020 Generalsekretär der OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.
Aber es kommt sogar noch schlimmer. Denn wenn man mal kurz ins Internet schaut, um sich schlau zu machen über die Hertie School, an der die besagte „Expertin“ von heute Morgen angestellt ist, dann stösst man auf folgende Informationen: Die Hertie School in Berlin wird durch eine Stiftung finanziert, welche auf die Warenhauskette Tietz zurückgeht. Diese wiederum war ursprünglich ein jüdisches Unternehmen, das von den Nationalsozialisten „arisiert“ wurde und aus dem die jüdischen Geschäftsführer hinausgedrängt wurden. Die nationalsozialistische Vorgeschichte der Hertie Stiftung und damit indirekt auch der Hertie School wurde bis heute nicht aufgearbeitet, obwohl im Jahre 2020 150 aktuelle und ehemalige Studierende der Hertie School in Berlin eine offene und verantwortungsvolle Aufarbeitung der Stiftungsgeschichte gefordert hatten.
Um Kriege vorzubereiten, wie es derzeit führende westliche, insbesondere deutsche Politiker im Bunde mit den Profitinteressen der Rüstungsindustrie tun, braucht es mindestens dreierlei: Erstens eben diese Politiker und ihre profitgetriebenen Hintermänner, zweitens eine möglichst grosse Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern, die sich manipulieren lassen, und drittens Medien, die sich längst meilenweit von den simpelsten Grundsätzen kritischer, seriöser und objektiver Berichterstattung entfernt haben.
(Diesen Artikel habe ich am 22. November 2025 mit einem kurzen Begleitschreiben an Radio SRF 1 und an die Generaldirektion SRG geschickt.)